Bally ist ein im Jahr 1851 von Carl Franz Bally in Schönenwerd im Kanton Solothurn gegründeter Schweizer Schuhhersteller.
Das Unternehmen stellte zunächst Damen- und Herrenschuhe, später auch Accessoires her. Unter der internationalen Luxusmarke Bally werden heute Schuhe, Bekleidung und Accessoires vermarktet. Bally hat heute seinen Sitz, nach jahrzehntelanger Beheimatung im Kanton Solothurn, in Caslano bei Lugano im Kanton Tessin.
Geschichte
Gründung, Mechanisierung und weltweite Expansion mini|Namenaktie über 1000 Schweizer Franken der C. F. Bally AG von 1907 mini|Werbeplakat aus dem Jahr 1927 mini|Werbeplakat aus dem Jahr 1928 mini|Ehemalige Bally-Filiale im 8. Arrondissement (Boulevard de la Madeleine) von Paris (1929) mini|Bally-Schuhmuseum in Schönenwerd, Kanton Solothurn (2011) Nach dem Tod von Peter Bally (1783–1849) wurde dessen Bandweberei (Bally Band) im schweizerischen Schönenwerd im Kanton Solothurn unter seinen Söhnen aufgeteilt. Carl Franz Bally (1821–1899) übernahm zusammen mit seinem Bruder Fritz Bally (1823–1878) die Abteilung der Hosenträger- und Elastikweberei und führte sie unter der «Firma Bally & Co» weiter. Die beiden trennten sich schon 1854 und der Schönenwerder Betrieb wurde unter der Firma «C. F. Bally» weitergeführt. Fritz Bally führte in der Folge eine eigene Weberei in Aarau.
Ab 1851 begann Bally Schuhe mit elastischen Einsätzen herzustellen, damit handelt es sich um die zweitälteste der Schweizer Schuhfabriken., abgerufen am 28. Januar 2023. Da Bally bereits elastische Gewebe produzierte und Hunderte Näherinnen beschäftigte, schien ihm das naheliegend. Bally und seine Leute verstanden jedoch nichts von der Schuhmacherei, weshalb sich die Fabrikation und der Vertrieb des Schuhwerks anfangs als schwierig erwies. Erst als Bally durch Vermittlung eines deutschen Händlers ab etwa 1860 Schuhe nach Argentinien und Uruguay exportieren konnte, begann die Schuhfabrikation rentabel zu werden.
Im Jahr 1860 beschäftigte Bally bereits mehr als 500 Arbeiter. Nach einem weiteren Jahrzehnt expandierte das Unternehmen auch ausserhalb der Schweiz mit Niederlassungen in Montevideo (1870), Buenos Aires (1873), Paris (1879) und London (1882). Typisch für seine Zeit, bot Bally seinen Angestellten eine Krankenversicherung, Wohnraum und Erholung im eigens angelegten Bally-Park in Schönenwerd, verhinderte jedoch die Bildung einer Gewerkschaft.
Schon in den 1860er Jahren setzte Bally neu entwickelte Technik, v. a. Nähmaschinen, im Betrieb ein. Auf einer Reise nach Grossbritannien und USA lernte Carl Franz’ ältester Sohn Eduard Bally (1847–1926) 1870 hoch entwickelte Maschinen kennen, die damals in den Neuengland-Staaten New York und Massachusetts für die Schuhfabrikation hergestellt wurden. Eduard erkannte das Potenzial einer forcierten Mechanisierung, beschaffte sogleich einige Maschinen und liess sie in die Schweiz verschiffen. In der Folge stellte er die Produktion nach und nach auf die neuen technischen Möglichkeiten und Methoden um. Regelmässig reiste er, teilweise begleitet von Mitarbeiten, in die USA, um die Entwicklung zu verfolgen und neue Maschinen zu erwerben. Mit der vollständigen Mechanisierung bei Bally ging auch eine immer weitergehende Zerteilung des Produktionsprozesses in einzelne Arbeitsschritte nach amerikanischem Vorbild einher. Bedeutete industrielle Schuhfabrikation anfangs die Aufteilung des Prozesses in sieben Arbeitsschritte, durchlief ein Bally-Schuh um 1900 deren 192.
Die konsequente Mechanisierung führte zu einer effizienteren Produktion, zu besserer Qualität und dank günstigen Preisen zu einer guten Positionierung im Markt. Der Betrieb wuchs unter der Leitung Eduard Ballys stark. Betrug der Jahresausstoss in den 1870er Jahren noch um die 500'000 Paare, erreichte er 1900 schon über 2 Millionen Paare. 1901 war Bally (nach eigenem Bekunden) die grösste Schuhfabrik der Welt.
Carl Franz Bally starb 1899 und das Unternehmen wurde von seinen Söhnen Eduard und Arthur Bally (1849–1912) weitergeführt. Nach 1900 trat die dritte Generation in den Betrieb ein. Unter der Leitung der Cousins Iwan, Ernst Otto und Max verfolgte Bally weiter eine Strategie der Arbeitsteilung und Optimierung der Prozesse nach dem Vorbild des Amerikaners Frederick Winslow Taylor. Dabei erfolgte die Produktion nicht ausschliesslich im Hauptwerk Schönenwerd, sondern stets dezentral unter anderem in Fabriken in Niedergösgen, Aarau, Schattdorf oder Gelterkinden. 1907 baute Bally in Dottikon (AG) eine vollständig neue Fabrik, die auf 1500 Mitarbeitende ausgerichtet war und täglich 4000 Paar Schuhe ausstossen konnte. Bis 1914 konnten die Gesamtproduktion auf 3,1 Millionen Paar erweitert werden.
Nach und nach kamen zu den schweizerischen auch ausländische Produktionsstandorte, hauptsächlich um Kosten für Zölle zu vermeiden. 1913 kaufte Bally in Lyon eine Schuhfabrik die künftig unter der Firma «Bally Camsat» produzierte. 1921 folgte eine Übernahme in Kapstadt und 1924 beteiligte sich Bally an der «Wiener Schuhfabrik», die Bally im Zuge der «Arisierungen» 1938 vollständig übernahm. 1933 erwarb Bally eine Minderheitsbeteiligung an der «P. Haldinstein & Sons Ltd» in englischen Norwich. 1946 übernahm sie diese vollständig und führte sie unter der Firma «Bally Shoe Factories (Norwich) Ltd» bis 1997.
Ab ca. 1910 begann Bally auch den eigenen Detailhandel systematisch auszubauen. Begünstigt durch den Freihandel hatte man bereits ab 1881 damit begonnen den englischen Schuhmarkt direkt zu bearbeiten. Später eröffnete Bally in Frankreich, Deutschland, Österreich und anderen europäischen Staaten eigene Läden oder arbeitete eng mit lokalen Vertriebspartnern, wie Dolcis Shoes (zuvor «Upsons») in England, zusammen. Nach 1920 stiess Bally auch in den US-amerikanischen Markt vor. In der Schweiz beteiligte sich Bally meist an bestehenden Schuhhändlern und übernahm diese später vollständig. 1926 wurden diese Beteiligungen in der Bally Arola («Arola-Schuh A.G.») zusammengefasst, die dann bis in gegen 1990 für den Schweizer Detailvertrieb zuständig war. 1976 belieferte Bally 70 Länder mit Schuhen und betrieb weltweit rund 360 eigene Detailgeschäfte.
Bereits 1907 hatten Eduard und Arthur Bally die Kollektivgesellschaft «C.F. Bally Söhne» im Hinblick auf künftige Erbteilungen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Familie Bally behielt die Stimmenmehrheit der Aktiengesellschaft. Das zusätzliche Kapital erlaubte eine massive Expansion. 1921 erfolgte die Gründung einer Holdinggesellschaft mit Sitz in Zürich. Diese nunmehr börsenkotierte «C.F. Bally A.G.» hielt die Beteiligungen an allen schweizerischen und ausländischen Tochtergesellschaften der Fabrikation, des Detailhandels und des Engros-Vertriebs. Die Schweizer Produktionsbetriebe wurden in der «Bally Schuhfabriken AG» mit Sitz in Schönenwerd zusammengefasst. 1951 zählte man weltweit 26 Tochtergesellschaften.
Der Erste Weltkrieg brachte Bally trotz Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Leder, Kohle und anderen Rohstoffen eine ungeahnte Konjunktur. Dabei trieb vor allem die Herstellung von Schuhwerk für die kriegsführenden Staaten die Produktionszahlen in die Höhe. Der massive Konjunktureinbruch nach dem Ersten Weltkrieg führte dann allerdings zu einer Reduktion der Produktion und zu einem Abbau bei der Belegschaft von 7150 (1916) auf weniger als 4500 (1921) Mitarbeitende. links|mini|Damenschuhmodell aus dem Jahr 1952 Bally überstand die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg, indem man das Portfolio auf sportliche Schuhe und Militärschuhe ausweitete. Konkurrenten wie der Schuhhersteller Bata wurden allerdings auch mit aggressiven Mitteln bekämpft. In der Nachkriegszeit expandierte das Unternehmen und etablierte sich erfolgreich im weltweiten Markt. Im Jahr 1942 wurde das ehemalige Wohnhaus Zum Felsengarten des Gründers in Schönenwerd in ein Schuhmuseum umgewandelt, das bis heute als Bally-Schuhmuseum besteht. Im Jahr 1951 lancierte Max Bally den Scribe, einen rahmengenähten Herrenschuh, der nach dem Pariser Hôtel Scribe benannt wurde und bis heute gefertigt wird. Der Bally-Konzern umfasste mittlerweile Produktionsstätten in der Schweiz, Frankreich, Südafrika, Grossbritannien, Österreich und den USA, ausserdem einige Gerbereien in Südamerika sowie Immobilien- und Handelsunternehmen. Bally beschäftigte rund 15.000 Menschen in der Schweiz und weltweit und produzierte etwa 10,2 Millionen Paar Schuhe im Jahr.
Bally übernahm in Europa den Vertrieb von Pedoskopen der Pedoscope Company aus St Albans im Vereinigten Königreich.
Im Jahr 1953 trug Edmund Hillary zur Erstbesteigung des Mount Everest Stiefel von Bally. Im Jahr 1976 wurden Bekleidung, Handtaschen und andere Lederaccessoires ins Sortiment aufgenommen.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Verkauf und Neubeginn Im Jahr 1976 erlangte der Schweizer Finanzspekulant Werner K. Rey die Aktienmehrheit an Bally.Werner K. Rey. In: Spiegel Online. 12. September 1988.Dunkle Konsorten. In: Spiegel Online. 18. Juli 1977. Mit der Übernahme der Aktienmehrheit durch Rey verlor die Bally-Familie ihren Einfluss auf die Unternehmung. Im Folgejahr musste Rey seine Aktien auf öffentlichen Druck wieder veräussern: Der Rüstungskonzern Oerlikon-Bührle übernahm im Jahr 1977 die Aktienmehrheit von Rey. Unter dem Verwaltungsratsvorsitz von Hortense Anda-Bührle war Bally zwar erfolgreich, allerdings verkaufte sie zahlreiche hochwertige Immobilien aus dem Bally-Portfolio, darunter den umsatzstarken Flagship-Store Capitol in der Zürcher Bahnhofstrasse und das exklusive Ladengeschäft am Pariser Boulevard de la Madeleine. In den 1990er Jahren befand sich Bally im Niedergang; Auslöser waren Managementfehler, ein zu hoher Anteil der Eigenproduktion und eine weltweit uneinheitliche Markenführung. Im Jahr 1992 übernahm Hans Widmer, Chef von Oerlikon-Bührle, selbst von Alfred Niederer die Geschäftsführung, gab sie jedoch bereits wenige Monate später an Stefano Ferro. Zwischen 1993 und 1995 setzte die Designerin Andrée Putmann ein neues Innenraumdesign für zahlreiche Bally-Läden um, so wie vor ihr Robert Mallet-Stevens (1928) und Le Corbusier (1949). Ferro wurde 1995 von Ernst Thomke abgelöst, der eine harte Rationalisierung durchführte. Tausende Angestellte wurden entlassen und zahlreiche Fabriken geschlossen. Der Betriebsverlust belief sich im Jahr 1995 auf 6,7 Mio. Franken. Thomke wollte Bally an die Börse bringen, konnte sich mit seinem Plan jedoch nicht durchsetzen und verliess daraufhin im August 1997 Oerlikon-Bührle und Bally. Im Herbst 1997 schickte Bally einen Sonderzug durch Deutschland, von welchem aus in den Bahnhöfen mehrerer Grossstädte Restposten-Schuhe aus den Jahren 1992 bis 1996 verkauft wurden. Thomkes Nachfolger wurde im Jahr 1998 Bernd Wahler; Bally hatte zu dieser Zeit noch rund 2'800 Mitarbeitende, 422 Filialen und eine Fabrik im Kanton Tessin.
Im darauffolgenden Jahr verkaufte Oerlikon-Bührle Bally an die US-Investmentgesellschaft Texas Pacific Group (TPG). TPG restrukturierte den Betrieb, verkleinerte das Filialnetz und überführte den Firmensitz von Schönenwerd nach Caslano, wo dem Unternehmen bereits zuvor eine Produktionsstätte gehörte. Auch das Distributionskonzept wurde überarbeitet und TPG setzte den ehemaligen Gucci-Manager Marco Franchini als CEO sowie den New Yorker Designer und ehemaligen Salvatore Ferragamo-Mitarbeiter Scott Fellows als Kreativdirektor ein.Bally wird verkauft. In: NZZ.ch. 23. April 2008.