Homo academicus ist eine von Pierre Bourdieu 1984 veröffentlichte soziologische Studie, in der er sich mit den Hierarchien und gesellschaftlichen Strukturen innerhalb französischer Universitäten und Hochschulen beschäftigt. „Ziel der soziologischen Analyse der universitären Welt ist es, den Homo academicus, diesen Klassifizierer unter Klassifizierenden, den eigenen Wertungen zu unterwerfen.“Pierre Bourdieu: Homo academicus., übersetzt von Bernd Schwibs. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 1988, S. 9.
Vorwort Pierre Bourdieu legt mit seinem Homo academicus eine soziologische Studie vor, welche sich mit der Darstellung, Position und Machtverteilung der Akademiker im universitären Raum (→ sozialer Raum, soziales Feld) beschäftigt. Bourdieu sah das Grundproblem, dass die Wissenschaftler klassifizieren, ohne die Produktionsbedingungen ihrer Klassifikations-Kriterien zu reflektieren. Das übergeordnete Ziel der Studie ist es, den Einfluss der sozialen Determinismen auf die wissenschaftlichen Untersuchungskriterien unter Kontrolle zu bringen (die Objektivierung des objektivierenden Subjekts). Das besondere an Bourdieus Studie liegt darin, dass sie, im Gegensatz zu den meisten Texten, die „von ihrem jeweiligen Produktions- und Verwendungszusammenhang“ (Bourdieu 1988: 14) abstrahieren, „den eigenen Kontext mit vermittelt“. Bourdieu ist selbst Teil der Welt, deren Mechanismen er aufdeckt und die er kritisiert (S. 13).Seitenangeben beruhen auf: Pierre Bourdieu, Homo academicus., übersetzt von Bernd Schwibs. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 1988.
Bourdieu prognostiziert, dass die Leser des Homo academicus sehr unterschiedlich auf die Studie reagieren werden, nämlich je nachdem, ob sie Teil des geschilderten universitären Feldes sind oder ihm als Fremde gegenüberstehen. Letztere können sich leichter auf die Studie einlassen und von ihr belehren lassen, weil sie sich von der möglichen Kritik nicht tangiert fühlen und sich damit verhalten „wie im Theater, wo man ja auch lachen kann, ohne zu erkennen, daß man ein Bild seiner eigenen Fehler vor Augen hat.“ (S. 14).
Bourdieu führt eine Methode an, wie der Wissenschaftler aus seiner Untersuchung herausgelöst werden kann, um ein möglichst objektives Ergebnis zu bekommen. Hierbei muss in der wissenschaftlichen Analyse der „Raum der Positionen“ und der „Raum der Werke“ zusammengebracht werden. Anders gesagt: Erst wenn ein Werk in die… fachspezifische Schublade gesteckt wird (Bedingung 1), in der sich auch die Werke anderer Hochschullehrer zum gleichen Themengebiet befinden (Bedingung 2), auf diese Weise die Symbole des neuen Werkes eine Bestimmung erfahren (Bedingung 3) und zudem eine Schublade in den Gesamtkorpus „Universität“ eingefügt wird (Bedingung 4), kann der Text und das Forschungsergebnis Sinn gewinnen.
In diesem Fall wäre der „Raum der Werke“ mit dem „Raum der Positionen“ (S. 17) zusammengebracht. Im universitären Raum hat jeder Professor eine Stellung inne, die sich zum Beispiel auf seine politische Stellung auswirkt. Beispielsweise fänden sich diejenigen Professoren gesammelt an einer Stelle des Raumes wieder, die sich gegen die Studentenbewegungen aussprechen. Die Professoren, die sich für diese Bewegungen aussprechen, finden sich an einer ganz anderen Stelle im Raum wieder. Im universitären Raum gibt es Wissenschaftler mit Außenseiterpositionen, die sich bewusst vom universitären Feld ausgrenzen und trotzdem in gewissem Maße Macht und Prestige erwerben können, wie zum Beispiel Roland Barthes. Diese Außenseiter müssen sich jedoch damit abfinden, nie die gleiche Macht und Position erlangen zu können, wie ihre Kollegen in Institutionen.
Weiter beschreibt Bourdieu den Generationenwechsel der Fächer an den Universitäten. So bedrohen neue Disziplinen (Linguistik, Anthropologie etc.) die Herrschaft der „altehrwürdigen“ Fächer (Philosophie, Literaturwissenschaften etc.) (S. 18). Bourdieu umschreibt dies als „Krieg der Fächer“ (ebd.), indem sich nahezu jede Fachrichtung von der anderen abgrenzen möchte, es jedoch vermehrt zu Verbindungen der Fächer kommt.
Kapitel 1: Ein „Buch, das verbrannt gehört“? Einleitung Die Einleitung zum 1. Kapitel seines Werkes kann man allgemein als eine Rechtfertigung für Bourdieus Untersuchung ansehen. Zu Beginn macht er deutlich, dass es Probleme aufwirft, wenn man sich eine soziale Welt zum Thema macht, in die man selbst unmittelbar verstrickt ist. Ein weiteres Problem sieht Bourdieu in der Schreib- bzw. Darstellungsweise, die auftritt, wenn man wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln will. Besonders ist dies bei der Anwendung von Beispielen der Fall, da diese zumeist aus dem Alltagswissen gespeist werden, gegen das die Wissenschaft sich abzugrenzen versucht. Gleichzeitig ist er sich aber bewusst, dass nicht der Verdacht der Denunziation ausgeräumt werden kann, weil er neben der wissenschaftlichen Analyse auch Eigennamen und Anekdoten verwendet. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass er sein Werk über die Gruppe Menschen schreibt, zu denen seine Kollegen und sein engeres Umfeld gehört. Er bringt sich so in eine komplizierte Lage, weil die akademische Welt, in dem das Objektivieren das zentrale Instrumentarium darstellt, sich angegriffen fühlen könnte, wenn sie nun selbst Objekt des Objektivierens wird. Am Ende weist er noch darauf hin, dass sich durch seine Analyse eine Freiheit für den Menschen ergibt, da er nun sich selbst in seinem Feld verorten kann und diese Struktur durchschaut.
Kapitel 1.1: Die Konstruktionsarbeit und ihre Effekte Bourdieu hat das Vorhaben, eine Welt zu untersuchen, an die er als Soziologe selbst geknüpft ist. Hierbei tritt das Problem auf, dass er sich als Subjekt zum Objekt der Untersuchung machen muss. Es besteht dabei jedoch die Gefahr, zum eigenen Vorteil zu arbeiten und dies unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu verbergen. Als Lösung dieses Problems sieht er den Rückgriff auf objektive Verfahren. Hieraus folgt eine Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers bei der Konstruktion seiner Arbeit und der Ausgestaltung seines Erhebungsdesigns. Neben der Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers, die sich aus der Konstruktion seiner Arbeit ergibt, betont Bourdieu jedoch auch die Rolle der Intuition, die dem Wissenschaftler erst eine Möglichkeit eröffnet, bahnbrechende Neuerungen zu entdecken.
Etwas tun, ohne genau zu wissen, was man tut – damit eröffnet man sich die Chance, in dem, was man getan hat, etwas zu entdecken, was man vorher nicht wusste.(S. 39)
Intuition wird dabei als mehr oder minder kontrollierte Form der vorwissenschaftlichen Erkenntnis verstanden. Im Forschungsverlauf sei der Bruch mit der Primärintuition völlig selbstverständlich. Wissenschaftliche Arbeit wird als dialektischer Prozess gesehen, bei dem es im Forschungsverlauf zu Schwierigkeiten kommt, aus denen immer neue Hypothesen entstehen. Eine Konkretisierung der Hypothese entwickelt sich erst nach und nach im Forschungsverlauf. Die wesentliche Bedeutung der wissenschaftlichen Objektivierung beruht auf der Möglichkeit, die Objektivierung zu objektivieren. Instrument dieser Objektivierung ist die Erzeugung eines Codes. Bourdieu unterscheidet hierbei die Alltagswahrnehmung und den konstruierten Code. Innerhalb des konstruierten Codes kann zudem zwischen dem wissenschaftlich-normativen Code, der sich an in der sozialen Wirklichkeit vorhandenen Gegebenheiten orientiert, und dem rein konstruierten Code, dem aus sich heraus ein neues Kriterium schaffenden Code, unterschieden werden. Die Entstehung der Codes wird in der wissenschaftlichen Praxis oft verheimlicht, um Diskussionen um deren Relevanz zu umgehen. Zudem sind in der Konstruktion und der Verbreitung der Codes zwei Effekte zu beobachten: Zum einen ein Offizialisierungseffekt, womit gemeint ist, dass nicht Objektivierbares objektiviert wird, und zum anderen ein Institutionalisierungs- und Homogenisierungseffekt, womit die Verbreitung und andauernde Anwendung der Codes in der Praxis gemeint ist. Für die Soziologie ergibt sich aus diesem Wissen die Konsequenz, darauf zu achten, dass es eine fehlende klare Trennung zwischen inoffiziellen Zuschreibungen und wissenschaftlichen Begriffen gibt und sich diese häufig vermischen. Das sich daraus ergebende Problem, dass eine Rückübertragung des empirisch Vorgefundenen auf die scheinbar wissenschaftliche, objektive Ebene nicht sinnvoll sei, da dies verkürzend sei und somit nicht aussagekräftig, wird dadurch gelöst, dass alltagssprachliche Kriterien zum Gegenstand der soziologischen Analyse gemacht werden.
Kapitel 1.2: Empirisches und epistemisches Individuum Bourdieu weist auf zwei mögliche Missverständnisse hin, die sich beim Lesen soziologischer Texte ergeben können, und bezeichnet diese als Gefahr, da es aufgrund der ‚konstruierten Sprache‘ (hier also die wissenschaftliche Sprache) dazu kommen kann, dass die Leser den Autor falsch verstehen, da sie die Sprache funktional, wie auch im umgangssprachlichen Gebrauch, benutzen. Weiter kritisiert Bourdieu, dass sich die verwendete Rhetorik nicht immer auf wissenschaftlich klar definierte Fakten bezieht. Daher betont er, dass es wichtig ist, weniger Ausschmückungen zu nutzen, da durch diese die wissenschaftliche Tiefe verloren ginge.
Das empirische Individuum (→ Empirie) beschreibt lediglich eine Markierung ohne große Bedeutung und ohne großen Informationsgehalt. Es [das Individuum] wird zwar differenziert, aber ohne genau zu benennen, worin es sich differenziert. Das epistemische beziehungsweise konstruierte Individuum hingegen unterscheidet sich durch klar definierte endliche Merkmale wie Alter oder Geschlecht. Das konstruierte Individuum bezieht sich nicht nur auf den alltagspraktischen Raum, sondern innerhalb eines konstruierten Raums, der zuvor durch bestimmte Merkmale erstellt worden ist.
In Bezug auf die wissenschaftliche Methode Bourdieus bleibt festzuhalten, dass „die wissenschaftliche Anschauung […] die systematische Totalisierung dar[stellt], die beim gegebenen Stand der Erkenntnismittel und der möglichsten Objektivierung des historischen Datenmaterials zu erreichen ist“. (S. 76). Dies stellt das Ziel Bourdieus dar, weil weder durch das Festsitzen in den Strukturen, in denen man verweilt, noch durch eine „absolute Perspektive eines göttlichen Zuschauers“ Erkenntnis gewonnen werden kann (weil man ja immer in die Strukturen eingebunden ist). Je offener man für das Feld ist, desto größer ist die Erkenntnis über den Raum und die Individuen im Feld.
Kapitel 2: Streit der Fakultäten Kapitel 2.1: Zustimmung und Distanzierung Pierre Bourdieu sieht die soziale Welt als mehrdimensionalen sozialen Raum. In diesem nehmen die Akteure relative Positionen ein, die durch Status (Macht) ausgestattet sind. Diese Macht wird durch die Fülle und Größe an Kapitalsorten bestimmt.
Dieser Raum kann zum besseren Verständnis auf zwei Dimensionen reduziert werden. So kann dieser durch ein zwei-dimensionales Koordinatensystem dargestellt werden, wo die Statushierarchie vertikal und die kulturelle Dimension horizontal angeordnet ist. So besitzt z. B. ein Handelsunternehmer viel weniger kulturelles Kapital als ein Universitätsprofessor und ist somit auf dieser imaginären horizontalen Achse sehr weit links angeordnet.
Diese Positionen werden dann vor dem Hintergrund der Verfügung über die anderen Kapitalsorten (z. B. distinktive Sprache, körperliche Ausdrucksformen, Kleidung, Stil, Verhalten) eingenommen. Dazu gehört auch das so genannte symbolische Kapital, welches durch Prestige, Ehrenzeichen, Privilegien und Positionen verliehen wird.
Neben dem sozialen Raum existiert das Machtfeld. Hierbei liegt die Unterscheidung zwischen vielen verschiedenen Feldern vor (universitäres Feld, politisches Feld etc.).
Die einzelnen Fakultäten sind im Sozialen Raum unterschiedlich verortet.
Die naturwissenschaftlichen Fakultäten bringen viel ökonomisches, dafür aber nur relativ wenig kulturelles Kapital mit.