Die Kultur, im englischen Original The Culture, ist eine Gesellschaftsutopie ohne jede Knappheit an Geld oder Gütern (post-scarcity), die der schottische Autor Iain Banks erdacht hat. Sie bildet den Erzählraum, in dem mehrere seiner Romane und Kurzgeschichten angesiedelt sind, die unter dem Stichwort Kultur-Zyklus zusammengefasst werden.
Die Kultur existiert nach Angaben des Autors parallel zu unserer Geschichte auf der Erde und stellt, so gesehen, keine Zukunftsvision dar. Der ungefähre Zeitrahmen für die Kultur-Romane Banks’ reicht von etwa 1300 bis 2800 n. Chr.
Statistik
Bewohner: mehr als 18 Billionen Personen, einschließlich synthetischer Intelligenzen. Siedlungsformen: Orbitale, Habitate, Raumschiffe. Einflussgebiet: etwa 1 % des galaktischen Raumvolumens.
Die Bewohner der Kultur Die Kultur betrachtet jedes intelligente, empfindungsfähige Wesen als eine Persönlichkeit mit eigener Identität, unabhängig davon, ob dieses Wesen biologisch oder synthetisch in die Welt gekommen ist.
Biologische Lebensformen Die Kultur bezeichnet sich selbst als eine „panhumane“ Gesellschaft. Der überwiegende und ursprüngliche Teil der Kulturbürger ist menschenähnlich, im Laufe der Zeit haben sich jedoch eine Vielzahl definitiv nicht-menschlicher Arten in die Kultur integriert. Genau gesehen ist die Kultur deshalb keine Spezies, sondern die Organisationsform einer bestimmten Lebens- und Denkweise.
Genetik und Medizin sind so fortgeschritten, dass der Körper – von seinen natürlichen Grenzen losgelöst – nach Belieben Gestalt und Geschlecht ändern kann. Daraus resultiert eine große phänotypische Vielfalt unter den Kulturwesen. Hautfarbe, Größe, Haarwuchs, Gesichtszüge, Figur, Anzahl der Gliedmaße oder Gelenke und andere körperliche Merkmale können sich stark unterscheiden. Letztlich stellt die hoch entwickelte Med-Technik es den Kulturbürgern frei, sich völlig von der ursprünglichen Gestalt zu lösen und beispielsweise die Erscheinungsform eines Fisches oder auch eines Küchentisches anzunehmen (Ein Geschenk der Kultur).
Künstliche Lebensformen Künstliche Intelligenzen übernehmen häufig die Rolle von Protagonisten, in Exzession stellen sie sogar die Mehrzahl der handelnden Figuren.
Die künstlichen Intelligenzen der Kultur lassen sich grob in zwei Kategorien oder „Spezies“ einteilen: Drohnen und Gehirne.
Drohnen sind in Intelligenz und Verhalten weitestgehend mit den biologischen Mitgliedern der Kultur vergleichbar. Die körperliche Größe variiert zwischen wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern. Ihre Intelligenz ist, verglichen mit der von Menschen, leicht überdurchschnittlich. Obwohl sie synthetisch hergestellt werden, sind Drohnen eigenständige Individuen, mit eigener Persönlichkeit und den dazugehörigen Vorlieben, Eigenarten und Macken. Üblicherweise verfügen sie, zu ihrem Schutz, über Kraftfelder, die es ihnen aber auch ermöglichen, Gegenstände zu manipulieren. Daneben hüllen Drohnen sich in sogenannte Auren, farbige Felder, mit denen sie ihre Emotionen ausdrücken.
Gehirne sind ungleich mächtiger als alle anderen Kulturbürger. Ursprünglich von Menschen erschaffen, haben diese hyperintelligenten, bewussten Maschinen ihre Schöpfer in ihren geistigen Fähigkeiten längst hinter sich gelassen und übernehmen die Rolle von Koordinatoren und Führern. Würde Religion in der Kultur eine Rolle spielen, könnte man ihnen, ob ihrer scheinbaren Allmacht, fast die Rolle von Göttern zuschreiben.
Typischerweise bewohnen und kontrollieren die Gehirne große Kultur-Infrastrukturen und bilden mit diesen eine funktionelle Einheit. In der Mehrzahl leben sie in Raumschiffen (in der deutschen Übersetzung nur die „Schiffe“ genannt), ebenso in Orbitalen oder Habitaten. Mit ihren Passagieren bzw. Bewohnern kommunizieren sie entweder via Terminal oder mittels, höchst individuell gestalteter, Avatare. Die fortschrittlichste Technik stellt allerdings die sogenannte Neurale Borte dar, eine ins Gehirn implantierte Kommunikations- und Speichereinheit, die auch für Persönlichkeits-Backups genutzt wird. Gehirne können problemlos Millionen von Gesprächen parallel führen, gleichzeitig alle Funktionen des Schiffes aufrechterhalten und währenddessen im Raum des Infinit Jest (eine mathematisch definierte Simulationsdimension, siehe Exzession) ihren wahren Neigungen nachgehen.
Jedes Gehirn besitzt eine einzigartige Persönlichkeit mit unterschiedlichen Vorlieben und Charaktereigenschaften, die durchaus nicht durchgängig nett und liebenswert sind.
Orbitale mini|Künstlerische Darstellung eines Orbitals aus dem fiktiven „Kultur-Zyklus“ nach Iain M. Banks. Ein Großteil der Kultur-Bewohner lebt auf Orbitalen; diese bilden eine flache Ringstruktur in der Nähe eines Sternes und basieren damit auf einem stark vergrößerten Bishop-Ring. Sie ähneln auch entfernt der Ringwelt von Larry Niven, haben aber einen kleineren Radius.Ein Orbital mit 9,81 m/s2 Oberflächenbeschleunigung hat eine Umfangsgeschwindigkeit von 135 km/s und einen Radius von 1.855.000 km, was der Rotationsdauer eines irdischen Tages entspricht. Der Nutzen von Orbitalen liegt in ihrer einfachen Herstellbarkeit (alle nötigen Materialien sind in den Systemen bereits vorhanden) und ihrer perfekten Kontrollierbarkeit. Klima, Ressourcenverteilung, Tag- und Nachtzyklen lassen sich ohne größeren Aufwand steuern.
Biotechnischer Entwicklungsstand Die fortgeschrittene Biotechnik der Kultur hat ihre biologischen Mitglieder von Krankheit und Leid völlig befreit. Ein zerstörter Körper kann nachwachsen oder völlig neu aufgebaut werden, Muskeln und Knochen passen sich binnen weniger Tage automatisch an andere Schwerkrafts- und Luftdrucksverhältnisse an, alle unbewussten Vorgänge im Organismus (bspw. Atmung oder Kreislauf) können bewusst gemacht und manipuliert werden.
Kulturwesen haben die Möglichkeit, ihren Stoffwechsel mittels genetisch modifizierter Drüsen zu beeinflussen. Diese können über 200 körpereigene synthetisierte Drogen oder Drogenkombinationen ausschütten, um den Bewusstseins-, Gemüts- oder den Geisteszustand willentlich zu beeinflussen. In den Romanen näher beschrieben werden Substanzen, die die Abstraktionsfähigkeit verbessern („Superblau“), beruhigen („Ruhe“), munter machen („Snack“) oder alle Körperfunktionen gegenüber der Umwelt drastisch beschleunigen („Quicken“).
Kulturbürgern steht es frei, jederzeit „Backups“ ihrer Persönlichkeit anzulegen, so dass sie, sollten sie sterben, in einem neuen Körper wieder auferstehen können. Dies ermöglicht eine Art Unsterblichkeit und führt zu einer lakonischen Haltung zum Tod. Das Verhältnis der Kulturbürger gegenüber dieser Technologie ist zwiespältig: Während die meisten von den Sicherheitskopien Gebrauch machen, gibt es auch viele, die ganz bewusst darauf verzichten und es bevorzugen, ohne Rückkehrmöglichkeit zu leben und zu sterben.
Technologischer Entwicklungsstand Die Kultur gehört zu den zehn fortschrittlichsten Zivilisationen der Milchstraße. Die Idiraner besitzen eine ähnlich hoch entwickelte Waffentechnologie, sind aber beispielsweise auf dem Gebiet der Feld-Technik unterlegen. Die Homomda dagegen sind technologisch der Kultur leicht überlegen und, weil älter, auch etwas gereifter. Der Waffengebrauch wird von der grundsätzlich pazifistisch ausgerichteten Kultur nach Möglichkeit vermieden, was sie jedoch nicht daran hinderte, im Idiranischen Krieg (Bedenke Phlebas) diese Waffen unerbittlich zu gebrauchen. Seitdem wird Waffengewalt jedoch nur noch im Rahmen von Missionen der Besonderen Umstände (ist der Geheimdienst), und auch dort nur mit größten Bedenken, gebilligt.
Kulturgehirne verfügen über die Fähigkeit, die Gedanken biologischer Lebewesen zu lesen. Die Anwendung dieser Möglichkeit unterliegt jedoch einem strengen Tabu. Wer, zu welchem Zweck auch immer, ohne Einwilligung, gegen dieses Verbot verstößt, wird geächtet (siehe: AKE Grauzone in Exzession).
Die Gesellschaft
Die Kultur als Ganzes ist pazifistisch, nomadisch und homogen. Militärische Aktionen sind beispielsweise nur legitim, solange sie zur Selbstverteidigung eingesetzt werden. Nomadisch ist die Kultur in dem Sinn, dass ihre Systemschiffe die gesamte Milchstraße durchstreifen, auch wenn das tatsächliche Einflussgebiet der Kultur nur einen kleinen Teil der Milchstraße umfasst. Homogen ist die Kultur insofern, als es keinerlei planetare, politische, soziale oder industrielle Zentren gibt. Alle Lebensszentren der Kultur (Orbitale, Planeten, Felsen, Systemschiffe) verfügen über nahezu gleiches Potential. Die Kultur ging, historisch gesehen, aus etwa 20 Heimatwelten hervor. Diese planetare Herkunft wird – als Tribut an das Homogenitätsideal – weitgehend verdrängt.
Der nomadische Zug der Kultur führt dazu, dass als Wohnorte bewegliche Einheiten wie Orbitale, Habitate oder die sogenannten ASF (Allgemeine System Fahrzeuge) bevorzugt werden.
Philosophie Die Symbiose zwischen der panhumanoiden Bevölkerung und den synthetischen Intelligenzen – insbesondere den Gehirnen – bildet eine wesentliche Grundlage der Kultur. Die andere elementare Gemeinsamkeit ist das Bedürfnis, sich nützlich zu fühlen. Daraus entsteht jener Drang zu guten Taten, der in der säkularen Missionierung der Kontakt-Sektion gipfelt. Bei deren Aktionen geht es überwiegend darum, fremden – oft auf Gewalt und Ungleichheit aufgebauten – Gesellschaften den Nutzen der allgemeinen Menschenrechte nahezubringen. Aus den heimlichen oder öffentlichen Eingriffen in die Entwicklung von rückständigen Zivilisationen und dem Versuch, das Leben in diesen Zivilisationen zu verbessern, erwächst – in den Augen der Kulturbürger – eine moralische Existenzberechtigung und liefert eine, zumindest partielle, Rechtfertigung für den in der Kultur herrschenden Hedonismus.
Es gibt eine tief verwurzelte Dankbarkeit der synthetischen Intelligenzen ihren ursprünglichen Schöpfern gegenüber, die sich in Sympathie und Interesse an den Angelegenheiten der Biologischen äußert. Aus dieser Grundhaltung erwächst die Balance, die ein produktives Miteinander schafft, trotz des enormen Ungleichgewichts zwischen Menschen und Gehirnen, was Intelligenz, Möglichkeiten und Verantwortung angeht.
In einer Gesellschaft, in der fast jede wissenschaftliche Wahrheit entdeckt, jeder philosophische Gedanke durchdacht und jedes Leiden geheilt wurde, haben Menschen scheinbar nichts wirklich Nützliches oder Neues mehr beizutragen, woraus die Betrachtungsweise folgt, die Kultur als grundlegend hedonistische Gesellschaft anzusehen. Dazu trägt auch bei, dass in dieser Gesellschaft die Gehirne eigens dazu konstruiert wurden, die Menschen zu behüten, sie zu versorgen, sie wertzuschätzen und ihr Leben von existentiellen Nöten frei zu halten. Unter diesen Bedingungen beschäftigten sich die Menschen dann mit Spiel, Sport, Kunst, Sex, Philosophie und was auch immer ihnen Freude bereitet. „Spaß haben“ wäre damit das Leitmotiv der Kultur und das wichtigste, wenn nicht einzige, Ziel im Leben der Kulturbewohner.
Tatsächlich lebt ein nicht unerheblicher Teil der Kultur-Bevölkerung nach genau dieser Devise. Gegner der Kultur reduzieren daher das Existenzrecht der Kulturbürger auf ihre Funktion als Haustiere oder Spielzeuge der Gehirne. In der Kultur-Realität ist jedoch die Beziehung zwischen den beiden Bewusstseinstypen ein durchaus gegenseitiges. Dies zeigt sich etwa im Vorhandensein einer Besatzung fast jeden Kulturschiffes: menschliche Bewohner bringen etwas Leben, Vielfalt und Ablenkung in die sonst allzu eintönige Existenz des Gehirns und sorgen in Form der Verantwortung für eine humanoide Besatzung für ein notwendiges Korrektiv, um die Gehirne im Hier und Jetzt zu verankern. Ohne sie wüchse die Gefahr für die Gehirne, sich im Universum des Unendlichen Spaßes (Infinit Jest) zu verlieren, ins Unermessliche.
Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse