Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus ist ein im Frühjahr 2005 erschienenes Buch des Historikers Götz Aly. Thema ist die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zum nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Alys Hauptthese ist, dass ein Großteil der Bevölkerung die sozial und egalitär orientierte „Gefälligkeitsdiktatur“ aufgrund materieller Vorteile unterstützte, die auf Raub, Zwangsarbeit, Enteignung und Ausbeutung beruhten.
Diese Deutung der Fundierung nationalsozialistischer Herrschaft löste 2005 eine Debatte über die Sozialpolitik im Nationalsozialismus, die deutsche Kriegswirtschaft, die Popularität des Regimes und schließlich über die Motivation des Holocausts aus. Das Buch erhielt Anerkennung für die intensive Bearbeitung teilweise neuer Sachverhalte. Kritisch wurde vor allem von Historikern dargestellt, dass Aly materiellen Faktoren einen unangemessen hohen Stellenwert zumesse. Die ideologische Basis der Herrschaft werde unterbewertet. In seiner Reaktion auf die Kritik warf Aly der „etablierten Geschichtsschreibung“ vor, die von ihm dargestellten Zusammenhänge fahrlässig zu übersehen. Manche Kritiker warfen ihm vor, sozialistische oder linke Gesellschaftstheorien oder sozialstaatliche Vorstellungen diskreditieren zu wollen. Andere Kritiker sahen in seinen Darstellungen Stereotype der jüdischen und der deutschen Bevölkerung.
Einzelthesen Mark Spoerer unterscheidet vier Einzelthesen in Alys Darstellung.Mark Spoerer, Rezension zu: Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-000420-5, in: H-Soz-Kult, 26.05.2005, Rezension auf hsozkult.de.
Der Holocaust sei „der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte“ gewesen. Die Ausbeutung des Auslands hätte den Krieg stärker finanziert als das Inland. Durch Umverteilung von oben nach unten habe sich das Regime die Zustimmung der Mehrheit erkauft. Das Versprechen eines „Volksstaates“ und eines „nationalen Sozialismus“ hätte nur nach einem Sieg eingelöst werden können.
Aufbau und Inhalt Teil I: Stimmungspolitiker in Aktion Das Buch besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil, „Stimmungspolitiker in Aktion“, beschreibt Aly als Ausgangspunkt seiner Arbeit die „noch immer unbeantwortete Frage: Wie konnte das geschehen?“, oder präziser: „Wie konnte ein im Nachhinein so offenkundig betrügerisches, größenwahnsinniges und verbrecherisches Unternehmen wie der Nationalsozialismus ein derart hohes, den Heutigen kaum erklärbares Maß an innenpolitischer Integration erreichen?“Aly, 2005, S. 35 f. Zur Beantwortung der Frage charakterisiert Aly das nationalsozialistische Regime als jederzeit mehrheitsfähige „Gefälligkeitsdiktatur“:Aly, 2005, passim, Kapitelüberschrift, S. 49. Die Staatsführung habe äußerst sensibel auf allgemeine Zufriedenheit geachtet und sich Zuspruch oder wenigstens Gleichgültigkeit „erkauft“. Die Lehre von der Ungleichheit der Rassen sei verbunden gewesen mit dem Versprechen größerer Gleichheit oder zumindest Chancengleichheit im Inneren. Die „sozial- und nationalrevolutionäre Utopie“,Aly, 2005, S. 11. welche die NSDAP bei der breiten Mehrheit populär gemacht habe, sei der „soziale Volksstaat“ gewesen, dessen Wohltaten allerdings auf Kosten anderer finanziert wurden, nämlich durch Raubmord und Rassenkrieg. Im Weiteren werden im ersten Teil das Selbstverständnis der nationalsozialistischen Regierung und Verwaltung, die sozialpolitischen Maßnahmen vor und während des Krieges und die Reaktion der Bevölkerung darauf behandelt.
Teil II: Unterwerfen und ausnutzen Der zweite Teil, „Unterwerfen und ausnutzen“, behandelt ausführlich die Methoden, mit denen die Kriegskosten des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg auf die besiegten Länder abgewälzt wurden, um die finanzielle Belastung der Deutschen zu mindern. Neben der direkten Bezahlung der Besatzungskosten müsse hier laut Aly beachtet werden, dass deutsche Soldaten die besetzten Länder über das System der Reichskreditkassenscheine regelrecht leerkaufen konnten. Dass auch massenhaft Güter an die Heimat weitergeleitet wurden, wurde von der Regierung geduldet oder sogar gefördert. So seien Kriegsgewinne der breiten Bevölkerung zugutegekommen. Als Beispiel für einen jungen Wehrmachtssoldaten, der seiner Familie regelmäßig Pakete schickt, erwähnt Aly immer wieder den späteren Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Auch die Einziehung von Feindvermögen und dem der Juden sowie der Einsatz von Zwangsarbeitern seien der deutschen Staatskasse und damit indirekt der deutschen Bevölkerung zugutegekommen. Im Laufe des Krieges sei die völlige Destabilisierung der Wirtschaft in den besetzten Gebieten in Kauf genommen worden, um die materielle Not im Reich in Grenzen zu halten und damit befürchtete Unzufriedenheit zu verhindern. Schon im Frühjahr 1941, vor Beginn des „Unternehmens Barbarossa“, sei ein Hungerplan entworfen worden, der zwecks Sicherung der Ernährung im Deutschen Reich die Dezimierung der slawischen Bevölkerung in den zu besetzenden Gebieten der Sowjetunion um viele Millionen Menschen vorsah.Aly, 2005, S. 195–206.
Teil III: Die Enteignung der Juden Der Titel des dritten Teils lautet „Die Enteignung der Juden“. Aly zufolge führt Aly, 2005, S. 209. und verfehlt Tatsächlich sieht Aly nämlich das „Prinzip Staatsraub“ und in der Arisierung einen .Aly, 2005, S. 210. Im Weiteren werden beispielhaft Enteignungen bei Verbündeten und in besetzten Gebieten beschrieben, die stets der deutschen Kriegskasse, insbesondere der Versorgung der Wehrmacht, dienten. Besonders ausführlich geht Aly dabei dem Holocaust in Griechenland nach. Die Enteignung griechischer Juden diente der Stützung der inflationsgefährdeten Drachme, was wiederum die Besatzungskosten der Wehrmacht zu finanzieren half.
Teil IV: Verbrechen zum Wohle des Volkes Der vierte Teil, „Verbrechen zum Wohle des Volkes“, resümiert die Untersuchungen und will darlegen, aus welchen Motivationen heraus die bekannten Verbrechen begangen wurden. Aly leugnet dabei nicht, dass die rassistische Ideologie wichtig gewesen sei, fügt aber die materiellen Interessen als weiteren und wichtigen Grund für das Ausrauben und Ermorden der Juden hinzu: „Der Holocaust bleibt unverstanden, sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert wird.“Aly, 2005, S. 318. Nutznießer seien nicht nur NS-Funktionäre, Banken und Industrielle gewesen, sondern „95 Prozent der Deutschen“. Dies will Aly auch an eigenen Berechnungen belegen, nach denen die Finanzierung der nationalsozialistischen Politik und des Krieges „rassen- und klassenbewusst“Aly, 2005, Kapitelüberschrift, S. 358. gewesen sei. Die laufenden Kriegskosten seien zu mindestens zwei Dritteln vom Ausland bzw. Ausländern, Juden und Zwangsarbeitern bezahlt worden; unter den Deutschen sei die Last dagegen so aufgeteilt worden, dass Wohlhabende mehr bezahlten, mittlere und schwache Einkommensschichten dagegen gering belastet wurden. Genau darauf sei die Politik auch ausgerichtet gewesen: „Die Sorge um das Volkswohl der Deutschen bildete die entscheidende Triebkraft für die Politik des Terrorisierens, Versklavens und Ausrottens.“Aly, 2005, S. 345. Die „Gefälligkeitsdiktatur“ habe die große Mehrheit der Bevölkerung durch kleine individuelle Vorteile abgespeist und politisch neutralisiert. Aly schließt mit dem Satz: „Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht sprechen will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.“Aly, 2005, S. 362.
Rezeption Debatte 2005 mini|300x300px|Diskutanten bei Buchvorstellung am 23. Mai 2005 in Frankfurt am Main. v.r.n.l: Gerhard Zwerenz, Florian Weis, Götz Aly (am Mikrofon), Jörg Prelle
Das Buch löste 2005 eine Debatte aus, die für Volker Ullrich zeitweise sogar ein „neuer Historikerstreit“Volker Ullrich, Die Zeit 19/05. zu werden schien. Auch zur Debatte um Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker wurden Parallelen gezogen. So schrieb Marc Spoerer, Aly stelle Goldhagen „vom Kopf auf die Füße“,Mark Spoerer, H-Soz-u-Kult das heiße, er wiederhole Goldhagens Thesen, fundiere sie aber materialistisch-ökonomisch. Aly bestritt dies, insbesondere habe er nicht die Absicht, „die abgestandene These von der Kollektivschuld neu zu beleben.“Aly, Die Zeit 15/05.
Hans Mommsen, 10. März Hans Mommsen bezeichnete die Thesen Alys in der SZ vom 10. März 2005 zwar als „sehr provokativ“, fand sie aber „eindrucksvoll belegt“. Aly habe ein ganz neues Forschungsfeld eröffnet, vor allem durch die Erarbeitung der bisher weitgehend ignorierten Akten des Reichsfinanzministeriums. Mommsen stimmt dem Ergebnis zu: „Nicht so sehr langfristige ideologische Visionen als selbsterzeugte Zwänge führten zur Eskalation des Verbrechens, ohne bei der Funktionselite auf Widerstand zu stoßen.“
Volker Ullrich, 10. März Volker Ullrich hob in der Zeit vom 10. März unter anderem hervor, Aly habe erstmals die Methoden der Kriegsfinanzierung durchleuchtet. Aly überschätze das Motiv der materiellen Korrumpierung, aber das schmälere seine Leistung nicht: „Dieses Buch gehört zu den seltenen Werken, die unseren Blick auf die düsterste und folgenreichste Periode der deutsche Geschichte neu schärfen.“
Adam Tooze, 12. März Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze bezeichnete in der taz vom 12. März 2005 Alys Berechnung der Kriegskostenverteilung als falsch und übte scharfe Kritik an methodischen Einseitigkeiten: Aly habe auf der deutschen Seite die Verschuldung nicht eingerechnet. Tatsächlich hätten die Deutschen durchaus den größten Teil der Kriegslast getragen und seien auch steuerlich höher belastet gewesen als etwa die Briten. Hitler habe den Deutschen also sehr viel abverlangt, die Mobilisierung der deutschen Volkswirtschaft für den Krieg sei der eigentlich hervorstechende Faktor.
Götz Alys Replik, 15. März Aly entgegnete in der TAZ, er spreche von den Kriegseinnahmen, Tooze gehe von den gesamten Kriegsausgaben aus. „Die Verwechslung bildet die Grundlage seiner Polemik.“ In seinem Buch gehe es um die Lastenverteilung, die für die allgemeine Stimmung in Deutschland ausschlaggebend gewesen sei. Die Schulden wurden verheimlicht und als „virtuelle Kriegsschulden“ „weggeredet“, sie sollten schließlich den Verlierern aufgebürdet werden. Zu seiner eigenen Berechnungsgrundlage führt Aly aus: Unter der Kapitelüberschrift „Kriegseinnahmen 1939–1945“ betrachte ich die Quellen der laufenden Einnahmen genauer. Sie stammten tatsächlich zu mehr als zwei Dritteln aus externen Ressourcen, wurden also Menschen abgepresst und geraubt, die nicht zur deutschen Volksgemeinschaft zählten. Nur der kleine Rest der laufenden Kriegseinnahmen musste von den deutschen Steuerzahlern aufgebracht werden, und zwar in der Weise, dass die Besserverdienenden besonders hohe und die durchschnittlich und wenig Verdienenden äußerst geringe Lasten zu tragen hatten.
Toozes Antwort, 16. März