mini|hochkant=1.5|Teppich aus der Safawiden-Zeit, Täbriz, 17. Jahrhundert (Ausschnitt)
Orientteppiche sind Teppiche, die vor allem im „Orient“ gewebt und geknüpft werden. Das als „Teppichgürtel“ bekannte geographische Gebiet, in dem Orientteppiche hergestellt werden, erstreckt sich von Marokko über Nordafrika und Vorderasien bis nach Zentralasien und Indien. Durch die Verwendung unterschiedlicher Materialien (Wolle, Seide und Baumwolle), Farben und Muster haben sich in den jeweiligen Gebieten besondere Teppichtypen entwickelt, bekannte Beispiele sind der Perserteppich und der türkische Teppich. Die Größen und Verwendungen sind vielfältig: Bodenteppiche, die einen ganzen Raum ausfüllen können, und islamische Gebetsteppiche (sajjadah), ferner Orientteppiche als Kissen, Trage- und Satteltaschen, Schmuckdecken für Tiere oder Schmuckbänder für Zelte. Geknüpfte jüdische Toraschreinhüllen (Parochet) und christliche Orientteppiche mit sakralen Motiven sind bekannt.
Es ist nicht geklärt, ob das Teppichknüpfen zuerst in festen Siedlungen oder von Nomaden, die einen Schutz vor Bodenkälte brauchten, entwickelt wurde. Mit nomadischen Wanderbewegungen könnte sich die Technik der Teppichherstellung weiterverbreitet haben. Als Ursprungsregion wird oft Zentralasien angenommen; nach einer Hypothese von Volkmar Gantzhorn entstand der Orientteppich im Armenischen Hochland. Die kulturelle Auseinandersetzung mit dem Oströmischen Reich, die islamische Expansion, Invasionen fremder Völker wie der Mongolen sowie Kriege zwischen dem Osmanischen Reich und dem Perserreich haben das Kunsthandwerk des Teppichknüpfens in den Kerngebieten des „Teppichgürtels“ tiefgreifend beeinflusst. Mit dem Aufkommen des Islam entwickelte sich der Knüpfteppich unter dem Einfluss der islamischen Kunst zu dem Textil, das unter dem Namen „Orientteppich“ oder „islamischer Teppich“ bekannt ist.;
Die Kunst des Teppichknüpfens gehört zu den ältesten kulturellen Leistungen der Menschheit. Die „traditionelle Kunst des Teppichknüpfens“ in Fars, Kaschan und Aserbaidschan wurde 2010 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen.; ; Bis heute werden Orientteppiche meist in traditioneller Handarbeit hergestellt.
Geschichte Antike Schriftquellen ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. mini|Fürst Idrimi von Alalach
Die wahrscheinlich ältesten Quellen, die Teppiche erwähnen, sind Keilschriften auf Tontafeln aus den königlichen Archiven von Mari aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. Das akkadische Wort für Teppich ist „mardatu“. Spezialisierte Teppichweber, „kāşiru“, werden sprachlich von anderen Spezialberufen wie den Säckemachern („sabsu“ oder „sabsinnu“) unterschieden.
Palastinventare aus den Archiven von Nuzi aus dem 15. Jahrhundert und 14. Jahrhundert v. Chr. verzeichnen 20 große und 20 kleine mardatu um die Stühle im Palast des Idrimi in Alalach zu bedecken.Ruth Mayer-Opificius: Rekonstruktion des Thrones des Fürsten Idrimi von Alalah. In: Ugarit Forschungen. Band 15, 1983, S. 119–126.
Die antiken Griechen benutzten Teppiche. Homer schreibt in der Ilias 17, 350, dass die Leiche des Patroklos mit einem „prachtvollen Teppich“ bedeckt wird. In der Odyssee, Buch 7 und 10 werden ebenfalls „Teppiche“ erwähnt. Persische Teppiche werden erstmals gegen 400 v. Chr. vom griechischen Autor Xenophon in seinem Werk Anabasis erwähnt:
Xenophon beschreibt persische (wörtlich: „barbarische“, nicht-griechische) Teppiche als kostbar, und eines diplomatischen Geschenkes wert. Es ist nicht bekannt, ob diese Teppiche geknüpft waren, oder mithilfe einer anderen Technik hergestellt worden sind, beispielsweise als Flachgewebe oder Stickerei.
Plinius schrieb in seiner Naturalis historia 8, 48, dass Teppiche („polymita“) in Alexandria erfunden worden seien. Es ist unbekannt, ob diese Teppiche Flachgewebe oder Florteppiche waren, denn die Texte geben keine ausführlichen Informationen. Jedoch geht eindeutig aus den Texten hervor, dass Teppiche einen hohen Wert für die Besitzer hatten und ihren hohen Rang bekräftigten.
Theorien zum Ursprung des Knüpfteppichs Die wenigen uns bekannten erhaltenen Teppichfragmente sind nicht die ältesten, sondern nur die ältesten erhaltenen Teppiche. Aufgrund des Mangels an Belegstücken und sonstigen Aufzeichnungen ist die Frage des Ursprungs des Knüpfteppichs auf Hypothesen angewiesen.
Die ältesten erhaltenen Teppichfragmente wurden an weit auseinander liegenden Orten gefunden. Ihre Datierung erstreckt sich über einen langen Zeitraum. Den nach heutigem Wissen ältesten Knüpfteppich fanden die russische Forscher Sergei Iwanowitsch Rudenko und M. Grjasnow im Jahr 1947 in einem skythischen Fürstengrab im Pasyryk-Hochtrockental im Altaigebirge, Sibirien. Rudenko nahm an, dass der Teppich im 5. Jahrhundert v. Chr., zur Zeit der Achämeniden, entstanden ist, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht im nomadischen Milieu.
Der Pasyryk-Teppich ist in symmetrischen Knoten geknüpft, die Fragmente aus Ostturkestan und Lop Nor weisen alternierende, um nur einen Kettfaden geknüpfte Knoten auf, die Fragmente aus At-Tar sind mit symmetrischen, asymmetrischen, und asymmetrisch in Schlingentechnik geknüpften Knoten geknüpft, während die Fragmente aus Fustāt Schlingegewebe, einzelne, oder asymmetrisch geknüpfte Knoten aufweisen. Die unterschiedlichen Knotentypen in den frühesten bekannten Teppichen, die an weit voneinander entfernten Orten gefunden wurden, legen nahe, dass die Knüpftechnik als solche sich an unterschiedlichen Orten entwickelt hat.
Erdmanns Theorie des hirtennomadischen Ursprungs Kurt Erdmann nahm an, dass die ersten Teppiche mit geknüpftem Flor von Nomadenhirten geknüpft wurden, die sie anstelle von Tierfellen verwendeten, um den Boden ihrer Zelte vor Kälte zu schützen. Er stützt seine Hypothese durch die Beobachtung, dass Knüpfteppiche nur in bestimmten geographischen Gebieten (zwischen dem 30. und 45. Breitengrad) hergestellt würden, wo das Klima einerseits Schutzvorrichtungen gegen Bodenkälte verlange, andererseits eine Steppenvegetation vorherrsche, die es zwar ermögliche, Herdenvieh zu halten, aber nicht Tierfelle in ausreichender Menge zu erjagen. Nach der Entdeckung, dass durch das Einknüpfen unterschiedlich gefärbter Garne dekorative Muster gestaltet werden können, sei der ursprünglich der Funktion entsprechend lange Teppichflor immer kürzer abgeschoren worden, damit das Muster klarer hervortrete.
Chlopins Theorie der sesshaften Knüpfer In bronzezeitlichen Frauengräbern einer festen Siedlung im südwestlichen Turkestan wurde von Igor N. Chlopin eine Anzahl Messer ausgegraben, die denjenigen bemerkenswert ähnlich sind, die von turkmenischen Knüpfern verwendet werden, um den Flor ihrer Teppiche zu scheren. Chlopin stellte die These auf, dass schon in der Bronzezeit in festen Siedlungen Knüpfteppiche angefertigt wurden.; S. 116–118. Einige sehr alte Motive in turkmenischen Teppichen sind den Ornamenten auf alten Töpferwaren aus der gleichen Region sehr ähnlich. Diese Funde legen den Schluss nahe, dass Turkestan eine der ersten Regionen sein könnte, wo Teppiche geknüpft wurden, aber nicht unbedingt die einzige. Für diese Theorie spricht, dass der älteste erhaltene Knüpfteppich, der Pasyryk-Teppich, bereits in sehr feiner Knüpfung mit sorgfältig und detailliert ausgeführter Musterzeichnung, auch unter Berücksichtigung der Fundumstände und Begleitfunde sicher kein Produkt des Nomadenzelts war. Die Theorie des hirtennomadischen Ursprungs ist damit nicht widerlegt. Es ist davon auszugehen, dass die Ursprünge der Teppichknüpferei sehr viel weiter in die Vergangenheit zurückreichen.
Stand der Forschung mini|Schlingenwebung mit zusätzlichen Schussfäden
Im Licht der antiken Schriftquellen und der archäologischen Entdeckungen ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die Technik des Teppichknüpfens aus einer älteren Webtechnik entwickelt hat, und zuerst in festen Siedlungen angewendet wurde. Möglicherweise hat sich die Technik zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten entwickelt. Während der Wanderungen nomadischer oder vertriebener sesshafter Gruppen, vielleicht aus Zentralasien, haben sich Technik und Muster im als „Teppichgürtel“ bekannten Gebiet ausgebreitet.
Mit einiger Sicherheit ist der Ursprung der Web- und Knüpftechnik in der Herstellung von Flachgeweben (Kelim) in Zentral- und Mittelasien zu suchen. Für ihr tägliches Leben stellten die Nomaden unentbehrliches Zubehör wie Säcke, Taschen, Decken, Flachgewebe, Teppiche und Wandbehänge für ihre Zelte her. Das Flechten wird als Vorstufe des Webens angesehen. Ein Gewebe herzustellen bedeutet im Prinzip nichts anderes als Kett- und Schussfaden eng zu verflechten und das Gewebe zu verdichten. Auf diese Weise entsteht ein dichtes, flaches Gewebe ohne Flor, ähnlich einem sehr groben Stoff. Flachgewebe waren immer Teil des nomadischen und bäuerlichen Alltags.Die Geschichte des Orientteppichs. auf: euca.de.
Durch Einbringen zusätzlicher, lockerer oder in Schlingen eingewebter Schussfäden in der „Wickeltechnik“ entstehen dickere, schwerere Textilien.; S. 11. Die Wickeltechnik mit zusätzlichen Schussfäden erzeugt entweder flache Soumak-Gewebe, wenn die zusätzlichen Fäden straff eingewoben werden, oder die Schlingengewebe. Bei der Schlingenwebung werden die Schussfäden um einen Führungsstab geschlungen, so dass auf der dem Weber zugewandten Seite des Teppichs Reihen von Schlingen entstehen. Wenn eine Anzahl von Schlingen fertiggestellt ist, wird der Stab entweder einfach herausgezogen, so dass die Schlingen geschlossen bleiben. Das fertige Gewebe erinnert dann an ein sehr grobes Frotteegewebe. Eine andere Möglichkeit ergibt sich daraus, dass die Schlingen noch auf dem Führungsstab aufgeschnitten werden können. Auf diese Weise entsteht ein Gewebe, das einem echten Knüpfteppich ähnlich sieht. Im Gegensatz dazu werden echte Knüpfteppiche so hergestellt, dass einzelne Garnstücke in die Kettfäden eingeknüpft werden, wobei das Garn nach jedem Knoten abgeschnitten und das Gewebe nach jeder Knotenreihe mit Schussfäden befestigt wird. Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass Knüpfteppiche von Menschen hergestellt wurden, die schon Erfahrung mit der Schlingenwebung hatten. S. 12–17.
Fragmente aus Turkestan, Syrien, Irak und Afghanistan mini|Teppichfragment aus Loulan, Xinjiang, China, 3. bis 4. Jahrhundert (British Museum, London)
Teppichfragmente aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. wurden in den Grabhügeln von Baschadar in der Gegend von Ongudai, Region Altai, Russland von Sergei I. Rudenko ausgegraben, dem Entdecker des Pasyryk-Teppichs. Sie zeichnen sich durch eine feine Knüpfung mit 4650 asymmetrischen Knoten pro Quadratdezimeter aus.
Der Forschungsreisende Aurel Stein fand in Turpan, im Regierungsbezirk Hotan, Ostturkestan, China, flachgewobene Kelims, die bis ins 4. oder 5. Jahrhundert n. Chr. zurückdatiert werden können. Noch immer werden in diesem Gebiet Teppiche geknüpft. Teppichfragmente wurden im Gebiet von Lop Nor gefunden. Diese sind mit symmetrischen Knoten geknüpft. Nach jeder Knotenreihe wurden fünf bis sieben Schussfäden in unterschiedlichen Farben eingewoben, die ein Streifenmuster erzeugen. Diese Fragmente werden im Londoner Victoria and Albert Museum aufbewahrt.
Andere Fragmente, sowohl mit symmetrischen als auch mit asymmetrischen Knoten wurden in Dura Europos in Syrien gefunden, sowie in den Höhlen von At-Tar im Irak. Letztere wurden in die ersten Jahrhunderte nach Christus datiert.
Diese insgesamt sehr seltenen Funde zeigen, dass schon vor dem ersten Jahrhundert n. Chr. in Westasien alle Fertigkeiten und Kenntnisse vorhanden waren, die zum Wollefärben und Teppichknüpfen erforderlich sind.