mini|hochkant=1.35|Thomaner-Chorknaben im Jahr 1953
Der Thomanerchor ist ein weltweit bekannter Knabenchor aus Leipzig mit einer mehr als 800-jährigen Chortradition. Er wurde im Jahr 1212 zusammen mit der Thomasschule gegründet und zählt nach dem Aachener Domchor, den Regensburger Domspatzen, dem Stadtsingechor zu Halle und dem Bamberger Domchor zu den fünf ältesten Knabenchören Deutschlands und Europas. Er gehörte damals zum Augustiner-Chorherrenstift des Klosters St. Thomas in Leipzig. Als Stiftskirche wurde dem Stift 1213 die spätere Thomaskirche übergeben. Die Bekanntheit des Thomanerchors als einer der ältesten Chöre überhaupt beruht auch auf dem Thomaskantorat, das durch viele bekannte Musiker und Komponisten ausgefüllt wurde, darunter ab dem Jahr 1723 Johann Sebastian Bach. Der Chor besteht aus 93 männlichen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Alter von 9 bis 18 Jahren. Diese wohnen im Internat, dem Thomasalumnat, und besuchen die Thomasschule, ein Gymnasium mit sprachlichem Profil und vertiefter musischer Ausbildung.
Beschreibung Traditionell stehen im Zentrum der Arbeit des Chores die Vokalwerke von Johann Sebastian Bach. Das Repertoire berührt jedoch die geistliche und weltliche Literatur praktisch aller Epochen von der Renaissance bis zur Moderne.
Als Begegnungsstätte im Leipziger Bachviertel entstand das Forum Thomanum. Mit inbegriffen in dieses sind die Lutherkirche, Thomasschule, Internat, Grundschule, Jugendherberge, Kindergarten, Verwaltungsgebäude, Probengebäude und eine unterirdische Turnhalle. Entsprechend der Konzeption zum Forum Thomanum soll es neben den Bauvorhaben auch wesentliche Veränderungen im Erziehungssystem geben.
Der Thomanerchor ist neben seiner regen Konzerttätigkeit in ganz Deutschland (mindestens zwei große Deutschlandreisen im Jahr) und seinen Auslandsreisen noch dreimal in der Woche in der Thomaskirche verpflichtet. Immer freitags 18 Uhr und samstags 15 Uhr musiziert er in den Motetten in der Thomaskirche. Sonntags singt er um 9:30 Uhr im Gottesdienst. Zu den Hochfesten der evangelischen Kirche tritt der Thomanerchor auch auf.
Leben und Erziehung der Sänger Die 93 Mitglieder des Thomanerchores wohnen im Alumnat in der Leipziger Hillerstraße. Sie sind nicht klassenweise untergebracht, sondern gemischt in den so genannten Stuben. Eine solche Stube stellt nicht nur eine Räumlichkeit, sondern vielmehr eine administrative Einheit mit geschlossener Hierarchie und klarer Aufgabenverteilung dar. Dabei leben immer ein oder mehrere Ältere, die Stubenältesten, mit mehreren Jüngeren zusammen in einer Stube. Dabei wohnen die Altersgruppen getrennt in verschiedenen Zimmern. Zu diesem Älteren wird ein hierarchisch und erzieherisch angelegtes Vertrauensverhältnis angestrebt. Die Erziehung im Thomanerchor erfolgt somit vorrangig durch die älteren Mitglieder und weniger durch die dortigen Erzieher (Diensthabende Inspektoren). So ist es möglich, dass über 90 Jugendliche unter einem Dach wohnen und nur von jeweils einem bis drei der insgesamt fünf Erzieher beaufsichtigt werden. Die Stuben werden jährlich neu verteilt, um ihre altersmäßige Struktur zu erhalten, aber auch sozial Einfluss nehmen zu können.800 Jahre Thomanerchor. Johann Sebastian Bachs Kadetten. faz.net vom 15. Februar 2012.
In den Stuben befinden sich die Köten (ein abschließbarer Schrank) und ein Tisch für jeden. Daneben gibt es weitere Möbelstücke und Ausrüstungsstücke, so z. B. Bücher- und Zeitungsregale, Radios, Pflanzen und Stühle. Fernseher oder Computer stehen nicht in den einzelnen Stuben. Eine Stube besteht aus mindestens vier Zimmern und einem Waschraum mit zwei Duschen. Außerdem sind Betten für bis zu drei Thomanerschüler in jedem Zimmer vorhanden.
Das Alumnat ist weiterhin mit einer Turnhalle, einem Proben- und einem Speisesaal ausgestattet. Zudem gibt es eine Nähstube für die Konzertanzüge, ein Archiv, einen Mitarbeitertrakt, Proberäume, einen Bandraum, ein Modelleisenbahnzimmer, einen Fitnessraum, einen Aufenthaltsraum für die Obernschaftler, ein Zimmer für die Redaktion der Schülerzeitung des Thomanerchors (das Kastenjournal), eine Sauna, drei Bibliotheken, einen Computerraum inklusive Internetzugang, eine Krankenstube mit isolierten Betten, einen Fernsehraum und im Erdgeschoss Toiletten für Besucher.
Historische Aufführungspraxis Am 21. März 2013 musizierte ein Auswahlchor der Thomaner unter Berücksichtigung der historischen Aufführungspraxis. Die Stärke der einzelnen Stimmen bestand aus drei- bis vierfach Besetzungen, die im Gegensatz zur üblichen Aufstellung des Chores vor dem Orchester am Geländer standen. Zudem sangen die Sänger aus digitalen Reproduktionen der originalen Handschriften. Pressemitteilung vom 18. März 2013, Stadt Leipzig, Referat Kommunikation (PDF; 68 kB).Forum Kirchenmusik, Ausgabe 5, 2013, S. 23.„Nach dem fulminanten Geburtstagsständchen vieler Schüler mit Tortenanschnitt in der Thomaskirche am Vormittag des 328. Geburtstages von Johann Sebastian Bach am 21. März 2013 gaben die Sängerknaben ein Konzert in historischer Besetzung und Aufstellung in der Thomaskirche. Die 16 bis 23 Mitglieder des Thomanerchores unter der Leitung von Kantor Biller musizierten zusammen mit Solisten und dem Leipziger Barockorchester“. Programm der Motette in der Thomaskirche vom 23. März 2013 , pdf Georg Christoph Biller hierzu:
Geschichte Von der Gründung bis zur Reformation mini|Otto IV. besiegelte am 20. März 1212 die Stiftungsurkunde des Augustiner-Chorherrenstifts zu St. Thomas. Das Kloster St. Thomas wurde im Jahr 1212 von Dietrich dem Bedrängten gegründet. Eine am 20. März 1212 von Kaiser Otto IV. auf dem Frankfurter Reichstag besiegelte Urkunde bestätigt die Gründung. Seither gilt dieses Datum als Tag der Gründung des Chores. Zum Stift gehörte eine Klosterschule, die geistlichen Nachwuchs heranbilden sollte. Die aufgenommenen Knaben wohnten im Stift und hatten als „Gegenleistung“ den liturgischen Gesang und andere gottesdienstliche Aufgaben zu verrichten. Weiterhin mussten sie Einkünfte aus den Kurrendeumgängen zu ihrer Versorgung einbringen. Bis zur Reformation war die Anzahl der Chorschüler auf 24 begrenzt. Ab 1254 ist auch eine scola exterior belegt, die gegen ein Schulgeld den Kindern wohlhabender Leipziger Bürger zugänglich war. Daher gilt die Thomasschule als Deutschlands älteste öffentliche Schule.
Über den damaligen Schulalltag ist nur wenig bekannt. Einem Lateinlehrbuch, der Paedologia, das für die Thomasschule geschrieben worden ist, ist zu entnehmen, dass es den pauperes, den armen Chorschülern, nicht allzu gut ergangen sein kann. Neben dem Kirchendienst und dem Kurrendesingen waren sie gezwungen, für ihren Unterhalt bei verschiedenen Anlässen in den Häusern reicher Bürger zu singen oder hauswirtschaftliche Dienste zu verrichten.
Bedeutendstes Zeugnis für das musikalische Schaffen der Chorknaben vor der Reformation stellt wohl das Sankt-Thomas-Graduale (um 1300) dar. Dabei handelt es sich um einen Kodex mittelalterlicher Choralhandschriften, der eine Zusammenstellung von 88 Sequenzen sowie sämtliche Gesänge für die Hochämter beinhaltet. Die Handschrift, die vermutlich im Thomaskloster entstand, war nachweislich mindestens zweihundert Jahre in Gebrauch. Mit einem neuen Einband kam 1533 auch ein Kompendium der Musiklehre dazu. Es gibt Aufschluss darüber, welche Anforderungen an die Chorschüler gestellt wurden. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ist durch Stiftungsurkunden für Messen und Altäre, die explizit die Mitwirkung von Chorschülern verlangen, bezeugt, dass die Thomaner nicht nur in St. Thomas sangen, sondern auch Dienste in der Nikolaikirche versahen. Neben dem Singen des gregorianischen Chorals im Alltag, sowie zu festlichen Prozessionen und kirchlichen Amtshandlungen, kam auch der Figuralmusik wachsende Bedeutung zu. Seit 1479 unterhielt der Rat der Stadt ein Ensemble aus Stadtpfeifern, die bei Festgottesdiensten gemeinsam mit den Thomanern musizierten.
Nach dem Tod Herzog Georgs übernahm sein Bruder Heinrich die Regierungsgeschäfte und veranlasste 1539 die Einführung der Reformation im Herzogtum. Aus diesem Anlass predigte Martin Luther am Pfingstsonntag von der Kanzel der Thomaskirche. Mit der Verbreitung der neuen Lehre begann die Säkularisation der Klöster. Sämtliche Besitztümer des Thomasstifts gingen an die Stadt über. Die Chorherren, die noch nicht aus der Stadt geflohen waren, wurden vom Rat mit einer Rente abgefunden und verließen das Kloster 1543. In diesem Jahr begann der Rückbau der Stiftsgebäude. Mit der Säkularisation ging auch die Schule sowie das Alumnat in die Verwaltung durch den Rat der Stadt über. Damit ist der Thomanerchor die älteste kulturelle Einrichtung der Stadt Leipzig.
Die erste große Künstlerpersönlichkeit, die im Zusammenhang mit dem Kloster genannt wird, ist der Minnesänger Heinrich von Morungen. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre im Thomasstift und wurde nach seinem Tod 1222 in der Thomaskirche beigesetzt. Ob er die Funktion des Cantors übernahm, ist jedoch nicht bekannt.
Der Begriff Cantor bezeichnete zunächst nur den Vorsänger, der den gregorianischen Gesang anzustimmen und zu leiten hatte. Ebenso wurde von ihm die Unterrichtung der Schüler erwartet. Ob die frühen Kantoren, die aus der Riege der Chorherren gestellt worden sind, auch die Figuralmusik leiteten, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich ist, dass sie diese Aufgabe an succentores (Unterkantoren) abgaben.Wolfgang Hanke: Die Thomaner. Union Verlag Berlin 1979, S. 18.
Georg Rhau, obwohl nur zwei Jahre Thomaskantor (von 1519 bis 1520), hinterließ deutliche Spuren in Leipzig. Das hat höchstwahrscheinlich mit dem Umstand zu tun, dass in seine Amtszeit das Streitgespräch zwischen den Theologen Martin Luther, Andreas Bodenstein und Johannes Eck, die Leipziger Disputation, fiel. Unter Rhaus Leitung eröffneten die Thomaner am 27. Juni 1519 mit einem Gottesdienst in der Thomaskirche das Treffen der großen Theologen. Dabei kam die zwölfstimmige Missa de sancto spiritu zur Aufführung, die vermutlich aus Rhaus Feder stammt. Die Disputation wurde in der Pleißenburg abgehalten, nachdem der Chor dort die Motette Veni, sancte spiritus sang. Zur Abschlussfeier der Gespräche am 15. Juli ließ Rhau die Knaben (unter Mitwirkung der Stadtpfeifer) ein Te Deum laudamus vortragen. Keines der Werke ist erhalten.
Von der Reformation bis zur Zeit Bachs Nach der Reformation veränderte sich das Tätigkeitsfeld für die Chorschüler nicht. Ebenso wie zuvor sangen sie bei ordentlichen Gottesdiensten sowie bei Kasualien (Trauungen, Taufen und Begräbnissen). Das Repertoire ist durch Eigenkompositionen der Thomaskantoren sowie durch Abschriften und Ankäufe von Notendrucken gewachsen und verhältnismäßig gut dokumentiert. Ulrich Lange (Thomaskantor von 1540 bis 1549) beispielsweise kaufte Sammelbände der Werke von Josquin Desprez, Jacob Obrecht, Heinrich Isaac und Adrian Willaert u. a. Seine Nachfolger ergänzten die Bestände durch Werke von Orlando di Lasso. Bemerkenswert ist eine Sammelhandschrift, die zwischen 1553 und 1560 entstand. Sie enthält zahlreiche Messen, Motetten und Hymnen von verschiedenen Komponisten, die meist nicht benannt sind. Musikwissenschaftler identifizierten einige der Werke als Schöpfungen von Musikern wie Ludwig Senfl, Josquin Desprez, Johann Walter, Heinrich Isaac, Thomas Stoltzer u. a.
Teile eines einstürzenden Turmes der Stadtbefestigung beschädigten 1546 die Thomasschule. Stadtverwaltung und Kirchenleitung ließen das alte Gebäude 1553 abbrechen einen Neubau errichteten. Dies geschah unter großer Mithilfe der Leipziger Bürgerschaft, die sich durch Spenden oder Arbeitskraft einbrachten. In diesem neuen Gebäude hatten neben den Unterrichtsräumen auch die Stuben der Alumnen sowie die Wohnung für Rektor und Kantor Platz.
Thomanerchor zur Zeit Bachs