mini|hochkant=1.333|Luftbild mit geographischen Namen Nihoa, älterer Name: Bird Island, ist die südlichste in der Kette der nordwestlichen Hawaii-Inseln. Die heute unbewohnte Insel ist Naturreservat und darf nur mit Erlaubnis für wissenschaftliche Zwecke betreten werden.

Geografie Nihoa ist Ost-West orientiert, rund 1,4 km lang und durchschnittlich 450 m breit. Die Insel besteht aus zwei Gipfeln mit einer dazwischen liegenden, sattelförmigen Senke und umfasst eine Fläche von 0,63 km². Der westliche Gipfel, genannt Miller’s Peak, ist 273 m hoch, der östliche, Tanager Peak, ist mit 260 m nur wenig niedriger. Sechs Täler verlaufen von Nord nach Süd. Die Nord-, Ost- und Westseite der Insel besteht aus steilen Kliffs, die fast senkrecht bis zu 200 m abfallen. Nach Süden hin nimmt ihre Höhe deutlich ab, die Kiffs sind hier noch 30 bis 15 m hoch. An deren Fuß hat der Wellenschlag eine Brandungsplattform gebildet, die 1,2 bis 2 m über dem Meeresspiegel liegt. Eine heftige Brandung erreicht die Insel unmittelbar und verhindert meist eine Landung mit Booten. Nur bei ruhiger See bietet die Adams Bay im Südwesten Zugang. Dort gibt es auch einen kleinen Sandstrand, der Derby’s Landing genannt wird, nach Leutnant (später Admiral) Wilfrid Neville Derby, der dort 1913 vom Revenue Cutter Thetis an Land schwamm.Roger B. Clapp et al.: The Natural History of Nihoa Island, Northwestern Hawaiian Islands. Atoll Research Bulletin 207, Smithsonian Institution Washington D.C. 1977Gordon A. Macdonald et al.: Volcanoes in the Sea: The Geology of Hawaii. University of Hawaii Press, Honolulu 1983, ISBN 0-8248-0832-0, S. 476–477

Geologie Nihoa ist ein über den Meeresspiegel hinausragender Gipfel der Hawaii-Emperor-Kette und vulkanischen Ursprungs. Die Insel ist der Überrest eines 7,2 Millionen Jahre alten, erodierten Schildvulkans.Valérie Clouard, Alain Bonneville: Ages of seamounts, islands, and plateaus on the Pacific plate. Geological Society of America Special Paper Nr. 388, 2005, S. 78 Das Gestein ist überwiegend ein dichter Olivinbasalt, stellenweise durchsetzt mit Phänokristallen von Labradorit oder Augit, häufig auch mit Magnetitkristallen. Vulkanische Aschen, vulkanische Bomben und Tuff fehlen.Harold S. Palmer: Geology of Kaula, Nihoa, Necker, Gardner Islands and French Frigate Shoals. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 35, Honolulu 1935

Flora und Fauna Flora Von den 26 Gefäßpflanzen, die auf der Insel vorkommen, sind 5 Neophyten, 17 Indigenophyten (altheimische Arten) und 4 endemisch.Sheila Conant et al.: The unique terrestrial biota of the Northwestern Hawaiian Islands. In: Proceedings of the second symposium on resource investigations in the northwestern Hawaiian Islands, 1984, S. 77–94

Zu den auf Nihoa vorkommenden Pflanzen gehörenSheila Conant: Recent Observations on the Plants of Nihoa Island, Northwestern Hawaiian Islands. In: Pacific Science, Jg. 39, Nr. 2, 1985, S. 135–149:

Chenopodium oahuense, ein auf den Hawaii-Inseln endemischer, aber verbreiteter, kleinwüchsiger Strauch kriechend wachsende Solanum nelsonii, ein ebenfalls auf allen Hawaii-Inseln verbreitetes Nachtschattengewächs der kleine, breitwüchsige Strauch Sida fallax aus der Familie der Malvaceae die altheimischen Gräser Eragrostis variabilis und Panicum torridum Portulaca lutea, eine niedrig wachsende, krautige Pflanze, die auf steinigem Boden an der Südseite wächst die Nihoa-Nelke (Schiedea verticillata), eine auf Nihoa endemische Nelkenart (Caryophyllales)Stephen G. Weller et al.: Allozyme diversity and genetic identity in Schiedea and Alsinidendron (Caryophyllaceae: Alsinoideae) in the Hawaiian Islands. In: Evolution, 50. Jg., Nr. 1, 1996, S. 23–34 Amaranthus brownii, ebenfalls eine auf Nihoa endemische Unterart des Amarant (Amaranthus), 1923 noch verbreitet, ist mittlerweile sehr seltenErling Christophersen, Erling, Edward L. Caum: Vascular plants of the Leeward Islands, Hawaii. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 81, Honolulu 1931 die Nihoa-Palme (Pritchardia remota).

Die zweifellos auffälligste Pflanze auf der Insel ist die Nihoa-Palme, einheimischer Name Loulu, eine endemische Palmenart, die in 500 bis 600 Exemplaren nur auf Nihoa vorkommt. Die Bäume wachsen in kleinen, dichten Hainen an zwei Standorten im Osten (East Palm Valley) und im Südwesten (West Palm Valley). Erstmals erwähnt wurde die Palmenart von dem deutschen Arzt und Botaniker Wilhelm (William) Hillebrand, der 1851 bis 1871 als Arzt, u. a. als Leibarzt von König Kamehameha V., auf Hawaii tätig war.William Hillebrand: Flora of the Hawaiian Islands. Carl Winter, Heidelberg 1888, S. 450 Seit 1923 wurden die Bestände mehrfach gezählt, sie scheinen stabil zu sein. Die Nihoa-Palme bietet Nist- und Ruheplätze für Rotfußtölpel (Sula sula), die nicht auf dem Boden, sondern nur in Büschen und Bäumen nisten.

Fauna Nihoa hat die vielfältigste und am wenigsten gestörte Biota aller Inseln in der nordwestlichen Hawaii-Gruppe mit einer hohen Zahl von Endemiten. Dort gibt es zwei endemische Landvogelarten: den als gefährdet geltenden Hawaii-Rohrsänger (Acrocephalus familiaris) und den Nihoagimpel (Telespyza ultima). Der Strand in der Adams Bay ist Aufenthaltsort einer kleinen Population der seltenen Hawaii-Mönchsrobbe (Neomonachus schauinslandi).Sheila Conant: Observations of migrant and vagrant birds on Nihoa Island. In: Elepaio, Journal of the Hawaii Audubon Society, Jg. 44, 1983, S. 23–25

Charakteristisch für die Insel und in vielen Berichten von Seefahrern und Forschern erwähnt, ist die Fülle von Seevögeln. Ihre Gesamtzahl wird auf fast eine halbe Million geschätzt.Mark J. Rauzon: Isles of Refuge: Wildlife and History of the Northwestern Hawaiian Islands. University of Hawaii Press, Honolulu 2001, ISBN 0-8248-2330-3, S. 16

Auf Nihoa gibt es 17 Arten brütender Seevögel sowie eine Reihe von zufälligen oder durchreisenden Vogelarten. Zu den Brutvögeln zählen:

Keilschwanz-Sturmtaucher (Puffinus pacificus, syn. Ardenna pacifica), die häufigste Vogelart auf Nihoa Weihnachts-Sturmtaucher (Puffinus nativitatis) Bulwersturmvogel (Bulweria bulwerii) Rotschwanz-Tropikvogel (Phaethon rubricauda) Schwarzfußalbatros (Phoebastria nigripes) Rotfußtölpel (Sula sula).

Auf der Insel lebt auch eine Vielzahl von Invertebraten, die sich mehrheitlich von dem Kot und den Kadavern der zahlreichen Vögel ernähren, darunter 35 Arten endemischer, terrestrischer Gliederfüßer (Arthropoda) und 6 Arten endemischer Landschnecken (Gastropoda).

Unter den Insekten ist die von dem Entomologen Edwin Horace Bryan (1898–1985) während der Tanager-Expedition von 1923 auf Nihoa entdeckte und von Philip Hunter Timberlake (1883–1981), Professor an der University of California, Riverside, erstmals beschriebene Plattwespe (Bethylidae) Sclerodermus nihoaensis (Synonym: Eupelmus nihoaensis) erwähnenswert. Sie war eine Neuentdeckung und ist auf Nihoa endemisch, obwohl es Artverwandte auf anderen Hawaii-Inseln gibt.E. H. Bryan et al.: Insects of Hawaii, Johnston Island and Wake Island. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 31, Honolulu 1925, S. 19 f. Ebenfalls auf Nihoa endemisch und von Timberlake beschrieben ist die Biene Hylaeus perkinsianus aus der Familie der Colletidae.

Geschichte Vorgeschichte Die kleine Insel Nihoa liegt rund 240 km nordwestlich der größeren, bewohnten Hauptinseln von Hawaii. Auch Nihoa war ursprünglich besiedelt, wurde jedoch bereits vor der europäischen Entdeckung im 18. Jahrhundert aufgegeben. Es gibt Belege, dass die polynesische Besiedlung relativ spät erfolgte und nur von kurzer Dauer war. Vergleiche der Architekturformen von Nihoa deuten auf eine Ähnlichkeit nicht nur mit den Hawaii-Inseln, sondern auch mit anderen, weiter entfernten Inseln hin. Das legt Kontakte mit entlegeneren Inseln Polynesiens nahe. Der Archäologe Geoffrey Irwin von der University of Auckland vermutet, die Aufgabe von Nihoa könnte, wie bei anderen kleinen und abgelegenen Inseln auch (zum Beispiel Henderson), auf den Rückgang der Reise- und Handelstätigkeit zwischen den polynesischen Inseln zurückzuführen sein.Geoffrey Irwin: The Prehistoric Exploration and Colonisation of the Pacific. Cambridge University Press, 1992, ISBN 0-521-47651-8 Neuere Forschungen weisen auf die Möglichkeit des Einflusses weiterer Faktoren für das Schwinden der Bevölkerung hin, darunter auch Umweltveränderungen, die bei der Aufgabe der Insel eine Rolle gespielt haben könnten.Sheila Conant, Marie Morin: Why isn´t the Nihoa Millerbird Extinct? In: Studies in Avian Biology, Nr. 22, 2001, S. 338–346

Die wohl umfangreichste Studie der Archäologie Nihoas nahm der Anthropologe Kenneth Pike Emory (1897–1992) in den 1920er Jahren vor. Emory und andere Forscher kamen mit der Tanager-Expedition des United States Fish and Wildlife Service und des Bishop Museums in Honolulu 1923 auf Nihoa an und blieben vom 16. bis 20. Juni.Kenneth P. Emory: Archaeology of Nihoa and Necker Island. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 53, Honolulu 1928

Die von den Forschern gefundenen und dokumentierten Anbauterrassen, Wohnplattformen und Zeremonialstätten beweisen, dass die Insel einst dauerhaft oder langfristig bewohnt war. Emory untersuchte ein Holzkohlestück aus einer Feuerstelle einer Hausplattform nach der Radiokarbonmethode. Es ließ sich auf das Jahr 1430 datieren.Kenneth P. Emory et al.: Hawaiian Archaeology, Fishhooks. Bernice P. Bishop Museum Special Publication Nr. 47, Honolulu 1959, S. X Eine Neukalibrierung der Analyse erbrachte eine Datierung zwischen 771 und 1164 n. Chr.Terry L. Hunt, Robert N. Olsen: An Early Radiocarbon Chronology for the Hawaiian Islands: A Preliminary Analysis. In: Asian Perspectives, Jg. 30, Nr. 1, 1991, S. 147-161, Tabelle 1

Anhand der Anzahl der Wohnplattformen und der augenscheinlich bewohnten Felsüberhänge in der Steilküste schätzte Emory die Einwohnerzahl auf ungefähr 170 Personen. Die verfügbare, terrassierte Anbaufläche wäre für eine solch geringe Bevölkerung ausreichend gewesen. Ein Problem für die Siedler dürfte die Versorgung mit Trinkwasser gewesen sein, denn die Tanager-Expedition fand nur drei kleine Sickerstellen. Sie speisen sich aus Grundwasser, das von undurchlässigen Basaltschichten zurückgehalten wird oder durch Risse im Basalt zirkuliert. Das Wasser all dieser Sickerstellen ist stickstoff- und phosphathaltig sowie mit weiteren, unangenehm schmeckenden Substanzen stark belastet, die vermutlich aus den Exkrementen der zahlreichen Vögel stammen.

Kenneth Emory identifizierte fünfzehn Steinstrukturen als Plattformen für zeremonielle Zwecke (Marae). Das Baumuster ist vergleichbar mit dem der Zeremonialplattformen von Necker Island, sodass man von einem gemeinsamen religiösen Konzept ausgehen kann. Sie ähneln eher den Marae des Tuamotu-Archipels als der Monumentalarchitektur der Hauptinseln Hawaiis (Heiau). Der Unterschied ist deutlich. Die Heiau von Hawaii haben keine erhobene Plattform, sondern die Mauern umschließen einen zentralen, tiefer liegenden Raum. Die Zeremonialstätten der Insel Nihoa sind, wie Kenneth Emory beschrieb, vier- oder fünfeckige Plattformen aus unbearbeiteten Steinen der Umgebung, kunstlos und ohne Mörtel aufgesetzt. Die größte misst 14 × 10 m und ist 1,5 m hoch. Auf manchen der gepflasterten Terrassen standen ein oder zwei unbehauene, durchschnittlich 60 cm hohe Orthostaten. Vier Plattformen fallen aus dem Rahmen, denn sie trugen 7 bis 13 schlanke, prismenförmige Orthostaten, etwa 60 cm hoch, die in ein bis drei Reihen angeordnet waren. Der Zweck dieser Steinsetzungen ist unbekannt und kommt auch auf keiner anderen Insel des Archipels vor.