mini|x250px|Ausgrabung der Therme mit Überresten des Hypokaustum (Fussbodenheizung)
Iuliomagus (auch Juliomagus) war eine römische Stadt in der Provinz Germania superior nahe der heutigen Ortschaft Schleitheim, durch die Wutach getrennt gegenüber Stühlingen, im Kanton Schaffhausen, Schweiz, nördlich des heutigen Hochrheins.
Im Thermenmuseum Juliomagus sind Überreste des römischen Bades (Thermen) zu sehen sowie im Untergeschoss eines Gewerbegebäudes ein Bereich der Marktstrasse. Die bisher gemachten Funde liegen im Heimatmuseum Schleitheim und im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen.
Geographische Lage mini|Ausschnitt ‚Bodensee-Schwarzwald‘ der römischen Karte mit dem Eintrag der Straße und ihrer Orte
Für den Namen Iuliomagus/Juliomagus gibt es ein einziges Zeugnis: die Tabula Peutingeriana. Diese auf ein spätantikes Original zurückgehende mittelalterliche Kopie einer römischen Straßenkarte umfasste die ganze damals bekannte Welt von Spanien bis nach China. Alle wichtigen Verkehrsverbindungen und Städte des Römischen Reiches sind darin eingezeichnet, und zwar unter Verwendung älterer Vorlagen, weshalb auch mehrere Orte aufgeführt sind, die zum Zeitpunkt der Erstellung der Karte im 4. Jahrhundert nicht mehr existierten. In der Karte erscheinen auch die ungefähre Lage und der Name von Iuliomagus. Aufgrund dieses Wissens wurden 1860 die ersten systematischen Grabungen vorgenommen, die schließlich zur Entdeckung der römischen Siedlung führten. Iuliomagus liegt an einer von Vindonissa (Windisch) und Tenedo (Bad Zurzach) weiter nördlich über Brigobanne (Hüfingen) nach Arae Flaviae (Rottweil) führenden Römerstraße.
Geschichte Nach dem heutigen Stand des Wissens umfasste die römische Kleinstadt eine Fläche von etwa sechs Hektar. Es wird vermutet, dass sie der Hauptort einer civitas war, doch fehlen hierfür bislang die Beweise. Neben kleinen Holzbauten fand man bisher eine Therme einen römischen Tempelbezirk, einen Wohn- und Marktbereich mit Töpferei und im Umfeld drei Gutshöfe.
Vorgeschichte mini|Der Norden vor Caesars Feldzug
Die Herrschaftsausweitung im römischen Imperium war jahrhundertelang auf mittelmeerische Regionen und Mächte gerichtet und erst im letzten Jahrhundert v. Chr. wurde der Norden einbezogen. Die Alpen hatten als Schutzwall gedient, doch hatten die Römer hier auch mehrmals einen Durchbruch fremder Heere erlebt und diese potenzielle Bedrohung geriet nie in Vergessenheit.
Das historische Konfliktpotenzial im Norden lag ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. in den zunehmenden elbgermanischen Anwandererscharen, die zu Rhein, Neckar und nach Süddeutschland drängten. Beobachtet wird eine Verschärfung der Lage seit 80 v. Chr.: „In Gallien eskalieren interne Machtkämpfe und Streitigkeiten unter den keltischen Stämmen. […] Innergallische Konflikte und der zunehmende Einfluss germanischer Gruppen führen zu einer Destabilisierung der gesamten Region. Rom verfolgt diese Entwicklung mit besonderer Aufmerksamkeit und reagiert 58 v. Chr. mit einer bewaffneten Intervention.“Michael Erdrich: Römische Germanienpolitik im 1. Jahrhundert n. Chr. In: Ludwig Wamser (Hrsg.): Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. (= Schriftenreihe der Archäologischen Staatssammlung München). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2000, S. 193.
Caesar erobert Gallien lang=de|mini|Caesar fängt die Helvetier ab (dunkelroter Pfeil)
Gaius Iulius Caesar nutzte zu Beginn seines Feldzugs zur Eroberung Galliens den Auszug keltischer Stämme (Caesar nennt als Gros Helvetier, dazu Tulinger, Latobiker, Rauriker und Boier) aus den rechtsrheinischen Gebieten südlich von Main und Donau und den nördlichen Alpenvorlanden bis zum heutigen Bayern (Augsburg-Lech-Inn). Er schlug diese Volksgruppen in der Schlacht bei Bibracte vernichtend (58 v. Chr.) – vermutlich kamen 2/3 der Auswanderer ums Leben, auch wenn die absoluten Zahlen kaum zu ermitteln sind.Bei Caesar wie auch bei anderen römischen Historikern kann es sich noch immer um die antike Gewohnheit handeln, Verluste des Gegners in Zahlen auszudrücken, die letztlich nur „sehr viele“ bedeuten sollen. Eine Berechnung besagt, dass der helvetische Treck bei den Wegeverhältnissen 130 km lang gewesen sein müsste. Die Überlebenden wurden von Caesar zurückgesandt, um als Bewohner einer ‚Pufferzone‘ die Grenzen am Hochrhein zwischen Rheinknie und Bodensee und zur Donau hin gegen die Germanen zu schützen. Diese Reste der ‚zurückgesandten Völker‘ konnten kaum mehr in der Fläche siedeln, sondern werden sich in städtischen Zentren (Oppida) und um Höhenburgen konzentriert haben. Dies dürfte sich auch nach mehreren Generationen noch nicht geändert haben.
Die Entvölkerung dieser ehemals keltisch kultivierten Lande könnten den römischen Geographen und Historiker Claudius Ptolemäus veranlasst haben, noch um 130 n. Chr. diese Region als „Helvetier-Einöde“ zu bezeichnen.
Herrschaft des Augustus Nach Caesars Kämpfen um die Macht (49 bis 45 v. Chr.) und seiner Ermordung 44 v. Chr. ging Octavian (ab 27 v. Chr.: Augustus) aus dem Bürgerkrieg um die Nachfolge Caesars als Sieger hervor (44 bis 31 v. Chr.). In diesem Zeitraum und auch danach herrschte in dem niedergerungenen Gallien und auch an der Rheingrenze nach Germanien relative Ruhe.
Augustus vergrößerte das Imperium vor allem im Osten, gewann den Norden Spaniens, in Afrika Ägypten und Mauretanien, schuf neue Provinzen südlich auf der Donau auf dem Balkan und sicherte in Feldzügen gegen Dalmater und Salasser 25 v. Chr. die Pässe am Kleinen und Großen St. Bernhard. 17 v. Chr. schien es dem neuen Kaiser angebracht, mit großen Feiern den Beginn einer „Pax Romana“ – den augusteischen Frieden – zu proklamieren. Er hielt genau ein Jahr, „dann brachen Aufstände in längst unterworfenen Gebieten los [… und] die schmählichste Niederlage erlitten die Römer dort, wo sie es am wenigsten erwartet hatten: am Rhein. [Die Sugambrer] überquerten den Strom, um in Gallien einzufallen. Der Statthalter Marcus Lollius […] zog ihnen mit einer Legion entgegen und wurde geschlagen.“ Schande bedeutete es, dass das Feldzeichen, der ‚Legionsadler‘ in die Hände der Germanen gefallen war – Augustus nutzte den Vorfall für seine Strategie und ging persönlich von für drei Jahre nach Gallien.Ralf-Peter Märtin: Kapitel V: Rheinfront. In: Die Varusschlacht. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, zitiert nach: Fischer Taschenbuch Verlag (überarbeitet) 2010, S. 71 f. Nun sollte auch das Alpenvorland gesichert werden, um von dort aus nicht wieder in Gefahr zu geraten.
mini|hochkant=1.8|links|Anmarschwege der Armeen: Tiberius im Westen über Vesontio entlang des Hochrheins zum Bodensee, Drusus östlich über die Alpen
Alpenfeldzug Nach der Sicherung der westlichen Rheingrenze durch die Verlegung von sechs im Innern Galliens stationierten Legionen zwischen 16 und 13 v. Chr. an die Linie zwischen der Mündung des Flusses und dem heutigen Mainz (Mogontiacum) ... Sämtliche Völkerschaften der Region wurden unterworfen, auch die keltischen Vindeliker.
mini|x220px|Keltische Besiedlung in den Alpen und am Hochrhein Nach der Vereinigung der Heere und der Erkundung der Quelle der Donau wurde im westlichen Abschnitt die Hochrheinlinie als vorläufige Grenze eingerichtet. Als eine der Basen diente dort das ab 15 v. Chr. nachgewiesene Römerlager Dangstetten (bis 9 v. Chr.). In diesen Zeitraum fällt auch die Zerstörung des keltischen Oppidum in Altenburg-Rheinau. Im darauf weiter im Norden folgenden Krieg um Germanien 12–9 v. Chr. schoben die Römer die Grenze entlang des Main und bis zur Weser vor.
Nach der Niederlage im Teutoburger Wald 9 n. Chr. verstärkten die Römer ihre Truppenpräsenz und errangen wieder militärische Erfolge in Germanien, doch setzte sich allmählich die Erkenntnis durch, dass dieses letztlich unübersehbare Territorium nicht völlig besetzt werden könne, sondern jede Politik nur dem „zur Vorfeldsicherung Galliens nötigen Aufwands Rechnung“ tragen müsse und es somit zu einer „Rückbesinnung der römischen Germanienpolitik auf ihren historischen Ausgangspunkt […] – das Alpenvorland“ kam.Karlheinz Dietz: Zur historischen Geographie nördlich der Alpen. In: Ludwig Wamser (Hrsg.): Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. (= Schriftenreihe der Archäologischen Staatssammlung München). Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2615-7, S. 2 f.
„Als Kaiser Tiberius im Jahre 16 n. Chr. den Rückzug aller Truppen auf das linke Rheinufer befiehlt, bedeutet dies das definitive Ende aller Versuche, die Reichsgrenze bis an die Elbe vorzuschieben.“Michael Erdrich: Römische Germanienpolitik im 1. Jahrhundert n. Chr. In: Die Römer. S. 194.Während der Herrschaft des Tiberius kam es zur Rückgabe der Feldzeichen der Varus-Legionen, jedoch bis zum Tod des Kaisers 37 n. Chr. zu keinen weiteren militärischen Unternehmungen in Gallien oder Germanien. Keine besondere Bedeutung – zumindest keinen Erfolg – scheint ein Heereszug des Kaisers Caligula 39 n. Chr. über die Alpen besessen zu haben.
mini|Grabstein des Veteranen Certus von der XIII. Legion (Tenedo-Zurzach) Um diese Zeit wurde durch die Legio XIII Gemina (13. Legion) ein zuerst aus Holzbauten errichteter Stützpunkt in Vindonissa erstellt. Es gilt heute als wahrscheinlich, dass die XIII. Legion bereits die Straße, die (später) durch Juliomagus führte, gebaut hat.
Zur Gründung von Juliomagus „Von dem augusteischen Legionslager Dangstetten aus stieß das Militär nach Norden möglicherweise schon bis in das Gebiet zwischen Hochrhein und oberem Donautal vor.“ (Wieland, 1994).Zitiert nach: Claus-Michael Hüssen: Die Donaugrenze von tiberisch-claudischer bis in frühflavische Zeit. In: Die Römer, S. 58.
Die Annahme, dass vom Lager Dangstetten aus eine Erschließung der unmittelbar anschließenden, fruchtbaren Klettgau-Ebene bis hin zur Wutach vorgenommen wurde, findet sich auch in der Lokalhistorie. Denn erstaunlich wäre es, wenn gerade hier (bei Dangstetten), wo sich das größte Legionslager nach dem Alpenfeldzuges befand, das mindestens sechs Jahre – bis 9. v. Chr. –, Bestand hatte, kein Zugriff auf das Umfeld erfolgt wäre. Es ist kaum anzunehmen, dass die Truppen in dieser Zeit untätig waren.
Claus-Michael Hüssen geht davon aus, dass das „Lager bei Hüfingen“ (Brigobanne) bereits vor 45 n. Chr. durch eine von Dangstetten aus gebaute Strasse (über eine mögliche Station am Wutachübergang beim späteren Iuliomagus) erstellt wurde, denn: „Die Kastellinie an der Donau beginnt mit dem Lager bei Hüfingen an der Breg (Revellio, 1937), das den südlichen Schwarzwald und wahrscheinlich eine Verbindung zum Rheintal überwachen sollte. Die Gründung des Kastells ging vom Standort der legio XIII Gemina (13. Legion) in Windisch-Vindonissa aus.“Hüssen: Donaugrenze, S. 58. Zwischen Hüfingen/Brigobanne und dem Rheintal lag Juliomagus.
mini|Amphitheater von Vindonissa Die XIII. Legion war bis 44/45 n. Chr. in Vindonissa stationiert und es gilt als sicher, dass der ab 41 n. Chr. herrschende Kaiser Claudius schon bald nach seinem Regierungsantritt mit großer Energie den Straßenbau vorantrieb. So kam es unter Claudius in der Nachbarregion Raetien zu einem Ausbau von Straßen – der Via Claudia Augusta von Oberitalien nach Augusta Vindelicum (Augsburg) zur Donau und der Donausüdstraße wahrscheinlich bis Hüfingen sowie zur Einrichtung zahlreicher Militärlager.
Der Straßenbau von Vindonissa nach Tenedo (Bad Zurzach) über die Stelle von Iuliomagus nach Brigobanne (Hüfingen) und Arae Flaviae (Rottweil) wurde demnach schon im 5. Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts n. Chr. durchgeführt. Nach den Autoren Revellio und Hüssen durch die 13. Legion.
Dies bedeutet, dass die Straße spätestens 45 n. Chr. existierte – dass damit jedoch schon die Anfänge von Juliomagus gesetzt waren, ist dadurch noch nicht bewiesen.
Die Gründung nach älterer Überlieferung