mini|300px|Antigone lässt Polyneikes bestatten'Gutenberg-Projekt' Antigone [], auch Antigonae oder Antigonä () ist eine mythische Gestalt, deren Ursprung in der griechischen Mythologie liegt. Sie ist eine Tochter des Ödipus, des Königs von Theben. Die klassische Version ihres Mythos findet sich in der gleichnamigen Tragödie des Sophokles, die wahrscheinlich 442 v. Chr. zum ersten Mal aufgeführt wurde.
Die Erzählung mini|Antigone und Kreon an der Semperoper in Dresden. Robert Härtel Der Antigone-Mythos war vermutlich ursprünglich eine thebanische Lokalsage, die in die Epen geflossen ist wie den thebanischen Zyklus, den zweiten großen antiken Mythenkreis neben dem trojanischen Zyklus. Antigone ist eine Tochter des Ödipus und Schwester von Eteokles, Polyneikes und Ismene. Bei den attischen Dichtern klassischer Zeit – so erstmals in der Tragödie Sieben gegen Theben des Aischylos – ist Iokaste die leibliche Mutter der Kinder des Ödipus. Diese war zuvor die Gattin von Laios, Ödipus’ Vater, und nach den meisten antiken Versionen auch die leibliche Mutter des Ödipus. Einer anderen Version nach, die Epimenides zitiert, war allerdings Eurykleia die leibliche Mutter des Ödipus, Iokaste hingegen die zweite Frau des Laios.Scholion zu Euripides, Die Phönikerinnen 13. Vgl. auch Morris Silver: Taking Ancient Mythology Economically. Brill, Leiden 1992, S. 197, der u. a. aus Homers Odyssee ableitet, dass Iokaste nur die Stiefmutter des Ödipus war. Nachdem Ödipus unwissentlich seinen eigenen Vater getötet hat, ehelicht er Iokaste. Als Ödipus später herausfindet, dass er – Sagenvarianten aus dem 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. nach, einer unausweichlichen Prophezeiung folgend – seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat, und zudem Iokaste tot auffindet, die sich aus Scham erhängt hat, sticht er sich nach einer klassischen Version die Augen aus. In der Euripides-Tragödie Die Phönikerinnen nimmt sich Iokaste allerdings erst nach dem Tod des Polyneikes und des Eteokles (s. u.) das Leben. Auch ist die Selbstblendung und anschließende Vertreibung des Ödipus nicht Bestandteil älterer mythischer Traditionen.Laut Homer, Ilias 23, 629 fiel Ödipus in einer Schlacht und erhielt Leichenspiele in Theben. Vgl. dazu Zimmermann 1993, S. 59
Nach u. a. der Tragödie von Sophokles begleitet Antigone ihren blinden, in die Verbannung geschickten Vater nach Kolonos bei Athen (siehe Ödipus auf Kolonos). Antigone wird danach von Theseus befreit, als ihr Onkel Kreon sie entführen will. Nach dem Tod des Ödipus kehrt sie nach dieser Version nach Theben zurück, um den von diesem prophezeiten Zweikampf ihrer Brüder Eteokles und Polyneikes zu verhindern.
Nach dem Tod des Ödipus vereinbaren dessen Söhne Polyneikes und Eteokles, vor allem nach Versionen athenischer Dramatiker, sich die Macht in Theben zu teilen, indem sie abwechselnd regieren. Nachdem Eteokles nicht bereit ist, vereinbarungsgemäß die Herrschaft an Polyneikes zu übergeben, sammelt dieser in Argos ein Heer und zieht gegen das „siebentorige“ Theben. Entsprechende Sagentraditionen bildeten die Grundlage für Aischylos’ Sieben gegen Theben. Im darauf folgenden Krieg gegen Theben bleibt Eteokles an sechs Toren siegreich, am siebenten jedoch töten die Brüder einander. Die Tragödie Antigone von Sophokles setzt an dieser Stelle ein.
Kreon, der Sage nach abermals Interimskönig Thebens, erlässt ein Verbot, wonach der tote Polyneikes nicht bestattet werden dürfe, weil er das Vaterland verraten habe. Der Versuch, ihn zu bestatten, soll mit dem Tod geahndet werden. Doch Antigone stellt ihr eigenes Gewissen über das Gesetz, weil sie glaubt, den Göttern mehr gehorchen zu müssen als den Menschen. Sie leitet die von den Göttern vorgeschriebenen Rituale ein, wovon ihre Schwester Ismene sie vergebens abzubringen versucht. Nachdem Antigone ihrem Bruder durch eine symbolische Bestattung (sie streut Erde auf seinen Leichnam) den Einzug in den Hades ermöglicht hat, wird sie von einem Wächter entdeckt. Dieser führt sie zu Kreon und berichtet ihm, was sie getan habe. Die Frage Kreons an Antigone, ob der Wächter die Wahrheit gesprochen habe, bejaht sie und behauptet, das vor den Göttern Richtige getan zu haben. Sie sei bereit, für ihre Tat vor dem Gesetz zu büßen. Gleichzeitig versucht Ismene, sie in Schutz zu nehmen, und will sie nicht alleine in den Tod schicken. Deshalb ist sie bereit, vor Kreon zu behaupten, sie habe über Antigones Pläne Bescheid gewusst. Doch Antigone lehnt ihr Angebot ab.
Kreon verurteilt Antigone zum Tode durch Begraben bei lebendigem Leibe, obwohl sie die Braut seines Sohnes Haimon ist. Ihr wird etwas Nahrung mitgegeben, weil Theben sich sonst vor den Göttern beflecken würde. Haimon ergreift für Antigone Partei, indem er seinem Vater Kreon Starrsinn vorwirft. Beide trennen sich im Streit. Als der Seher Teiresias jedoch Kreon den Tod innerhalb der eigenen Familie prophezeit, lenkt dieser ein. Allerdings ist es bereits zu spät: Antigone, in einem irdischen Verlies eingesperrt, hat sich durch Suizid dem Hungertod entzogen, woraufhin auch Haimon den Freitod wählt. Als seine Mutter, Kreons Frau Eurydike, davon hört, begeht sie ebenfalls Selbstmord. Kreon erkennt, dass die Verantwortung bei ihm und die Schuld in seiner Hybris liegt.
Der Mythos in der Antike Die Epen Die ersten überlieferten Darstellungen griechischer Mythen finden sich bei Homer, Hesiod und in den kyklischen Epen. Zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert v. Chr. werden ursprünglich einfache Lokalsagen durch sie zu einem panhellenischen Kulturgut transformiert.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 30 und 32. Der Antigone-Stoff stammt vermutlich ursprünglich aus einer thebanischen Lokalsage.Thomas Möbius: Sophokles – Antigone (=Königs Erläuterungen. Band 41). 5. Auflage. Hollfeld 2018, S. 10.
Die Befreiung Thebens und der Bruderstreit Der Thebanische Zyklus ist außer ein paar Fragmenten verloren gegangen und die Rekonstruktion weitgehend hypothetisch. Man nimmt heute an, dass in drei Epen der Mythos des Ödipus und seiner Söhne behandelt wurden: Oidipodeia, Thebais und Epigonen. Chronologisch ist der Inhalt des Thebanischen Zyklus vor oder parallel zu Homer anzuordnen, da die Homerischen Epen an vielen Stellen Bezug auf den Stoff des Zyklus nehmen.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 61.
Das Thema der Oidipodeia war vermutlich der Tod Haimons durch die Sphinx und die Befreiung Thebens durch Ödipus.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 61. Pausanias beruft sich auf den Autor der Oidipodeia, der gesagt haben soll, dass Euryganeia, die Tochter des Hyperphas, die Frau des Ödipus gewesen sei.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9,5,11 (). Es ist nicht klar, ob die Information über vier gemeinsame Kinder an gleicher Stelle ebenfalls aus der Oidipodeia stammt. Falls dem so wäre, könnten die beiden anderen Kinder die aus späterer Tradition bekannten Schwestern Ismene und Antigone gewesen sein.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 65.
Die Thebais setzte sich mit dem Bruderstreit von Eteokles und Polyneikes auseinander. Durch Fragmente ist die Verfluchung der Brüder durch Ödipus als Hintergrund des Bruderzwists überliefert. Die Ermordung des Laios durch Ödipus kann als bekannt vorausgesetzt werden. Es ist sogar möglich, dass die Abstammung der Kinder aus einer Inzestehe und die Gefangennahme des Ödipus bekannt gewesen sind.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 63–65.
Es scheint heute gesichert, dass Antigone, wenn sie überhaupt im thebanischen Zyklus vorgekommen ist, wohl eine eher untergeordnete Rolle in der Auseinandersetzung der Brüder gespielt hat.Lutz Walther, Martina Hayo (Hrsg.): Mythos Antigone. Texte von Sophokles bis Hochhuth. Leipzig 2004. S. 175.
Ödipus, der Held Homer erwähnt in der Odyssee, dass Odysseus bei seinem Gang in die Unterwelt der Mutter von Ödipus begegnete. Homer nennt sie Epikaste.Pausanias nennt sie ebenfalls Epikaste. Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9,26,3 (). In den 9 Versen wird erzählt, wie Epikaste unwissentlich ihren Sohn und den Mörder ihres Ehemannes, Ödipus, ehelichte und sich aus Elend erhängte.Homer, Odyssee 11,271–280. Die Stelle ist von einigen Wissenschaftlern in Frage gestellt worden. Es wird dabei vermutet, dass die Erwähnung der Epikaste nachträglich, in Analogie zu den Eoien, eingefügt worden sein könnte.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 60.
Die Ilias berichtet, dass Ödipus im Krieg gefallen ist und Leichenspiele erhalten hat.Homer, Ilias 23,679–680. Der Streit zwischen Polyneikes und Eteokles um den Thron von Theben wird beschriebenHomer, Ilias 4,376–386. und eine genealogische Linie von Haimon zu Maion gezogen.Homer, Ilias 4,394.
In Bezug auf die Vorgeschichte der Antigone lässt sich aus der Ilias lesen, dass Ödipus in der Schlacht als Held stirbt. Eine Selbstblendung wird dadurch ausgeschlossen. Es fehlen die Kinder der Inzestehe des Ödipus, ebenso die Genealogie der streitenden Protagonisten um den Thron von Theben. Haimon und Maion werden als Vater und Sohn identifiziert, aber der Vater und die Mutter von Haimon sind unbekannt ebenso wie die Mutter von Maion, so dass kein genealogischer Bezug zum Königshaus des Ödipus gezogen werden kann.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 59–60,65.
Argos und Theben Hesiod führt in seinem epischen Lehrgedicht Werke und Tage Ödipus und den großen, thebanischen Krieg auf, den er ins heroische Zeitalter festlegt.Hesiod, Werke und Tage, Vers 162ff.
Nach einem ScholionFragment 192. In: Reinhold Merkelbach, Martin L. West (Hrsg.): Fragmenta Hesiodea. Clarendon Press, Oxford 1967. zur IliasHomer, Ilias 23,679., das sich vermutlich auf die Eoien bezieht, sei Argeia, die Tochter des Adrastos, in Begleitung aus Argos zur Leichenfeier des Ödipus nach Theben gekommen. Nach dieser Tradition starb Ödipus vor dem Bruderzwist zwischen Eteokles und Polyneikes und vor dem Zug der Sieben. Es wird vermutet, dass Theben und Argos in einem freundschaftlichen Verhältnis standen und Argeia bereits mit Polyneikes verheiratet war.
Das Scholion kann in Verbindung zu einer ÄußerungPausanias, Beschreibung Griechenlands 9,5,12–13 (). von Pausanias gebracht werden. Darin wird erzählt, dass Polyneikes freiwillig ins Exil gegangen sei, um dem vom Vater ausgestoßenen Fluch zu entgehen. Im Exil habe er Argeia geheiratet und sei zur Leichenfeier seines Vaters nach Theben zurückgekommen, wo er mit Eteokles in einen Streit geriet. Daraufhin sei er ein zweites Mal ins Exil gegangen, um mit einer Streitmacht nach Theben zurückzukehren.
Ein weiteres Fragment von Hesiod aus den EoienFragment 193. In: Reinhold Merkelbach, Martin L. West (Hrsg.): Fragmenta Hesiodea. Clarendon Press, Oxford 1967. über Argeia erwähnt Polyneikes und Ödipus. Darin wird von den Leichenspielen und der Bestattung des leidgeplagten () Ödipus erzählt. Das Leid könnte sich auf den Tod des Laios und die darauffolgende Inzestehe mit seiner Mutter beziehen. Die im Fragment erwähnten thebanischen Frauen werden nicht näher erläutert.Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 67–68.
Ismene