mini|Todesanzeige für Ernst Leitz im Gießener Anzeiger vom 12. Juli 1920Gießener Anzeiger; General-Anzeiger für Oberhessen vom 12. Juli 1920, S. 4. Ernst Leitz I (* 26. April 1843 in Sulzburg, Baden; † 10. Juli 1920Ernst Leitz †, Deutsche Optische Wochenschrift, Nr. 31/32, 3. August 1920, S. 261ff. in Solothurn, Schweiz) war ein deutscher Unternehmer und Inhaber der Optischen Werke Ernst Leitz in Wetzlar (heute Leica Microsystems und Leica Camera).
Leben Jugend und Wanderjahre mini|Geburtshaus in Sulzburg Ernst Leitz kam am 26. April 1843 im badischen Städtchen Sulzburg als Sohn des Lehrers Ernst August Leitz und seiner Ehefrau Christina, geborene DöbelinEintrag von Ernst Leitz in die Familienbibel o. D., Leica-Archiv zur Welt.
In der renommierten „Werkstätte für physikalische Instrumente“, gegründet von Ferdinand Oechsle in Pforzheim, wurde Ernst Leitz in den Jahren 1858–1863 zum Mechaniker ausgebildet und besuchte gleichzeitig die dortige Gewerbeschule.Knut Kühn-Leitz: Lehr- und Wanderjahre. In: Knut Kühn-Leitz (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf. Stuttgart 2010, S. 31–34
Die wichtigste Station auf der anschließenden Wanderschaft sollte ihm die moderne Telegrafen- und Uhrenfabrik von Matthäus Hipp in Neuchâtel (Schweiz) werden, wo er die Anfänge der Serienfertigung erlernte.Knut Kühn-Leitz: Lehr- und Wanderjahre. In: Knut Kühn-Leitz (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf. Stuttgart 2010, S. 34, 38
Auf Empfehlung des aus Gießen stammenden Karl Junker trat Ernst Leitz 1864 in das vormalige optische Institut von Carl Kellner in Wetzlar ein, welcher bereits 1855 verstorben war.Carl Metz: Entstehung und Entwicklung der Leitz-Werke (Festausgabe für E. Leitz zum 70 Geburtstag), Wetzlar 1941
Übernahme von Kellners Optischem Institut, Schwerpunkt Mikroskopbau Dessen Nachfolger, der aus Tübingen stammende Optiker Friedrich Belthle, machte Leitz bereits 1865 zu seinem Teilhaber. 1870, nur wenige Monate nach dem Tode Belthles, wurde Ernst Leitz alleiniger Inhaber des kleinen Handwerkbetriebes.Heidi Trabert: Von Carl Kellner zu Ernst Leitz. In: Knut Kühn-Leitz (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf. Stuttgart 2010, S. 66 ff Das optische Institut hatte sich zunächst mit dem Bau und der Optimierung von Fernrohren befasst. Dank der wichtigsten Erfindung Carl Kellners, des orthoskopischen Okulars im Jahre 1849, waren die führenden Wissenschaftler Deutschlands, wie Carl Friedrich Gauß und Justus von Liebig, auf die junge Wetzlarer Werkstätte aufmerksam geworden, die sich jetzt mehr und mehr dem Bau von leistungsfähigen Mikroskopen zuwandte. Auch wenn die kellnerschen Stative mit den besten Stativen ihrer Zeit aus Paris (vor allen Dingen von Georg Oberhäuser) nicht Schritt halten konnten, war die Optik seiner Mikroskope mit großem Sehfeld bei nahezu ebenen Bildern auch bei stärkeren Vergrößerungen denen der Konkurrenz bei Weitem überlegen.Christine Belz-Hensoldt, Gerhard Neumann: Carl Kellner und das optische Institut. In: Knut Kühn-Leitz (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf. Stuttgart 2010, S. 44–62Rolf Beck: Durch wegweisende Innovationen zum Marktführer. In: Knut Kühn-Leitz (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf. Stuttgart 2010, S. 139–140 Belthle hatte die Fertigung von Mikroskopen nach Kellners Tod fortgesetzt. Jetzt lag die Zukunft des Unternehmens in den Händen des jungen Mechanikus. Bereits 1867 hatte Ernst Leitz die Handwerksmeisterstochter Anna Löhr (1844–1908) aus Wetzlar geheiratet, die ihm in den Folgejahren zur unentbehrlichen Gehilfin werden und ihn in wichtigen Geschäftsangelegenheiten erfolgreich beraten sollte.Knut Kühn-Leitz: Die Familie. In: Knut Kühn-Leitz (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf. Stuttgart 2010, S. 69 ff
Anwenderorientierte Serienfertigung führte zum Erfolg Nach Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges 1871 erfuhr die Werkstatt einen erheblichen Aufschwung.Trabert, Heidi: In vierzig Jahren zum Unternehmen mit Weltruf, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, S. 211 In der zutreffenden Erkenntnis, dass das Mikroskop zum wichtigsten Hilfsmittel der Wissenschaft werden würdeBelz-Hensoldt, Christine und Gerlach, Dieter: Das Mikroskop – Symbol für Wissenschaft und Forschung, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, S. 89–114, konzentrierte Leitz seine Fertigung auf dieses Instrument und dessen Optimierung. Damit hatte er das richtige Produkt zur richtigen Zeit ausgewählt. Es gelang ihm, beste Qualität mit Preiswürdigkeit zu verbinden, indem er die in der Schweiz erlernten Methoden der rationellen Serienfertigung einsetzte.Trabert, Heidi: In vierzig Jahren zum Unternehmen mit Weltruf, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, p. 211Leitz, Ernst Michael und Neidull, Günter: Von der Handarbeit zur industriellen Serienfertigung, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 120 ff Mit dieser Strategie vermochte es Ernst Leitz, die Produktion anzukurbeln und somit die Umsätze nachhaltig zu steigern. Hiermit gewann er früh einen deutlichen Vorsprung vor der Konkurrenz, wobei er immer in engstem Kontakt mit den Anwendern an den Hochschulen und in der Industrie blieb. Indem er deren Anregungen schnellstmöglich umsetzte, wurde sein Unternehmen zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Trendsetter in der Mikroskopie.Beck, Rolf: Durch wegweisende Innovationen zum Marktführer, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 142, 160Trabert, Heidi: In vierzig Jahren zum Unternehmen mit Weltruf, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 210 ff
Erweiterung der Produktpalette ab 1880 Anderen Feldern der Optik wandte sich Ernst Leitz ab 1880 zu. Sein ältester Sohn Ludwig Leitz (1867–1898) widmete sich sehr erfolgreich der Mikro- und Makrophotographie, der Mikroprojektion sowie der Mikrotomie. 1880 erschien die erste große Horizontalkamera von Leitz auf dem Markt.Beck, Rolf: Durch wegweisende Innovationen zum Marktführer, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, p. 148Osterloh, Günter: Neue Geschäftsfelder – Fotografische Objektive und Projektoren, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 173 ffBerg, Alexander: Ernst Leitz – Optische Werke in Wetzlar 1849–1949 – Teil 1: Geschichte des Werks, Frankfurt 1949 1881 entstand zur Erleichterung der Präparateherstellung das erste Mikrotom. Ab 1889 gab es den Zeichen- und Projektionsapparat nach Edinger.Beck, Rolf: Durch wegweisende Innovationen zum Marktführer, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 167 ff Früh hatte Ernst Leitz Bezug zur Normal-Photographie. Schon 1894 bot die Firma den Objektivtyp Duplex für verschiedene Brennweiten an. Weitere Objektive für die Mikro- und die Makrophotographie folgten, wie z. B. Summar und Periplan. Die erste Handkamera („Moment“) erschien um 1900.Osterloh, Günter: Neue Geschäftsfelder – Fotografische Objektive und Projektoren, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 173 ff Projektoren für Großbild-Dias entstanden um 1900, sie wurden zu Vorläufern der später weltweit eingesetzten Epidiaskope.Osterloh, Günter: Neue Geschäftsfelder – Fotografische Objektive und Projektoren, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 185 ff 1910 erregte der erste Kinoprojektor für flimmerfreie Filmvorführungen Aufsehen. Schließlich erschien 1913 die Ur-Leica, deren späteren Siegeszug der Firmengründer nicht mehr miterleben durfte.Osterloh, Günter: Neue Geschäftsfelder – Fotografische Objektive und Projektoren, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, pp. 188 ff Ab 1907 baute Leitz auch Ferngläser.Hengst, Alfred: Ferngläser komplettieren die Produktpalette, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, S. 194–206
Ausbau von Leitz-Niederlassungen im In- und Ausland Früh erkannte Leitz, dass der Binnenmarkt für die hochwertigen Erzeugnisse der Optik und Feinmechanik nicht ausreichte. So wurde bereits ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mit Hilfe des Sohnes Ludwig Leitz die Zahl der Niederlassungen und Vertretungen im In- und Ausland mehr und mehr ausgebaut.Wiedel, Wolfgang: Ein erfülltes Leben, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, S. 234–242 Der frühe Tod von Ludwig Leitz 1898 war für die Familie, aber auch für die Firma ein schmerzlicher Einschnitt. Das begonnene Werk des Bruders setzte der zweitgeborene Sohn Ernst (1871–1956) fort, der 1889 als Lehrling in die Firma eingetreten war und 1906 ihr Teilhaber wurde.Kühn-Leitz, Knut: Die Familie, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, S. 71–76
Soziales und politisches Engagement mini|Ernst Leitz I (1843–1920) Neben seinen großen Erfolgen im optischen Instrumentenbau sowie in der Unternehmensführung ist die Menschlichkeit von Ernst Leitz hervorzuheben, die er mit hohem sozialen Engagement verband. Seine Tür stand für jedermann offen. Seine 1885 getroffene „Vereinbarung zur Unterstützung in Not geratener oder nicht mehr arbeitsfähiger Mitarbeiter“, ebenso die 1899 geschaffene Invaliden-, Witwen- und Waisenkasse, die im Laufe der Jahre zu einer Pensionskasse ausgebaut wurde, waren beispielhaft und sicherten die Existenz der Werksangehörigen weit mehr als dies die gesetzlichen Versicherungen der staatlichen Sozialkasse vermochten. Der bereits 1906 eingeführte Achtstundentag, ebenso wie die hohe Entlohnung seiner Mitarbeiter, machten ihn zu einer Ausnahmepersönlichkeit unter den Unternehmern seiner Zeit. „Leitzianer“ hatten eine angesehene Sonderstellung weit über Wetzlars Grenzen hinaus. Geprägt durch seine badische Heimat und sein Elternhaus, engagierte sich Ernst Leitz früh für den fortschrittlichen Liberalismus. Er war Mitbegründer des liberalen Vereins in Wetzlar. Für kurze Zeit war er Mitglied der Wetzlarer Freisinnigen Volkspartei, gehörte gemeinsam mit seinem Sohn Ernst 1918 zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei in Wetzlar. Von 1897 bis 1902 war Ernst Leitz Mitglied der Stadtverordnetenvertretung, gehörte auch wiederholt dem Kreistag an. Seiner Wahlheimat Wetzlar ließ er großzügige Spenden zukommen, u. a. zur Errichtung einer Krippe für Pflegekinder und zur Ausgestaltung des Kinderheims in Wetzlar, ferner zur Verschönerung des Stadtbildes. Großzügige Zuwendungen erhielten auch die Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen, ferner die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen.Wiedel, Wolfgang: Ein erfülltes Leben, in: Kühn-Leitz, Knut (Hrsg.): Ernst Leitz I: Vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf, Stuttgart 2010, S. 236–239
mini|Ernst Leitz, circa 1910
Gute Mitarbeiter tragen zum Erfolg des Unternehmens bei Großes Geschick bewiesen Ernst Leitz und seine Frau Anna auch in der Auswahl ihrer führenden Mitarbeiter. Früh beherrschte Leitz die Kunst, wichtige Aufgaben zu delegieren, Verantwortung an Menschen zu übertragen, die sein Vertrauen durch überragende Leistungen rechtfertigen sollten.