Das Dehnungs-h ist ein Dehnungszeichen der deutschen Rechtschreibung. Es stellt eine Kennzeichnung der Vokallänge dar. Die Vokallänge als solche wird durch das Dehnungs-h jedoch nicht erzeugt, sondern lediglich hervorgehoben. Es zeigt dem Leser zusätzlich zur bestehenden Vokallänge an, dass ein Vokal lang zu lesen ist (vgl. ‹Na-men – Rah-men›). Im geschriebenen Wort steht es unmittelbar nach dem Vokal der Stammsilbe und direkt vor einem der vier stimmhaften Konsonanten ‹l, m, n, r› am Anfang der folgenden Silbe (vgl. Müh-le, zäh-men, deh-nen, Oh-ren›). Es steht in etwa der Hälfte der Fälle, in denen es auf den ersten Blick stehen könnte. Bei strukturiertem Wortmaterial steht es in etwa zwei Dritteln der möglichen Fälle.
Allgemein
Das Dehnungs-h (auch stummes h, silbenfinales h, silbenschließendes h, postvokalisches h) ist ein orthographischer Typus innerhalb der Klasse deutscher Kernwörter. Das deutsche Kernwort (Erbwörter plus strukturgleiche, assimilierte Lehnwörter) hat einen trochäischen (zweisilbigen, auf der ersten Silbe betonten) Versfuß, bestehend aus der betonten Hauptsilbe (erste Silbe) mit einem Vollvokal im Silbenkern (Nukleus, Silbengipfel) und aus der unbetonten Reduktionssilbe (zweiten Silbe) mit dem Schwa als Silbenkern. Der Schwa-Laut (reduzierter Vokal) wird im Deutschen mit dem Buchstaben ‹e› verschriftet. Das heißt, dass in einem verschrifteten deutschen Kernwort immer der Buchstabe ‹e› im Silbenkern der zweiten Schriftsilbe steht. Eine Ausnahme davon ist bei Normalsilben gegeben, die auch andere Vokalbuchstaben als ‹e› haben können. Einsilbige deutsche Wörter nehmen grundsätzlich diese Struktur an, wenn sie durch Flexion in die zweisilbige Form gebracht werden: ‹Hund/Hun-de, Wort/Wör-ter, blau/blau-es, schwer/schwe-rer›.
Das Dehnungs-h steht am Ende der Hauptsilbe. Ihm folgt am Beginn der Reduktionssilbe immer einer der vier stimmhaften Konsonanten ‹l,m,n,r›: ‹feh-len› ‹lah-men› ‹leh-nen› ‹boh-ren›. Erste Silbe plus Anfangsrand der Reduktionssilbe bilden den Wortstamm: ‹fehl-› ‹lahm-› ‹lehn-› ‹bohr-›
Das Dehnungs-h ist ein Element der Dehnungsgraphie der Orthographie deutscher Kernwörter; es kommt im Fremdwortbereich nicht vor.Nanna Fuhrhop (2011): Fremdwortschreibung. In: Bredel, Ursula/Reißig, Tilo (Hrsg.): Weiterführender Orthographieerwerb (Deutschunterricht in Theorie und Praxis 5), 2011. Baltmannsweiler. S. 154. Dehnung wird in diesem Zusammenhang synonym zu „langer Vokal“ gebraucht. Die Länge oder Kürze eines Vokals, die Vokalquantität, wird im Deutschen regelhaft durch den Endrand (Koda/Coda, Silbenende, Silbenauslaut, Silbenschwanz) der Hauptsilbe bestimmt. Ist der Endrand der Silbe unbesetzt wie in ‹Na-se›, wird der Vokal lang gelesen, ist er konsonantisch besetzt wie in ‹Fal-te›, wird er kurz gelesen. Die Länge und Kürze eines Vokals der Hauptsilbe wird also allein durch seine Umgebung bestimmt. Die Sprachwissenschaft spricht hier von Markierung: Der Endrand der Hauptsilbe markiert die Vokalquantität.
Das Dehnungs-h bildet die einzige Ausnahme von dieser Regularität: Obwohl es in der Schreibsilbe den Endrand der Hauptsilbe besetzt, wird der Vokal lang gelesen. Es wird in der gesprochenen Sprache nicht verlautet, daher auch die Bezeichnung „stummes ‹h›“. Es ist somit ausschließlich ein Element der Schreib- und nicht der Sprechsilbe. (Dementsprechend wird es auch nicht in der Lautschrift notiert.) Das Dehnungs-h muss unterschieden werden vom Silbeninitialen ‹h› (auch Silbenfugen-h, Silbengrenzen-h, Verbindungs-h, Hiattilger, Hiattrenner, Hiat-Vermeider, silbenöffnendes oder silbentrennendes ‹h›). Das Silbeninitiale ‹h› steht am Anfangsrand (Onset, Silbenansatz, Silbenanfang, Silbenanlaut, Silbenkopf) der Reduktionssilbe und nimmt somit keinen Einfluss auf die Vokalquantität (gleichwohl sind die Vokale der Hauptsilbe der Wörter mit Silbeninitialen ‹h› immer lang zu lesen, da der Endrand der Hauptsilbe dieser Wörter grundsätzlich unbesetzt ist). Es wird in der Standardaussprache ebenfalls nicht verlautet. In einer am Schriftbild orientierten Überlautung (Schreibleselautung; im Gegensatz zu Standard-, Umgangs- und Explizitlautung) und in einigen Gesangsformen wird es gezielt verlautet. Zum Vergleich: ‹leh-nen› und ‹ge-hen›.Im Kontext unsystematischen didaktischen Zugriffs auf die wortinterne h-Schreibung wird gerne Folgendes als Merksatz festgehalten: "Dehnungs-h und silbeninitiales ‹h› kommen nie zugleich in einem Wort vor – *‹-hh-›." Die Aussage ist zwar richtig, aber ebenso redundant.
Die Bezeichnung Dehnungs-h ist insofern irreführend, als es für die Markierung der Länge eines Vokals redundant ist. Das Dehnungs-h ist eine orthographische Übermarkierung der Vokallänge: Würde man statt ‹Foh-len› *‹Fo-len› oder statt ‹loh-nen› *‹lo-nen› schreiben, wäre der Vokal aufgrund der Silbenregularitäten (hier der unbesetzte Endrand) auch ohne das Dehnungs-h lang zu lesen.Peter Eisenberg (2011): Grundlagen der deutschen Wortschreibung. In: Bredel, Ursula/Reißig, Tilo (Hrsg.): Weiterführender Orthographieerwerb (Deutschunterricht in Theorie und Praxis 5), 2011. Baltmannsweiler. S. 89.
Regularitäten Die Orthographie der deutschen Kernwörter ist hochgradig strukturiert. Das Dehnungs-h stellt innerhalb dieser die größte Irregularität dar. Es verhält sich auf zwei Ebenen irregulär: Einmal besetzt es den Endrand der ersten Silbe und dennoch wird der Vokal der Hauptsilbe lang ausgesprochen. Zweitens ist sein Auftreten in den Wörtern, in denen es stehen könnte, unregelmäßig. Es sind keine verlässlichen Kriterien bekannt, wann ein Dehnungs-h geschrieben werden muss. Innerhalb der Bedingungen, in denen ein Dehnungs-h möglich ist, wird es in zwei Dritteln der möglichen Fälle realisiert. Es gibt aber Regularitäten, die anzeigen, wann es nicht oder kaum gesetzt wird, und Tendenzen, die signalisieren, wann es gesetzt wird:
Das Dehnungs-h steht: Nur vor den Sonorantenbuchstaben ‹-l-› ‹-m-› ‹-n-› ‹-r-›. Nur in flektierbaren Wörtern (Ausnahmen siehe Punkt 4) Nur in Wörtern mit einfachen Anfangsrändern (ein oder kein Konsonant im Anfangsrand der Schreibsilbe – bis auf die 17 genannten Ausnahmen). Bei den nicht deklinablen Wörtern: ‹ohne›, ‹mehr› und ‹sehr›.
Das Dehnungs-h steht nicht: Bei mehr als einem Konsonanten (auch: Konsonantenhäufung, komplexer Anfangsrand) im Anfangsrand der Schreibsilbe bis auf folgende 17 Ausnahmen (plus ihren Ableitungen): ‹Drohne, dröhnen, Krähl, Pfahl, Pfuhl, Pfühl, prahlen, Prahm, Stahl, stehlen, stöhnen, Strähl, Strahl, Strähne, Strehler, Stuhl, Zwehle› Wenn ein Wort mit ‹t› beginnt (vgl. Tür, tönen) Nach Diphthongen Nach ‹-ie-›. Es sei denn, das ‹h› ist morphologisch determiniert: ‹stehlen/stiehlt› Nach ‹"-i-"› – außer in den folgenden Formen des Personalpronomens: ‹ihm, ihr, ihn, ihnen, ihres, ihrer›.Utz Maas (1992): Grundzüge der deutschen Orthographie. Tübingen. S. 318. (Die Schreibung der Personalpronomen ist ein eigenständiges orthographisches Thema, daher wird diese Schreibung nicht unter dem Thema Dehnungs-h verrechnet.) Die einzige Ausnahme bildet das extrem ungebräuchliche Fachwort ‹Ihle› (Hering, der bereits gelaicht hat). Präsensparadigma: Wenn im Präsens eines Verbes kein Dehnungs-h steht, steht es auch nicht in anderen Formen: [ˈnɑːm] ‹nahm› wegen ‹nehme(n)›, aber [ˈkɑːm] ‹kam› wegen ‹komme(n)›.
Das Dehnungs-h steht also nur vor Sonoranten und in flektierbaren Wörtern mit einfachem Anfangsrand. Hier wiederum steht es in ca. zwei Drittel der Wörter, in denen es stehen könnte.
Besonderheiten Folgende Wörter werden fälschlich immer wieder als Ausnahmen zur ‹lmnr›-Regel genannt: ‹Naht, Draht und Fehde›. In einigen Publikationen werden auch die ungebräuchlichen Wörter ‹drahten, Mahden, Mähder, Föhrde (Fjord/Förde), Fährde, Zährte und Lehde› angeführt. Das geläufige Wort ‹Fährte› gehört ebenfalls in diese Aufzählung. Peter Eisenberg verortet folgende Wörter etymologisch und morphologisch beim silbeninitialen ‹h›.Peter Eisenberg (2006): Grundriss der deutschen Grammatik: Das Wort. 3. Aufl. Stuttgart. S. 322 und S. 427. Naht/Nähte von ‹nä-hen› Draht/Drähte/drahten von ‹dre-hen› Mahd/Mahden/Mähder von ‹mä-hen›
Fehde stammt vom mittelhochdeutschen ‹vehede› beziehungsweise althochdeutschen ‹fehida› „Feindschaft, Streit“ ab. Das Wort wurde im 19. Jahrhundert wieder eingeführt.
Augenscheinlich irregulär verhalten sich die beiden Verben ‹ahn-den› und ‹fahn-den›. Ohne das ‹-h-› müsste der Vokal entsprechend der Silbenregularitäten kurz ausgesprochen werden. Hier übernimmt das ‹h› eine notwendige Dehnungsanzeige in der zweisilbigen Form. (In ihrer "Irregularität" korrespondieren sie mit ‹Mon-de›, wo der Vokal kurz ausgesprochen werden müsste. Mond leitet sich ab von Monat, die Vokallänge wurde tradiert.) Bei diesen beiden Verben übernimmt das ‹h› tatsächlich eine Dehnungsfunktion. Laut Eisenberg stammt ‹ahnden› von althochdeutschen Wort ‹anado› mit langem ‹a› ab, die Vokallänge wurde tradiert. ‹fahnden› bezeichnet Eisenberg als eine Intensivform zu ‹finden/fand›.Peter Eisenberg (2006): Grundriss der deutschen Grammatik: Das Wort. 3. Aufl. Stuttgart. S. 427. Das Substantiv ‹Öhmd› respektive das Verb ‹öhmden› – es bezeichnet im Südwestdeutschen den Grasschnitt nach der Heuernte und leitet sich etymologisch von ‹Mahd› abElmar Seebold (2011): Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Aufl. Tübingen. S. 667. – wäre ohne ‹h› ebenfalls mit kurzem Vokal zu lesen. Das Wort ‹Lehn›, das meistens in Wortverbindungen auftritt wie ‹Lehnsherr›, stammt von ‹Le-hen› mit silbeninitialem ‹h› ab.
Unterscheidungsschreibung: Das Dehnungs-h kann in der Schriftsprache die Funktion ausüben, gleichlautende Worte (Homophone) optisch unterscheidbar zu gestalten und somit den Leseprozess stützen: ‹Wahl – Wal›.
Sprachwissenschaftliche Erklärungen Eine Regel, die angibt, wann das Dehnungs-h definitiv zu stehen hat und wann nicht, ist trotz zahlreicher Forschungsbemühungen bisher nicht gefunden worden und scheint nicht zu existieren. Statistische Auswertungen belegen aber, in welchen Konstellationen das Dehnungs-h mit welcher Häufigkeit auftritt oder überhaupt nicht gesetzt wird. Daher gibt es Aussagen dazu, wann es nicht auftritt, und man kann Tendenzen angeben, in welchen Konstellationen es mit welcher Wahrscheinlichkeit auftritt.
Die Vokallänge wird im Deutschen systematisch durch die Silbenstruktur geregelt: offene Silbe = langer Vokal, geschlossene Silbe = kurzer Vokal. Im Rahmen dieser Systematik ist das Dehnungs-h redundant, stellt eine Übermarkierung, eine zusätzliche Markierung der Vokallänge dar. Da es bei der Silbentrennung am Ende der ersten Schreibsilbe steht, findet Eisenberg es schlüssiger, es silbenschließendes ‹h› zu nennen. (Das Wort Dehnungs-h bietet den charmanten Aspekt, dass ‹deh-nen› selbst ein Dehnungs-h enthält.)
In welchen Konstellationen das Dehnungs-h auftreten kann, ist im vorherigen Kapitel dargestellt worden. Antworten auf die Frage, warum das Dehnungs-h in einem Wort auftritt oder nicht auftritt, sind entweder im Forschungsfeld der Etymologie oder in Eingriffen von außen in Form von Rechtschreibreformen oder in einer etwaig stützenden Funktion für den Leseprozess zu suchen. Eine weitere Möglichkeit, die zur Etablierung von Schreibungen mit oder ohne Dehnungs-h beigetragen haben kann, sind in einer Phase, in der die deutsche Orthographie labil und nicht einheitlich war, die präferierten Schreibweisen prominenter Schreiber wie z. B. Goethe oder Schiller.
Hier wurden von der Sprachwissenschaft bisher folgende Antworten entwickelt: