Die Strafdivision 999 war ein im Oktober 1942 aufgestellter Sonderverband des Heeres der deutschen Wehrmacht. Sie gehörte zu einem Gesamtsystem von Bewährungseinheiten, das den Militärstrafvollzug in den Dienst der Kriegsführung stellte. Die bisher vom Dienst in der Wehrmacht ausgeschlossenen politisch oder als Straftäter „bedingt Wehrunwürdigen“ sollten zum Dienst herangezogen werden. „Wehrunwürdig“ war jeder, der zu einer Zuchthausstrafe verurteilt oder nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte war oder dem durch militärgerichtliches Urteil die Wehrwürdigkeit entzogen war. Mit Verfügung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 2. Oktober 1942 wurde die Wehrunwürdigkeit für die Dauer des Krieges aufgehoben. Von dieser Änderung waren mehrere zehntausend wehrfähige Männer betroffen. Der Verband hatte eine Gesamtstärke von etwa 37.000 Mann, wovon etwa 9.000 zum Stammpersonal gehörten.Hans-Peter Klausch: Die Bewährungstruppe 500. Bremen 1995, S. 81.

Straffällige Angehörige der Wehrmacht wurden in der Strafdivision 500 eingesetzt, um sich dort zu bewähren.

Der Begriff Strafbataillon 999 war schon während des Krieges verbreitet, „Strafdivision 999“ wäre aber sachlich korrekt, denn eine Division hat 10.000 bis 30.000 Mann, ein Bataillon nur 300–1200 Mann. 1959 erschien ein Roman des Bestsellerautors Heinz Konsalik mit dem Titel Strafbataillon 999; das Werk wurde 1960 verfilmt.

Die Zwangsrekrutierten, insbesondere aktive Nazigegner, setzten in der Regel auch in der Wehrmacht ihre Widerstandsarbeit fort.

Der erste Einsatz der Truppe erfolgte im Frühjahr 1943 als „Afrikabrigade 999“ in der Schlacht um Tunesien mit einer Truppenstärke von 16.000 Soldaten. Viele von ihnen liefen während dieses Einsatzes zu den alliierten Truppen über.Christian Blees: Die Soldaten mit dem blauen Schein. – „Wehrunwürdige“ in der Strafdivision 999; Deutschlandradio, Feature com vom 26. Mai 2009 (Manuskript)

Von der Ostfront wurde sie, nachdem zahlreiche Überläufer zur Roten Armee gelangt waren, bald zurückgezogen.

In Griechenland und Jugoslawien entwickelte sich aus den Reihen der 999er ein sehr aktiver Widerstandskampf. Die im September 1944 von den Wehrmachtangehörigen Falk Harnack und Gerhard Reinhardt unter den deutschen Truppen in Griechenland ins Leben gerufene Sammlungsbewegung Antifaschistisches Komitee Freies Deutschland (AKFD), deren Kämpfer überwiegend aus 999er-Einheiten kamen, nahm aktiv am bewaffneten Widerstand in der griechischen Befreiungsarmee (ELAS) teil.Ausstellung „Wer waren die 999er?“ der AG der 999 im DRAFD e. V.

Geschichte Aufstellung der Bewährungseinheit Ein Runderlass des Oberkommandos der Wehrmacht vom 11. April 1942 sah vor, dass nun auch Männer zum Wehrdienst herangezogen werden konnten, die ihre Wehrwürdigkeit aufgrund eines Strafurteils eines zivilen Gerichts verloren hatten.Hans-Peter Klausch: Die Geschichte der „Bewährungsbataillone“ 999 unter besonderer Berücksichtigung des antifaschistischen Widerstandes. Köln 1987 (Pahl-Rugenstein-Hochschulschriften Gesellschafts- und Naturwissenschaften Bd. 245), S. 64 In einem Rundschreiben des Führerhauptquartiers vom 9. Dezember 1942 wird das Einziehen von Wehrunwürdigen mit einer entsprechenden Stimmung im Volk begründet. Das Schreiben spricht davon, dass die Bevölkerung kein Verständnis dafür habe, dass wehrunwürdige Personen weder zum Wehrdienst herangezogen noch für andere Dienste eingesetzt würden.Hans-Peter Klausch: „Wehrunwürdige“: die Bewährungsbataillone 999 und das Problem der Desertion als eine Form des antifaschistischen Widerstands. In: Fietje Ausländer (Hrsg.): Verräter oder Vorbilder? Bremen 1990, S. 157–179 (DIZ-Schriften Bd. 2), S. 160–161 In der Tat konnten wehrunwürdige Personen bis dato ihre Zeit in relativer Ruhe in der Heimat verbringen.Klausch, Bewährungsbataillone; S. 63. Angesichts der Tatsache, dass man sie beispielsweise auch in Arbeitskommandos außerhalb der Wehrmacht hätte einsetzen können, erscheint es jedoch unwahrscheinlich, dass dies die bedeutendste Motivation gewesen ist, die betreffenden Personen einzuziehen.Klausch, Wehrunwürdige; S. 159. Abgesehen werden muss dabei außerdem von denjenigen Männern, die noch in einer Strafanstalt oder einem Konzentrationslager inhaftiert waren. Ihr Anteil an den „Bewährungsmännern“ betrug etwa 30 bis 40 Prozent.Klausch, Bewährungsbataillone, S. 851. Der entscheidende Grund für den Einsatz Wehrunwürdiger lag wohl auch hier bei der großen Nachfrage an „Menschenmaterial“. Besonders die Kämpfe an der Ostfront waren sehr verlustreich; das NS-Regime sah sich offenbar gezwungen, auch auf diesen Personenkreis zurückzugreifen.

Ab April 1942 begann die Wehrmacht damit, erste sogenannte „WU-Mannschaften“ („WU“, d. h. „wehrunwürdig“) innerhalb der regulären Truppenteile aufzustellen.Hans-Peter Klausch: Der Truppenübungsplatz Baumholder – Aufstellungsort der Bewährungstruppe 999. In: Hans-Georg Meyer (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz. Mainz, S. 112–122., hier S. 113. Der Aufstellungsbefehl für einen gesonderten Verband erging am 2. Oktober 1942. Ab dem 15. Oktober 1942 wurden Wehrunwürdige zu ihm eingezogen. Wegen ihres geplanten ersten Einsatzortes erhielt die Truppe den Namen „Afrika-Brigade 999“.Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939-1945. Dreizehnter Band: Die Landstreitkräfte 801-13400, Osnabrück, 1974, S. 200 ff. Die Nummer 999 wurde gewählt, um den Abstand zu den regulären Infanteriedivisionen auszudrücken.Klausch, Bewährungsbataillone; S. 80. Für die Dauer ihres Einsatzes wurden die Angehörigen des Verbands für „bedingt wehrwürdig“ erklärt. Den Männern wurde in Aussicht gestellt, dass sie ihre volle Wehrwürdigkeit zurückerlangen könnten, wenn sie sich „vor dem Feind“ bewährten.Rudolf Absolon: Wehrgesetz und Wehrdienst. Boppard am Rhein 1960 (Schriften des Bundesarchivs Bd. 5), S. 115. Bei solchen, die direkt aus der Haft eingezogen worden waren, wurde die Reststrafe nur bis zum Kriegsende ausgesetzt.Fritz Wüllner: Die NS-Militärjustiz und das Elend der Geschichtsschreibung. Baden-Baden 1991, S. 716.

Personelle Zusammensetzung der Bewährungseinheit Die „Bewährungsmänner“ der Bewährungstruppe 999 waren fast ausschließlich Personen, die vorher keine Angehörigen der Wehrmacht gewesen waren und ihre Wehrwürdigkeit durch ein zivilgerichtliches Urteil verloren hatten.Hans-Peter Klausch: Die 999er. Frankfurt am Main 1986, S. 25. Man kann grob zwei Gruppen unterscheiden: Die eine, größere Gruppe war die der gewöhnlichen Kriminellen, die etwa 70 Prozent der 999er ausmachten. Die übrigen 30 Prozent waren meist Personen, die vermeintlich oder tatsächlich Opposition zum Nationalsozialismus praktiziert hatten und deshalb verfolgt wurden.Klausch, Wehrunwürdige; S. 163. Paragraph 13e des Wehrgesetzes regelte den Verlust der Wehrwürdigkeit für diejenigen, die wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ verurteilt worden waren.Reichsministerium des Innern (Hrsg.): Reichsgesetzblatt. Teil 1. Jg. 1935. Berlin 1935, S. 610. Zwischen den beiden Gruppen gab es viele Überschneidungen und Grenzfälle. Eine „Straftat“ konnte beispielsweise auch politisch motiviert gewesen sein. Einige vom NS-Strafrecht als Verbrecher eingestufte Personen würden nach heutigen Maßstäben nicht als kriminell betrachtet werden, z. B. was Verstöße gegen die Nürnberger Gesetze anging.Klausch, Wehrunwürdige; S. 163; Klausch, Bewährungsbataillone; S. 106. Ein Teil der Männer wurden direkt aus dem Strafvollzug zur Truppe transportiert.Franz W. Seidler: Die Militärgerichtsbarkeit der Deutschen Wehrmacht. München [u. a.] 1991, S. 81. Nicht eingezogen werden sollten u. a. Homosexuelle und Landesverräter. Ebenfalls grundsätzlich ausgeschlossen waren Juden, Roma, Sinti, Jenische und Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.Manfred Messerschmidt: Die Wehrmachtjustiz 1933–1945. Paderborn 2005, S. 383. Eine vergleichsweise sehr geringe Anzahl der Männer waren ehemalige Wehrmachtsoldaten, die durch ein militärgerichtliches Urteil ihre Wehrwürdigkeit verloren hatten. Obwohl für sie eigentlich die Bewährungstruppe 500 vorgesehen war, kamen sie zur Bewährungstruppe 999 (aufgrund gewisser „Sonderbestimmungen“, die unbekannt sind).Klausch, 999er; S. 25.

Unter den politischen 999ern waren Angehörige aus fast allen Gruppierungen vertreten, die vom Nationalsozialismus als feindlich betrachtet wurden. Es befanden sich dort unter anderem Kommunisten, Sozialdemokraten, Geistliche und auch Zeugen Jehovas. Außerdem wurden auch vereinzelt abtrünnige Nationalsozialisten eingezogen.Klausch, Bewährungsbataillone; S. 106; Garbe, Detlef: Zwischen Widerstand und Martyrium. München 1999 (Studien zur Zeitgeschichte Bd. 42), S. 393. Kalkül bei der Aufstellung dieser Truppe war es, „politisch Unzuverlässige“ besser überwachen und ggf. „aussondern“ zu können.Klausch, Baumholder; S. 113. Das Zusammenführen mit den Kriminellen konnte dabei bedingen, dass etwaige unangepasste Einstellungen neutralisiert wurden. Nicht selten kam es beispielsweise vor, dass oppositionelle Konspirationen Politischer innerhalb der Einheiten von kriminellen Kameraden verraten und dadurch vereitelt wurden.Messerschmidt, S. 386–387. Für das Stammpersonal der Einheit wurden bevorzugt Männer ausgewählt, die von den verantwortlichen Stellen als politisch zuverlässig eingeschätzt wurden. Viele von ihnen waren vor dem Krieg bereits in nationalsozialistischen Organisationen aktiv. Im weiteren Verlauf des Krieges wurde es jedoch als Strafversetzung interpretiert, wenn Soldaten zum Stammpersonal der 999er transferiert wurden.Seidler, Militärgerichtsbarkeit; S. 81.

Insgesamt hatte die Bewährungstruppe 999 etwa 28.000 „bedingt wehrwürdige“ Angehörige, zuzüglich des Stammpersonals von etwa 9.000 Mann.Klausch, 500; S. 81. Mit einer Gesamtstärke von 37.000 Soldaten war dieser Verband also zahlenmäßig stärker als die Bewährungstruppe 500.

Einsatzorte und Charakter der Einsätze