mini|hochkant=1.4|Lage der Liesenstraße in Berlin, 1884
Die Liesenstraße liegt an der Grenze zwischen den Berliner Ortsteilen Mitte und Gesundbrunnen im Bezirk Mitte. An ihrer südöstlichen Seite verlief die Berliner Mauer. Gesundbrunnen gehörte bis 2001 zum Bezirk Wedding; dieser bildet heute mit Tiergarten und Mitte den neuen Bezirk Mitte.
An der rund 500 Meter langen Straße befindet sich so gut wie keine Wohnbebauung. Geprägt ist sie durch die sie kreuzenden, denkmalgeschützten Liesenbrücken und vier der bekanntesten Berliner Friedhöfe. Auf den Grundstücken südöstlich der Straße sind außerdem Reste der Grenzanlagen der DDR an der Berliner Mauer erhalten geblieben.
Lage und Gründungsgeschichte Die Liesenstraße verbindet die Chausseestraße mit der Gartenstraße und führt nach der Kreuzung mit dieser als Scheringstraße weiter. Sie führt dabei südlich vom Humboldthain über das ehemalige Grundstück des Berliner Gastwirts Carl Adolf Friedrich Liesen und wurde 1826 angelegt. 1833 wurde sie nach dem ehemaligen Besitzer benannt. Die Freiflächen an der Liesenstraße boten sich den Berliner Kirchengemeinden als Alternative zu innerstädtischen Begräbnisstätten an, die inzwischen gefüllt waren (siehe: Berliner Bestattungswesen).
Ab 1867 betrieb Louis Schwartzkopff nördlich der Liesenstraße den Erweiterungsbau seiner Eisengießerei und Maschinenfabrik Schwartzkopff. Deren Hauptsitz lag in der Chausseestraße; aus ihr ging die Berliner Maschinenbau AG hervor.
Die vier Friedhöfe, der zunehmende Zugverkehr von der benachbarten Stettiner Bahn und das Umfeld an metallverarbeitenden Betrieben, die der Gegend den Namen Feuerland einbrachte, machten verbleibende Grundstücke entlang der Liesenstraße für eine Wohnbebauung unattraktiv.
Die Berliner Mauer an der Liesenstraße
Entwicklungen nach dem Mauerbau mini|Todesstreifen auf dem St.-Hedwig-Friedhof mit Wachturm am Tunnel unter S-Bahn-Trasse; die erneuerte Grenzmauer ist noch ohne runden Abschluss, 1980
Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 konnte die Liesenstraße nur noch vom West-Berliner Bezirk Wedding aus betreten werden. Die drei Friedhöfe südlich der Straße und die bis zur Chausseestraße anschließenden Grundstücke lagen in Ost-Berlin. Dort wurde ein Grenzstreifen angelegt und in den folgenden Jahrzehnten immer weiter ausgebaut. Auf dem ehemaligen Friedhofsgelände war dieser Grenzstreifen beim Mauerfall 1989 rund 40 m, nahe der Chausseestraße wegen des dort gelegenen Grenzübergangs sogar bis zu 120 m tief. Inzwischen ist die Liesenstraße als Teil des zwischen 2002 und 2006 unter Verantwortung der Senatsverwaltung angelegten Berliner Mauerwegs ausgeschildert.
Von den Begräbnisstätten an der Liesenstraße war ab 1961 nur noch der nördlich gelegene Dorotheenstädtische Friedhof frei zugänglich. Dieser war jedoch durch die Mauer von seiner Gemeinde getrennt und wurde von Kreuzberger Gemeinden verwaltet. Die früheren Eingänge zu den anderen Friedhöfen waren durch die DDR-Grenzanlagen geschlossen. Die im Grenzstreifen liegenden Gräber wurden vollständig abgeräumt. Auf dem Gelände wurde – zum Teil mit abgebauten Grabsteinen – ein Kolonnenweg angelegt, der für die Fahrzeuge der Grenzpatrouillen genutzt wurde. Der Kolonnenweg unterquerte in einem eigens angelegten Tunnel die angrenzende S-Bahn-Trasse und setzte sich auf dem Grenzstreifen auf dem Gelände des Nordbahnhofs fort. Damit die hier die Sektorengrenze überquerende S-Bahn besser kontrolliert werden konnte, stand an der Tunneleinfahrt ein Wachturm.
Der Zugang zu den Friedhöfen südlich der Liesenstraße war nur noch über einen kleinen, gemeinsamen Eingang in der Wöhlertstraße möglich und auch nur direkten Angehörigen der hier beerdigten Personen unter strengen Auflagen gestattet. Es gab sogar Pläne, die Friedhöfe vollständig zu beseitigen, diese wurden aber nicht realisiert. Trotzdem wurden die Begräbnisstätten durch die Abräumung im Grenzteil, durch Zerstörungen im Grenzbetrieb und nicht zuletzt durch Vandalismus und Souvenirjäger nach der Öffnung der Berliner Mauer teilweise sehr stark beschädigt.
mini|Skulptur Wiedervereinigung von Hildegard Leest, 1962
Der ehemalige Grenzstreifen gehört inzwischen wieder zum Gelände der drei Friedhöfe. Außer der Neuerrichtung der Friedhofsmauern an der Liesenstraße und der Wiederherstellung der Hauptwege im entleerten Gelände hat man allerdings auf rekonstruierende Maßnahmen weitgehend verzichtet. Die Abmessungen des Grenzstreifens und die in der Mauerzeit entstandenen Zerstörungen sind dadurch vor Ort noch erfassbar.
In der Grünanlage an der nördlichen Ecke von Liesenstraße und Chausseestraße erinnert eine 2,40 m hohe Skulptur aus Muschelkalkstein an die Zeit der Teilung. Das von Hildegard Leest 1962 entworfene Kunstwerk trägt den Titel Wiedervereinigung. Es zeigt zwei stilisierte Menschen, die sich über eine Kluft hinweg die Hände reichen. Der Standort wurde so gewählt, dass zur Zeit der Errichtung in südwestlicher Blickachse der Händedruck über den Grenzübergang Chausseestraße hinweg zu erfolgen schien.
Erhaltene Reste der Grenzanlagen mini|Mauerrest an der Liesenstraße vor den Liesenbrücken mini|Rest der Hinterlandmauer auf dem St.-Hedwig-Friedhof
Entlang der gesamten Liesenstraße, besonders auf dem Friedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde, sind Reste der Grenzanlagen erhalten geblieben. Einige davon stehen heute unter Denkmalschutz.
Ein 15 m langer, denkmalgeschützter Abschnitt der „Grenzmauer 75“ in Originalhöhe mit oberem Betonrohr befindet sich in der nördlichen Spitze des Friedhofs der St.-Hedwigs-Gemeinde, direkt an die Liesenbrücken anschließend. Es handelt sich um den kürzesten der drei noch erhaltenen Abschnitte der eigentlichen Berliner Grenzmauer („Vorderes Sperrelement“). Die anderen finden sich in der Bernauer Straße und in der Niederkirchnerstraße. Der Mauerabschnitt an der Liesenstraße sitzt etwas hinter der alten Friedhofsmauer auf. Zur Straßenseite hin ist er stark von „Mauerspechten“ bearbeitet worden.
Im westlichen Teil des Friedhofs der St.-Hedwigs-Gemeinde steht ein kurzer Abschnitt der Hinterlandmauer des Grenzstreifens an der Liesenstraße; auch dieser steht unter Denkmalschutz.
Eine ebenfalls denkmalgeschützte Plattenwand begrenzt den Friedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde im Osten. Sie ist etwa 200 m lang und besteht aus zwischen Stahlträgern aufgehängten Betonplatten. Sie verlief als „Vorfeldsicherung“ parallel zu einem (nicht erhaltenen) Abschnitt der Hinterlandmauer des Grenzstreifens auf dem Gelände des Nordbahnhofs. Diese auch an einigen anderen Grenzabschnitten zu findende doppelte Staffelung der Sicherungsmauern auf Ost-Berliner Seite wurde gewählt, weil dazwischen die Trasse der nur an West-Berliner Bahnhöfen haltenden S-Bahn verlief. Auf der Friedhofsseite der Plattenwand findet sich noch in den frischen Beton eingeritzte Graffiti, darunter eine Reihe von Daten aus den Monaten Oktober bis Dezember 1974. Auch die eingeritzte Zeichnung eines Grenzwachturms des Typs BT 11 („dritte Generation“) ist zu erkennen. Dies zeigt, dass die Betonteile vor Ort erstellt wurden.
In der südwestlichen Ecke des Domfriedhofs I befindet sich der (nicht denkmalgeschützte) Rest einer ähnlichen Plattenwand, die den Friedhof vom angrenzenden Gebiet jenseits der Hinterlandmauer abtrennen sollte. Entlang des Gräberfeldes ist nur die Pfostenreihe dieser „Vorfeldsicherung“ erhalten geblieben. Sie entspricht dem Verlauf einer älteren Version der Hinterlandmauer; deren Fundamentreste sind im Brachland südlich der Friedhofsmauer noch zu entdecken.
Der den Grenzstreifen einst durchlaufende Kolonnenweg ist im Friedhofsbereich nicht mehr zu erkennen. Der Tunnel, mit dem der Kolonnenweg die S-Bahn-Trasse unterquerte, ist zugemauert worden. Lediglich im Gelände, das sich westlich des Friedhofsgeländes bis zur Chausseestraße erstreckt und ganz zum Grenzgebiet gehörte, findet sich noch ein Teilstück des Kolonnenwegs vom Grenzabschnitt Liesenstraße. Der Kolonnenweg biegt hier in südlicher Richtung ab, sodass die Zufahrt hinter dem Grenzübergang Chausseestraße erfolgen konnte.
Alle Überreste der Grenzanlagen im Geländeeck an Liesenstraße und Chausseestraße waren nicht denkmalgeschützt, sodass sie im Zuge baulicher Erschließung des Areals verschwunden sind. Für den Neubau einer Tankstelle auf dem Gelände wurden bereits im Frühjahr 2008 Mauerreste aus verschiedenen Epochen entfernt, die sich in einem Buschwerk direkt am Gehweg an der Liesenstraße befunden hatten. Es handelte sich um vermauerte Hohlblocksteine der ursprünglichen Grenzmauer von 1961 („erste Generation“). Diese war später mit Beton vergossen worden und hatte schließlich als Fundament der „Grenzmauer 75“ („vierte Generation“) gedient, deren Betonbett an dieser Stelle noch in Umrissen zu erkennen war. Inzwischen mussten diese Mauerspuren einem Bauprojekt an der Ecke Liesen-/Chausseestraße weichen.
Friedhöfe an der Liesenstraße
miniatur|Engel auf dem St. Hedwigs-Friedhof mini|Blick über den ehemaligen Mauerstreifen, Zerstörungen sind auf allen drei Friedhöfen erkennbar Die Friedhöfe an der Liesenstraße entstanden in den 1830er und 1840er Jahren. Als ältester Friedhof wurde ab 1830 der evangelische Domfriedhof I der Oberpfarr- und Domkirche genutzt. 1834 folgte der katholische alte Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde und ein Jahr später wurde der Friedhof der Französisch-reformierten Gemeinde eingeweiht. Diese drei Friedhöfe liegen nebeneinander an der Südseite der Liesenstraße im Bezirk Mitte. 1842 folgte der Bau des Dorotheenstädtischen Friedhofs auf der Nordseite der Straße in Berlin-Gesundbrunnen. Alle vier Friedhöfe werden weiter für Bestattungen genutzt.
Domfriedhof I
mini|Das alte Kuppelkreuz im Friedhof der Domgemeinde Der Domfriedhof wurde von der Oberpfarr- und Domgemeinde 1830 als erster Begräbnisplatz in diesem Gebiet erworben. Er ist etwa einen Hektar groß, hat verhältnismäßig wenige Gräber, eine restaurierte Kapelle von 1892 und das ehemalige goldene Kuppelkreuz des Berliner Doms.
Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde
mini|Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde
Der knapp über ein Hektar große Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde wird seit 1835 benutzt. Er hat viele Gräber von Nachkommen hugenottischer Einwanderer, darunter das des Dichters Theodor Fontane.
Alter Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde mini|Tafel am Eingang des Friedhofs mini|hochkant|Marmorengel von Josef Limburg mini|Blick über den Friedhof, 2006 mini|Grab von Peter von Cornelius mini|hochkant|Franz Skarbina: Allerseelentag (Hedwigskirchhof), 1896
Der Alte Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde wurde 1834 geweiht und ergänzte den ersten nach der Reformation, im Jahre 1777 an der Hannoverschen Straße 5 / Chausseestraße in Berlin-Mitte vor dem Oranienburger Tor angelegten katholischen Friedhof. Dieser war jedoch bereits 1853 aus sanitätspolizeilichen Gründen wieder geschlossen worden, auch wenn noch bis 1878 einzelne Nachbestattungen erfolgten. 1998, vor der geplanten Überbauung mit der Katholischen Akademie erfolgte die Abräumung und eine archäologische Grabung auf dem Friedhofsgelände.Claudia Maria Melisch, Felix Escher, Bettina Jungklaus: Der erste katholische Friedhof Berlins. Hrsg.: Landesdenkmalamt Berlin; Reihe: „Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin“, Band 36, 127 S. Damit ist der Friedhof in der Liesenstraße heute der älteste bestehende katholische Friedhof Berlins. Er ist etwas über zwei Hektar groß. 1833 wurde das gesamte Gelände umzäunt und ein Totengräberhaus sowie ein Schuppen erbaut. 1849 wurden hier 429 Opfer der Choleraepidemie begraben, 1866 nochmals 1111 Opfer derselben Krankheit.