mini|Beispielhafte zeitgenössische Leseausgabe des Tirukkural mit modernem Kommentar (PDF-Datei, zum Öffnen auf das Bild klicken) Der Tirukkural (Tamil Tirukkuṟaḷ []), kurz Kural ( Kuṟaḷ []), ist ein klassisches Werk der tamilischen Literatur. Er wird dem Autor Tiruvalluvar zugeschrieben und stammt wahrscheinlich aus dem 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr., auch wenn die Datierung unsicher ist. Der Tirukkural ist ein Lehrgedicht über die richtige Lebensführung. Es umfasst 1330 aphorismenhafte Doppelverse, die sich auf drei Bücher aufteilen, die jeweils eines der drei Lebensziele des Menschen (Tugend, Wohlstand und Liebe) als Thema haben. Der Tirukkural gilt als wichtigstes Werk der tamilischen Literatur und hat sich zu allen Zeiten großer Popularität unter den Tamilen erfreut. Heute ist der Tirukkural die wohl wichtigste Ikone der tamilischen Kultur.
Autorschaft und Datierung mini|hochkant|Moderne Darstellung Tiruvalluvars Der Tirukkural wird einem Autor namens Tiruvalluvar oder kurz Valluvar zugeschrieben (Tiru- ist eine ehrerbietende Vorsilbe). Es existieren zahlreiche Legenden über Tiruvalluvar, doch sind keinerlei historische Fakten über ihn bekannt. Nicht einmal sein richtiger Name ist bekannt: Valluvar ist der Titel von Ritualspezialisten in der Kaste der Paraiyar, einer Gruppe von tamilischen Dalits („Unberührbaren“).Stuart Blackburn: „Corruption and Redemption: The Legend of Valluvar and Tamil Literary History“, in: Modern Asian Studies 34.2 (2000), S. 449–482, hier S. 455. Der Legende nach soll Tiruvalluvar als Sohn eines Brahmanen und einer Unberührbaren geboren worden sein und als Weber in Mylapore (heute ein Stadtteil von Chennai) gelebt haben. Nachdem er den Tirukkural vollendet hatte, soll er sein Werk vor der Dichterakademie in Madurai (vgl. Sangam-Legende) vorgetragen haben. Wegen Tiruvalluvars niedriger Kaste sollen sich die Dichter zunächst geweigert haben, sein Werk anzunehmen, woraufhin die Bank, auf der sie saßen, auf wundersame Weise zusammengeschrumpft sei. Daraufhin hätten die Dichter ihre Niederlage eingestehen müssen und Tiruvalluvar in ihre Reihen aufgenommen.Blackburn 2000, S. 460–462.
Die Datierung des Tirukkural ist, wie bei vielen Werken der altindischen Literatur, unsicher. Sicher ist, dass der Tirukkural jünger ist als die Werke der Sangam-Literatur, der ältesten Schicht der tamilischen Literatur. Dies zeigen diverse sprachliche Neuerungen sowie der stärkere Einfluss des Sanskrit.S. Vaiyapuri Pillai: History of Tamil Language and Literature (Beginning to 1000 A.D.), Madras: New Century Book House, 1956, S. 84. Gleichwohl ist der Tirukkural älter als das Epos Manimegalai, in dem er an einer Stelle wörtlich zitiert wird. Im Allgemeinen wird für den Tirukkural ein Entstehungszeitraum im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. vorgeschlagen.Kamil Zvelebil: Lexicon of Tamil Literature, Leiden, New York, Köln: E. J. Brill, 1995, S. 669. Dagegen setzen tamilisch-nationalistische Kreise das Datum des Tirukkural deutlich früher an. So hat die Regierung des Bundesstaats Tamil Nadu das Geburtsjahr Tiruvalluvars offiziell auf 31 v. Chr. festgesetzt (vgl. Tiruvalluvar-Ära).
Der Text Form Der Tirukkural besteht aus 1330 aphorismenhaften Zweizeilern. Das Versmaß ist eine Sonderform des Venba-Metrums, das Kural- („Zwergen-“) Venba, das sich durch seine Länge von nur zwei Zeilen auszeichnet. Der Name des Versmaßes wurde (mit der ehrerbietenden Vorsilbe Tiru-) als Werkstitel übernommen. Gleichzeitig werden auch die einzelnen (Doppel)verse als Kural bezeichnet, d. h. Kural kann entweder für das Werk als Gesamtheit oder für seine konstituierenden Elemente stehen.
Die erste Zeile eines Kurals besteht aus vier Versfüßen (sir), die jeweils aus zwei oder drei metrischen Einheiten (asai) bestehen. Eine metrische Einheit ist entweder eine lange Silbe (ner) oder eine kurze Silbe gefolgt von einer weiteren Silbe (nirai). Die zweite Zeile hat im Gegensatz zur ersten nur drei Versfüße, von denen der letzte aus nur einer metrischen Einheit, gegebenenfalls noch gefolgt von einem kurzen u, besteht. Die Abfolge der metrischen Einheiten zwischen den Versfüßen folgt bestimmten Regeln. Zudem besteht eine besondere Form des Anfangsreims (edugai), bei sich der in der Regel die beiden Zeilenanfänge reimen.
Als Beispiel ist der erste Vers des Tirukkural in Original, Umschrift und metrischer Analyse wiedergegeben. Die Versfüße sind der üblichen Konvention entsprechend durch Getrenntschreibung gekennzeichnet. In der metrischen Analyse steht – für ner (lange Silbe), = für nirai (kurze Silbe gefolgt von einer weiteren Silbe) und ˘ für ein kurzes u am Ende des Verses. Der Anfangsreim ist durch Unterstreichung kenntlich gemacht.
Akara mutala eḻuttellām ātipakavaṉ mutaṟṟē ulaku.
= – / = – / = – – / – – = – / = – / =˘
Übersetzung:
„A ist aller Buchstaben Anfang Gott ist der Anfang der Welt.“
Inhalt
Der Tirukkural umfasst 133 Kapitel zu jeweils zehn Doppelversen, die sich auf drei Bücher verteilen. Jedes Buch behandelt eines der drei Lebensziele (Purusharthas), die in der indischen Tradition allgemein anerkannt sind. Dies sind Aram ( aṟam): Dharma, Tugend Porul ( poruḷ): Artha, Wohlstand Kamam ( kāmam) oder Inbam ( iṉpam): Kama, Liebe.
Das vierte Lebensziel, Moksha oder Erlösung, kommt im Tirukkural nicht vor.
Die ersten beiden Bücher enthalten aphoristische Aussagen zur richtigen Lebensführung. Das erste Buch, das „Buch von der Tugend“, handelt von Fragen der Ethik und Moral. Nach einer Einleitung, in der Gott, der Regen, die Askese und die Tugend als solche gepriesen werden, behandelt der Text die Lebensführung im häuslichen Bereich (die Pflichten des Hausherrn, die Tugenden der Ehefrau, die Freuden des Elternseins usw.) und die Grundlagen des Umgangs mit Anderen (Gastfreundschaft, Dankbarkeit, Anstand usw.). Danach wendet sich der Text den Tugenden des Asketen zu, der danach trachtet, durch Nächstenliebe und Verzicht eine höhere Daseinsform zu erreichen. Das zweite Buch, das „Buch vom Wohlstand“, handelt von gesellschaftlichen Fragen. Es beschäftigt sich zu großen Teilen mit dem Handeln des Königs und seiner Minister, hat also streckenweise den Charakter eines Lehrbuchs der Staatskunst. Es enthält aber auch Handlungsanweisungen für den einfachen Mann, der nach dem Erwerb von Reichtum trachtet.Zur Struktur des Tirukkural siehe Kamil Zvelebil: The Smile of Murugan. On Tamil Literature of South India, Leiden: Brill, 1973, S. 164–165. Ein Beispiel für die Aphorismen der ersten beiden Bücher ist Tirukkural 66, das vom Elternsein handelt:
Das dritte Buch, das „Buch von der Liebe“, unterscheidet sich deutlich von den ersten beiden Büchern. Es folgt den Konventionen der klassischen tamilischen Liebesdichtung und steht damit in der Tradition der älteren Sangam-Literatur. Das „Buch von der Liebe“ beschreibt in chronologischer Folge die Liebesbeziehung zwischen einem idealisierten Liebespaar. Die Verse haben die Form eines dramatischen Monologs einer der an der Handlung beteiligten Personen.Zum „Buch von der Liebe“ siehe François Gros: „Introducing Tiruvaḷḷuvar: the Book of Love“, in: Kannan M. and Jennifer Clare (Hrsg.): Deep Rivers. Selected Writings on Tamil Literature, Pondicherry/Berkeley: Institut Français de Pondichéry / Tamil Chair, Department of South and Southeast Asian Studies, University of California at Berkeley, 2009, S. 123–152. Ein Beispiel ist der erste Vers des dritten Buches (Tirukkural 1081), in dem der Mann die Frau zum ersten Mal erblickt und ob ihrer Schönheit daran zweifelt, ob sie ein Mensch sein kann:
Gliederung Im Folgenden eine Übersicht der 133 Kapitel des Tirukkural:
Buch von der Tugend ( Aṟattuppāl): 38 Kapitel Lobpreis Gottes ( kaṭavuḷ vāḻttu): 1–10 Die Vorzüglichkeit des Regens ( vāṉ ciṟappu): 11–20 Die Größe der Asketen ( nīttār perumai): 21–30 Bekenntnis zur Tugend ( aṟaṉ valiyuṟuttal): 31–40 Häusliches Leben ( ilvāḻkkai): 41–50 Die Güte der Ehefrau ( vāḻkkaittuṇai nalam): 51–60 Die Geburt eines Sohnes ( putalvaraip peṟutal): 61–70 Der Besitz von Liebe ( aṉpuṭaimai): 71–80 Gastfreundschaft ( viruntōmpal): 81–90 Angenehme Worte ( iṉiyavai kūṟal): 91–100 Dankbarkeit ( ceynnaṉṟi aṟital): 101–110 Unparteilichkeit ( naṭuvu nilaimai): 111–120 Selbstbeherrschung ( aṭakkamuṭaimai): 121–130 Anstand ( oḻukkamuṭaimai): 131–140 Die Frau eines Anderen nicht zu begehren ( piṟaṉil viḻaiyāmai): 141–150 Geduld ( poṟaiyuṭaimai): 151–160 Nicht neidisch zu sein ( aḻukkāṟāmai): 161–170 Nicht begierlich zu sein ( veḵkāmai): 171–180 Nicht hinter jemandes Rücken zu reden ( puṟaṅkūṟāmai): 181–190 Keine nutzlosen Worte zu reden ( payaṉila collāmai): 191–200 Der Schrecken böser Taten ( tīviṉaiyaccam): 201–210 Das rechte Maß zu kennen ( oppuravaṟital): 211–220 Geben ( īkai): 221–230 Ruhm ( pukaḻ): 231–240 Güte ( aruḷuṭaimai): 241–250 Der Verzicht auf Fleisch ( pulāṉmaṟuttal): 251–260 Askese ( tavam): 261–270 Ungebührliches Verhalten ( kūṭāvoḻukkam): 271–280 Nicht zu stehlen ( kaḷḷāmai): 281–290 Wahrhaftigkeit ( vāymai): 291–300 Nicht zu zürnen ( vekuḷāmai): 301–310 Nichts Böses zu tun ( iṉṉāceyyāmai): 311–320 Nicht zu töten ( kollāmai): 321–330 Vergänglichkeit ( nilaiyāmai): 331–340 Entsagung ( tuṟavu): 341–350 Die Kenntnis der Wahrheit ( meyyuṇartal): 351–360 Die Auslöschung der Begierde ( avāvaṟuttal): 361–370 Schicksal ( ūḻ): 371–380 Buch vom Wohlstand ( Poruṭpāl): 70 Kapitel Die Größe des Königs ( iṟaimāṭci): 381–390 Bildung ( kalvi): 391–400 Unbildung ( kallāmai): 401–410 Hören ( kēḷvi): 411–420 Der Besitz von Wissen ( aṟivuṭaimai): 421–430 Die Beseitigung von Fehlern ( kuṟṟaṅkaṭital): 431–440 Große Männer zu Hilfe nehmen ( periyārait tuṇaikkōṭal): 441–450 Gemeine Leute zu vermeiden ( ciṟṟiṉañcērāmai): 451–460 Mit Bedacht zu handeln ( terintuceyalvakai): 461–470 Seine Stärke zu kennen ( valiyaṟital): 471–480 Die rechte Zeit zu kennen ( kālamaṟital): 481–490 Den rechten Ort zu kennen ( iṭaṉaṟital): 491–500 Prüfung und Auswahl ( terintuteḷital): 501–510 Prüfung und Anstellung ( terintuviṉaiyāṭal): 511–520 Seine Verwandtschaft zu schätzen ( cuṟṟantaḻāl): 521–530 Nicht vergesslich zu sein ( poccāvāmai): 531–540 Gerechte Herrschaft ( ceṅkōṉmai): 541–550 Ungerechte Herrschaft ( koṭuṅkōṉmai): 551–560 Keine Schreckensherrschaft auszuüben ( veruvantaceyyāmai): 561–570 Wohlwollen ( kaṇṇōṭṭam): 571–580 Spionage ( oṟṟāṭal): 581–590 Eifrig zu sein ( ūkkamuṭaimai): 591–600 Nicht träge zu sein ( maṭiyiṉmai): 601–610 Mannhafter Einsatz ( āḷviṉaiyuṭaimai): 611–620 Bei Schwierigkeiten nicht zu verzagen ( iṭukkaṇ aḻiyāmai): 621–630 Das Ministeramt ( amaiccu): 631–640 Die Kraft der Rede ( colvaṉmai): 641–650 Unverdorbenes Handeln ( viṉaittūymai): 651–660 Starkes Handeln ( viṉaittiṭpam): 661–670 Arten des Handelns ( viṉaiceyalvakai): 671–680 Botschafter ( tūtu): 681–690 Verhalten gegenüber dem König ( maṉṉaraic cērntoḻutal): 691–700 Kenntnis der Zeichen ( kuṟippaṟital): 701–710 Kenntnis der Ratsversammlung ( avaiyaṟital): 711–720 Die Ratsversammlung nicht zu fürchten ( avaiyañcāmai): 721–730 Das Land ( nāṭu): 731–740 Festungen ( araṇ): 741–750 Arten, Reichtum zu erwerben ( poruḷceyalvakai): 751–760 Die Größe eines Heeres ( paṭaimāṭci): 761–770 Der Eifer des Heeres ( paṭaiccerukku): 771–780 Freundschaft ( naṭpu): 781–790 Prüfung der Freundschaft ( naṭpārāytal): 791–800 Vertrautheit ( paḻaimai): 801–810 Schlechte Freundschaft ( tī naṭpu): 811–820 Unaufrichtige Freundschaft ( kūṭānaṭpu): 821–830 Torheit ( pētaimai): 831–840 Unwissenheit ( pullaṟivāṇmai): 841–850 Hass ( ikal): 851–860 Die Größe der Feindseligkeit ( pakaimāṭci): 861–870 Das Wesen der Feindseligkeit zu kennen ( pakaittiṟanterital): 871–880 Innere Feindseligkeit ( uṭpakai): 881–890 Großen Männern kein Unrecht zu tun ( periyāraip piḻaiyāmai): 891–900 Sich von Frauen führen zu lassen ( peṇvaḻiccēṟal): 901–910 Prostituierte ( varaiviṉmakaḷir): 911–920 Keinen Alkohol zu konsumieren ( kaḷḷuṇṇāmai): 921–930 Glücksspiel ( cūtu): 931–940