mini|Auf dem Friedhof von Willingshausen von Gerhard von Reutern, Öl auf Leinwand, entstanden 1842
Die Schwälmer Willingshäuser Malerkolonie ist die älteste Künstlervereinigung in Europa. Die der Heimatkunst gewidmeten Sujets in Willingshausen wurden schon vor der 1830 gegründeten Malerkolonie Barbizon bei Fontainebleau durch Gerhardt Wilhelm von Reutern und Ludwig Emil Grimm 1824 gemeinsam aufgegriffen. Willingshausen war Studienort internationaler Künstler und trug zur Popularität der Schwälmer Trachten bei.
Kunsthistorische Vorgeschichte der Landschafts- und Genremalerei in Deutschland Die kunstgeschichtliche Entwicklung der Landschaftsmalerei und der Darstellung von bäuerlichen Genreszenen wurde in der Geschichte der Deutschen Malerei bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts vernachlässigt. Der Frührenaissancemaler Konrad Witz stellte 1444 die erste identifizierbare Landschaft in der Tempera auf Holz Der wunderbare Fischzug Petri des Genfer Musee d’Arts et d’Historie dar. Erstmals in der abendländischen Malerei wird das Randgebiet des Genfer Sees noch heute erkennbar auf dem Flügel des Petrusaltars als Motiv aufgegriffen. Jedoch hatte die Landschaftsdarstellung in Albrecht Dürers Reiseskizzen, Lucas Cranachs, Hans Baldung Griens, in Gemälden und Stichen Albrecht Altdorfers, Adam Elsheimers und in Zeichnungen und Radierungen Wolf Hubers nachrangigen Einzug gehalten. Es wurden jedoch vorwiegend süddeutsche Landschaften dargestellt. In der deutschen Malerei sind zudem weder so reichhaltige und bedeutende Arbeiten wie in der flämischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts noch in der englischen Malerei des 18. Jahrhunderts und der französischen Malerei des 17. Jahrhunderts aufzufinden. Jedoch bleibt der Einfluss auf die deutsche Landschaftsmalerei durch die Engländer William Hogarth, Thomas Gainsborough, Joseph Mallord William Turner und John Constable, die Franzosen Nicolas Poussin, Claude Lorrain, Jean Siméon Chardin und Antoine Watteau und die Niederländer Paulus Potter und Jan Steen unverkennbar. Das Bürgerliche Leben bildete erst wieder in der deutschen Malerei Daniel Chodowiecki im 18. Jahrhundert in ihren zahlreichen Kupferstichen und Tierdarstellungen in der Landschaft der Mannheimer Malerdynastie Ferdinand und Franz von Kobell und dessen Sohn Wilhelm von Kobell ab. In einzelnen Werken malte die so genannte Pfälzer Schule erstmals in Deutschland reine Landschaftsbilder. Diese Schule gilt seither als Beginn der deutschen Landschaftsmalerei. Die Pfälzer Schule als Nazarener am Anfang des 19. Jahrhunderts stand noch unter dem Einfluss der italienischen Malerei, und es waren ihnen die italienischen Landschaften weitaus wichtiger als die deutsche Landschaft. Deutsche Landschaften wurden wenig dargestellt, bis schließlich der Tiroler Joseph Anton Koch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Rom seine Schule für Landschaftsmalerei gründete, die auch Ludwig Richter unterstützte. Ideal war zunächst die heroische italienische Landschaft, doch allmählich entwickelte sich die Darstellung des bürgerlichen Lebens und der Landschaft, ausgehend von Koch, in Deutschland. Diese Motive griffen Caspar David Friedrich, Carl Blechen, Ferdinand Johann von Olivier und Moritz von Schwind auf und verbreiteten die Landschaftsmalerei in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Die Einbindung der bäuerlichen Genremalerei in die Landschaftsmalerei und die Darstellung der Trachten fand jedoch erstmals in Willingshausen statt.
Gründung Es war ein glücklicher Zufall, aber auch zugleich ein persönlicher Unglücksfall, dass in Willingshausen eine Künstlerkolonie gegründet wurde. Gerhardt Wilhelm von Reutern, der als russischer Offizier an der Völkerschlacht bei Leipzig vom 13. bis zum 16. Oktober 1813 teilgenommen hatte, hatte 1814 infolge einer Verwundung an der rechten Schulter den rechten Arm amputiert bekommen. Er kam zur Genesung und Rekonvaleszenz zu den Schwiegereltern seines Bruders in das Schwertzellsche Haus in Willingshausen. Im Sommer 1814 machte er erstmals Bekanntschaft mit Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Goethe erkannte von Reuterns künstlerisches Talent und regte ihn zum Malen und Zeichnen an. Bei zwei weiteren Besuchen in Willingshausen 1815 und 1818 begann er schließlich autodidaktisch, Willingshäuser Bauern, Mägde und die Schwälmer Tracht abzubilden. Er lernte in Willingshausen seine spätere Frau Charlotte von Schwertzell kennen und heiratete sie 1820. Gerhardt Wilhelm von Reutern wurde in Willingshausen zunächst sesshaft und begann für die kaiserlich-russische Familie zu zeichnen und zu malen. Er bezog ein Ehrengehalt der kaiserlich-russischen Familie, das ihm nunmehr seine finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte. Als erster erkannte Gerhardt von Reutern den kunsthistorischen Wert der Schwälmer Trachten, die er in zahlreichen Abbildungen als Motiv aufgriff. Viele seiner Werke befinden sich seither in der Petersburger Eremitage. 1824 kam der Kasseler Professor der Kunstakademie, Ludwig Emil Grimm, der jüngere Bruder der Brüder Grimm, zu Landschaftsstudien nach Willingshausen. Das Zusammentreffen und Austauschen dieser beider Künstler im Schwertzellschen Schloss gilt als Gründungsjahr der Willingshäuser Malerkolonie und war zugleich der Anfang der Freiluftmalerei in der Kunstgeschichte. Es folgten weitere Aufenthalte Ludwig Emil Grimms in Willingshausen 1826 und 1827. Gerhardt Wilhelm von Reutern schuf 1829 die Federzeichnung Hute-Eichen, die er seinem Gönner Johann Wolfgang von Goethe schenkte. Die Zeichnung befindet sich heute im Weimarer Goethehaus.
Klassizismus und Biedermeierzeit mini|Jakob Fürchtegott Dielmann: Denkmal Kaiser Karls des Großen auf der Alten Brücke in Frankfurt Ludwig Emil Grimm besuchte mehrmals Gerhardt Wilhelm von Reutern in Willingshausen. 1835 wurde Gerhardt Wilhelm von Reutern Schüler von Theodor Hildebrandt an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er brachte 1841 seinen Freund Jakob Fürchtegott Dielmann mit nach Willingshausen, dessen Arbeiten maßgeblich zum Stellenwert Willingshausens als Studienort beitrugen. Von Reutern jedoch lebte anschließend abwechselnd in Russland, Deutschland, der Schweiz und Italien. Er war mit zahlreichen Malern aus Kassel, Düsseldorf und Frankfurt am Main befreundet, die er zu Studienzwecken nach Willingshausen einlud. Zunächst standen die Menschen in ihren Trachten, die Bauern, die reichhaltig geschmückten Fachwerkhäuser und erst dann die Landschaft als Sujet der Maler im Vordergrund. 1844 kam der Frankfurter Maler Jakob Becker erstmals zu Studienzwecken zu seinem Gemälde Der vom Blitz erschlagene Schäfer nach Willingshausen. Das Gemälde befindet sich heute in der Städelschen Kunstsammlung in Frankfurt.
Romantik – Willingshausen wird zum internationalen Studienort mini|Ludwig Knaus: Ein Mädchen auf dem Feld, 1857 mini|Ludwig Knaus: Der Taschenspieler in der Scheune, 1862 Es folgte eine fünfjährige Zeit, in der kein weiterer Maler Willingshausen aufsuchte, doch kamen erstmals die Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie, der Wiesbadener Ludwig KnausClemens Weiler: Ludwig Knaus und Willingshausen. Hessische Heimat, 1. Jg., 1951, Heft 3, S. 42 ff und Adolf Schreyer 1849 von Frankfurt am Main nach Willingshausen. Beide suchten künstlerische Orientierung aus einer allgemeinen Halt- und Ratlosigkeit der politischen Veränderungen in Düsseldorf und Frankfurt. Ludwig Knaus wurde zu seiner Übersiedlung nach Willingshausen durch Jakob Becker und Jakob Fürchtegott Dielmann angeregt. In Knaus’ Vaterstadt Wiesbaden hatte er mehrfach die Gelegenheit, die Arbeit Dielmanns Willingshäuser Dorfschmiede von 1845 in einem privaten Kunstkabinett zu bewundern. Knaus und Schreyer wohnten bei der Wirtin Stamm, wurden von Bürgermeister Korell in die gesellschaftlichen Konventionen eingeführt und waren mehrfach Gast bei Baron Schwertzell auf dessen Schloss. Mit ihrer Anwesenheit in Willingshausen begann die überregionale Reputation der Künstlerkolonie Willingshausen als anerkannter Studienort. 1861 wurde der amerikanische Maler E. S. Andrews Schüler von Knaus in Willingshausen.
1858 malte Ludwig Knaus das Gemälde Die Goldene Hochzeit, 1867 sein Bild Hoheit auf Reisen und 1871 Das Leichenbegräbnis in Willingshausen. Knaus wurde für seine Motive weltweit berühmt und es zogen eine große Anzahl deutscher und ausländischer Maler nach Willingshausen, um die hessische LandschaftBernd Fäthke: Das Thema Landschaft und Ludwig Knaus., in Ausst. Kat.: Ludwig Knaus 1829–1910, Museum Wiesbaden 1979, S. 49 ff. und das Volksleben abzubilden. In den 1860er Jahren kamen die Schüler Knaus’, Karl Breitbach und Konrad, nach Willingshausen. Es folgten in dieser Zeit der Darmstädter Maler Paul Weber, der Schüler Jakob Beckers Karl Raupp, aus Düsseldorf kamen Heinrich R. Kröh, 1862 Joseph Minjon, Louis Toussaint, Heinrich Leinweber, Ernst Böker, Georg Schwer und Lüdecke. Aus den Niederlanden kamen aus Den Haag der Maler Sadee und aus Arnheim der Maler Henricks. Aus Frankfurt reisten Jakob Hof und aus München T.R.L. Maas nach Willingshausen an. Aus den Vereinigten Staaten von Amerika malten neben Andrews auch John Rosenthal aus Kalifornien, F. Engel aus Albany und Rudolf Alody in dem Malerdörfchen. 1882 arbeitete der Illustrator Paul Thumann in Willingshausen. Er malte zur Erinnerung an seine Zeit in Willingshausen ein Schwälmermädchen an die Tür des Malerstübchens. In den 1870er Jahren bereisten aus Düsseldorf die Genremaler Fritz Sonderland und Hermann Sondermann (Vater) bis in die 1890er Jahre Willingshausen. Der Lehrer an der Berliner Kunstakademie der Landschaftszeichenklasse, Prof. Bellermann, war ebenfalls in den 1890er Jahren in Willingshausen. Aus Weimar zog es Otto Piltz, Woldemar Friedrich und E. Tepper und aus Kassel Fritz Grebe nach Willingshausen. Zudem kam der Frankfurter Maler Peter Becker oftmals in dieser Zeit in das nahe liegende Wasenberg um im Schwalmtal zu arbeiten. 1874 kam Adolf Lins auf Anraten seiner Kasseler Lehrer zum ersten Mal nach Willingshausen.
Romantik mini|Adolf Lins: Enten am Bach Mit dem Zuzug des Kasseler Malers Adolf Lins begann die Willingshausener Epoche der Romantik. Er traf in Willingshausen im Gasthaus Haase auf die Absolventen der Düsseldorfer Akademie Hermann Sondermann, Werner Leineweber, Hugo Oehmichen und Nikolaus Barthelmess und die Frankfurter Maler Robert Forell und Garbe, den Berliner Maler Julius Manthe und Professor Hermann Kretzschmer, der den Begründer der physischen Geographie und Naturforscher Alexander Freiherr von Humboldt auf seinen Forschungsreisen begleitete und mit dem Staatsmann und Gelehrten Wilhelm Freiherr von Humboldt befreundet war. Professor Kretschmer berichtete ausgiebig von seinen Forschungsreisen mit Alexander von Humboldt im Willingshausener Malerstübchen. Robert Forell kam bis 1915 regelmäßig nach Willingshausen.
mini|Selbstbildnis von Heinrich Otto
1877 siedelte Adolf Lins nach Düsseldorf über, um 1883 mit seinen Freunden Emil Zimmermann, Hans von Volkmann, Otto Mühlig, dem schwedischen Interieurmaler Anders Montan und Otto Strützel wieder nach Willingshausen zurückzukehren. Hier traf er auf die Kasseler Akademiemaler Heinrich Otto, Theodor Matthei, Heinrich Hoffmann und Fehrenberg. Aus Düsseldorf kamen seit den 1880er Jahren der Engländer Arthur Bambridge, Carl Freiherr von Ledebur und Fritz Schnitzler regelmäßig nach Willingshausen. 1886 entstand Lins’ Bild Lieder ohne Worte. Der Schäfer Hans Hinrich Keller mit seiner Herde gehörte zu den bevorzugten Modellen der Maler. In die Tür des Malerstübchens in Willingshausen verewigte er sich mit einem Gänsezug, einem Tanz und einer Schwälmer Kindergruppe. Weltweiten Ruhm erlangte Adolf Lins, als er 1900 auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille für ein Gänsebildnis zugesprochen bekam. Hierdurch wurde die Bekanntheit Willingshausens nochmals erhöht. Bis 1908 kam Adolf Lins fast jährlich nach Willingshausen, bis es ihn schließlich ins nahe liegende Röllshausen zog. An diesem Ort entdeckte er neue bäuerliche Motive und Sujets.