mini|hochkant|Museale Schönheit: Die Porträtbüste der Nofretete Schönheit ist ein Attribut individuellen menschlichen Wohlgefallens, das zum Beispiel in Naturerscheinungen, bei Kunstgegenständen und in Alltagserlebnissen auftritt. Als Bezugsgröße persönlichen Empfindens entzieht sich Schönheit jedoch einer allseits akzeptierten, verbindlichen Objektivierung und Festlegung. Als „schön“ empfunden werden können unter anderem Landschaften, Sonnenuntergänge, Menschen, Gebrauchsgegenstände oder Kunstwerke. In einem weiteren Sinn werden oft auch abstrakte Objekte wie Ideen, Erkenntnisse, Handlungen, Beziehungen, Situationen oder Erinnerungen als schön bezeichnet. Im umgangssprachlichen Alltag streut die Verwendung dieses Adjektivs sehr breit. Wenn von Schönheit im Sinne eines bewusst getroffenen Werturteils gesprochen wird, handelt es sich um etwas anderes als einfaches Wohlfühlen oder Lustempfinden.
Ob Schönheit eine Eigenschaft des Objektes, oder eine Empfindung des Subjektes, oder etwas Drittes ist, ist traditionell und bis heute umstritten. Untersuchungsgegenstand ist Schönheit sowohl in der Philosophie, wo das Schöne speziell in der griechischen Antike zusammen mit dem Wahren und dem Guten zu den obersten Werten gehörte, als auch in einer Reihe anderer Wissenschaftszweige, darunter Psychologie und Kunstwissenschaften. Wie Kunst und Geschmack ist Schönheit zentral für die Ästhetik, wo sie in Beziehung gesetzt wird zu Anmut, Eleganz oder Erhabenheit. Als ästhetischer Wert steht der Schönheit die Hässlichkeit gegenüber. Das Phänomen, dass an sich „hässliche“ Attribute gelegentlich dennoch als schön empfunden werden, wird als Paradox der Hässlichkeit bezeichnet.
Schönheit hat sowohl objektbezogene als auch subjektive Aspekte: Sie hängt einerseits von Eigenschaften der jeweiligen Objekte ab, andererseits vom individuellen Geschmack der urteilenden Person. Der subjektiven Seite entspricht die Redewendung, Schönheit liege „im Auge des Betrachters“. Was in einem alltäglichen Sinne als „schön“ bezeichnet wird, ist zudem großteils von sich wandelnden Schönheitsidealen abhängig, die sich zwischen verschiedenen Kulturen und Epochen teils stark voneinander unterscheiden. In diesem Sinne haben auch Moden (zum Beispiel bei Kleidung und Körpergestaltung) sowie stilistische Veränderungen (zum Beispiel in Kunst, Literatur und Musik) Einfluss auf das ästhetische Empfinden.
Die Verschönerung des eigenen Erscheinungsbildes ist nicht neu in der Menschheitsgeschichte. Der gegenwärtige Trend zur diesbezüglichen Individualisierung mit erweiterten Gestaltungsmitteln wie Tätowierungen, Piercings und Schönheitsoperationen wird teilweise als oberflächliche Selbstoptimierung kritisiert.
Definitionsprobleme und -annäherungen
Die Suche nach einer generellen Definition von Schönheit führe nirgends zum Erfolg, so Karen Gloy, weder im Internet noch in philosophischen oder ästhetischen Lexika oder Wörterbüchern. Welche bekanntere Zitatformel man auch nehme – etwa die von Friedrich Schiller, dass Wahrheit für den Weisen sei, die Schönheit „für ein fühlend Herz“, die von Christian Morgenstern, wonach Schönheit eigentlich alles sei, was man mit Liebe betrachtet, oder die von Albert Einstein, wonach das Schönste das Geheimnisvollste sei –, stets müsse man wie die Genannten von einer bestimmten Perspektive ausgehen und von dort aus größere Zusammenhänge erschließen. Jeder solcher Ausgangspunkt aber bleibe beliebig, da auch ein anderer gewählt werden könnte; eine systematische Gesamtschau über das Seiende jedoch gebe es nicht.Gloy 2022, S. 7 f.
Als eine Verheißung von Glück bzw. als ein Glücksversprechen hat Stendhal Schönheit verstanden,„La beauté n’est que la promesse du bonheur.“ eine Betrachtungsweise, die laut Konrad Paul Liessmann neuerdings wieder häufiger aufgegriffen wird. Demnach weckt der Anblick von Schönheit Erwartungen, Begierden und Sehnsüchte, stellt dieses Glück aber nicht selbst dar. „Schönheit lässt uns ahnen, dass es mehr gibt als das Nützliche und das Unnütze, als unmittelbare Lust und unmittelbares Leid.“ Schönheit gehe über den einfachen Reiz der Sinne stets hinaus. „Wenn wir im Alltag, in der Kunst oder in der Natur etwas ‚schön‘ nennen, meinen wir in der Regel, dass etwas in besonderer Weise geglückt, in sich stimmig, als Gesamtheit gelungen ist.“Liessmann 2009, S. 8 und 10.
Liessmann zufolge hörte das Schöne spätestens im 18. Jahrhundert auf, als Ausdruck objektiver Gesetzmäßigkeiten verstanden zu werden. Seither sei das Schöne keine Eigenschaft des Objekts mehr, sondern Ausdruck einer subjektiven Einstellung. „Nun liegt die Schönheit im Auge des Betrachters, was schön ist, unterliegt dem individuellen Geschmack.“ In der Folge komme es zu einer Sensualisierung, Psychologisierung und Subjektivierung des Schönen. Fortan seien nicht mehr die Vernunft und der Intellekt die Organe zur Erfassung des Schönen, sondern die Erfahrung des Schönen liege in den Sinnen selbst. Für David Hume war Schönheit keine den Dingen selbst innewohnende Eigenschaft; „sie existiert lediglich im Geiste dessen, der die Dinge betrachtet.“ Das Gefühl für das Schöne könne allerdings durch Schulung und Übung, durch Vergleiche und Kenntnisse geschärft, die diesbezügliche Urteilskraft treffsicherer werden.Zitiert nach Liessmann 2009, S. 29 f.
Mit der experimentellen Ästhetik, für die Gustav Theodor Fechner als Begründer der Psychophysik den Boden bereitete, wurde der traditionell-philosophischen „Ästhetik von oben“ eine das Schönheitserleben auf experimenteller Basis erforschende „Ästhetik von unten“ gegenübergestellt.Paál 2020, S. 10–13. Paál selbst sucht in Was ist schön? Die Ästhetik in allem beide Ansätze miteinander zu verbinden. (Ebenda und S. 283 f.) Für Gábor Paál gilt: „Schönheit beschränkt sich nicht auf Kunst oder auf besinnliche Momente, sondern sie ist existenziell. An einem Mangel an Schönem kann man leiden.“Paál 2020, S. 10.
Schönheitsempfinden und -erleben in Alltagsbereichen
mini|Schöne Blume: Meipolo-Rose. In nahezu allen Lebensbereichen, so Liessmann, spielt Schönheit eine bedeutende Rolle. Von der Geburt – dem „schönen“ Baby – bis zum Tod – der „schönen“ Leich’ – stelle Schönheit im Alltag einen Wert dar. Erotik und Sexualität seien in hohem Maße davon bestimmt: „schöne“ Körper und „schöner“ Sex. Schönheit grundiere die Ziele und Wunschvorstellungen menschlicher Lebenspraxis – die „schöne“ Wohnung, der „schöne“ Urlaub, ein „schöner“ Abend. Als zentrale Norm bestimme Schönheit die Ästhetik von Kleidung und das Design von Gebrauchsgegenständen.Liessmann 2009, S. 7.
Mit den Zusammenhängen zwischen Schönheit und Musik beschäftigt sich die Musikästhetik. Die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann erforscht am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (Frankfurt am Main) das Phänomen der musikalischen Schönheit.Julia Meyer-Hermann: Klingt das gut?, in: Max Planck Forschung, Heft 3, 2025, S. 22–27. Ihr zufolge sind die Hauptwirkprinzipien Dynamikwechsel und auffällige Akkorde. Auch in den sogenannten exakten Wissenschaften spielt Schönheit eine Rolle. Sie kommt etwa in der Eleganz mathematischer und physikalischer Formeln oder Beweisführungen zum Tragen und ist Untersuchungsgegenstand der Wissenschaftsästhetik. Viele mathematische Objekte gelten als „schön“. Dazu gehören Fraktale, die Eulersche Identität sowie die mathematischen Eigenschaften des goldenen Schnitts. Auch Bildern von mikroskopischen oder makroskopischen Strukturen wird häufig ein ästhetischer Wert beigemessen.
Einen auf den ersten Blick inflationären Gebrauch des Wortes „schön“ folgert Paál: schöne Erlebnisse, schöne Nachrichten, schöne Vorträge, schöne Begegnungen; und daneben scheinbar unverträglich die Schönheit eines Rilke-Gedichts oder eines Da-Vinci-Gemäldes. Gleichwohl plädiert Paál für einen sehr weiten Begriff von Schönheit.Paál 2020, S. 9.
Vier verschiedene Ausprägungen des Schönen behandelt Roger Scruton in seiner diesbezüglichen Untersuchung: 1. Schönheit als Objekt der Begierde; 2. natürliche Schönheit als Gegenstand der Kontemplation; 3. Schönheit im Alltag als Thema der praktischen Vernunft; 4. künstlerische Schönheit als bedeutungstragende Form und Gegenstand von Geschmacksurteilen.Scruton 2012, S. 191.
Evolutionäre Veranlagung des Sinns für Schönheit
mini|Pfauenspinne in Balzfärbung In der evolutionären Psychologie wird geprüft, unter welchen Umständen die Fortpflanzungschancen eines Organismus steigen, wenn er Empfindungen für das Schöne entwickelt. Scruton unterscheidet dabei zwei Zugänge zu einer evolutionären Erklärung der Ästhetik: einen gruppenbezogenen und einen individuellen. Der gruppenspezifische bezieht sich auf Rituale und Feste, in denen die Mitglieder ihrem Bedürfnis Ausdruck verleihen, etwas Besonderes zu sein. Dieses in diversen kulturellen Eigenheiten sich artikulierende Bedürfnis wird mit dem evolutionären Vorteil für den Gruppenzusammenhalt auch in Krisenzeiten erklärt, der aber auch die Fortpflanzung der Menschen in Friedenszeiten fördere. Der individuelle Betrachtungsansatz sieht den Sinn für das Schöne durch den Prozess der sexuellen Selektion gefördert, wie er bereits von Charles Darwin vertreten wurde. Hervorzuheben sei, so Scruton, dass die ästhetischen Aktivitäten von Menschen weitaus mehr umfassen als das Balzgehabe von Tieren, so beispielsweise das Malen von Bildern, das Dichten und den Liedgesang.Scruton 2012, S. 54–57.
Die auf Darwin zurückgehende, rein biologische Erklärung der äußeren Erscheinung speziell des Menschen darf auch aus Gloys Sicht von Anbeginn nicht zu eng gefasst werden. Für das Überleben der Menschengattung spiele nicht nur die Vererbung und Weitergabe der äußeren, geschlechtsspezifischen Schönheitsmerkmale eine Rolle, sondern auch der die Menschen umgebende Lebensraum, in dem sie sich einrichten, sowie die sie tragenden sozialen Strukturen. In verschiedenen Kulturen wie auch innerhalb derselben Kultur zu verschiedenen Epochen kann der auf die äußere menschliche Erscheinung gerichtete Schönheitsbegriff variieren. So bevorzugen Wohlstands- und Überflussgesellschaften mit reichlichem Nahrungsangebot das Schlankheitsideal; an Nahrungsmangel leidende Naturvölker, die am Existenzminimum leben, ziehen dagegen dem Wunschziel der Nahrungsfülle entsprechende, also fülligere Formen vor.Gloy 2022, S. 17 und 20 f.
Evolutionsgeschichtliche Darstellungen menschlicher Verhaltensadaptionen gründen laut Winfried Menninghaus auf der Grundannahme, dass Menschen in zwei Zeiten leben: einer historisch-kulturellen und einer urgeschichtlich-evolutionären. Zwischen beiden liege ein Bruch, der sich ereignete, als menschliche Intelligenz der natürlichen Umgebung die selbstgeschaffene Technik und Kultur gegenüberstellte. „Unsere genetisch fixierten Körpermerkmale und viele unserer evolvierten Verhaltensprogramme sind mit dem Einsetzen der Kultur – und also sehr früh in der gesamten Menschheitsgeschichte – gleichsam eingefroren worden.“ Empirisch grundiert würden neuere evolutionstheoretische Hypothesen in methodisch für Menninghaus oft hochproblematischen Erhebungen transkultureller Aussehenspräferenzen. Als universal gültige Bevorzugungsmerkmale im Aussehen gelten demnach heute: „hohe Symmetriewerte von Gesicht und Körperteilen, glatte Haut, hemisphärische Brüste, eine bestimmte Relation von Taille und Hüfte, das Kindchen-Schema bei Frauengesichtern und männliche Sportlerfiguren.“ Angesichts mancher offenen Fragen im Spannungsfeld zwischen evolutionären und kulturellen Prägungen sind hinreichende Erklärungen aktuellen menschlichen Verhaltens aus der Evolutionstheorie laut Menninghaus nicht zu erwarten, „sondern allenfalls Plausibilisierungen für unbestimmt große Teile unseres Verhaltens“.Winfried Menninghaus: Schönheit – Leben – Tod. Zur Evolutionstheorie von Aussehenspräferenzen. In: Cathrin Gutwald, Raimar Zons (Hrsg.) 2007, S. 36 f.
Geordnete Schönheit – symmetrisch, proportioniert, harmonisch