miniatur|James Monroe, Gemälde von John Vanderlyn aus dem Jahr 1816 Die Monroe-Doktrin () geht auf die Rede zur Lage der Nation vom 2. Dezember 1823 zurück, in der US-Präsident James Monroe vor dem Kongress die Grundzüge einer langfristigen Außenpolitik der Vereinigten Staaten entwarf. In der Tradition Jeffersons stellte er dabei eine unumkehrbare Unabhängigkeit der Staaten auf dem amerikanischen Doppelkontinent von den europäischen Mächten fest, d. h. von der Alten Welt.
Monroe formulierte die Existenz zweier politischer Sphären (two spheres). Er betonte das Prinzip der Nichteinmischung (non-intervention) der Vereinigten Staaten in europäische Konflikte und forderte ein Ende aller Kolonialisierungsbestrebungen in der westlichen Hemisphäre (non-colonization). Außerdem kündigte er ein Eingreifen der USA für den Fall an, dass die europäischen Kolonialmächte diese politischen Grundsätze ignorieren sollten. Die Forderung an die europäischen Mächte, die nunmehr unabhängigen Staaten Lateinamerikas nicht zu rekolonialisieren, wurde verkürzt zur Parole „Amerika den Amerikanern“.Jürgen v. Prellwitz: Das „Prinzip der Nichteinmischung“ als Grundlage der interamerikanischen Beziehung. Zeitschrift für Politik 1960, S. 110–133.
Zwar war die Doktrin zunächst eine Absage an Versuche aus Europa, die Souveränität der USA infrage zu stellen. Sie entwickelte sich aber im 20. Jahrhundert dazu, eine Vormachtstellung der USA für den ganzen Kontinent zu sichern.
Mit seiner Doktrin prägte Monroe die angloamerikanische Variante des Panamerikanismus entscheidend. 1848 unter Präsident Polk und 1870 unter Präsident Grant wurde die Doktrin um das Verbot des Transfers (auch früheren) kolonialen Besitzes an andere Mächte erweitert (non-transfer), das von Secretary of State John Quincy Adams in einer Botschaft an den damaligen russischen Zaren (Alexander I.) bereits 1823 aufgegriffen, von Monroe jedoch nicht in den Bericht an den Kongress übernommen worden war.
Die weltpolitische Lage um 1823 Um die ursprüngliche Bedeutung der Monroe-Doktrin zu verstehen, ist die politische Situation zur Zeit ihrer Entstehung zu berücksichtigen. Nach Jahren der Konflikte ging Monroes Präsidentschaft (1817–1825) als „Era of Good Feeling“ in die Geschichtsbücher ein; sie umfasste einen Zeitraum, in dem sich die Vereinigten Staaten innenpolitisch stabilisierten und einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Nur wenige Jahre zuvor hatten die USA ihr Territorium mit dem Erwerb der früheren französischen Kolonien in Louisiana (1803) und der spanischen Besitzungen in Florida (1819) nahezu verdoppelt, wobei im ersten Fall Monroe als Unterhändler in Paris eine tragende Rolle gespielt hatte. Auf der anderen Seite hatten die USA aber auch einen erfolglosen Krieg gegen Großbritannien (1812 bis 1814) geführt, in dessen Verlauf die versuchte Eroberung Kanadas gescheitert und die Hauptstadt Washington niedergebrannt worden war. Vor allem außenpolitisch standen die republikanischen Vereinigten Staaten ferner unter großem Druck: Die absolutistischen europäischen Mächte hatten nach den Unruhen der vorhergegangenen Dekaden ihre Macht restauriert. Mit der Wiedereinsetzung des französischen Königs Ludwig XVIII. im Jahr 1814 und dem Vorgehen der „Heiligen Allianz“ (bestehend aus Russland, Österreich und Preußen) gegen republikanische und liberale Ideen und Institutionen schien die republikanische Bewegung weltweit auf dem Rückzug.
Im Gegensatz dazu schien das Trienio Liberal („liberales Triennium“) von 1820 bis 1823 zu stehen, in dessen Verlauf der spanische König Ferdinand VII. im März 1820 von Revolutionären festgesetzt und eine konstitutionelle Monarchie proklamiert worden war. Die Freude republikanisch gesinnter Zeitgenossen hielt jedoch nur kurze Zeit an, denn die „Heilige Allianz“ reagierte augenblicklich auf die revolutionären Bestrebungen und Zar Alexander I. drohte seinen Verbündeten damit, russische Truppen nach Spanien marschieren zu lassen, sollte sich keine andere Lösung finden. Die anderen Mitglieder der „Heiligen Allianz“, wenig begeistert von der Vorstellung fremder Truppenkontingente auf ihren Territorien, übten daraufhin Druck auf das monarchische Frankreich aus, Militär nach Spanien zu entsenden, um die Revolution niederzuschlagen. Trotz erheblicher Bedenken des französischen Königs und seines Kriegsministers, die das Scheitern Napoleon Bonapartes auf der iberischen Halbinsel noch vor Augen hatten und die finanziellen Belastungen eines militärischen Konflikts fürchteten, gab Frankreich dem Druck seiner Alliierten nach und marschierte (finanziell unterstützt durch die Allianz) ab April 1823 in Spanien ein.
Wider Erwarten gelang es den schlecht organisierten französischen Truppen in relativ kurzer Zeit, die Revolution mit der Eroberung von Trocadero, der letzten Bastion der Aufständischen in Cádiz, im August 1823 niederzuschlagen und König Ferdinand zu befreien. Geschwächt durch einen unzureichenden Rückhalt in der Bevölkerung, die durch die Geistlichkeit Spaniens auf die Monarchie eingeschworen wurde, standen die Revolutionäre auf verlorenem Posten. Das Eingreifen Frankreichs resultierte in einem vollständigen Sieg der monarchistischen Kräfte.
Großbritannien, das sich gegen eine Invasion Frankreichs in Spanien ausgesprochen hatte, befürchtete angesichts der Erfolge der Allianz eine Ausweitung der militärischen Operationen auf die früheren spanischen Kolonien in Südamerika. Obwohl es selbst die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten nicht offiziell anerkannte, hatte es doch wirtschaftliche Interessen und prosperierende Handelsbeziehungen, die es durch ein Eingreifen Spaniens und der „Heiligen Allianz“ gefährdet sah.
Ein zweiter Konflikt auf dem europäischen Kontinent fand sich mit dem griechischen Unabhängigkeitskampf gegen die Herrschaft des Osmanischen Reiches. Nachdem von 1821 bis 1822 die türkischen Truppen einen Großteil der aufständischen Gebiete zurückerobert hatten, gelang es den Griechen ab Herbst 1822, die Truppen des Sultans im Partisanen- und im Feldkampf zurückzudrängen und ihre eigenen Regierungsstrukturen weiter auszubauen. Bereits 1821 hatten sie die europäischen Mächte und die Vereinigten Staaten aufgefordert, ihre Regierung formal anzuerkennen, und obwohl diese der Aufforderung nicht nachkamen, wurde der griechische Unabhängigkeitskampf in der Bevölkerung und vor allem in republikanischen und demokratischen Kreisen begeistert aufgenommen. Auch in den USA wuchs daher der Druck auf die Regierung, die neue griechische Regierung zu unterstützen oder zumindest anzuerkennen.
In dieser Situation bot Großbritannien den Vereinigten Staaten bei Gesprächen zwischen dem britischen Foreign Secretary George Canning und dem amerikanischen Gesandten in London, Richard Rush, im August und September 1823 ein Bündnis an, in dem beide Staaten eine gemeinsame und wohlwollende Position zur Unabhängigkeit der südamerikanischen Republiken formulieren und einem Eingreifen der europäischen Mächte (über das Spaniens selbst hinaus) entgegentreten sollten. Canning reagierte damit nicht zuletzt auf Gerüchte über Pläne für eine Konferenz der europäischen Kontinentalmächte zum Vorgehen gegen die ehemaligen spanischen Kolonien Südamerikas und auf Meldungen über eine französische Flotte, die nur darauf warte, spanische Truppen zur Rückeroberung der Kolonien zu verschiffen.Harry Ammon: James Monroe: The Quest for National Identity. Taschenbuchausgabe. University Press of Virginia, Charlottesville 1990, ISBN 0-8139-1266-0, S. 477 f.
Neben Spaniens Politik in Südamerika erforderte aus Sicht der USA das Vorgehen Russlands im Nordwesten des amerikanischen Kontinents eine Reaktion. Zwar war Zar Alexander scheinbar bereit, 1821 verkündete Pläne zurückzuziehen, nach denen nur noch russische Schiffe den Nordpazifik zu Handelszwecken befahren dürften, die Russländisch-Amerikanische Kompagnie, der vom Zaren ein Monopol für die Besiedlung und den Handel mit Produkten aus allen Gebieten nördlich des 51. Breitengrads verliehen worden war, drang aber weiterhin nach Südosten vor und errichtete Handelsposten und Siedlungen in Teilen des heutigen Alaskas und Kanadas. Während die Vereinigten Staaten alleine nicht stark genug erschienen, um der russischen Expansion wirkungsvoll Einhalt zu gebieten, versprach auch hier eine Zusammenarbeit mit Großbritannien die Möglichkeit, US-amerikanische Interessen erfolgreicher zu vertreten.
Rush, der vom Angebot Cannings gleichermaßen geschmeichelt wie positiv überrascht war, wollte eine solch weit reichende Entscheidung jedoch nicht ohne Rückendeckung seiner Regierung treffen und stimmte einer entsprechenden Erklärung für den Fall zu, dass Großbritannien die jungen südamerikanischen Republiken anerkennen würde, wohl wissend, dass Canning diesen Vorschlag ablehnen würde. Der britische Vorschlag wurde deshalb nach Washington geschickt und dort vom Kabinett Monroes diskutiert, der zusätzlich seine Vorgänger Madison und Jefferson um deren Meinung zu den Plänen Großbritanniens bat.
Die Entstehung der Monroe-Doktrin Cannings Vorschläge für eine gemeinsame Erklärung umfassten fünf zentrale Punkte: Die Annahme, dass eine Rückeroberung der früheren Kolonien in Südamerika durch Spanien hoffnungslos sei. Die Aussage, dass eine Anerkennung der südamerikanischen Republiken eine Frage der Zeit und der Umstände sei. Das Versprechen, einer einvernehmlichen Lösung zwischen den ehemaligen Kolonien und ihrem Mutterland nicht entgegenzutreten. Die Versicherung, dass man selbst keinerlei Territorien der früheren Kolonien beanspruche. Die Warnung, dass man einem Transfer territorialen Besitzes an andere Mächte nicht indifferent gegenüberstehen könne.
Während die Vereinigten Staaten den meisten dieser Punkte problemlos zustimmen konnten und einige Aspekte der Erklärung bereits selbst als politische Richtlinien formuliert hatten (so das Prinzip des „Non-Transfer“ im Jahr 1811), weckte die Verzichtserklärung auf den Erwerb früherer kolonialer Besitzungen die Bedenken von John Quincy Adams und dem Marineminister Samuel L. Southard. Gerade Adams sprach sich für eine eigene Erklärung gegenüber der „Heiligen Allianz“ aus und formulierte, dies sei für die Anerkennung der US-amerikanischen Positionen besser, als lediglich „einem Beiboot im Schlepptau der britischen Man-O-Wars“ gleich aufzutreten. Dass die Vereinigten Staaten überhaupt reagieren mussten, wurde jedoch von keinem der Beteiligten in Frage gestellt. Das Risiko einer französisch-spanischen Expedition nach Südamerika schien nach dem Fall der letzten Rebellenhochburg im spanischen Mutterland greifbar, das russische Vorgehen im Pazifik beschäftigte Washington bereits seit geraumer Zeit und auch die Revolution in Griechenland fand ihren Niederschlag in der politischen Diskussion. Fünf Aspekte spielten bei der Entstehung der Doktrin eine herausragende Rolle:
1. Wirtschaftliche Gründe Ob die Anerkennung der südamerikanischen Republiken durch Monroe in erster Linie wirtschaftlich motiviert und von der Hoffnung gekennzeichnet war, gute Handelsbeziehungen mit den jungen Staaten aufzubauen, bleibt bis heute umstritten. Nach Dexter Perkins mochte dies zwar teilweise eine Rolle gespielt haben, gleichzeitig machte der Handel mit den spanischen Kolonien vor deren Unabhängigkeitskampf aber unter zwei Prozent des gesamten Handels der USA aus, während der mit Kuba und dem spanischen Mutterland deutlich wichtiger war. Adams selbst drückte noch 1817 aus, er habe nur geringe Hoffnungen, dass sich eine Anerkennung der neuen Staaten positiv auf den Handel mit Südamerika auswirken werde.