mini|Felsenmeer

Das Felsenmeer auf dem Felsberg oberhalb von Lautertal-Reichenbach im Vorderen Odenwald (Landkreis Bergstraße) ist eine große Blockhalde aus mächtigen, dicht gepackten, gerundeten Blöcken aus dunkelgrauem Quarzdiorit (genauer: Hornblende-Biotit-DioritWolf-Dieter Grimm, Bildatlas wichtiger Denkmalgesteine der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Gesteins Nr. 020, Lipp-Verlag. München 1990, ISBN 3-87490-535-7., auch Melaquarzdiorit genannt), die durch Wollsackverwitterung und nachfolgende eiszeitliche Freilegung der Blöcke entstandJutta Weber: Geopark Bergstraße-Odenwald. Das Felsenmeer ist eines der eindrucksvollsten Geotope des UNESCO-Geoparks bzw. Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald und zählt, 2006 als Nationaler Geotop ausgezeichnet, zu den wichtigsten geologischen Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Es ist etwas mehr als 2 km lang und bis zu 100 m breit und erstreckt sich über ca. 200 Höhenmeter. Das Felsenmeer wurde bereits von den Römern und später durch die örtlichen Steinmetze zur Steingewinnung genutzt. Die Steinmetze bezeichneten den Quarzdiorit als „Felsberg-Granit“; er wird heute nicht mehr abgebaut. Heute ist das Felsenmeer ein beliebtes Naherholungsgebiet und Ausflugsziel für Familien und Wanderer. Es liegt innerhalb des Naturschutzgebiets „Felsberg bei Reichenbach“.

Am oberen Ende des Felsenmeers befindet sich eine kleine Quelle, deren namenloses Rinnsal zwischen und unter den Felsen hinab ins Tal fließt, das Wasser aus der Siegfriedsquelle aufnimmt und unterirdisch – unter dem Parkplatz am Informationszentrum Felsenmeer – in den Graulbach mündet.

Sagen Die Sage vom Felsenmeer in Lautertal handelt von zwei Riesen, die in der Gegend von Reichenbach hausten. Der eine auf dem Felsberg (Felshocker), der andere auf dem Hohenstein (Steinbeißer). Ihre „Riesenreiche“ wurden durch das Lautertal (Odenwald) getrennt. Als sie in Streit gerieten, bewarfen sie sich mit Felsbrocken. Der „Steinbeißer“ war im Vorteil, er hatte mehr Wurfmaterial. So kam es, dass „Felshocker“ bald unter den Blöcken begraben wurde; angeblich hört man ihn noch gelegentlich darunter brüllen. Die Felswand des Hohenstein soll die letzte Hausmauer des anderen Riesen sein. So wurde im Volksmund die Entstehung des Felsenmeeres erklärt.Bürgerstiftung Lautertal: Die Riesensage aus Tal der Riesen – wie das Felsenmeer entstanden ist.

Geologischer Entstehungsprozess mini|Frost und Wasser sind wichtige Faktoren bei der Verwitterung von Gesteinen

Die ältesten Gesteine des Kristallinen Odenwaldes sind vermutlich über 500 Millionen Jahre alt. Im Paläozoikum (Erdaltertum) teilten sich vor 380 bis 340 Millionen Jahren zwei große Urkontinente den Planeten. Infolge der Kontinentaldrift bewegten sich die beiden Großkontinente aufeinander zu und begannen miteinander zum Urkontinent Pangaea zu verschmelzen. Die kristallinen Gesteine des westlichen Odenwalds sind das Ergebnis der Subduktion des kleineren Kontinents im Zuge der Verschmelzung beider Urkontinente. Zu dieser Zeit befand sich das Gebiet des heutigen Odenwalds in etwa auf Höhe des Äquators. Der in die Subduktionszone gedrückte Kontinent wurde in der Zone des Oberen Erdmantels aufgeschmolzen. Die Gesteinsschmelzen stiegen nun langsam aus der Tiefe auf, kühlten sich in der Erdkruste ab und bildeten dabei PlutoniteJutta Weber: Schon die Römer haben es genutzt: Das Felsenmeer bei Lautertal im Odenwald. In: Ernst-Rüdiger Look, Ludger Feldmann: Faszination Geologie: Die bedeutendsten Geotope Deutschlands. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2006, ISBN 3-510-65219-3, S. 66f.. mini|Klüftung infolge Oberflächenausdehnung

Die Großblöcke des Felsenmeeres am Felsberg bestehen aus Hornblende-Biotit-Diorit. Dieses kristalline Gestein gehört zur Gruppe der Granitoide und setzt sich zusammen aus den Mineralien Feldspat, Pyroxen, Hornblende und Quarz.Henner Barth: Quarzdiorit und Granodiorit des Felsberg-Zuges im Bergsträsser Odenwald: Ihre geologische und petrologische Beziehungen zu Marmor und Amphibolit, Gabbro und Diorit. Dissertation. Heidelberg 1970, . Der in etwa 12 bis 15 Kilometer Tiefe entstandene Diorit brauchte gut 10 Millionen Jahre um sich abzukühlen. Gesteinskörper, die sich abkühlen, schrumpfen und reißen. Im jüngeren Erdmittelalter wurde der Odenwald durch einen weltweiten Anstieg des Meeresspiegels überschwemmt und von Ablagerungen überdeckt.

Es dauerte bis in das Tertiär, das mehrere Kilometer starke mesozoische Deckgebirge abzutragen. Das Aufsteigen des mächtigen Diorit-Intrusivkörpers bis an die Oberfläche wurde durch das Einbrechen des Rheingrabens vor etwa 50 Mio. Jahren und der damit einhergehenden Beugung der Grabenränder unterstützt. Risse und Klüfte im Gestein vertieften sich weiter und erleichterten die Zerteilung des Gesteins in quaderförmige Blöcke durch die intensive chemische Verwitterung, die unter den Bedingungen eines subtropischen Klimas tief in den Gesteinsuntergrund vordrang.

mini|Verwitterung durch zum Beispiel Permafrost Um die Blöcke herum versammelte sich der Verwitterungsschutt, ein Gemisch aus Kies und Tonmineralien, der Verwitterungsgrus.

Während der letzten Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren befand sich der Odenwald in einer Zone des Permafrostes und war nicht vom Eispanzer bedeckt. In den wärmeren Jahreszeiten konnte der Boden ein Stück weit auftauen und Wasser umspülte die Felsblöcke. Der Granit-Grus wurde ausgewaschen.

Mit dem Zurückweichen der Frostgrenze am Ende der Eiszeit kamen die nun freigelegten Blöcke in Bewegung, glitten hangabwärts und sammelten sich im Tälchen des Felsenmeerbaches. So entstand das Felsenmeer. Der Verwitterungsprozess, der den Gesteinsblöcken ihr typisches Aussehen verleiht, wird in Geologie und Geomorphologie als Wollsackverwitterung bezeichnet.Jutta Weber: Schon die Römer haben es genutzt: Das Felsenmeer bei Lautertal im Odenwald. In: Ernst-Rüdiger Look, Ludger Feldmann: Faszination Geologie: Die bedeutendsten Geotope Deutschlands. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2006, ISBN 3-510-65219-3, S. 67.

Die römischen Werkstücke am Felsenmeer mini|Römisches Werkstück, das Schiff

Das Alleinstellungsmerkmal des Odenwälder Felsenmeeres sind die römischen Werkplätze. Fast dreihundert unfertige oder beschädigte Werkstücke, verteilt auf 15 Werkplätze, haben die Römer auf dem Felsberg hinterlassen. Da so gut wie keine Werkzeuge, Inschriften oder Gegenstände des täglichen Gebrauchs gefunden wurden, sind Zeitpunkt und Dauer der römischen Präsenz nur ungefähr zu bestimmen. Nach eingehender Analyse des Materials wird die Aktivität der Römer am Felsenmeer auf das zweite bis vierte Jahrhundert eingegrenzt.

Die Steinspalttechnik mit eisernen Keilen war in der römischen Antike bereits sehr ausgefeilt. Hierzu wird eine Reihe von konisch zulaufenden Löchern (sogenannte Keiltaschen) in den Stein gearbeitet. Anschließend werden Keile eingetrieben.

Die Spaltwirkung wird jedoch nicht durch die Schneide der Keile erzeugt, sondern ausschließlich durch den Flankendruck der Keile gegen die Keiltasche. Daher ist es wichtig, dass zwischen den Flanken des Keils und den Seitenflächen der Keiltasche ein möglichst lückenloser Kontakt besteht. Dies ist unter anderem ein Grund, warum Keiltaschen in der Regel sehr sorgfältig ausgemeißelt werden.

Ein Effekt, der von den Steinhauern gefürchtet wird, sind die sogenannten Stiche. Dabei handelt es sich um Fehler in der Struktur des Materials, die nicht den gesamten Block durchziehen. Wurde ein Stich erst unmittelbar vor Vollendung eines Werkstückes festgestellt, führte dies in der Regel dazu, das Werkstück aufzugeben – wie beim sogenannten Sarg oder sehr gut erkennbar bei dem Altarstein, der sehr klar eine ungewollte Abspaltung zeigt. Möglicherweise ist dies auch der Grund, warum die völlig fertig bearbeitete Riesensäule vor Ort verblieb. Experten glauben, dass die inneren Strukturen der Säule es nicht zuließen, sie akkurat zu zerteilen. Die Riesensäule unbeschadet aus dem Felsenmeer zu bergen, wäre selbst mit der Technik des 21. Jahrhunderts eine schwierige Aufgabe.

Nur bei sehr weichem Gestein ist ein Sägen mit gezahnten Sägeblättern möglich. Normalerweise handelt es sich beim Steinesägen um einen Schleifvorgang: Das waagerecht oszillierende Sägeblatt schleift unter Zugabe von Quarzsand und Wasser eine schmale Nut aus dem Material heraus. Die Sägetechnik hat den Vorteil, dass auf die natürliche Spaltwilligkeit des Gesteins keine Rücksicht genommen werden muss.

Für den Felsberg kann man annehmen, dass mobile Sägen eingesetzt wurden. Da es sich am Felsberg um einen allumfassenden Werkplatz handelte, wurden die Blöcke nicht zur Säge geschafft, sondern die Säge über den Blöcken aufgebaut. Die vermutliche Sägeleistung lag bei 5 mm Absenkung pro Stunde bei einer Schnittlänge von 1 m.

Naturschutz mini|hochkant|Felsökosystem = Blockhalde mit Moosbewuchs und Totholz

Das Felsenmeer verzeichnet jährlich mehr als 100.000 Besucher, die das Felsberggebiet vorwiegend an den Wochenenden besuchen. Naturschützer kritisieren, dass Maßnahmen zur Besucherlenkung bislang keine Wirkung zeigen. Die Schädigungen durch Trampelpfade, Müll und abgerissenes Blattwerk (Äste, umgetretene Büsche) seien im Bereich des Hauptbesucherstromes und dem Kernbereich der römischen Werkplätze (Riesensäule, Pyramide, Altarstein) unübersehbar und seit vielen Jahren auch in verschiedenen amtlichen Berichten dokumentiert.

Mit der Anmeldung bei der Europäischen Kommission durch das Land Hessen im Jahr 2000 ist das Naturschutzgebiet Felsberg bei Reichenbach auch Natura-2000-Gebiet. Damit sind der Felsberg und mit ihm das Felsenmeer Bestandteil des europaweiten ökologischen Netzwerks, das die Erhaltung der biologischen Vielfalt besser als bisher absichern soll.

Eine Beschreibung des FFH-Gebietes Felsberg (Nr. 6218-301) ist im Standarddatenbogenauszug des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUKLV)Standarddatenbogen des FFH-Gebiets Felsberg beim Hessischen Naturschutz Informationssystem, Stand: 07/2011 dokumentiert. Sechs Lebensraumtypen, für die gem. FFH-Richtlinie Berichtspflicht besteht, werden aufgeführt. Die Bedeutung der sechs Lebensraumtypen ist dargestellt und der Erhaltungszustand wurde einer BewertungStandarddatenbogen, Abschnitt 3.1 unterzogen.

8150 Kieselhaltige Schutthalden der Berglagen Mitteleuropas (6,72 ha); Erhaltungszustand: durchschnittlich oder beschränkt 8310 Nicht touristisch erschlossene Höhlen (< 1,68 ha); Erhaltungszustand: durchschnittlich oder beschränkt 9110 Wald-Hainsimsen-Buchenwald (Luzulo-Fagetum) (38,64 ha); Erhaltungszustand: durchschnittlich oder beschränkt 9130 Waldmeister-Buchenwald (Galio odorati-Fagetum) (85,68 ha); Erhaltungszustand: gut 9180 Schlucht- und Hangmischwälder Tilio-Acerion (1,68 ha); Erhaltungszustand: gut 91E0 Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior (Alno-Padion, Alnion incanae, Salicion albae) (< 1,68 ha); Erhaltungszustand: gut

In dieser Bewertung wird ergänzend festgehalten, dass die Vernichtung der Bodenflora durch die Besucherströme, Trampelpfade und Bodenverdichtung auf mehr als 2 ha zur Gefährdung natürlicher Baumverjüngung führt.Standarddatenbogen, Abschnitt 4.4

Sehenswürdigkeiten mini|Geopark Informationszentrum der Gemeinde Lautertal

Das Geopark Informationszentrum der Gemeinde Lautertal, das sich mit der Erdgeschichte des Geoparks, der Felsenmeer-Entstehung, der römischen Geschichte, der Naturwerkstein-Industrie sowie dem Sagenschatz aus dem Odenwald befasst, wurde im Frühjahr 2007 eröffnet. „Felsenmeer Informationszentrum“ ist seit Februar 2008 eine eingetragene Wort-Bild-Marke der Gemeinde Lautertal.