Mittelenglisch nennt man die historische Sprachstufe der englischen Sprache, die etwa zwischen dem 12. und der Mitte des 15. Jahrhunderts gesprochen und geschrieben wurde. Diese Periode ist von durchgreifenden Veränderungen auf allen sprachlichen Ebenen geprägt. Da die Belege aus verschiedenen Dialektbereichen stammen, steht der Terminus Mittelenglisch für eine Vielfalt von Varietäten, aus denen sich erst allmählich der Londoner Standard herauskristallisierte.
Gegenüber der vorangegangenen Sprachstufe, dem Altenglischen, weist das Mittelenglische folgende wichtige Veränderungen auf: eine starke Vereinfachung der Flexionsformen die daraus resultierende Bevorzugung analytischer anstelle synthetischer Satzkonstruktionen die Aufnahme zahlreicher Wörter französischen, lateinischen und skandinavischen Ursprungs in den Wortschatz
Abgrenzung von anderen Sprachstufen des Englischen Der Beginn des Mittelenglischen wird in der Literatur in der Regel mit etwa dem Jahr 1100 angesetzt. Die normannische Eroberung Englands 1066 und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die englische Sprache (Verlust der Flexion, früheste Schicht französischer Lehnwörter) markieren den Beginn des Mittelenglischen. Das Ende des Mittelenglischen wird in der Regel etwa mit dem Jahr 1500 angesetzt, denn etwa um 1500 setzt die frühneuenglische Vokalverschiebung ein, die die englische Sprache nachhaltig verändert. Zusätzlich werden zwei außersprachliche Ereignisse genannt, die das Ende der mittelenglischen Periode und den Beginn der frühneuenglischen Zeit anzeigen: der Beginn des Buchdrucks in England durch William Caxton 1476 und 1485 die Krönung von Heinrich VII., welche den Beginn der Tudordynastie markiert.
Status des Englischen von 1066 bis zum 15. Jahrhundert mini|Eine Seite von Geoffrey Chaucers Canterbury Tales
Die Geschichte des Mittelenglischen beginnt 1066 mit der normannischen Eroberung Englands unter der Führung von Wilhelm dem Eroberer. In der Folge dieser Eroberung entstand eine neue Adelsschicht aus romanisierten Normannen. Anglonormannisch, eine Variante des Französischen der romanisierten Normannen, wurde zur Sprache des Hofes und der Verwaltung. Latein war die Sprache der Kirche und der Wissenschaft. Nur das einfache Volk sprach weiter Englisch. Die Kenntnis der englischen Sprache war nur für diejenigen der oberen Schichten nötig, die mit Angehörigen der unteren Schichten kommunizieren mussten. Das Englische besaß damit nur noch geringes Prestige und galt als unkultiviert. Zusätzlich spielte für die lange Dominanz des Französischen in England noch eine Rolle, dass das Französische sich in Europa als Sprache der Kultivierten großer Beliebtheit erfreute.
Ab etwa dem 12. Jahrhundert änderte sich der Status des Englischen allmählich: Auch Angehörige des Adels und der Kirchenführung verstanden und sprachen zunehmend Englisch. Diese Tendenz wurde durch den Verlust der Normandie durch König Johann Ohneland 1204 weiter verstärkt. Ohne französische Besitzungen war der Kontakt zu Frankreich für viele anglonormannische Adlige nun weniger eng und damit eine wichtige Motivation für die Verwendung des Französischen verschwunden. Schließlich trug der Hundertjährige Krieg im 14./15. Jahrhundert zwischen Frankreich und England noch dazu bei, dass das Französische als Sprache eines feindlichen Landes mit einer gewissen Animosität betrachtet wurde.
Zum Aufstieg des Englischen trugen auch Veränderungen in der englischen Gesellschaft bei: Durch die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts verlor England um 30 Prozent seiner Bevölkerung. Da die einfache Bevölkerung von der Pest besonders betroffen war, entstand in der Folge ein Arbeitskraftmangel in der Landwirtschaft und damit die Möglichkeit für die bäuerliche Bevölkerung, mehr Rechte zu erlangen. Außerdem etablierte sich in den größeren Orten und Städten eine Mittelschicht aus Handwerkern und Kaufleuten, die in der Regel sowohl Englisch als auch Französisch sprachen. Diese ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen verbesserten vor allem die Situation der englischsprachigen Bevölkerung und trugen letztlich auch dazu bei, dass das Englische an Prestige gewann.
Ab dem 14. Jahrhundert erlangte Englisch seinen Status als Sprache des Parlaments, der Justiz, der Kirche und der Literatur zurück, wo zuvor das Französische bzw. bei schriftlichen Anlässen wie in anderen europäischen Ländern das Lateinische dominiert hatten. 1362 wurde das Parlament erstmals durch den Lordkanzler mit einer Rede auf Englisch eröffnet. 1362 wurde durch den Parlamentsakt Statute of Pleading das Englische als Sprache in Gerichtsverfahren eingesetzt und ersetzte damit das Französische, das seit der normannischen Eroberung Englands üblich war. Es gibt ferner ab 1349 erste Belege, dass das Englische als Unterrichtssprache verwendet wurde, und zum Ende des 14. Jahrhunderts war Englisch als Schulsprache bereits weitverbreitet. Ab etwa 1350 beginnt die Blüte der mittelenglischen Literatur. Zu den herausragenden Vertretern der Literatur dieser Zeit zählt Geoffrey Chaucer, der Autor des Gedichts Troilus und Criseyde und der Canterbury-Erzählungen. Außerdem sind als wichtige Autoren noch William Langland, der Autor von Piers Plowman, und der (unbekannte) Autor der mittelenglischen Romanze Sir Gawain and the Green Knight erwähnenswert. Der englische Reformator John Wyclif schließlich ist als bedeutender Prosa-Autor und Bibelübersetzer zu nennen. Ferner wurde auch Fachprosa in mittelenglischer Sprache verfasst.Vgl. etwa Rossell Hope Robbins: Medical Manuscripts in Middle English. In: Speculum. Band 45, 1970, S. 393–414.
Phonetik Die Aussprache des Mittelenglischen lässt sich heute aus verschiedenen Quellen rekonstruieren: Vergleich mit anderen verwandten Sprachen, Vergleich mit anderen Sprachstufen wie dem Altenglischen, Evidenz durch die Analyse von Versdichtung und Indizien aus der mittelenglischen Schreibung.
Vokale Die folgende Rekonstruktion der Vokale bezieht sich auf das Chaucer-Englisch des 14. Jahrhunderts:
Vorne Zentral Hinten kurz lang kurz lang kurz lang Geschlossen Fast geschlossen Halbgeschlossen Mittel Halboffen Offen
+Diphthonge
Im Übergang vom Altenglischen zum Mittelenglischen haben sich die Vokale wenig verändert. Die wichtigsten Änderungen sind: Die Diphthonge des Altenglischen werden durch Monophthonge im Mittelenglischen ersetzt. Neue Diphthonge: In der Phase des Übergangs vom Altenglischen zum Mittelenglischen kommt es zu einer Vokalisierung einiger Konsonanten: /j/ wird zu /i/, /w/ und die stimmhafte Variante von /x/ werden zu /u/. Dadurch entstehen im Mittelenglischen neue Diphthonge. Außerdem werden durch Entlehnungen aus dem Französischen einige Diphthonge übernommen.
Die Vokaländerungen während der mittelenglischen Zeit bleiben jedoch geringfügig im Vergleich zur frühneuenglischen Vokalverschiebung (engl. Great Vowel Shift), die den Beginn der nächsten Sprachstufe, des Frühneuenglischen, markiert.
Konsonanten Die Konsonanten des Mittelenglischen entsprechen im Wesentlichen dem Konsonanteninventar des britischen und amerikanischen Englisch mit einigen kleinen Unterschieden:
BilabialLabiodentalDentalAlveolarPostalveolarPalatalVelarGlottalPlosive Affrikaten Nasale Frikative Approximanten Die genaue Natur des mittelenglischen r ist unbekannt. Es könnte ein alveolarer Approximant gewesen sein, wie in den meisten modernen englischen Dialekten, ein alveolarer Tap , oder ein alveolarer Vibrant . In diesem Artikel verwenden wir das Symbol für diesen Laut, ohne damit eine Aussage über seine Natur treffen zu wollen. Laterale
Anmerkungen: ist im Mittelenglischen ein Allophon von , das vor und auftritt. Damit unterscheidet sich das Mittelenglische vom modernen Englisch, wo ein eigenständiges Phonem ist, wie das Minimalpaar thing - thin zeigt. sind Allophone von , die im Silbenauslaut auftreten, nach Vorderzungenvokal und nach Hinterzungenvokal. Diese Allophone sind im modernen Englisch verschwunden.
Schreibung Im Gegensatz zum heutigen Englisch herrscht im Mittelenglischen noch eine weitgehende Übereinstimmung von Schreibung und Aussprache. Eine Ausnahme dieser Regel sind Doppelbuchstaben, die zur Kennzeichnung von Langvokalen verwendet werden, z. B. <aa> in caas (neuenglisch case). Da es keinen landesweiten Standard für Englisch gibt, findet man in der Schreibung mittelenglischer Wörter viel regionale Variation. Erst mit der Entstehung eines überregionalen Standards im 15. Jahrhundert wird die Orthografie standardisiert (Chancery Standard).
Alphabet Im Mittelenglischen werden viele Konsonanten wie im heutigen Englisch dargestellt. Zusätzlich gab es einige Besonderheiten in Schreibung und Alphabet, die charakteristisch für die mittelenglische Periode sind: Die altenglischen Buchstaben Ash <æ>, Eth <ð>, Thorn <þ> und Wynn <ƿ> verschwanden nach und nach aus der mittelenglischen Schreibung. Ash wurde im Mittelenglisch nicht mehr notwendig, weil der entsprechende Laut im Mittelenglischen zu /a/ wurde. Eth z. B. verschwand im 13. Jahrhundert und wurde durch Thorn ersetzt, was schließlich durch <th> ersetzt wurde. Wynn wurde durch den lateinischen Buchstaben ⟨w⟩ ersetzt. Aus dem Normannischen übernahm das Mittelenglische den Buchstaben Yogh <ȝ>. Dieser Buchstabe wurde für die Laute verwendet. In der mittelenglischen Zeit kamen die im Altenglischen nicht üblichen Buchstaben ⟨k⟩, ⟨q⟩ und ⟨z⟩ in Gebrauch.
Wortschatz und Wortbildung Wortschatz Durch die Verwendung des Französischen und Lateinischen in vielen Domänen wie Regierung und Verwaltung, Religion, Recht, Kirche, aber auch Mode und Literatur fanden viele Worte französischen und lateinischen Ursprungs Eingang in die englische Sprache. Schon zuvor waren infolge dänischer und norwegischer Siedlungstätigkeit auf den Britischen Inseln zahlreiche Wörter aus dem Altnordischen ins Englische gelangt, wo sie besonders im Grundwortschatz verbreitet sind.
Französische Lehnwörter Die Übernahme französischer Lehnwörter ins Englische war bis 1250 eher spärlich: Es wurden nur etwa 900 Wörter ins Englische übernommen, die entweder auf den Kontakt des englischsprechenden Volks mit dem französischsprechenden Adel zurückzuführen sind oder auf literarische Quellen. Beispiele sind baron, noble, dame, servant oder story. Eine weitere Quelle für französische Lehnwörter vor 1250 ist kirchliches Vokabular. Nach 1250 fing die englische Oberschicht an, zunehmend statt des Französischen das Englische zu verwenden. Beispiele für französische Lehnwörter aus dieser Zeit sind z. B. government, administer, religion, sermon, justice, crime, fashion, dress oder curtain. Etwa 40 % des Gesamtanteils französischer Wörter im heutigen Englisch wurden allein zwischen 1250 und 1400 in die englische Sprache übernommen. Es wird ferner geschätzt, dass in der mittelenglischen Zeit insgesamt etwa 10.000 französische Wörter in die englische Sprache übernommen wurden, von denen heute immer noch 75 % in Gebrauch sind.