mini|hochkant=1.3|Die Urania am Donaukanal mini|hochkant=1.3|Urania zur Blauen Stunde Die Urania ist ein Volksbildungshaus mit Sternwarte im ersten Wiener Gemeindebezirk in der Uraniastraße. Der Verein wurde 1897 gegründet und nahm 1910 sein in neobarockem Stil gehaltenes Vereinshaus in Betrieb. Heute ist die Wiener Urania eine Einrichtung der „Wiener Volkshochschulen GmbH“.
Geschichte mini|1910 kurz nach Fertigstellung Vorgeschichte bis 1910 Im Jahr 1883 kam der deutsche Astronom Max Wilhelm Meyer nach Wien, um als Assistent der Universität Wien historische und zukünftige Sonnenfinsternisse zu berechnen. Nebenbei hielt er volkskundliche Vorträge und entwickelte die Idee einer volksbildenden Institution. Da er aber 1885 nach Berlin berufen wurde, entwickelte er seine Ideen dort weiter und gründete 1888 gemeinsam mit Wilhelm Foerster die Berliner Urania. Deren Ziel war es, wissenschaftliche Erkenntnisse auch einem Laienpublikum zugänglich zu machen. Ihren Namen bekam die Institution nach der Muse Urania, die in der griechischen Mythologie als Schutzgöttin der Sternkunde galt.
Nach dem Vorbild der Berliner Urania wurde in Wien 1897 das Syndikat Wiener Urania als „gemeinnütziges Wirtschaftsunternehmen“ gegründet:
mini|links|Provisorisches Urania-Theater 1898 Zunächst wurde 1898 als Prototyp für ein zukünftiges Volksbildungshaus ein provisorisches Urania-Gebäude im Wiener Prater errichtet. Es wurde am 7. Mai 1898 eröffnet und war Bestandteil der Jubiläumsausstellung, die anlässlich des 50-Jahr-Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. veranstaltet wurde. Bei seinem Eröffnungsrundgang äußerte der Kaiser anerkennend: „In der That ist die ‚Urania‘ ein sehr schönes Unternehmen.“
Das Gebäude befand sich nordwestlich der Rotunde, etwa im Bereich der heutigen Messestraße. Die provisorische Urania wurde von Architekt Ludwig Baumann in Holzbauweise und in einer Mischung aus Neoklassizismus und Jugendstil errichtet. Sie bot Platz für 800 Personen und enthielt einen Vortragssaal für 200 Personen, Säle für wissenschaftliche Demonstrationen, sowie eine Sternwarte mit einem achtzölligen Fernrohr und weiteren, kleineren Teleskopen. Trotz des großen Publikumserfolgs war die Urania ein wirtschaftlicher Misserfolg für den Verein; sie musste daher am 2. Dezember 1898 geschlossen werden. Da für den ordnungsgemäßen Abbruch des Gebäudes kein Geld vorhanden war, wurde es an Holzhändler verkauft und von diesen 1899 demoliert.Petrasch: Die Wiener Urania.
Obwohl Ende 1899 das Vermögensdefizit der Urania 142.692 Kronen betrug, wurde das Unternehmen fortgeführt. In den folgenden Jahren wurden die populärwissenschaftlichen Vorträge in verschiedenen, gemieteten Räumlichkeiten durchgeführt, darunter im Ersten Kaffeehaus im Prater und im Glashof in der Wollzeile 34. In den Sommermonaten 1900 und 1901 verlegte die Urania ihre Tätigkeit in den Tiergarten am Schüttel, der zum nahen Vivarium gehörte. Den Zuschauern wurde ein Spektakel geboten, bei dem das Leben in Südafrika demonstriert werden sollte. In den Vorstellungen traten rund 300 Akteure auf, darunter 30 Buren, 50 schwarze Afrikaner („Eingeborene“), 20 Musiker in Burenkostümen, sowie 50 wilde und zahme Tiere. Die Veranstaltungen mussten 1901 eingestellt werden, da der Tiergarten und das Vivarium in Konkurs gingen.
In den folgenden Jahren wurden wieder hauptsächlich Vorträge gehalten, wobei sich vor allem Lichtbildvorträge mittels Laterna magica großer Beliebtheit erfreuten. 1903 hatte die Urania bereits mehr als 100 dieser „Projektionsvorträge“ im Programm, dazu kamen „persönliche Vorträge“ namhafter Gelehrter und Forscher. Besonderes Aufsehen erregte die Urania 1905 durch den Lichtbildvortrag Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens, der die Armut in manchen Teilen Wiens zeigte. Diese erschütternde Darstellung erregte sowohl die gesamte Presse als auch den Wiener Gemeinderat, die eine sofortige Einstellung forderten. Trotz der Proteste wurde der Vortrag weitergeführt und bis 1908 300 Mal gezeigt.
1910–1938 mini|Die Urania von Südwesten mini|Ansicht von Westen Im Jahr 1904 zählte die Urania 65.640 Besucher, 1906 waren es bereits 129.010. Da der große Besucherandrang mit den vorhandenen provisorischen Räumlichkeiten nur schwer zu bewältigen war, wandte sich die Urania 1904 an Bürgermeister Lueger zwecks Errichtung eines eigenen, neuen Gebäudes. Am 24. Juni 1904 beschloss der Gemeinderat, der Urania einen Baugrund am bislang unverbauten Aspernplatz (seit 1976: Julius-Raab-Platz) für einen symbolischen Jahreszins von 10 Kronen zu überlassen.
Nach mehrjährigen Verhandlungen konnten die finanziellen Mittel für den Neubau zustande gebracht werden. Für die Planung wurde der Jugendstilarchitekt Max Fabiani beauftragt, ein Schüler von Otto Wagner. Obwohl Fabiani zuvor in Wien – etwa mit der Errichtung des Artaria-Hauses am Kohlmarkt 9 – auch schon als Vertreter einer radikalen Moderne in Erscheinung getreten war, wählte er für die Urania eine historisierende Form. Wegen der eigentümlichen neobarocken Ausrichtung der Außenerscheinung wurde diese scherzhaft als „baroccus fabiensis“ bezeichnet.
Am 6. April 1909 erhielt die Urania die behördliche Baubewilligung, am 4. Mai 1909 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung durch Erzherzog Friedrich, und am 8. Mai wurden die Bauarbeiten begonnen. Nach der relativ kurzen Bauzeit von elf Monaten wurde die Urania am 6. Juni 1910 durch Erzherzog Ferdinand Karl eröffnet. Die unkonventionelle Form und Bauweise rief den in Wien üblichen Skandal hervor. Den Wienern gefiel das Bauwerk jedoch, und schon bald etablierte sich die Urania als eines der Wahrzeichen Wiens. Die Baukosten hatten 712.859 Kronen für das Gebäude betragen und 119.689 Kronen für die Einrichtung. Zusätzlich hatten zahlreiche Unternehmen der Urania Einrichtungsgegenstände im Gesamtwert von 70.000 Kronen gespendet.
Die Urania wurde von einem „Syndikat“ in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt. Mit der Eröffnung ging das Gebäude in den Besitz der Stadt Wien über und wurde, ebenso wie der Baugrund, vom Verein Wiener Urania für einen Jahreszins von 10 Kronen gemietet. Bereits 1913 war ein guter Teil der Baukosten abgezahlt, als Verbindlichkeit verblieb nur mehr ein in 17 Jahren rückzahlbarer Kredit von 400.000 Kronen. In fast allen folgenden Jahren hatte die Urania einen Einnahmenüberschuss.
Die Straße vor der Südwand der Urania hieß ursprünglich Georg-Coch-Straße; 1913 wurde der Verkehrsweg in Uraniastraße umbenannt. Um die Ehrung für Georg Coch, den Begründer der Österreichischen Postsparkasse, nicht zu verlieren, wurde 1913 zeitgleich der Platz vor dem Hauptgebäude der Wiener Postsparkasse in Georg-Coch-Platz umbenannt. miniatur|Das Volksbildungshaus Urania bei Nacht mini|Urania bei Nacht Im neuen Gebäude wurde das Bildungsangebot erweitert. So gab es pro Jahr mehr als 300 Lichtbildvorträge; das Archiv der Urania umfasste 1916 38.808 Dias und Negative. Im Semester 1911/12 zählte die Urania bei 1.719 Veranstaltungen 361.985 Besucher und übertraf damit ihr Vorbild, die Berliner Urania, um das Doppelte. Neben dem üblichen Kursprogramm wurden auch zahlreiche Dichterlesungen veranstaltet, bei denen junge Literaten aus ihren Werken lasen, darunter Thomas Mann, Hermann Hesse, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Alfons Petzold, Egon Friedell und viele weitere.
Ab dem Beginn des Ersten Weltkriegs gab es Vorträge zu „patriotischen“ Themen, wie Der Völkerkrieg 1914, Im Kampf gegen unsere Feinde, Die verbündeten Flotten im Seekrieg, Gegen Italien usw. Den Kriegsschauplätzen waren geografische Vorträge gewidmet, dem Kriegswesen Vorträge über Waffentechnik. Mit zunehmender Dauer des Kriegs ließ aber das Publikumsinteresse an diesen Themen stark nach, und ab 1915 konnte wieder ein weitgehend reguläres Kulturprogramm geboten werden. Die Urania bezeichnete sich nun als Volksbildungshaus.
Im Semester 1915/16 wurde erstmals ein Sprachkurs angeboten, und zwar für Bulgarisch. Ab dem Semester 1916/17 gab es auch Sprachkurse für weitere „Sprachen der Monarchie und ihrer Verbündeten“: Ungarisch, Kroatisch, Italienisch und Türkisch. In den folgenden Jahren wurde das Angebot um weitere Sprachen erweitert.
Fast unüberschaubar sind die vielen musikalischen Veranstaltungen, die in dieser Zeit in der Urania stattfanden. 1920 wurde der Urania-Frauenchor gegründet, 1921 Urania-Sinfonie-Orchester und 1922 der gemischte Urania-Chor, der so aufwändige Werke wie Haydns Die Schöpfung und Bachs Weihnachtsoratorium zur Aufführungen bringen konnte. Das Urania-Orchester führte zahlreiche Opern konzertant auf.
Die Urania lud oftmals Wissenschaftler zu Einzelvorträgen ein, etwa den Nationalökonomen Otto Neurath, den Architekten Clemens Holzmeister, den Staatsrechtler Hans Kelsen, den Psychiater Julius Wagner-Jauregg, die Physikerin Lise Meitner, den Geophysiker Alfred Wegener und viele weitere. Besonderes Aufsehen erregt der Vortrag des Physikers Albert Einstein, der am 13. Jänner 1921 über seine Relativitätstheorie sprach. Wegen des großen Publikumsandrangs mietete die Urania für dieses Ereignis den Großen Saal des Konzerthauses, sodass 1.900 Besucher zuhören konnten.
Im Vortragsjahr 1921/22 hielt die Urania 9.558 Vorträge mit durchschnittlich 4.021 Teilnehmern pro Tag. Als Neuheit wurden die „Schülervorträge“ eingeführt, bei denen Schulklassen als Ergänzung zum Unterricht in die Urania geführt wurden. Diese Schülervorträge waren weltweit ohne Vorbild und wurden jährlich von etwa 70.000 Schülern besucht. mini|Ludwig Kößler (vor 1925) Am 12. März 1927 starb der langjährige Präsident der Urania, Ludwig Kößler (1861–1927). Der gelernte Jurist war bereits 1897 Mitbegründer des Syndikat Urania und 1899–1927 Präsident des Volksbildungshauses. Im Jänner 1926 gründete er (zunächst für 33 Vereine) den Uraniaverband, dem nach seiner ersten großen Tagung im Mai des Jahres 40 Vereine angehörten und dem in der Folge der Präsident der Grazer Urania, Karl Rosenberg (1861–1936), vorstand. (1929 waren österreichweit bereits 60 Vereine mit etwa 100.000 Mitgliedern im Verband zusammengeschlossen).; 1928 wurde im 3. Wiener Gemeindebezirk der Ludwig-Koeßler-Platz nach ihm benannt.
Im Zug der Weltwirtschaftskrise bot die Urania Filmvorführungen und Vorträge für Arbeitslose zu ermäßigte Preisen an. Dennoch sank die Zahl der Besucher, und die Urania geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Das Stammpublikum stammte vornehmlich aus dem bürgerlichen Mittelstand, der von der Krise besonders betroffen war. Als Gegenmaßnahme wurden Umschulungs- und Fortbildungskurse für Arbeitslose veranstaltet.
Im Jahr 1935, zur Zeit des Ständestaats, wurde das Urania-Gebäude umgebaut. Da der Eingangsbereich zu klein war, wurde durch die Architekten Otto Schottenberger und Adolf Kautzki ein niedriger Zubau („Vorhalle“) vor den früheren Eingang angebaut und am 30. November 1935 eröffnet. Daneben wurde der Große Saal renoviert.
Zu dieser Zeit richtete die Urania zahlreiche Zweigstellen ein. Die Veranstaltungen am Nachmittag und am Abend fanden meist in Schulen statt. Im Jahr 1936 bestanden folgende Kursorte: Das Hauptgebäude Urania mit einer Zweigstelle im Gymnasium Stubenbastei, die Urania-Volkshochschule Landstraße im Gymnasium Radetzkystraße, die Urania-Volkshochschule Mariahilf im Gymnasium Amerlingstraße, die Urania-Volkshochschule Josefstadt im Gymnasium Albertgasse, die Urania-Volkshochschule Lainz-Speising in der Volksschule Steinlechnergasse, die Arbeiter-Volkshochschule Favoritner Urania in der Hauptschule Pernerstorfergasse, und die Arbeiter-Volkshochschule Floridsdorfer Urania im Gymnasium Franklinstraße sowie im Schlingerhof und in einem Saal in Stadlau.