Perugia [, ] ist die Hauptstadt der Region Umbrien in Italien und der Provinz Perugia. Sie hat Einwohner (Stand ).

Geschichte links|mini|Die Etrusker in Perugia, Federico Faruffini (1867-1869), Museum der Akademie der Schönen Künste, Perugia

Antike Archäologische Funde belegen, dass das Gebiet des heutigen Perugia, dessen antiker lateinischer Name Perusia lautete, bereits zur Zeit der frühen eisenzeitlichen Villanovakultur im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. besiedelt war. Seit der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. scheint es eine kontinuierliche Entwicklung durchgemacht zu haben. Der antiken Sage zufolge hätten entweder AchaierIustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 20,1,11. oder der Etrusker AulestesMaurus Servius Honoratus, Kommentar zu Vergil, Aeneis 10,198. die Stadt gegründet, doch kommt eine griechische Gründung den archäologischen Untersuchungen zufolge nicht in Frage. Die auf einem markanten Hügel (493 m) über der Ebene gelegene Stadt dürfte ursprünglich eine Siedlung der Umbrer gewesen sein und weist erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. einen spezifisch etruskischen Charakter auf. Ihr etruskischer Name war Perusna. Sie gehörte zu den zwölf mächtigsten etruskischen Städten und zum Zwölfstädtebund.Titus Livius, Ab urbe condita 9,37,12; Stephanos von Byzanz, Ethnika, s. Perraision. Die antike Stadt Arna ist heute ein östlicher Ortsteil.

In den antiken literarischen Quellen taucht Perusia erstmals 310 v. Chr. auf. Demnach belagerten in diesem Jahr die Etrusker die mit Rom verbündete Stadt Sutrium, woraufhin sich der römische Konsul Quintus Fabius Maximus Rullianus angesichts der feindlichen Übermacht entschloss, die Etrusker durch eine Diversion zur Aufhebung jener Belagerung zu zwingen. Zu diesem Zweck marschierte er mit seinem Heer unversehens in das viele Jahre von Krieg verschont gebliebene Mitteletrurien ein und schlug unweit der Siedlung eine etruskische Streitmacht, so dass sich Perusia sowie die Städte Cortona und Arretium zu einem dreißigjährigen Waffenstillstand verpflichten mussten.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 20,35; Titus Livius, Ab urbe condita 9,37. Trotzdem nahm Perusia bald darauf am Dritten Samnitenkrieg gegen Rom teil. Nach dem Sieg der römischen Truppen über die Etrusker in der Schlacht von Sentinum 295 v. Chr. verlor ein Heer der Perusiner erneut ein Gefecht gegen Fabius Rullianus,Titus Livius, Ab urbe condita 10,31,3. wonach die Stadt an die Römer fiel. Diese errichteten einen 2,9 km langen Befestigungsring um die Stadt. Perusia blieb aber volkreich und prosperierend und hielt den Römern im Zweiten Punischen Krieg die Treue. So verteidigte eine aus Perusia stammende Kohorte 216 v. Chr. zusammen mit Praenestinern die in Kampanien gelegene Stadt Casilinum gegen Hannibal.Titus Livius, Ab urbe condita 23,17,11. Ferner erhielt Publius Cornelius Scipio Africanus 205 v. Chr. von Perusia Holz und Getreide für seine von ihm beabsichtigte Expedition nach Nordafrika.Titus Livius, Ab urbe condita 28,45,18.

Anscheinend wurde Perusia nach dem von 91 bis 88 v. Chr. dauernden Bundesgenossenkrieg das römische Bürgerrecht verliehen. Es besaß den Status eines Municipiums und einen eigenen Senat, aber wohl kein eigenes Münzwesen. Im Perusinischen Krieg (Winter 41/40 v. Chr.) verschanzte sich dort der gegen Octavian (den späteren Kaiser Augustus) kämpfende Konsul Lucius Antonius, der Bruder des Triumvirn Marcus Antonius. In der eng von Octavian und seinen Generälen eingeschlossenen Stadt brach eine so furchtbare Hungersnot aus, dass der perusinische Hunger (fames Perusina) sprichwörtlich wurde. Nach der Kapitulation der Stadt begnadigte Octavian zwar Lucius Antonius und dessen Heer, ließ aber alle Ratsherren Perusias mit Ausnahme eines einzigen hinrichten. Dass er aber über 300 Senatoren und Ritter am 15. März 40 v. Chr., dem Todestag Caesars an einem Altar habe abschlachten lassen, der dem zum Gott erhobenen Verstorbenen erbaut worden war, hält der Althistoriker Jochen Bleicken für unglaubwürdig. Die zur Plünderung freigegebene Stadt brannte nieder und wurde dabei fast vollständig zerstört. Ob das Feuer absichtlich gelegt wurde oder ungeplant infolge eines vereinzelten Brandfalls – ein vornehmer Perusiner namens Cestius Macedonicus hatte aus Verzweiflung sein Haus angezündet – entstand, war nicht zu eruieren.Appian, Bürgerkriege 5,31-49; Cassius Dio, Römische Geschichte 48,14; dazu Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Fest, Berlin 1998, ISBN 3-8286-0027-1, S. 189–193. Später ordnete Augustus den großzügigen Wiederaufbau der Stadt an, und sie erhielt nun den Namen Augusta Perusia. Auch gab der Kaiser ihr eine neue Verfassung, so dass seither Duumvirn als leitende Beamte Perusias fungierten. In der Folgezeit gelangte die Stadt nicht mehr zu ihrem einstigen Glanz. Unter Kaiser Trebonianus Gallus, der von 251 bis 253 regierte, bekam sie immerhin den Status einer Kolonie verliehen. Der genauere Zeitpunkt der Christianisierung Perugias ist nicht bekannt; die Reihenfolge und Amtszeiten der ersten Bischöfe der Stadt sind ebenso unsicher.Perugia, in: Enciclopedia Italiana, Bd. 26 (1935).

Mittelalter Im 6. Jahrhundert war Perugia laut dem frühbyzantinischen Historiker Prokop eine starke Festung und die bedeutendste Stadt Etruriens. Es spielte im Gotenkrieg Kaiser Justinians eine bedeutende Rolle. 537 wurde es von Belisar erobert und mit einer starken Garnison versehen. 547 wurde die Stadt, in der Cyprianus den Befehl führte, von einer Armee des Ostgotenkönigs Totila belagert. Aber erst nach dem Tod des Cyprianus und der Abberufung Belisars aus Italien konnten die Ostgoten Perugia Anfang 549 einnehmen. Totila habe es dann zerstören und den heiligen Herculanus, Bischof der Stadt, enthaupten lassen. Nachdem der Ostgotenkönig im Juli 552 gefallen war, eroberte Narses Perugia für das Byzantinische Reich zurück.Prokop, Gotenkrieg 2,16 f.; 3,6; 3,25; 3,35; 4,33. Später vermochten sich die Langobarden kurzzeitig der Stadt zu bemächtigen, doch eroberte der byzantinische Exarch Romanus sie bei seinem Feldzug des Jahres 592 neben Sutri und weiteren Städten zurück. Romanus hatte dabei den langobardischen Herzog Maurisio, unter dessen Befehl Perugia gestanden hatte, auf seine Seite ziehen können und von ihm die Stadt übergeben bekommen. Der Langobardenkönig Agilulf verließ daraufhin 593 mit seinem Heer Pavia, überquerte den Apennin, belagerte Maurisio wenige Tage in Perugia, nahm die Stadt ein und ließ den abgefallenen Herzog enthaupten.Paulus Diaconus, Historia Langobardorum 4,8; dazu Ludo Moritz Hartmann: Geschichte Italiens im Mittelalter. Band 2, Teil 1. 1900, S. 105 (). Bald danach dürfte Perugia aber wieder in die Hände der Byzantiner gefallen sein. Es gehörte dann zum Exarchat von Ravenna. Über die Geschichte der Stadt in der damaligen Zeit ist aber nur wenig überliefert. Laurentius, Bischof von Perugia, wohnte im Jahr 649 der Kirchenversammlung in Rom bei, die Papst Martin I. den Monotheleten entgegengestellt hatte. Laut Paulus Diaconus war Agathon in den 730er Jahren Herzog von Perugia und führte damals ein großes byzantinisches Heer bei dessen Angriff auf das lombardische Bologna an, wurde aber zurückgeschlagen.Paulus Diaconus, Historia Langobardorum 6, 54.

Der Langobardenkönig Ratchis griff 749 die Pentapolis an und belagerte Perusia. Der Exarch von Ravenna war militärisch zu schwach, um Entsatz zu leisten. Da begab sich Papst Zacharias mit einem kleinen Gefolge hoher weltlicher und geistlicher Würdenträger in Ratchis’ vor Perugia befindliches Lager und konnte diesen mit seinen Darlegungen und Geschenken dazu bewegen, von seinem Unternehmen abzustehen. Ludo Moritz Hartmann: Geschichte Italiens im Mittelalter. Band 2, Teil 2, 1903, S. 149. Perugia gehörte dann zu jenen Städten, die Pippin der Jüngere 754 in der sog. Pippinischen Schenkung dem Papst Stephan II. unterstellte. Es verblieb jedoch unter karolingischer Oberherrschaft. Die Stadtherren waren die mit gräflichen Rechten ausgestatteten Bischöfe. Der Bischof Epiphanius von Perugia erscheint im Jahr 761 beim Konzil in Rom. Als der letzte Langobardenkönig Desiderius 772 gegen Rom vordrang, wurde das Herzogtum Perugia, aus dem Papst Hadrian I. viele Verstärkungen an sich gezogen hatte, erneut mit Krieg überzogen. Zur Zeit Ludwigs des Frommen erscheint Perugia 823 neben Pisa, Lucca, Florenz, Chiusi, Pistoia und Volterra als eine dem Kaiser ergebene Stadt. Auf dem 826 in Rom abgehaltenen Konzil fand sich Bischof Theodoricus ein. Auch sein Nachfolger Benedictus war 879 bei einer Kirchenversammlung in Rom anwesend. Bischof Rogericus stiftete 936 die neue Kathedralkirche San Lorenzo in Perugia, die sein Nachfolger Honestus 965 einweihte.G. F. Schreiner: Perugia. In: Johann Samuel Ersch, Johann Gottfried Gruber (Hrsg.): Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 3. Sektion, Bd. 18 (1843), S. 174.

Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Italienisch konnte die Stadt als Perugia bezeichnet werden, aber auch – in Aussprache und Lautstandsvarianten – als Perogia, PerusaCarl Joseph Bouginé (Hrsg.): Handbuch der allgemeinen Litterargeschichte nach Heumanns Grundriss. Band 1. Zürich 1789, S. 497 (Digitalisat). oder Perosa. Im Mittelalter war die Stadt lange Zeit eine treue Verbündete Roms gegen den Kaiser. 1198 löste sich Perugia auch offiziell von der kaiserlichen Autorität, indem sie sich unter den Schutz des Papstes Innozenz III. stellte. Beherrscht wurde sie von guelfischen Kaufleuten, die sie zu dem einzigen bedeutenden umbrischen Handelszentrum machten, ähnlich den toskanischen Stadtstaaten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war im 13. Jahrhundert. Im November 1202 kam es daher in einem heutigen Ortsteil zum Gefecht bei Collestrada (Battaglia di Collestrada), welches das guelfische Perugia gegen das ghibellinische Assisi gewann. Zu den dort gefangenen Kämpfern gehörte auch der junge Franz von Assisi - ein kritischer Punkt in seiner Biographie.

links|mini|Perugia, Frührenaissance-Panorama mit der Porta Marzia, Bendetto Bonfigli (1454)

Die guelfische Ausrichtung der Stadt bedeutete aber nicht, dass es zu keinen Schwierigkeiten mit dem angeblich beschützenden Kirchenstaat gekommen wäre. Um 1500, also in der Zeit der ersten Hochblüte humanistischer Geschichtsforschung, rechneten die Historiker z. B. Perugia den toskanischen Städten zu, wie aus der Chronik des Matarazzo hervorgeht. Schon 1354, zur Zeit des Kardinals Albornoz, war Spoleto endgültig dem Kirchenstaat einverleibt worden, 1439 folgten Foligno, 1450 Orvieto, zu Beginn des 16. Jahrhunderts gingen dann die anderen Städte Umbriens denselben Weg, zuletzt Perugia 1540.

1473 gelangte der Heilige Ring, der angebliche Verlobungsring Marias, diebstahlsweise aus Chiusi nach Perugia und verschaffte der Stadt beträchtlichen Zuwachs an Prestige und Einnahmen. Es kam zu Auseinandersetzungen mit Chiusi und Siena bis an den Rand eines Krieges. Noch heute wird der Ring in der Josefskapelle des Doms gezeigt und verehrt.

Neuzeit Im sogenannten „Salzkrieg“ unterlagen die Peruginer 1540 Papst Paul III. Sie hatten sich geweigert, eine neue Salzsteuer zu akzeptieren, und der Papst handelte drastisch. Innerhalb kürzester Zeit – von 1540 bis 1543 – ließ er, um die Stadt endgültig unter Kontrolle zu halten, eine Festungsanlage auf dem Colle Landone durch Antonio da Sangallo errichten, die nach ihrem Erbauer Rocca Paolina genannt wird. Mehr als drei Jahrhunderte lang blieb Perugia dem Kirchenstaat unterworfen. Das geistige Leben erstarrte in den Akademien.