Die Bibliothek von Alexandria war die bedeutendste antike Bibliothek. Sie entstand Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. in der kurz zuvor in Ägypten gegründeten makedonisch-griechischen Stadt Alexandria. Der Zeitpunkt des Endes der Bibliothek ist ungeklärt. Die Annahmen reichen von 48 v. Chr. bis ins 7. Jahrhundert. Oft wird die Ansicht geäußert, dass sie im 3. Jahrhundert der Zerstörung des gesamten Palastviertels von Alexandria zum Opfer fiel. Bisher sind keine Überreste der Bibliothek gefunden worden, jedoch bieten die Texte antiker Autoren einige Informationen.
Die Bibliothek verfügte über einen für die damaligen Verhältnisse enormen, aber heute unbekannten Bestand an Schriftrollen. Es handelte sich dabei sowohl um literarische Schriften als auch große Mengen an wissenschaftlicher Literatur aus den verschiedensten Fachgebieten. Es ist anzunehmen, dass bereits bald nach der Gründung ein großer Bestand vorhanden war, der danach über Generationen weiter wuchs. Eine kleinere Tochterbibliothek im Serapeion von Alexandria befand sich im Südwesten der Stadt in einem von den einheimischen Ägyptern bewohnten Stadtteil.
Die Räumlichkeiten der Bibliothek befanden sich im Palastbezirk der Stadt und standen in einer engen Beziehung zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Einrichtung, dem Museion von Alexandria, an dem zahlreiche berühmte Gelehrte wirkten und sich die Alexandrinische Schule herausbildete. Wahrscheinlich war die wesentliche Funktion der Bibliothek die einer Schul- und Forschungsbibliothek des Museions. Diese beiden von den ptolemäischen Herrschern finanzierten Institutionen hatten erheblichen Anteil daran, dass Alexandria im 3. Jahrhundert v. Chr. Athen als Zentrum der griechischen Wissenschaft ablöste. Die Bibliothek diente aber nicht nur wissenschaftlichen Zwecken, sondern auch der Machtdemonstration der Ptolemäer. Gegründet wurde sie im Rahmen der groß angelegten Kulturpolitik des makedonisch-griechischen Königs Ptolemaios I. in der Residenz- und Hauptstadt seines ägyptischen Reiches. Auch unter römischer Verwaltung (ab 30 v. Chr.) wurde die Bibliothek weiterbetrieben.
Um die bis heute reichende Nachwirkung der Bibliothek ranken sich abseits der historischen und archäologischen Forschung zahlreiche Mythen. Sie gilt als legendäre Urform einer Universalbibliothek und idealtypischer Wissensspeicher. Besonders verbreitet sind Spekulationen um die Zerstörung der Bibliothek. Dass sie 48 v. Chr. einem spektakulären Großbrand zum Opfer fiel, ist allerdings ebenso unwahrscheinlich wie die Legende der Zerstörung durch die Araber im Jahr 642.
Überlieferung Die Quellenlage ist äußerst schlecht, gesicherte Aussagen sind kaum möglich. Zudem berichten die wenigen antiken Quellen oft Widersprüchliches, und die römerzeitlichen Zeugnisse zur Organisation der Bibliothek müssen nicht die vorangehenden hellenistischen Verhältnisse widerspiegeln.Mostafa El-Abbadi: The life and fate of the ancient Library of Alexandria. Paris 1990, S. 78; Angelika Zdiarsky: Bibliothekarische Überlegungen zur Bibliothek von Alexandria. Wiesbaden 2011, S. 162 und 166.
Die früheste Quelle ist der im 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr. entstandene Aristeasbrief, der in erster Linie die Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische zum Thema hat. Verstreute Bemerkungen finden sich in Werken griechischer und römischer Autoren des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. wie etwa Strabon, Seneca, Plutarch und Sueton. Weitere Angaben liefern zwei medizinische SchriftenGalenos, In Hippocratis epidemiarum librum tertium commentarius und Commentarius in Hippocratis librum De natura hominis. des im 2. Jahrhundert lebenden Arztes Galenos. Zusätzliche Informationen stammen vom im 12. Jahrhundert wirkenden byzantinischen Gelehrten Johannes Tzetzes,In den Prolegomena zu seinen Scholien zu Aristophanes, die in verschiedenen Textversionen vorliegen. Siehe dazu Rudolf Blum: Kallimachos. The Alexandrian Library and the Origins of Bibliography. University of Wisconsin Press, 1991, S. 104–105. dessen Informationsquelle der Forschung unbekannt ist.Robert Barnes: Cloistered Bookworms in the Chicken-Coop of the Muses. The Ancient Library of Alexandria. London 2010, S. 64; Luciano Canfora: Die verschwundene Bibliothek. Das Wissen der Welt und der Brand von Alexandria. Rotbuch, Berlin 1998, ISBN 3-88022-456-0, S. 177 f.
Name In den Quellen wird die Bibliothek mit verschiedenen Namen genannt. Oft wird sie als „die große Bibliothek“ () bezeichnet, aber auch Ausdrücke wie „Bibliothek des Königs“, „Bibliothek des Museions“, „Bibliothek in Alexandria“ oder „erste Bibliothek“ kommen vor.Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte. (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 176673). verbessert und erweiterte Auflage, Reclam, Ditzingen 2007, ISBN 978-3-15-017667-2, S. 34.
Lage und Gebäude mini|hochkant=1.5|Stadtplan des antiken Alexandria. Das Museion befand sich im Nordosten, das Serapeion im Südwesten.
Bisher haben sich weder von der Forschungseinrichtung im Museion noch von der Bibliothek Überreste nachweisen lassen. Aufgrund von antiken Berichten wie etwa dem Reisebericht des Strabon nimmt man an, dass sich beide im Palastviertel im Nordosten der antiken Stadt befanden. Laut Strabon bestand das Museion aus einem Säulengang, einer Exedra für Studienzwecke und einem großen Speisesaal für die Gelehrten.Strabon, Geographica 17,1,8. Eine Bibliothek als gesonderte Räumlichkeit erwähnt er nicht. Auch die anderen Quellen berichten nichts über einen eigenständigen Bibliotheksbau. Ein 1847 gefundener Steinblock war möglicherweise ein Behälter für Buchrollen. Er befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien, gehörte aber – wenn überhaupt – zu einer kleineren privaten Schriftrollensammlung.Roger S. Bagnall: Alexandria. Library of Dreams. 2002, S. 353. Der Leiter der Ausgrabungen im alexandrinischen Palastviertel, Jean-Yves Empereur, sieht es als unwahrscheinlich an, dass in absehbarer Zeit Reste der Bibliothek gefunden und als solche identifiziert werden können.Jean-Yves Empereur: The Destruction of the Library of Alexandria. An Archaeological Viewpoint. In: Muṣṭafā al- ʻAbbādī: What Happened to the Ancient Library of Alexandria? Leiden 2008, S. 75–88, hier: S. 77–80 und 88.
Gut möglich ist, dass die Bibliothek nie über ein eigenes Gebäude verfügte, sondern sich in besonderen Räumen des Museions befand, anfangs vielleicht nur in dort aufgestellten Regalen. Nach ihrem Anwachsen könnte sie in mehreren Gebäuden des Palastviertels untergebracht gewesen sein.Vgl. etwa Luciano Canfora: Die verschwundene Bibliothek. Das Wissen der Welt und der Brand von Alexandria. Berlin 1998, S. 83–86 und 134–138; Heinz-Günther Nesselrath: Das Museion und die Große Bibliothek von Alexandria. Tübingen 2013, S. 76. Aufgrund der Größe der Bibliothek ist anzunehmen, dass sie über Schreib- und andere Werkstätten verfügte; auch hierüber gibt es allerdings weder Funde noch Berichte.Angelika Zdiarsky: Bibliothekarische Überlegungen zur Bibliothek von Alexandria. Wiesbaden 2011, S. 166 f. Cécile Orru vermutet, dass sie sich zwischen der Küste und der Kanopischen Straße, südöstlich des Theaters befand.Cécile Orru: Ein Raub der Flammen? Die königliche Bibliothek von Alexandria. Mainz 2002, S. 35.
Eine Tochterbibliothek befand sich im Serapeion von Alexandria, das in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. erbaut wurde. Dort lag sie wahrscheinlich dem Hof hinter der südlichen Säulenhalle gegenüber. Archäologen haben die Bibliothek in 19 nebeneinanderliegenden Räumen vermutet. Diese Räume sind 3 × 4 m groß und waren möglicherweise mit Regalen ausgestattet. Gelesen wurden die Schriftrollen wahrscheinlich in davon abgetrennten Gängen.Robert Barnes: Cloistered Bookworms in the Chicken-Coop of the Muses. The Ancient Library of Alexandria. London 2010, S. 68.
Bestand Bis heute ist kein Papyrusfragment entdeckt worden, das der Bibliothek von Alexandria zuzuordnen ist.Angelika Zdiarsky: Bibliothekarische Überlegungen zur Bibliothek von Alexandria. Wiesbaden 2011, S. 169. Wahrscheinlich ist das Museion samt einer Grundausstattung an Literatur gestiftet worden.Angelika Zdiarsky: Bibliothekarische Überlegungen zur Bibliothek von Alexandria. Wiesbaden 2011, S. 167. Die schon bald nach der Gründung in der Bibliothek vorhandene ungeheure Menge an Schriften deckte alle Wissensgebiete ab. Sie umfasste Werke über naturwissenschaftliche Themen (besonders Astronomie), Mathematik, Medizin und Philosophie samt ausführlichen Kommentaren dazu. Die bei Weitem dominierende Sprache war das Griechische, jedoch waren auch anderssprachige Texte – darunter ägyptische und hebräische – vorhanden, besonders bei religiösem Schrifttum zum Zoroastrismus und Buddhismus, das aus dem Perserreich und Indien stammte.Cécile Orru: Ein Raub der Flammen? Die königliche Bibliothek von Alexandria. Mainz 2002, S. 31; Angelika Zdiarsky: Bibliothekarische Überlegungen zur Bibliothek von Alexandria. Wiesbaden 2011, S. 168 f. Dass die Bibliothek oft über zahlreiche Handschriften derselben Werke verfügte, lässt sich daraus schließen, dass es den im Museion beschäftigten Gelehrten möglich war, textkritische Standardausgaben dieser Werke zu erstellen.Cécile Orru: Ein Raub der Flammen? Die königliche Bibliothek von Alexandria. Mainz 2002, S. 32.
Bestandszahlen Die Schätzungen über die Anzahl der in der Bibliothek vorhandenen Schriftrollen gehen stark auseinander, vor allem aufgrund divergierender, nicht unbedingt zuverlässiger und unterschiedlich interpretierbarer Berichte – es existieren mehr als ein Dutzend Quellen von unterschiedlichem Wert – und wegen der erheblichen Abweichungen zwischen den neuzeitlichen Ansätzen zur Berechnung des Bestands. Es ist von mindestens 54.800 Rollen die Rede,Senecas Zahl von 40.000 Rollen bezieht sich nur auf 47 v. Chr. verbrannte Bestände; Seneca, De tranquillitate animi 9,5. doch werden auch 700.000 Exemplare genannt. Aus den von antiken und mittelalterlichen Autoren überlieferten Angaben ist ein Bestand von 400.000 bis 500.000 Rollen zu erschließen; einige moderne Autoren halten diese Zahl für realistisch.Beispielsweise Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte Ditzingen 2007, S. 26–28; Horst Blanck: Das Buch in der Antike. Beck, München 1992, S. 140; Robert Barnes: Cloistered Bookworms in the Chicken-Coop of the Muses. The Ancient Library of Alexandria. London 2010, S. 64 f.; Michael Lapidge: The Anglo-Saxon Library. Oxford 2005, S. 8. Jedenfalls ist mit stark schwankenden Bestandszahlen im Lauf der Jahrhunderte zu rechnen, wobei zu beachten ist, dass eine Rolle nicht genau einem Werk eines Autors entsprach, sondern mehrere Werke oder auch nur einen Teil eines umfangreichen Werks enthalten konnte. Andererseits wurden beispielsweise für philologische Studien von einem Werk auch mehrere Abschriften behalten.
Berechnungen von Historikern sollen ungefähr ermitteln, wie viele Autoren damals bekannt waren und wie viele Schriften diese im Durchschnitt geschaffen haben können. Den hohen Bestandsangaben der antiken Zeugnisse stehen Rudolf Blum und Roger S. Bagnall kritisch gegenüber. Blums Berechnung lässt die Schätzung von 500.000 Rollen als zu hoch erscheinen, er hält für die damaligen Verhältnisse auch eine Bibliothek von 50.000 Rollen für enorm groß.Rudolf Blum: Kallimachos. The Alexandrian Library and the Origins of Bibliography. University of Wisconsin Press, 1991, S. 107 und 120 (Anmerkung 53). Für eine niedrige Zahl an Rollen spricht sich auch Bagnall aus, der den antiken Berichten sowie auch modernen Forschern übertriebene Vorstellungen von der Größe der Bibliothek unterstellt.Roger S. Bagnall: Alexandria. Library of Dreams. 2002, S. 353–356. Heinz-Günther Nesselrath hingegen ist der Ansicht, dass je nach Art der Berechnung auch höhere Bestandszahlen in Betracht kommen.Heinz-Günther Nesselrath: Das Museion und die Große Bibliothek von Alexandria. Tübingen 2013, S. 77.