Woyzeck ist ein Dramenfragment des deutschen Dramatikers Georg Büchner, der mit der Niederschrift vermutlich zwischen etwa Ende Juli und Anfang Oktober 1836 begann. Bei seinem frühen Tod im Februar 1837 blieb das Werk als Fragment zurück. Das Manuskript ist in mehreren Entwurfsstufen überliefert. Im Druck erschien Woyzeck erstmals 1879 in der stark überarbeiteten und vom Herausgeber veränderten Fassung von Karl Emil Franzos. Erst am 8. November 1913 wurde Woyzeck im Residenztheater München uraufgeführt. Seitdem ist es in zahlreiche Sprachen übersetzt und viele Male neu interpretiert worden. Es verkörpert, vor allem seiner lockeren Episoden-Folge wegen, den Typus des offenen Dramas, auch wenn man in neuerer Zeit eher von dieser Interpretation abkommt und eine Zuordnung zum offenen Drama nur aufgrund der Fragmenthaftigkeit des Stückes angenommen wird. Woyzeck gehört heute zu den meistgespielten und einflussreichsten Dramen der deutschen Literatur und inspirierte zahlreiche Künstler zu eigenen Werken.

Entstehungsgeschichte Quellen, historische Vorbilder mini|hochkant|Büchners Woyzeck-Manuskript mit Skizze des Arztes und des Hauptmanns mini|hochkant|1. Seite der „Vorläufigen Reinschrift“ Historisches Vorbild für den Büchnerschen Woyzeck ist der am 3. Januar 1780 in Leipzig als Sohn eines Perückenmachers geborene Johann Christian Woyzeck.Zur literaturwissenschaftlichen Debatte um die Fallbehandlung vgl. Rüdiger Campe: Johann Franz Woyzeck. Der Fall im Drama. In: Unzurechnungsfähigkeiten. Diskursivierungen unfreier Bewußtseinszustände seit dem 18. Jahrhundert. Hrsg. von Rüdiger Campe und Michael Niehaus. Frankfurt am Main 1998, S. 209–236, und neuerdings Johannes F. Lehmann: Erfinden, was der Fall ist. Fallgeschichte und Rahmen bei Schiller, Büchner und Musil. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge 19 (2009), Heft 2, S. 361–380. Aus Eifersucht erstach er am 2. Juni 1821 die 46-jährige Witwe Johanna Christiane Woost in einem Hausflur in der Leipziger Sandgasse im Seeburgviertel. Im Prozess erstellte der Medizinprofessor Johann Christian August Clarus zwei Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten.Vgl. Holger Steinberg und Sebastian Schmideler: Eine wiederentdeckte Quelle zu Büchners Vorlage zum Woyzeck. Das Gutachten der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge 16 (2006), Heft 2, S. 339–366. Woyzeck wurde nach einem langen Verfahren, in dem sich sogar der sächsische Thronfolger mit einem Gutachten für ihn einsetzte, verurteilt und am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig öffentlich hingerichtet. Diese historische Vorlage ist in jüngerer Zeit editorisch umfangreich bearbeitet worden.Holger Steinberg, Adrian Schmidt-Recla, Sebastian Schmideler: Forensic Psychiatry in Nineteenth-Century Saxony. The Case of Woyzeck.. In: Harvard Review of Psychiatry. 15, 2007, S. 169–180; Adrian Schmidt-Recla: Daß ein solcher Zustand jede Zurechnung ausschließe, ist an sich klar … Ein Beitrag zur Monomanielehre und eine Quellenlese zu Georg Büchners Fragment „Woyzeck“. in Michael Kilian (Hrsg.): Jenseits von Bologna – Jurisprudentia literarisch, Berlin 2006, S. 305–357; Holger Steinberg, Sebastian Schmideler: Die Todesurteile des Leipziger Schöppenstuhls im Fall Woyzeck: Zwei bedeutende gerichtspsychiatrische Quellen erstmals vorgestellt. in Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie 74 (2006), S. 575–581; Holger Steinberg, Sebastian Schmideler: Nach 180 Jahren wieder entdeckt: Das Gutachten der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zum Fall Woyzeck. In: Der Nervenarzt. 76, 2005, S. 626–632. So sind heute alle den historischen Woyzeck betreffenden Urteile und Gutachten im Volltext zugänglich und sowohl rechts- als auch psychiatriehistorisch ausgewertet.

Clarus’ Gutachten mit dem Titel Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders J. C. Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen erschien in dem Fachblatt Henkes Zeitschrift für die Staatsarzneikunde. Büchners Vater hatte die Zeitschrift abonniert und veröffentlichte darin selbst Fälle aus seiner Praxis als Arzt.

Aus dieser Zeitschrift hat Georg Büchner wahrscheinlich auch Informationen über den Tabakspinnergesellen Daniel Schmolling, der am 25. September 1817 seine Geliebte Henriette Lehne in der Hasenheide bei Berlin umbrachte, und über den Leinenwebergesellen Johann Dieß, der am 15. August 1830 seine Geliebte Elisabeth Reuter in der Nähe von Darmstadt erstach.

Eine neuere QuelleBurghard Dedner, Eva-Maria Vering: Es geschah in Darmstadt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 23. Dezember 2005, Nr. 299, S. 35. weist auf eine weitere Vorlage hin: Am 15. April 1816 ermordete der Schustergeselle Johann Philipp Schneider, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, den Druckereigesellen Bernhard Lebrecht vor dem Rheintor in Darmstadt. Anschließend reinigte er Hände und Gesicht am Bessunger Tor in Darmstadt und wusch seine Kleider im Großen Woog, einem am Rand der Innenstadt von Darmstadt gelegenen See. Nach der Tat erholte sich Schneider in einem Wirtshaus. Ein Barbier fand Lebrechts Leiche und verständigte die Polizei. Schneider wurde anhand der Mordwaffe überführt, verurteilt und hingerichtet. Parallelen zu Büchners Drama sind offensichtlich. Als Separatdruck wurde dieser Fall 1816 vom Stabs-Auditeur Friedrich Schenk veröffentlicht und vom Darmstädter Hofgerichts-Advokat Philipp Bopp 1834 in einen Sammelband ausgewählter Fälle aufgenommen. Es lässt sich nicht nachweisen, dass Büchner die Veröffentlichung kannte, doch könnte er Bopp über gemeinsame Bekannte aus dem Kreis radikaler Demokraten in Darmstadt begegnet sein.

Eine weitere historische Begebenheit wurde mit den „Erbsbrei-Experimenten“ des Gießener Wissenschaftlers Justus von Liebig in das Drama eingearbeitet. Um herauszufinden, ob man Militär und Proletariat nicht mit eiweißreichen Hülsenfrüchten günstiger verköstigen könne, mussten Soldaten bei diesen Menschenversuchen drei Monate lang ausschließlich Erbsbrei essen. Die Probanden litten bald unter Halluzinationen, verloren die Kontrolle über ihre Muskeln einschließlich des Schließmuskels und des Harndrangs. Die neurologischen Krankheitssymptome, die Woyzeck beim einseitigen Erbsenessen entwickelte, sind dabei tatsächlich die Folgen einer Vergiftung mit einem Übermaß an nichtproteinogenen Aminosäuren. In Anbauländern wie Bangladesch oder Äthiopien kommt es noch heute zu solchen Vergiftungserscheinungen bei armen Leuten, die sich nur einseitige Kost leisten können.Udo Pollmer: Im Erbsenwahn. Ein fragwürdiges Ernährungsexperiment im 19. Jahrhundert. (mit weiteren Nachweisen) In: Deutschlandradio Kultur. 26. Oktober 2013, abgerufen am 19. November 2024.

Die Handschriften Georg Büchner begann im Verlauf des Jahres 1836 in Straßburg mit der Arbeit an Woyzeck. Fertigstellen konnte Büchner das Drama wegen seines frühen Todes nicht.

Insgesamt liegen dem Drama – Streichungen und verworfene Passagen nicht eingerechnet – 31 Szenen aus der Hand Büchners zugrunde, die wahrscheinlich vier Entwicklungsstadien zugeordnet werden können. Es ist nicht erkennbar, wie Büchner diese Szenen anordnen wollte. Die Manuskriptseiten haben keine Seitenzahlen, die Szenen des nicht in Akte gegliederten Stücks sind nicht nummeriert. Viele Szenen sind sehr kurz und trotzdem eigenständig. Die Tinte des Manuskripts ist so stark verblasst, dass Büchners Bruder Schwierigkeiten hatte, das Werk zu entziffern; auch deshalb nahm er es nicht in die erste Gesamtausgabe von 1850 auf.

Das Woyzeck-Fragment liegt handschriftlich in mehreren Entwurfsfassungen vor, die heute im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv aufbewahrt werden. Eine Faksimileausgabe der Handschriften veröffentlichte 1981 Gerhard Schmid (s. Literatur).

Das Manuskript ist folgendermaßen überliefert: fünf Blätter im Kanzleiformat, gefaltet zu Doppelblättern im Folioformat mit zwei Szenengruppen zu 21 (heute als Entwurfsstufe H1 bezeichnet) und 9 Szenen (Gruppe H2). ein Einzelblatt im Quartformat mit zwei einzelnen Szenen. sechs Blätter im Folioformat, gefaltet zu sechs Doppelblättern im Quartformat (letzte Entwurfsstufe H4). Diese „vorläufige Reinschrift“ des Dramas ist als am weitesten fortgeschrittener Entwurf die Grundlage heutiger Lese- und Bühnenfassungen.

Editionsgeschichte Der fragmentarische Charakter des Stücks hatte für seine Veröffentlichung – wie auch für die Inszenierungen – weitreichende Folgen. Die Handschriften mussten wieder lesbar gemacht, transkribiert, die Szenenfolge für die Aufführung auf der Bühne festgelegt werden. Für die Interpreten des Woyzeck wie auch für die Büchner-Gelehrten bot sich reichlich Gelegenheit zu Diskussionen.

Vierzehn Jahre nach Georg Büchners Tod brachte sein Bruder Ludwig 1850 die Nachgelassenen Schriften heraus. Woyzeck wurde nicht aufgenommen, da das Manuskript stark verblasst und weitgehend unleserlich war. Der österreichische Schriftsteller Karl Emil Franzos konnte das Manuskript mit chemischer Behandlung wieder lesbar machen (s. Franzos’ Textkritik). Er publizierte 1879 das Fragment in einer stark überarbeiteten Fassung in Georg Büchner: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß (s. Weblinks). Die Hauptperson heißt nach Franzos’ Lesart Wozzeck. An den Anfang des Stückes hat Franzos nicht die Szene auf dem freien Feld vor der Stadt, sondern die Rasierszene gesetzt (s. Szenenfolge: 5. Szene). Entscheidungen, die bis heute nachwirken: Werner Herzogs Woyzeck-Film beispielsweise beginnt mit der Rasierszene, genau so, wie die im Projekt Gutenberg veröffentlichte Fassung. Diese Reihenfolge wird u. a. auch vom Oldenbourg-Verlag verwendet.

Auf die von Franzos herausgegebene Fassung bezog sich Paul Landau, der 1909 in Georg Büchners gesammelte Schriften eine weitere Fassung herausgab, die sich lediglich in der Szenenanordnung von Franzos’ Ausgabe unterschied. Diese Version benutzte Alban Berg als Grundlage für seine Oper „Wozzeck“.

Die Entzifferung des Namens der Hauptfigur als „Woyzeck“ und die Rekonstruktion des Zusammenhangs mit dem Leipziger Kriminalfall gelang erst Georg Witkowski (1920). Fritz Bergemann gab 1922 Sämtliche Werke und Briefe heraus; diese Ausgabe wurde bis in die 1970er Jahre vielfach nachgedruckt. Die nicht abgeschlossene Kritisch-historische Ausgabe von Werner R. Lehmann (zuerst 1967) war auch die Grundlage der Münchner Ausgabe im Carl Hanser Verlag im Jahr 1980.

Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden, herausgegeben von Henri Poschmann (Textband zuerst 1992), ist die jüngste Edition von Büchners Gesamtwerk (seit 2002 als Taschenbuch im Insel-Verlag). Burghard Dedner ist zusammen mit Thomas Michael Mayer verantwortlich für die Studienausgabe bei Reclam (s. Literatur).

2001 erschien im K.G.Saur Verlag, München, Georg Büchner: Woyzeck. Faksimile, Transkription, Emendation und Lesetext – Buch- und CD-Rom Ausgabe, herausgegeben von Enrico De Angelis.Enrico De Angelis (Hrsg.): Georg Büchner: Woyzeck. Faksimile, Transkription, Emendation und Lesetext – Buch- und CD-Rom Ausgabe. K.G.Saur Verlag, München 2001, ISBN 3-598-11457-5.

Im Januar 2006 ist als aktuelle Edition der Woyzeck als Band 7 der Historisch-kritische(n) Ausgabe der Sämtlichen Werke und Schriften Georg Büchners, der Marburger Ausgabe, erschienen. Der Textband (Band 7.1) wurde von Burghard Dedner und Gerald Funk herausgegeben, der Erläuterungsband (Band 7.2) von Burghard Dedner. Die Marburger Ausgabe ist seit September 2013 abgeschlossen.

Das Drama Handlung im Überblick