Die Blindschleiche (genauer: Westliche Blindschleiche) (Anguis fragilis) ist eine Echsenart innerhalb der Familie der Schleichen (Anguidae). In Mitteleuropa gehört sie zu den am häufigsten vorkommenden Reptilien. Mit ihrem beinlosen, langgestreckten Körper gleicht sie einer Schlange und wird auch oft für eine solche gehalten. Dieses Missverständnis spiegelt sich auch im wissenschaftlichen Gattungsnamen wider, den ihr Carl von Linné gegeben hat (lateinisch anguis = „Schlange“; der Artname fragilis bedeutet „zerbrechlich“). Wichtige Unterscheidungsmerkmale zu den Schlangen sind das leichte Abbrechen des Schwanzes sowie das für alle Schleichen typische Vorhandensein von beweglichen Augenlidern und äußeren Gehöröffnungen, wenn auch letztere durch Schuppen verdeckt sind.
Ein anderer verbreiteter Irrtum ist, dass die Blindschleiche gemäß der Artbezeichnung blind sei. Bereits die althochdeutschen Bezeichnungen blintslîh, plintoslîh usw.Stichwort „blint(o)slîh/plint(o)slîh“ in: Althochdeutsches Wörterbuch, digitalisierte Fassung bereitgestellt durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, abgerufen am 28. März 2026. bedeuten „blinder Schleicher“ im Sinne von „nicht sehend“.Stichwort „Blindschleiche“ im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds.de), Abschnitt „Etymologie“ (Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer), abgerufen am 28. März 2026.Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 978-3-11-017473-1, Stichwort: „Blindschleiche“, Seite 133.Stichwort „Blindschleiche“, Duden online, abgerufen am 28. März 2026. (In biologischer Literatur ist wiederholt zu lesen, der althochdeutsche Name bedeute „blendende oder glänzende Schleiche“,Hans-Günter Petzold: Blindschleiche und Scheltopusik. Die Familie Anguidae (= Die Neue Brehm-Bücherei. Bd. 448). 2., unveränderte Auflage, Nachdruck der 1. Auflage von 1971. Westarp Wissenschaften u. a., Magdeburg u. a. 1995, ISBN 3-89432-473-2.Rainer Günther, Wolfgang Völkl: Blindschleiche – Anguis fragilis Linnaeus, 1758. In: Rainer Günther (Hrsg.): Die Amphibien und Reptilien Deutschlands. Gustav Fischer, Jena u. a. 1996, ISBN 3-437-35016-1, S. 617–631.Dieter Glandt: Die Amphibien und Reptilien Europas. Alle Arten im Porträt. Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim 2015, ISBN 978-3-494-01581-1, S. 322–327. was sprachhistorisch aber unbelegt ist.Stichwort „blint/plint“ in: Althochdeutsches Wörterbuch, digitalisierte Fassung bereitgestellt durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, abgerufen am 28. März 2026.) Andere, heute nicht oder kaum mehr gebräuchliche Bezeichnungen lauten Haselwurm und Hartwurm.
Die Blindschleiche wurde von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde zum Reptil des Jahres 2017 gekürt.
Merkmale Körperbau miniatur|links|Zum Züngeln müssen Blindschleichen das Maul etwas öffnen miniatur|links|Die glatten, glänzenden Schuppen sind typisch Blindschleichen haben einen langgestreckten, im Querschnitt kreisrunden Körper ohne Extremitäten und erreichen eine Gesamtlänge von bis zu 57,5 cm.Wolfgang Böhme: A record-sized specimen of the western slow worm (Anguis fragilis). In: Zeitschrift für Feldherpetologie. Bd. 19, Nr. 1, 2012, , S. 117–118. Die meisten zu beobachtenden erwachsenen Tiere sind aber eher zwischen 40 und 45 cm lang, wobei davon bis zu 22 cm auf den Kopf-Rumpf-Abschnitt entfallen, der Rest auf den Schwanz. Der recht kleine, hohe Kopf geht unvermittelt in den Rumpf über. Auch der in einer hornigen Spitze endende Schwanz ist nicht vom Rumpf abgesetzt und oft etwas länger als dieser. Dadurch, dass die Tiere ihren Schwanz an mehreren Sollbruchstellen leicht abwerfen können, haben allerdings recht viele Exemplare keinen vollständig erhaltenen Schwanz mehr. Anders als bei Echten Eidechsen wächst nach einer Autotomie der Schwanzabschnitt auch nicht nach. Es bildet sich nur ein sehr kurzer, halbkugeliger Stumpf. In manchen Populationen hat mehr als die Hälfte der erwachsenen Tiere keinen vollständigen Schwanz mehr. Für feldbiologische Körpermessungen wird daher die Kopf-Rumpf-Länge – von der Schnauzenspitze bis zur Kloake – bevorzugt. Die Kloake hat bei der Blindschleiche einen quergestellten Spalt.
Die Hautoberfläche besteht aus glatten, runden bis sechseckigen, sich dachziegelartig überlagernden Hornschuppen, die ober- und unterseits des Körpers etwa gleich geformt sind. Auch an der Bauchseite sind davon mehrere Längsreihen vorhanden, und die Schuppen sind dort nur geringfügig kleiner als auf der Rückenseite. In der Rumpfmitte umfasst eine Querreihe 24 oder 26 Schuppen. Insgesamt weist der Rumpf 125 bis 150 Schuppenquerreihen und der Schwanz noch einmal 130 bis 160 Reihen auf. Unter den Schuppen befinden sich Knochenplättchen (Osteoderme), wodurch sich Blindschleichen viel steifer und plumper kriechend fortbewegen als Schlangen. Die Kopfbeschuppung ähnelt der von Eidechsen; die den Kopf nach hinten begrenzenden Pileus-Schilde sind relativ groß. Die Ohröffnungen sind allerdings meistens ganz unter den Schuppen verborgen. Die relativ kleinen Augen haben bewegliche, verschließbare Lider (bei Schlangen sind diese verwachsen) und runde Pupillen. Die eher kurze Zunge ist breit-zweilappig und läuft nicht in feine Spitzen aus. Zum Züngeln, also zur Aufnahme von Geruchsstoffen, müssen Blindschleichen das Maul etwas öffnen, da sie keine Oberlippenlücke wie die Schlangen haben. Die spitzen, teilweise recht lose sitzenden Zähnchen sind nach hinten gekrümmt; im Zwischenkiefer befinden sich davon 7 bis 9, im Oberkiefer 10 bis 12, im Unterkiefer 14 bis 16. In fortgeschrittenem Alter haben Blindschleichen einen Teil der Zähne oft verloren.
Die Extremitäten sind vollständig zurückgebildet; lediglich bei den Embryonen sind zunächst noch vordere Beinrudimente nachweisbar, die aber später verschwinden. Bei den erwachsenen Tieren weisen nur kleine Reste eines Schulter- und Beckengürtels an der Wirbelsäule auf die phylogenetische Abstammung von beintragenden Vorfahren hin.
Färbung und Zeichnung mini|links|Jungtier (82 mm lang; zum Größenvergleich eine Büroklammer) mini|Dieses weibliche Exemplar hat keinen vollständigen Schwanz mehr mini|Die Männchen haben einen etwas breiteren Kopf und sind oft weniger kontrastreich gezeichnet als die Weibchen mini|Dieses Weibchen zeigt mit dem mittigen schwarzen „Aalstrich“ und der zu den dunklen Flanken farblich scharf abgesetzten hellen Oberseite Anklänge an die typische Jugendfärbung Als „Jugendkleid“ haben Blindschleichen eine sehr kontrastreiche Farbgebung und Zeichnung. Auf der silberweißen oder goldgelben Oberseite verläuft vom Hinterkopf – dort verbreitert oder gegabelt – bis zur Schwanzspitze eine schwarze Linie („Aalstrich“; manchmal kann dieser auch unterbrochen sein oder ganz fehlen). Die Flanken sind ebenso wie die Bauchseite schwarz und damit scharf von der Oberseite abgesetzt. Mit zunehmendem Alter kann sich das Schwarz in graue, blaue oder bräunliche Töne aufhellen. Die Iris ist bei den Jungtieren dunkelbraun.
Die Körper der erwachsenen Tiere haben eine variable Grundfärbung aus oberseits Braun-, Grau-, Gelb-, Bronze- oder Kupfertönen. Diese Färbung ist durchsetzt mit mehr oder weniger deutlichen dunklen Punkten und Linien oder auch zeichnungslos. Manchmal weisen sie zudem den dorsalen Aalstrich der Juvenilphase auf, wobei sich dieser nun verbreitert hat. An den Seiten finden sich oft vier bis sechs dunkle Längsstreifen, die wiederum miteinander verschmelzen können und eine farbliche Trennung zwischen der Rückenseite und den Flanken bewirken. Die Bauchseite ist bleigrau bis schwarz. Aufgrund vielfältiger Punkt- und Linienzeichnungsmuster wurden diverse Varietäten der Blindschleiche beschrieben und benannt; diese haben aber taxonomisch keine Bedeutung. Eine Besonderheit ist das Auftreten blau getüpfelter Individuen; fast immer sind dies ältere männliche Tiere. Allerdings ist dieses Merkmal für Exemplare der neuerdings abgegrenzten Art Östliche Blindschleiche (Anguis colchica) eher typisch. Auch Melanismus und andere Farbanomalien kommen bei der Art hin und wieder vor. Die Iris adulter Blindschleichen ist rötlichgelb.
Geschlechterunterschiede Eine Unterscheidung von Männchen und Weibchen ist anhand mehrerer Merkmale möglich, aber nicht in allen Fällen eindeutig. Als primäres Geschlechtsmerkmal verfügen die Männchen über zwei ausstülpbare Hemipenes. Auch ist ihr Kopf etwas breiter und hat größere Pileus-Schilde. Unter den längsten und schwersten Blindschleichen finden sich dagegen überwiegend weibliche Tiere. Bei trächtigen Weibchen zeichnet sich der verdickte Rumpf gegen den Schwanz ab. Bei der Färbung fällt auf, dass Weibchen in vielen Fällen eher die Kennzeichen der Jugendfärbung behalten, also den Aalstrich auf der Rückenmitte, die scharfe Farbgrenze an den Flanken und die dunkle Unterseite. Bei den Männchen ist der Farbkontrast zwischen der Oberseite und der weniger dunklen Unterseite dagegen oft nicht so stark ausgeprägt; sie wirken dadurch gleichmäßiger gefärbt. Auch hat eine Mehrheit von ihnen keinen dorsalen Aalstrich mehr.
Systematik Die Blindschleiche wurde nach morphologischen Merkmalen lange nur in eine westliche und eine östliche „Rasse“ (Unterart) unterteilt. Nach neueren molekularbiologischen Studien werden inzwischen allerdings fünf Arten unterschieden, die früher alle unter dem Taxon Anguis fragilis zusammengefasst waren. Neben der hier behandelten bisherigen Nominatform (Westliche) Blindschleiche (Anguis fragilis s. str.) sind dies die Östliche Blindschleiche (Anguis colchica), die Italienische Blindschleiche (Anguis veronensis), die Griechische Blindschleiche (Anguis graeca) und die Peloponnes-Blindschleiche (Anguis cephallonica).
Verbreitung mini|Verbreitungsgebiet der Blindschleiche (rot) und anderer Arten der Gattung Anguis
Entsprechend der neuen Abgrenzung mehrerer Arten stellt sich das Verbreitungsgebiet der (Westlichen) Blindschleiche deutlich kleiner dar als traditionell. Insbesondere das große Areal von Anguis colchica im Osten Europas (von Süd-Finnland über das Baltikum und Westrussland zum Schwarzen Meer und weiter über den Kaukasus zur Südküste des Kaspischen Meeres) ist weggefallen, ebenso wie der italienische Stiefel und weite Teile Griechenlands. Das verbliebene Verbreitungsgebiet von Anguis fragilis reicht vom Norden der Iberischen Halbinsel über Frankreich und Deutschland bis ins östliche Mitteleuropa und auf den Balkan; im Norden sind Großbritannien, Dänemark, der äußerste Süden Norwegens sowie Süd- und Teile Mittelschwedens besiedelt. Die Kontakt- und Übergangszone der Areale von Westlicher und Östlicher Blindschleiche verläuft grob etwa von Kaliningrad aus südwärts. Zu den Ländern mit Vorkommen beider Formen gehören entsprechend unter anderem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Rumänien. Blindschleichen aus dem deutschsprachigen Raum zählen somit ausschließlich zur westlichen Art. Im Schweizer Tessin tritt stattdessen die Italienische Blindschleiche auf.karch.ch: Italienische Blindschleiche
Frühere Angaben über Vorkommen in Nordwestafrika werden inzwischen angezweifelt und sollen auf Verwechslungen mit anderen beinlosen Echsenarten beruhen. Es besteht beim Areal der Blindschleiche eine recht große Übereinstimmung mit der Vegetationszone sommergrüner Laub- und Mischwälder der gemäßigten Zone. Innerhalb Europas gibt es ausgedehnte Verbreitungslücken in Irland, dem Süden der Iberischen Halbinsel, auf den Mittelmeerinseln sowie in Nordskandinavien.
Die Höhenverbreitung reicht vom Tiefland bis in die Hochgebirge oberhalb der Baumgrenze; so kommt die Art im Schweizer Kanton Graubünden bis in 2100 Meter Höhe vor, in den österreichischen Alpen bis maximal 2400 Meter.