mini|hochkant|Abendmahlsfeier in Kirche Saint-Pierre-le-Jeune, Strasbourg Ein Abendmahlsgottesdienst, auch Gottesdienst mit Abendmahl oder – vor allem in Bayern und Sachsen – Sakramentsgottesdienst, ist eine der Grundformen des sonntäglichen Gottesdienstes in den evangelischen Kirchen, neben dem Predigtgottesdienst. Zu seinen zentralen Handlungen gehört das gemeinsame Abendmahl (die Eucharistie) der Gemeinde. In Abgrenzung zum Predigtgottesdienst wird er auch als Messtyp bezeichnet.
Theologische Grundlage Der Überlieferung nach befolgten die Jünger schon kurz nach dem Tod und der Auferstehung Jesu die Anweisung Jesu, der nach biblischem Zeugnis bei seinem letzten Mahl seinen Jüngern gesagt hat: „Das tut zu meinem Gedächtnis.“ Zunächst wurden nach einem Sättigungsmahl, dem Vorbild Jesu entsprechend, die Segensworte über Brot und Wein gesprochen. Bald wurden diese vom Mahl getrennt – welches sich als Agape verselbständigte – und mit dem sonntäglichen Gebetsgottesdienst am Morgen vereinigt. mini|Abendmahlsfeier in Frankfurt (Main) Das Abendmahl ist für die Mehrheit der protestantischen Kirchen neben der Taufe ein Sakrament, „Zeichen und Zeugnis“ des göttlichen Willens, wodurch der Glaube einerseits geweckt, andererseits auch gestärkt wird. Nur der Glaube kann das Heil im Sakrament ergreifen.
Abendmahl in den lutherischen Kirchen
Im lutherischen Verständnis bedeutet das Abendmahl eine leibliche Realpräsenz von Christi Leib und Blut. Die Gültigkeit des Altarsakramentes hängt weder vom Glauben des Pfarrers noch vom Glauben der Kommunikanten ab. Allein die Worte Christi (Konsekration) über Brot und Wein, durch den ordinierten Pfarrer gesprochen oder gesungen, bewirken die sakramentale Einheit von Brot und Leib Christi, von Wein und Blut Christi. Wer glaubt, wirklich Christi Leib und Blut zu empfangen, empfängt Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit (Martin Luther im Kleinen Katechismus). Der Ungläubige, hier verstanden als derjenige, der nicht glaubt Christi Leib und Blut zu empfangen, nimmt sich das heilige Abendmahl zum Gericht (). In der Kommunion der Gaben entsteht Gemeinschaft durch Christi Leib und Blut einerseits mit Jesus Christus selbst und andererseits unter den Gläubigen.
Abendmahl in den reformierten Kirchen
Nach reformiertem Verständnis sind die Elemente Symbole, Abbilder und Zeichen für eine geistliche Realpräsenz Christi im Wort und Glauben ohne Wandlung der Elemente. Zum Abendmahl gehört nach reformierten Ritus, dass das Abendmahl „unter beiderlei Gestalt“ (Brot und Wein) von allen anwesenden Gläubigen empfangen wird/werden kann. Die Reformierten wie auch viele evangelische Freikirchen bezeichnen den Abendmahlstisch nicht als Altar und lehnen es ab, Abendmahl am Altar zu feiern, da sie sich vom römisch-katholischen Verständnis des Abendmahls als einem unblutigen Opfer abgrenzen.
Bereits im Marburger Religionsgespräch von 1529 wurde versucht, eine Einigung zwischen lutherischen und reformierten Christen hinsichtlich des Abendmahlsverständnisses zu erreichen. Zwar scheiterte dies, jedoch wurde unter Punkt 15 der Marburger Artikel zumindest der Konsens festgehalten, die Teilnahme am Abendmahl sei eine grundlegende Notwendigkeit und solle stets in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein, erfolgen. Spätestens seit Beschluss der Leuenberger Konkordie 1973 besteht insoweit Kirchengemeinschaft zwischen den meisten lutherischen, reformierten, unierten und methodistischen Kirchen und verlor der Dissens hinsichtlich des Abendmahlsverständnisses an Bedeutung.
Abendmahl in den evangelischen Freikirchen
In der Mehrzahl der evangelischen Freikirchen (wie z. B. Baptisten, Mennoniten, Freie evangelische Gemeinden und Pfingstgemeinden) wird das Abendmahl als Gedächtnismahl in Erinnerung an Leben und Tod Jesu gefeiert. Das lutherische (und katholische) Verständnis einer Realpräsenz wird ebenso abgelehnt wie die römisch-katholische Transsubstantiationslehre. In vielen Freikirchen wird stattdessen der Gemeinschaftscharakter des Abendmahls betont. Oft werden Brot und Wein untereinander zwischen den Teilnehmenden weitergegeben, eine zentrale vermittelnde Instanz in Person des Pfarrers gibt es nicht. Brot und Wein können insofern von allen Gläubigen ausgeteilt werden. Statt eines Altars gibt es einen Abendmahlstisch. Zum Teil wird das Abendmahl in Freikirchen auch als Brotbrechen bezeichnet. Aus mennonitischer Sicht wird das Abendmahl zudem nicht als Sakrament, sondern als Bundeszeichen verstanden. In einigen Freikirchen (wie den Siebenten-Tags-Adventisten oder den Mennoniten) kann oder soll vor dem Abendmahl eine Fußwaschung stattfinden.
Abendmahl in den Kirchen der Anglican Communion In der Church of England – und damit auch in den in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz gelegenen Gemeinden in der Diocese of Europe – wird das Abendmahl entweder in der traditionellen Form auf der Grundlage des Book of Common Prayer von 1662 oder in der sprachlich modernisierten Fassung des Agendenwerks Common Worship aus dem Jahre 2000 gefeiert. Für die erste Form wird in der Regel die Bezeichnung „Holy Communion“ verwendet (oft mit der ergänzenden Abkürzung „BCP“ in Klammern), für die zweite Form die Bezeichnung „Eucharist“. In vielen Gemeinden sind beide Formen parallel im Gebrauch. In der Christ Church Vienna wird zum Beispiel der erste Gottesdienst am Sonntagmorgen nach dem Book of Common Prayer von 1662, der zweite jedoch nach Common Worship gefeiert. Bei der einfachsten Ausgestaltung beider Formen werden alle Texte gesprochen, im Wechsel zwischen Zelebrantin bzw. Zelebrant und Gemeinde, zum Teil unter Mitwirkung von Lektorinnen und Lektoren. In beiden Formen können einzelne Teile, insbesondere die aus dem Ordinarium Missae des römischen Ritus abgeleiteten, auch gesungen werden. Wenn ein Chor beteiligt wird, lautet die Bezeichnung für die Form nach „Common Worship“ oft „Sung Eucharist“ oder „Choral Eucharist“. Der Gegenbegriff „Choral Communion“ ist nur noch selten gebräuchlich (etwa in der Temple Church in der Londoner City), da sich in der Church of England heute die Praxis durchgesetzt hat, dass die von einem Chor gestalteten Gottesdienste in der Regel nach Common Worship gefeiert werden und „Holy Communion“ als kurze, kontemplative Gottesdienstalternative früh am Morgen oder zur Mittagszeit ergänzend angeboten wird. In Gemeinden anglo-katholischer Prägung, die sich allerdings hauptsächlich in England oder in der Episcopal Church in den USA finden, wird für den Abendmahlsgottesdienst in aller Regel der Begriff „Mass“ verwendet, ganz besonders, wenn statt des Book of Common Prayer das so genannte „English Missal“ verwendet wird. Werktagsmessen oder Messen zu Tagesrandzeiten am Sonntag werden in der Regel als „Low Mass“ bezeichnet, festliche Messen mit Chorgesang hingegen als „Solemn High Mass“. Hier zeigen sich Parallelen zur lutherischen Svenska Kyrkan, wo der feierliche Sonntagsgottesdienst als „Högmässa“ bezeichnet wird (vgl. auch die deutsche Bezeichnung „Hochamt“ für die Sonntagsmesse mit Gesang im römischen Ritus).
In den meisten anglikanischen Gemeinden war bis ins 20. Jahrhundert der Sonntagmorgen durch die Sequenz Morning Prayer – Litany – „Ante-Communion“ gesprägt. Letzteres bezeichnet die im Book of Common Prayer aufgeführte Ordnung für „Holy Communion“ bis einschließlich dem Gebet „for the whole state of Christ's Church militant here in earth“. Ein kompletter Abendmahlsgottesdienst wurde nur einmal im Monat oder einmal im Quartal gefeiert. Unter dem Einfluss zuerst des Oxford Movement und später des Parish Communion Movement verkehrten sich doch ab den 1930er Jahren die Verhältnisse ins Gegenteil: In fast allen Gemeinden gibt es heute am Sonntagmorgen mindestens einen Abendmahlsgottesdienst.
Ablauf des Abendmahlsgottesdienstes In den meisten evangelischen Freikirchen ist der Ablauf eines Abendmahlsgottesdienstes nicht festgelegt. Dort ist es den einzelnen Gemeinden überlassen, den Ablauf selbst zu bestimmen, anders als zum Beispiel in den Landeskirchen der EKD. Dort besteht der Abendmahlsgottesdienst traditionell aus vier Teilen: Eröffnung und Anrufung Verkündigung und Bekenntnis mit Bibellesung, Predigt, Glaubensbekenntnis und Fürbitten Die Feier des Abendmahls mit Einsetzungsworten und Austeilung von Brot und Wein Sendung und Segen Dem Ablauf liegt die Grundstruktur der vorreformatorischen, bis in die Alte Kirche zurückreichenden Messe zugrunde.Evangelisches Gottesdienstbuch. Agende für die EKU und die VELKD. Taschenausgabe, S. 14. Die Feier des Abendmahles war früher je nach Tradition und konfessioneller Prägung unterschiedlich häufig üblich. Jedoch war die Ansicht weit verbreitet, wenigstens am Karfreitag solle es eingenommen werden. In den letzten Jahren hat die Häufigkeit seiner Feier vor allem in lutherischen und anglikanischen, aber auch in unierten Gemeinden zugenommen.
Entfällt das Abendmahl, handelt es sich um einen Predigtgottesdienst. Daneben sind etwa auch sogenannte Familiengottesdienste ohne Abendmahl und mit vereinfachter Liturgie möglich.
In der Evangelischen Kirche der Union und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands hat der Abendmahlsgottesdienst, gemäß dem Evangelischen Gottesdienstbuch von 1999 (Grundform I), heute in der Regel folgenden Ablauf:
Teil A: Eröffnung und Anrufung Glockengeläut Musik zum Eingang (Orgel) Votum und Gruß Vorbereitungsgebet Lied und/oder Psalm, Ehre sei dem Vater Kyrie, auch mit Vorspruch oder Bußgebet Ehre sei Gott, häufig als Lied Allein Gott in der Höh sei Ehr Tagesgebet
Teil B: Verkündigung und Bekenntnis Schriftlesungen und Gesänge Lesung aus dem Alten Testament, Antwortgesang Epistel und WochenliedVor der Perikopenrevision von 2018 folgte das Halleluja mit dem Halleluja-Vers nach der Epistellesung. Nach der Revision hat es wieder seinen angestammten Platz als Aufgesang zur Evangelienlesung. Damit folgt man der Liturgiegeschichte und der ökumenischen Funktion. Vgl. Halleluja mit Vers und Evangelium Glaubensbekenntnis (oder nach der Predigt) Lied Predigt, evtl. mit abschließendem Gebet, Offener Schuld oder Kanzelsegen Lied Glaubensbekenntnis (wenn nicht nach dem Evangelium) Dankopfer (Kollekte) mit Lied (evtl. auch nach den Fürbitten) evtl. Gebet Abkündigungen Fürbittengebet
Teil C: Abendmahl Vorbereitung der Gaben von Brot und Wein, Gebet Einsetzungsworte mit Großem Lobgebet (Eucharistiegebet) Lobgebet (Präfation) Dreimalheilig (Sanctus) Abendmahlsgebet I (evtl. Post-Sanctus; Epiklese, Bitte um den Heiligen Geist) Einsetzungsworte evtl. Christuslob (Akklamation Geheimnis des Glaubens. Deinen Tod, o Herr, verkünden wir …) Abendmahlsgebet II (Anamnese, Heilsgedächtnis) Vaterunser Pax (Friedensgruß) Lamm Gottes (Agnus Dei) Austeilung, dabei Lied, Orgel-, Chor- oder Instrumentalmusik oder Stille Dankgebet
Teil D: Sendung und Segen Lied Abkündigungen (Verabredungen, künftige Veranstaltungen) Sendungswort evtl. Liedstrophe (Segenslied) Segen Musik zum Ausgang
Die Einsetzungsworte lauten in der Regel:
Seit dem Nürnberger Kirchentag von 1979 wird bei besonderen Anlässen auch ein Feierabendmahl begangen, bei dem die Gemeinschaft in der Abendmahlsfeier besonders betont wird. Zum Feierabendmahl gehören eine Phase der gemeinschaftlichen Vorbereitung und eine kommunikative Nachfeier. Von besonderer Bedeutung ist meist die Entfaltung eines speziellen Anliegens oder Themas durch Informationen, Erlebnisberichte und Gespräche, die in Vergebungsbitte und Fürbitten einmünden kann.Evangelisches Gottesdienstbuch. Agende für die EKU und die VELKD. Taschenausgabe, S. 214–218.