Międzychód [], deutsch: Birnbaum, ist die Kreisstadt des Powiat Międzychodzki in der polnischen Woiwodschaft Großpolen. Sie gilt als „Wiege des deutschen Kaufhauses“.Andrea Puppe: Die Wiege der Kaufhäuser steht in Birnbaum. Berliner Morgenpost, 30. April 2004.
Geographie und Natur Die Stadt Międzychód liegt im westlichen Teil Großpolens, 85 km westlich von Posen, zwischen der Warthe und dem Küchensee im sogenannten Land der 100 Seen.Website Land der 100 Seen (POL) Aufgrund der umgebenden Landschaft ist die Stadt in der Region als Urlaubs- und Erholungszentrum bekannt. In der Umgebung erstreckt sich der Sierakowski Landschaftsschutzpark. Die Naturschutzgebiete Dolina Kamionki (Kamionka-Tal),Website des Naturschutzreservats Dolina Kamionki Kolno Międzychodzkie Gmina Międzychód. sowie der Netze-UrwaldNaturschutzreservat Puszcza Notecka. polandpoland.com grenzen ebenfalls an die Stadt.
Stadtgliederung 350px|mini|Stadtgliederung um 1910 Das heutige Stadtgebiet Międzychóds setzt sich aus ehemals drei Orten zusammen, die bis 1907 eigenständig waren: Międzychód (Birnbaum) zwischen Warthe im Norden, Jezioro miejskie (Küchen-See) im Süden, dem Graben im Westen, der vom See in die Warthe fließt und dem Graben im Osten, der heute trockengelegt ist Wielowieś (Großdorf) links des Grabens und des Jezioro miejskie (Küchen-See) Lipowiec (Lindenstadt), der Gutsbezirk innerhalb Großdorfs mit Schloss und Gutshof Nach 1945 baute man die Stadt im Osten und Westen weiter aus und legte das Dorf Wielowieś (Großdorf) hinter den südlichen Stadtgrenzen völlig neu an.
Gemeinde Zur Stadt- und Landgemeinde (gmina miejsko-wiejska) Międzychód gehören folgende kleinere Ortschaften: mini|hochkant|Gotische Mariä-Geburt-Kirche in Kamionna Name deutscher Name (1815–1919/20) deutscher Name (1939–1945)Bielsko Bielsko BielenDormowo Dormowo DornhagenDrzewce Driewcen WaldtriftDzięcielin Vorwerk Steinshof SteinshofGorzycko Alt Görtzig AltgörzigGorzyń Gorzyn 1939–1943 Willich 1943–1945 WillichseeGralewo Grolewo GrabendorfGłażewo Glozewo GlasbergJenatkowo Henriettenhof HenriettenhofKaliska Vorwerk Kaliske ?Kamionna Kähme KähmeKaplin Kapline ?Kolno Kulm 1939–1943 Kulm 1943–1945 Kulmer MühleKrzyżkówko Krzyzkowko 1907–20 Kreuzwehr KreuzwehrLewice Lewitz RadlitzdorfŁowyń Lowin 1939–1943 Taldorf 1943–1945 WaldtaldorfMierzyn Neu Merine NeuhorstMierzynek Alt Merine AlthorstMiędzychód Birnbaum BirnbaumMnichy Groß Münche 1939–1943 Groß Münche 1943–1945 GroßmüncheMniszki Klein Münche 1939–1943 Klein Münche 1943–1945 KleinmüncheMokrzec Mokritz SteinhübelMuchocin Muchocin KalckreuthMuchocinek Muchocin Hauland ?Piłka Schneidemühl Hauland Schneidemühl HaulandPopowo Popowo SeetalPrzedlesie Mitteninne MitteninnePuszcza Vorheide VorheideRadgoszcz Radegosch HammermühleRadusz Radusch WaldrodeSarzyce ? ?Skrzydlewo Skrzydlewo 1907–1920 Zollerndorf ZollerndorfSowia Góra Eulenberg EulenbergTuczępy Tutschempe 1939–1943 Unruhefelde 1943–1945 UnruhsfeldeWielowieś Großdorf GroßdorfZamyślin Krebbelmühl KrebbelmühlZatom Nowy Neu Zattum Neu FährdorfZatom Stary Alt Zattum Alt FährdorfZielona Chojna Grüne Tanne Grüne TanneŻmijowiec Neustein NeusteinZwierzyniec Thiergarten Tiergarten
Geschichte mini|Birnbaum an der Warthe, südwestlich der Stadt Schneidemühl und nordwestlich der Stadt Posen, auf einer Landkarte der Provinz Posen von 1905 (gelb markierte Flächen kennzeichnen Gebiete mit seinerzeit mehrheitlich polnischsprachiger Bevölkerung). mini|130px|links|Fischerbrunnen auf dem Stary Rynek Die erste schriftliche Erwähnung der Siedlung Mézichod stammt aus dem Jahr 1378.Urkunde cod. dipl. No. 1756: Die Stadtrechte erhielt sie bis 1400. In dieser Zeit lag Międzychód direkt an der Grenze zur Deutschen Ostsiedlung und deshalb in einem sprachlichen Mischgebiet. Um 1400 ist als Stadtvogt ein Deutscher belegt – ein Umstand, der darauf schließen lässt, dass deutsche Ansiedler sich in dem Orte schon damals Ansehen und hohe Stellungen erworben hatten.Max Radtke: 300 Jahre unter Gottes Schutz im Lichte des Evangelii. Versuch einer Geschichte der Ev. Gemeinde Birnbaum. Birnbaum 1900, S. 1 (Max Radtke war Oberpfarrer und Superintendent in Birnbaum). So gab es für die Stadt zwar den polnischen Stadtnamen Międzychód, der sich von den polnischen Worten między (zwischen) und chód (Weg) ableitet, aber auch den deutschen Stadtnamen Birnbaum, der sich auf den großen Birnbaum bezieht, der zur Siedlungsgründung führte. Genau an jenem Platz, wo einst dieser Birnbaum stand, befindet sich heute ein Fischerbrunnen.
Seit frühester Zeit war Międzychód eine städtische Grundherrschaft mit einem Grundherren an der Spitze, der den Titel Starost von Międzychód trug und seine Herrschaft vom Gutsbezirk Lindenstadt aus inmitten des Vororts Großdorf verwaltete. Die ersten heute bekannten Starosten Międzychóds waren Józef Łukaszewicz und Andrzej Nianczkowski, letzterer überließ die Stadt 1505 auf Wiederkauf dem Tomasz Krzyżanowski.Kurze historische Beschreibung der Parochiakirchen in der Provinz Posen Tom. II S. 438/39 (polnisch). Beide waren Glogauer Herzöge.
Międzychód im Besitz der Familie Ostroróg 1550–1597 mini|150px|Gräfliches Wappen der Ostroróg
Stanisław Ostroróg, der Kastellan von Międzyrzecz, erwarb um 1550 Międzychód. Er war zusammen mit seinem Bruder Jakub Ostroróg (Erbherr Międzychóds) Anführer der lutherischen Reformation in Großpolen. Die Stadt wurde so erstaunlich früh überwiegend protestantisch, weil viele deutsche und polnische Stadtbewohner der Konversion seines Bruders folgten.Es wird erzählt, dass Jakub Ostroróg, als er einst über Tische hörte, dass seine Gemahlin abwesend sei, weil sie dem Gottesdienste der böhmischen Brüder in einem anderen Gemache seines Palastes beiwohne, aufgereizt von seinen dorthin eilte, um sie mit Gewalt in die lustige Gesellschaft zurückzuholen. Als er in die Versammlung der Brüder zornig eintritt, um die Andächtigen auseinanderzutreiben, veranlasst ihn der anwesende Pastor Georg Israel freundlich und ruhig einen Sitz einzunehmen und zuzuhören. Gezwungen durch den festen Blick des frommen Mannes setzt sich der Graf, hört die Predigt Czerwenkas und wird auf immer der Sache des Evangeliums gewonnen. Festschrift zum 300-jährigen Jubiläum der Ev. Gemeinde Birnbaum, S. 6, 1900 Birnbaum
Neben vielen polnischen Adligen kehrte nach der Gegenreformation jedoch Jan Ostroróg, der jüngere Erbherr, zum Katholizismus zurück und erhielt 1591 infolge seiner Bekehrung die Grundherrschaft Międzychód. Denn König Zygmunt III. Wasa betraute seit 1566 nur Katholiken mit Ämtern von politischer Bedeutung.Max Radtke: 300 Jahre unter Gottes Schutz im Lichte des Evangelii. Birnbaum 1900, S. 7. Jan Ostroróg bekämpfte mit allen Mitteln die Protestanten seiner Stadt, was dazu führte, dass die Polen alle wieder zum Katholizismus zurückkehrten, die meisten Deutschen die Stadt verließen und einige von ihnen ins katholische, polnische Lager übergingen. Im Jahr 1597 verkaufte der meist in Ruthenien lebende Jan Ostroróg die Stadt Międzychód (mit Muchocin und Gorzyn) an die deutsche Adelsfamilie von Unruh. Zu dem Zeitpunkt befanden sich kaum noch Deutsche in der Stadt.
Im Besitz der Familie von Unruh 1597–1790 mini|links|90px|Wappen der Familie Unruh
Der Protestant Christoph von Unruh († 1620) aus Schlesien kaufte 1597 den polnischen Adelsherren die Stadt ab, fand aber durch die Wappenverbesserung Zygmunt III. Wasa als Christopherus von Unrug auch Aufnahme in den polnischen Adel. 200 Jahre lang blieb die Stadt im Besitz seiner Familie und verdankt ihr seine Blüte.
mini|150px|Grabstein Christoph von Unruh in der ehem. Ev. Kirche Birnbaum-Lindenstadt
Während des Dreißigjährigen Krieges sorgte die Adelsfamilie für eine neue Masseneinwanderung deutscher Protestanten (vor allem schlesische Weber), die dank des Systems der Grundherrschaft in Międzychód Schutz ihrer Religion und Förderung ihrer wirtschaftlichen Interessen erlebten. Die Zahl der deutschen Einwanderer wuchs so rasant, dass die eher ländliche, polnische Bevölkerung wegen steigender Mietpreise ganz aus der Stadt hin in die Vorstädte Großdorf, Muchocin, Bielsko und Kolno verdrängt wurde.
In der Stadt entstand eine blühende Industrie, besonders bei den Webern, deren Tücher weit nach Kongresspolen und ins Ausland verkauft wurden, sogar nach Russland und China.
Der Erbherr Christoph von Unruh ließ auf dem Międzychóder Gutsbezirk Lindenstadt ein neues zeitgemäßes Schloss (1760) und eine evangelische Holzkirche für seine protestantischen, deutschen Stadtbewohner erbauen. Im Gedenken des Erbauers mauerten sie seinen Grabstein 1840 nach Zerstörung der Holzkirche in die Vorhalle der neuen aus Stein erbauten Evangelischen Kirche ein, der dort noch heute erhalten ist.
Schwere Stadtbrände 1692 und 1763 zerstörten die Stadt fast vollständig.
Im Jahre 1790 musste die Familie Międzychód verkaufen. Neuer Besitzer wurde Herr von Mielęcki, Ehegatte der Witwe des verstorbenen Starosten von Międzychód Bogusław von Unruh.
Unter königlich-preußischer Herrschaft 1793–1920 mini|250px|Landratsamtsgebäude, ca. 1830–1945 (heute: Sitz der Stadtverwaltung Międzychód)
Mit der II. Teilung Polens 1793 kam die Stadt Międzychód unter königlich preußische Herrschaft und wurde als Birnbaum Kreisstadt des Kreis Birnbaum in Südpreußen. Die Polen im Kreis Birnbaum waren ab 1797 eine ethnische Minderheit im Königreich Preußen ohne eigenes Land. Sie hatten kaum Bürgerrechte.Krystyna Szczepańska-Hatzke: Międzychodzianie i ich miasto – Birnbaumer und ihre Stadt. S. 49.
Mit Hilfe Napoleon Bonapartes wurde Międzychód ab 1806 im Herzogtum Warschau wieder Teil eines polnischen Staates, fiel aber 1815 als Folge der Heiligen Allianz beim Wiener Kongress zurück an Preußen. In der Stadt wurde ein Landratsamt für den Kreis Birnbaum eingerichtet und in Lindenstadt um 1840 dafür ein architektonisch wertvolles Gebäude gebaut. 1816 wurde Międzychód Königlich preußische Domäne, was das Ende des Jahrhunderte geltenden Systems der Grundherrschaft bedeutete. Das Unruh’sche Schloss verlor an Bedeutung und verwahrloste. Im Jahr 1818 teilte man die Stadt der Provinz Posen zu. 1833 erhielt sie ihre besondere Städteordnung.
100 Jahre lang hieß die Stadt offiziell Birnbaum und wurde während dieser Zeit zur Wiege des deutschen Kaufhauses.
mini|Ehemaliges Malergeschäft Zygmunt Szafrański mit historischer Reklame mini|Ehem. Kaufhaus Fam. Weise, später B. Biniaś (Dom handlowy)
Unter königlich preußischer Herrschaft erlebte die Stadt ihren Einzug in die Industrielle Revolution. Hatten die Teilungen Polens auf einem Schlag zum Verlust der ganzen Absatzgebiete der 188 Tuchmacher/Weber Birnbaums geführt, so entstanden nun zwei Brauereien, eine Brennerei, mehrere Ziegeleien, Windmühlen, zwei Molkereien, eine Getreidemühle, ein Sägewerk, die Birnbaumer Tabakindustrieen und der Binnenhafen. Der Bau der Birnbaumer Eisenbahn 1888 erfolgte im Auftrage der Preußischen Ostbahn. Das erste Gaswerk der Stadt wurde 1898 in Gang gesetzt. Die ersten großen Birnbaumer Industriefabriken um 1900 waren Fabriken der Landwirtschaft: die Konservenfabrik Pomona zur Verarbeitung der Bauernernte und die Fabrik Mecentra zur Reparatur von Landmaschinen. Allerdings waren die meisten Handwerksstätten und alle Betriebe der Stadt in deutscher Hand. Einzelne hatten polnische Besitzer, darunter u. a. Andrzej Majcherek, Antoni Sobkowski und der Malermeister Zygmunt Szafrański.Krystyna Szczepańska-Hatzke: Międzychodzianie i ich miasto – Birnbaumer und ihre Stadt, S. 152. Die Mehrheit der Polen arbeiteten weiter als Lohnarbeiter der wohlhabenden deutschen Handwerker und Kaufleute.
Von den Kämpfen des Großpolnischen Aufstandes 1918–1919 unweit der Stadtgrenze blieb die Stadt verschont. Infolge des Versailler Vertrags wurde Birnbaum als Międzychód am 17. Januar 1920 Teil der Zweiten Polnischen Republik.
Zwischen den Weltkriegen 1920–1939