mini|Blériot-Eindecker auf dem Flugplatz Beundenfeld in Bern mit der Ballonhalle, erster Standort der Fliegertruppe mini|Flugzeugtypen der Schweizer Luftwaffe zwischen 1960 und 1996

Die Schweizer Luftwaffe (, , ) ist die Luftstreitkraft der Schweizer Armee. Bis zum Ende des Jahres 1995 lautete die Bezeichnung FF Trp (Flieger Flab Truppen) bzw. Flugwaffe (fliegender Teil).

Geschichte Pionierzeit mini|Lastwagen der Ballon-Pionierkompanie I in Bern mini|Flugzeuggeschwader in Linie aufgestellt auf dem Flugplatz Dübendorf

Die Anfänge der Schweizer Militäraviatik gehen auf das Jahr 1892 zurück, als zwei Vertreter des Generalstabsbureaus mit dem berühmten Ballonfahrer Spelterini aufstiegen, um den militärischen Nutzen speziell von Fesselballons zur Beobachtung zu prüfen. Im Jahr 1897 beantragte der Bundesrat beim Parlament die nötigen Mittel, und 1900 rückten Freiwillige zur ersten Luftschiffer-Rekrutenschule in Bern ein.100 Jahre Luftmittel in der Schweizer Armee. Pressemitteilung der Bundesbehörden, 24. Juli 2000 1912 rief die Schweizerische Offiziersgesellschaft zu einer Nationalspende für das Militärflugwesen auf. Das Resultat von 1,7 Millionen Franken übertraf die Erwartungen.Neue Kampfflugzeuge – Pleiten, Pech und Pannen. Tagesanzeiger, 28. März 2014

mini|Leutnant Oskar Bider mit seinen Fliegeraspiranten in Dübendorf Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs änderte sich die negative Einstellung der Behörden, die mit der Fraglichkeit der Miliztauglichkeit der Fliegerei begründet worden war. Am 31. Juli 1914 wurde der Kavallerie-Instruktor und Pilot Theodor Real mit der Aufstellung einer Fliegertruppe betraut. Er beschlagnahmte drei an der Landesausstellung in Bern ausgestellte Flugzeuge. Die ersten zehn ausgebildeten schweizerischen Piloten, darunter acht Romands, rückten zum Teil mit ihren eigenen Flugzeugen und Mechanikern in Bern-Beundenfeld ein, wo bei der Kaserne auch schon eine Ballonhalle bestanden hatte, und bildeten die neugeschaffene Fliegertruppe. Der Flugpionier Oskar Bider wurde zum Chefpiloten ernannt.

Um die im Krieg erforderlichen weiteren Flugapparate zu beschaffen, erteilte im Mai 1915 der Bundesrat der K+W in Thun den Auftrag, sechs Flugzeuge nach den Entwürfen des Schweizers August Haefeli zu bauen. Im Dezember 1914 wurde vom improvisierten Flugplatz Beundenfeld nach Dübendorf übersiedelt; der erste Aussenposten war Claro im Tessin. Die Piloten traten während des Kriegs selten in Aktion und konzentrierten sich deshalb auf Ausbau und Schulung. Am Ende des Krieges verfügte die Truppe mit ihren 62 Piloten über 68 Flugzeuge. Allerdings war der Kommandant Theodor Real schon 1916 wegen der mangelnden finanziellen Mittel zurückgetreten, nach dem Kriegsende war der weitere Aufbau der Fliegertruppen aufgrund der Sparbemühungen des Bundes nur sehr eingeschränkt möglich. In der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre erprobte die Luftwaffe 27 Flugzeugtypen und gab dafür 2 Millionen Franken aus.

Erst ab 1930 wurde die alleinige Beobachtungsaufgabe der Fliegertruppe durch Kampfaufgaben ergänzt und neben Aufklärern vom Typ Fokker CV-E per Beschluss des Parlaments vom Dezember 1929 auch 60 Jagdflugzeuge Dewoitine D-27 beschafft. Im Mai 1930 demonstrierten 5000 Menschen in Zürich gegen diese Geldverschwendung. 42'000 Unterschriften waren von SP und Friedensbewegung gegen die Beschaffung von Militärflugzeugen gesammelt worden. Es waren «Ineffektivität des Beschaffungsvorhabens, Abrüstung im Zeichen des Weltfriedens und Geldverschwendung auf Kosten des Sozialstaates» geltend gemacht worden.Rudolf Jaun: Bewundert und bekämpft. In: Weltwoche. Nr. 35., 27. August 2020, S. 38.

Die deutsche Aufrüstung blieb auch in der Schweiz nicht unbemerkt und mündete in der Beschaffung von C-35-Doppeldeckern und dem Erwerb von Lizenzen zum Bau der Morane.

Aufgrund der politischen Entwicklung in Europa wurde im Oktober 1936 die Fliegertruppe zur Waffengattung erklärt. Die Abteilung für Flugwesen und Fliegerabwehr mit einem Oberstdivisionär an ihrer Spitze wurde geschaffen. Bereits 1935 war mit dem Aufbau einer wirkungsvollen Fliegerabwehr begonnen worden. Innert kürzester Zeit wurde der Bestand an Flugzeugbesatzungen verdoppelt.

Im September 1937 waren in der Schweiz die Heinkel 112, die Breda 65 und die Morane vorgeführt worden. Am 3. Juni 1938 wurde ein Vertrag zum Lizenzbau der Morane abgeschlossen. Am 20. September 1938 wurde in Augsburg die Me-109 zur Probe geflogen und einen Monat später in 40 Einheiten bestellt. Am 27. Juli 1939, kurz vor Kriegsbeginn, folgte die Bestellung einer zweiten Serie von 50 Maschinen. Von den 1938 bestellten Flugzeugen standen bei Kriegsbeginn 10 Stück der Version D und 28 Stück der Version E zum Einsatz bereit. Fast zur selben Zeit wie die Beschaffung der Me-109 datierte im August 1938 eine Offerte von Vickers zuhanden der Kriegstechnischen Abteilung (KTA) für Spitfire-Flugzeuge. Der für die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon von Emil Bührle tätige Rüstungsagent Antoine Gazda handelte aus eigener Initiative einen Lizenzvertrag aus und bot der Armee 200 in der Schweiz gebaute Spitfires an, während zwecks Rentabilität eine noch grössere Zahl in den Export gehen sollte. Am 21. Oktober 1938 entstand die «Studiengesellschaft zur Gründung einer Flugzeugfabrik AG»Schweizer Soldat: Militärisches Allerlei Band (Jahr): 14 (1938–1939), Heft 5, S. 74 mit Standort Stans. Oberst Fierz von der KTA begann jedoch die eidgenössischen Behörden zu unterstützen und den Bezug von Messerschmitt-Flugzeugen «ab Stange» aus Deutschland. Ohne «Studiengesellschaft» gingen aus diesem Projekt durch Bührle und Gazda am 6. Dezember 1939 in Eigenregie die Pilatus Flugzeugwerke AG hervor.Jakob Tanner: Was die geplatzte Spitfire-Beschaffung mit der Gründung der Pilatus-Flugzeugwerke zu tun hat, NZZ, 20. Oktober 2020

Da es in den USA nur zweitklassiges Material zu kaufen gab, versuchten die Schweizer erneut, auch aus England Flugzeuge zu erhalten. Gegenüber den Engländern liess Oberst Robert Fierz verlauten, man sei nicht sehr glücklich mit den Me-109. Am 30. November 1939 geriet die Schweiz in der Priorität zur Lieferung von Spitfires hinter Portugal, das seinerseits bis mindestens Ende 1940 zu warten hatte. Die Idee wurde nicht ganz fallengelassen, und noch im Juni 1943 wurde Winston Churchill um eine Stellungnahme gebeten, die dieser im positiven Sinne abgab. Allerdings hatte das Luftfahrtministerium die Schweiz schon vorab darüber informiert, dass es nicht zu einer Lieferung kommen werde.Robert U. Vogler: Als die Schweiz Spitfires kaufen wollte, NZZ, 15. Oktober 2020, Seite 11 online

Gottlieb Duttweiler (LdU) hatte im Oktober 1937 ein Postulat eingereicht, in dem die Regierung aufgefordert wurde, durch eine Delegation in den USA Flugzeuge zu kaufen mit dem Ziel, die Luftwaffe auf 1000 Flugzeuge zu vergrössern. Der Bundesrat lehnte den Antrag ab, da er lieber die eigene Flugzeugindustrie fördern wollte. Duttweiler propagierte unter dem Schlagwort «1000 Flugzeuge» daraufhin in der Tat einen Ausbau der Luftwaffe auf 1000 Flugzeuge und die Ausbildung von 3000 Piloten zu von ihm errechneten Kosten von 300 Millionen Franken mit der Argumentation, dass eine starke Luftwaffe gerade ein kleines Land mit wenigen Soldaten stark in der Landesverteidigung machen würde. Dazu plante er eine Volksinitiative für eine Wehrabgabe von einem Prozent zur Finanzierung von 1000 Flugzeugen sowie zur Förderung des Fliegens und der Schweizer Flugzeugindustrie. Zum selben Zweck gründete er die Genossenschaft In Memoriam Bider/Mittelholzer/Zimmermann.Hans Georg Ramseier: Die Entstehung und die Entwicklung des Landesringes der Unabhängigen bis 1943, Chemigraphisches Institut AG, Glattbrugg, 1973, S. 65–67 Nachdem Duttweiler auch mit einer Motion zur Erreichung dieses Ziels mehrfach im Parlament unterlegen war, begann der LdU mit Unterstützung der Sozialdemokraten im Februar 1939 eine Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative. Die für nur eineinhalb Monate angesetzte Sammlung verfehlte das angestrebte Ziel von mehreren hunderttausend Unterschriften mit 92'199 deutlich. Daraufhin beschloss Duttweiler nach einem weiteren halben Jahr und nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, die Initiative nicht einzureichen. Obwohl die Initiative ohne greifbares Ergebnis blieb, erleichterte sie dem Bundesrat die Erhebung eines Wehropfers, und auch der Wehrwille der Bevölkerung wurde gestärkt.Hans Georg Ramseier: Die Entstehung und die Entwicklung des Landesringes der Unabhängigen bis 1943, Chemigraphisches Institut AG, Glattbrugg, 1973, S. 72–74

Im Zweiten Weltkrieg Die Schweizer Flieger- und Fliegerabwehrtruppen mobilisierten am 28. August 1939, drei Tage vor dem Kriegsausbruch. Sie verfügten über 86 Jagd- sowie 121 Beobachtungs- und Erdkampfflugzeuge. Von den 21 Fliegereinheiten galten nur drei als kriegstüchtig; fünf besassen keine Flugzeuge. Die Lücke wurde sukzessive durch den Ankauf weiterer Messerschmitt Bf 109 und in Lizenz gefertigter französischer Morane-D-3800 (beide Typen Jäger) geschlossen. 1943 nahm das Eidgenössische Flugzeugwerk in Emmen seinen Betrieb auf. In kürzester Zeit zog sich die Fliegertruppe ins Schweizer Réduit zurück. Es entstanden geschützte Flugzeugkavernen, zum Beispiel in Alpnach, Meiringen und Turtmann. 1942/1943 wurde der Fliegerschiessplatz Ebenfluh/Axalp in Betrieb genommen. Das 1941 gegründete Überwachungsgeschwader konnte ab 1943 aktiv eingreifen. 1944 wurde versuchsweise ein Nachtgeschwader gebildet, das 1950 wieder aufgelöst wurde.

Die Fliegertruppe stand gemeinsam mit der im Aufbau begriffenen Fliegerabwehr, teils gesamthaft, teils in Ablösungen, im Aktivdienst. In den ersten Kriegsmonaten kamen die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen nur sporadisch zum Einsatz. Erst als am 10. Mai 1940 die deutsche Offensive gegen Westen und damit die zweite Generalmobilmachung der Armee ausgelöst wurde, mehrten sich die Grenzverletzungen durch deutsche Flugzeuge.

mini|Die Fieseler Fi 156 Storch bewährten sich besonders bei Einsätzen im Gebirge auf extrem kurzen Pisten Die Schweizer Besatzungen erfüllten insbesondere Anfang Juni entschlossen ihre defensive Aufgabe. Die Fliegertruppe schoss im Luftkampf elf Flugzeuge der deutschen Luftwaffe ab (sechs Kampftage). Sie hatte aber in dieser Zeit auch selber drei Todesopfer zu beklagen (zwei abgeschossene Schweizer Flugzeuge). In der Folge protestierte die Reichsregierung am 6. Juni 1940 gegen die schweizerischen Angriffe auf deutsche Flugzeuge, die sich nach ihrer Darstellung grösstenteils im französischen Luftraum befunden oder die schweizerische Lufthoheit nur irrtümlich verletzt hätten. Deutschland verlangte Schadenersatz und eine Entschuldigung durch den Bundesrat. Um der Schweiz einen Denkzettel zu verpassen, wurden Saboteure in die Schweiz geschickt, die am 16. Juni 1940 zwischen 22 und 24 Uhr Sprengstoffanschläge auf den Flugplätzen Spreitenbach, Bözingen, Payerne und Lausanne durchführen sollten. Bis zum 16. Juni konnten dank der Wachsamkeit ziviler und militärischer Stellen alle Saboteure verhaftet werden.Walter Lüem, Max Rudolf: Abwehr in Nahaufnahme. Probleme der Limmatverteidigung 1939/40 im Abschnitt Spreitenbach-Killwangen. Herrliberg/Birmenstorf 2003. Vertrieb: Schweizerische Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen GMS, Zürich.

In einer zweiten – noch schärferen – Note vom 19. Juni 1940 bezeichnete die deutsche Reichsregierung die Abschüsse als flagranten feindseligen Akt und drohte der Schweiz im Wiederholungsfalle Sanktionen und Vergeltungsmassnahmen an (die Schweiz erhielt weniger der wichtigen Kohle von Deutschland). Am 20. Juni (und bis Ende Oktober 1943) verbot General Guisan deshalb aus politischen Gründen Luftkämpfe über schweizerischem Hoheitsgebiet. Am 1. Juli 1940 entschuldigte sich der Schweizer Bundesrat bei der deutschen Reichsregierung für allfällige Grenzverletzungen durch schweizerische Piloten, ohne solche einzugestehen.