mini|hochkant|Karl Schlögel, 2018 Karl Schlögel (* 7. März 1948 in Hawangen bei Memmingen) ist ein deutscher Osteuropa-Historiker und Publizist. Er war Hochschullehrer in Konstanz und Frankfurt (Oder). Seine Forschungsschwerpunkte sind russische und ukrainische Moderne und Stalinismus, russische Diaspora und Dissidentenbewegung, Ostmitteleuropa, insbesondere die Kulturgeschichte ostmitteleuropäischer und osteuropäischer Städte, sowie theoretische Probleme historischer Narration. 2025 wurde Karl Schlögel in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Leben und Wirken Karl Schlögel kam als zweites von sechs Kindern des Landwirtsehepaars Clemens und Victoria Schlögel zur Welt. Nach der Volksschule in Hawangen besuchte er die Benediktinergymnasien im Kloster Ottobeuren (Collegium Rupertinum) und im Kloster Scheyern (Oberbayern), wo er als dritte Fremdsprache Russisch lernte und 1967 die Abiturprüfung bestand. Nach dem Zivildienst in Bonn begann er im Frühjahr 1969 an der Freien Universität Berlin Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik zu studieren. Die Entscheidung für die Studienrichtung war vorbereitet durch Reisen in die Tschechoslowakei (1965) und die Sowjetunion (1966) und durch die Studentenbewegung, deren Auflösung er an der FU miterlebte. Er schrieb erste Beiträge für die anarchistische Zeitschrift Agit 883.
Politisch engagierte er sich damals in der ursprünglich spontaneistischen Proletarischen Linken/Partei-Initiative, in der Roten Zelle Slawistik und ab 1972 bis zu deren Auflösung 1980 kontinuierlich in der maoistisch orientierten KPD bzw. deren Kommunistischem Studentenverband KSV, dessen Zentralorgan Dem Volke Dienen er zeitweise in Dortmund und Köln leitete. Über die Erfahrung dieser Jahre hat er zusammen mit seinen früheren Mitstreitern Willi Jasper und Bernd Ziesemer 1980 den Band Partei kaputt: Das Scheitern der KPD und die Krise der Linken publiziert.mit Willi Jasper und Bernd Ziesemer: Partei kaputt: Das Scheitern der KPD und die Krise der Linken. Olle & Wolter, Berlin 1980.
1981 brachte er sein Studium an der FU zum Abschluss mit einer Dissertation über Arbeiterkonflikte in der Sowjetunion nach Stalin. Die Arbeit trug den Titel Widerstandsformen der sowjetischen Arbeiterschaft 1953–1980 und erschien 1984 unter dem Titel Der renitente Held. Arbeiterprotest in der Sowjetunion (1953–1983).Der renitente Held. Arbeiterprotest in der Sowjetunion (1953–1983). Junius Verlag, Hamburg 1984. Betreuer der Dissertation war Hellmuth G. Bütow.Karl Schlögel: Widerstandsformen der Arbeiterschaft in der Sowjetunion (1953–1980), Berlin 1982. Schlögel ging 1982 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an die Lomonossow-Universität Moskau, wo er sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der russischen Intelligenzija im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigte.
Nach seiner Rückkehr arbeitete Schlögel als Privatgelehrter und freier Autor für den Rundfunk. Er veröffentlichte in der Schriftenreihe des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOSt) in Köln und schrieb für verschiedene Zeitungen, darunter Rheinischer Merkur, Der Tagesspiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit. 1984 erschien im Verlag von Wolf Jobst Siedler das in Moskau geschriebene Buch Moskau lesen,Natalia Lechtchenko: Moscow, Book Review. In: Russian Review. Vol. 65, Nr. 4 (Oktober 2006), S. 716–717 (englisch). 1985 griff er mit seinem Essay Die Mitte liegt ostwärts. Die Deutschen, der verlorene Osten und Mitteleuropa in die Debatte über die Veränderungen in Zentraleuropa ein, 1989 erschien ebenfalls bei Siedler Jenseits des Großen Oktober. Petersburg 1909–1921. Laboratorium der Moderne, für das er in Moskau und Leningrad recherchiert hatte.Dietrich Geyer: Mysterium des Nordens. Streifzug durch wichtige Bücher zur Geschichte St. Petersburgs. In: Die Zeit. 15. März 2003, S. 53–54;Wolfgang Kasack: Rezension zu Petersburg. Das Laboratorium der Moderne. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. 52 (2004), H. 1, S. 110–111.
1990 erhielt er den Ruf auf die neugegründete Professur für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, wo er von 1990 bis 1994 lehrte und sein Forschungsprojekt zur russischen Emigration in Deutschland begann. 1995 übernahm er die Professur für Osteuropäische Geschichte an der 1991 neu gegründeten Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2013 blieb. Von 2003 bis 2005 war er hier Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Mit der Aufnahme der Arbeit an der Viadrina rückten die Geschichte Polens und der deutsch-polnischen Beziehungen, speziell des Oderraums, sowie Grundfragen kulturwissenschaftlicher Theorie und Methode in Schlögels Blickfeld.
Zu Schlögels Lehr- und Forschungstätigkeit gehörten zahlreiche Fellowships und Forschungsaufenthalte: in Leningrad 1987 (DFG), in den USA 1986, 1988 (German Marshall Fund), ein Habilitationsstipendium 1989 (DFG), Senior Fellow am Collegium Budapest 2000/2001, Visiting Fellow am St Antony’s College Oxford 2002, Stipendiat am Historischen Kolleg in München 2005/2006, Fellow am Swedish Collegium for Advanced Social Studies (SCASS) in Uppsala 2006/2007, Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin 2010/2011, Stipendiat der Carl Friedrich von Siemens Stiftung München 2013/2014, Senior Fellow des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) Wien 2015. Reisen als Form der Welterkundung, insbesondere der für seine Arbeit relevanten Regionen, sind fester Bestandteil seines Curriculums – sie führten ihn in die Tschechoslowakei (seit 1965), die Sowjetunion (regelmäßig seit 1966), das Baltikum und Polen, nach Südosteuropa einschließlich der Türkei, in die USA (seit 1969 regelmäßig), die VR China (seit 1978 mehrmals) – was auch in seinen Publikationen zum Ausdruck kommt.
Außerhalb der Universität hat Schlögel konzeptionell an der Vorbereitung von Ausstellungen mitgewirkt: „Moskau-Berlin/Moskva-Berlin“ 1995 im Berliner Gropiusbau (zusammen mit Fritz Mierau), die Ausstellung „Oder-Panorama/Panorama Odry – Bilder von einem europäischen Strom“ im Jahre 2006 in Frankfurt (Oder) (anschließend in zahlreichen polnischen Städten), die Ausstellung „Via Regia“ in Görlitz 2012.
Karl Schlögel ist mit der Autorin und Publizistin Sonja Margolina verheiratet und lebt in Berlin.
Ehrenämter und Mitgliedschaften Schlögel war Mitglied der Academia Artium et Scientiarum, des Verbands Deutscher Historiker, des Beirats des Stipendien-Programms der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, des wissenschaftlichen Beirats des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst sowie der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Er war zeitweilig Mitherausgeber der Zeitschrift Rossica (Prag) und East Central Europe (Budapest). Schlögel ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und war bis 2016 Mitglied der Jury zur Verleihung des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. 2009 bzw. 2013 hielt er die Laudatio auf die Friedenspreisträger Claudio Magris bzw. Swetlana Alexijewitsch in der Frankfurter Paulskirche. Am 19. Oktober 2025 wurde Karl Schlögel selbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Laudatio hielt die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Katja Petrowskaja.
Geschichtsschreibung und Zeitgenossenschaft Anders als viele Vertreter seines Faches sieht Schlögel in lebendiger Zeitgenossenschaft nicht ein Hindernis für objektive Geschichtsschreibung, sondern eine wesentliche Bedingung. Durch sie werde der Gegenstand überhaupt erst konstituiert. Schlögels Themen leiten sich eher aus einer lebensgeschichtlich bedingten Erfahrung als aus einer Logik der Forschung ab.
Die Beschäftigung mit Themen wie Flüchtlingsbewegung und Diaspora, Terror und Ideologie, Intelligenzija und bürgerliche Gesellschaft wurden durch die unmittelbare Begegnung mit den Flüchtlingen und Emigranten der Nachkriegszeit, mit den osteuropäischen Dissidenten, aber auch durch die Auseinandersetzung mit der eigenen politischen Praxis ausgelöst. Die Skepsis gegenüber einer angeblich von Ideen und Ideologien gesteuerten Geschichte und die Hinwendung zur Analyse von Formen vorpolitischer materialer und alltäglicher Kultur hat darin ihren Grund.Gespräch Karl Schlögel/Walter Sperling/Alexander Kraus: „Abenteuer des Lebens“. Karl Schlögel über die Vergegenwärtigung von Geschichte. In: zeitenblicke. 9, Nr. 2, (27. August 2010).Ulrich Raulff: Zwischen Raum und Wirklichkeit. Karl Schlögel hakt sich bei Herodot und Benjamin unter, um Schmitt aus dem Wege zu gehen. In: Süddeutsche Zeitung. 6. Oktober 2003, Literaturbeilage S. 38;Jürgen Osterhammel: Hinab vom Hochsitz der Lektüre! In: Die Zeit. 9. Oktober 2003, Literaturbeilage S. 85 f.Christoph Albrecht: Materialistischer Schuß vor den Bug der Geschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. November 2003, Literaturbeilage;Katharina Kucher, Gregor Thum, Sören Urbansky (Hrsg.): Stille Revolutionen. Die Neuformierung der Welt seit 1989. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2013.
Als produktiv hat sich in Schlögels Augen ein phänomenologischer Zugang erwiesen, der erstmals in Moskau lesen erprobt wurde: die gebaute Welt, der Stadtraum, als Palimpsest, das dechiffriert werden kann. Kein Zufall ist, dass in der Folgezeit alle größeren Studien ortszentriert waren, aber nicht im Sinne einer Lokalgeschichte, sondern die Stadt wurde vielmehr als analytische Meso-Ebene und geschichtlicher Mikrokosmos gesehen. Die Rehabilitierung der räumlichen Dimension für die Geschichtsschreibung ist das Thema der theoretischen Arbeit Im Raume lesen wir die Zeit (2003).Ulrich Raulff: Zwischen Raum und Wirklichkeit. Karl Schlögel hakt sich bei Herodot und Benjamin unter, um Schmitt aus dem Wege zu gehen. In: Süddeutsche Zeitung. 6. Oktober 2003, Literaturbeilage S. 38;Jürgen Osterhammel: Hinab vom Hochsitz der Lektüre! In: Die Zeit. 9. Oktober 2003, Literaturbeilage S. 85 f.; Christoph Albrecht: Materialistischer Schuß vor den Bug der Geschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. November 2003, Literaturbeilage. Die daraus sich ergebenden Konsequenzen für die Bauformen des historischen Erzählens sind im Buch Terror und Traum. Moskau 1937 (2008) erprobt wordenStephen Lovell: The Dzhaz Age. In: London Review of Books. Band 36, Nr. 14, 15. Juli 2014, S. 34–35.; Paul M. Hagenloh, Moscow 1937 In: The American Historical Review. Vol. 119, Nr. 4, S. 1215–1217 (englisch)., während eine generalisierende Theorie historischer Erzählung in einem „Narrativ der Gleichzeitigkeit“ bisher nur als Entwurf vorliegt.Karl Schlögel: Kartenlesen, Raumdenken. Von einer Erneuerung der Geschichtsschreibung. In: Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 4, April 2002, 56. Jahrgang, S. 308–318.
Schlögel besteht darauf, dass die Bauformen des Erzählens nicht primär eine Frage der Rhetorik oder des literarischen Stils, sondern in erster Linie eine epistemologische seien (2011).Karl Schlögel: Narrative der Gleichzeitigkeit oder Die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte. In: Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 746, Juli 2011, 65. Jahrgang, S. 583–595. In diesem Rahmen hat er ein weitgespanntes und vielfältiges Werk vorgelegt, in dem der Essay als tentatives, exploratives Genre von zentraler Bedeutung ist. Die Mitte liegt ostwärts (1985) hat den Blick auf eine lange im toten Winkel der Wahrnehmung liegende kulturelle Welt geöffnet.Hans Lemberg: Blick in die nahe Ferne. Karl Schlögels frühe Wiederentdeckung Ostmitteleuropas. In: Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch, Martin Sabrow (Hrsg.): 50 Klassiker der Zeitgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 192–195. In diesen Kontext gehören auch die über zwei Jahrzehnte hin verfassten Porträts von Städten im mittleren und östlichen Europa (2001).Gustav Seibt: Körper im Weltmeer. In: Literaturen 1/2, 2004, S. 60–62.