mini|Schmerzensmann und vier Engel mit Passionswerkzeugen (L. 55), Kupferstich von Meister E. S. im Kupferstichkabinett Dresden mini|Die Taufe Christi, eine der beiden Meister E. S. zugeschriebenen Federzeichnungen, 295 × 215 mm, Paris, Louvre

Meister E. S. (* um 1420; † um 1468), früher auch Meister von 1466 genannt, war ein deutscher Kupferstecher, Goldschmied und Zeichner der Spätgotik (1350–1530). Er gilt als einer der Begründer des Kupferstichs und war ein herausragender früher deutscher Kupferstecher und Hauptmeister seiner Zeit. Neben zwei Handzeichnungen werden ihm heute 318 Kupferstiche zugeschrieben.

Name und Identität Die Kunsthistoriker gaben dem Künstler den Notnamen „Meister E. S.“, da er einige seiner Arbeiten mit dem Kürzel E. S. signierte, einige andere mit E. oder einem gelegentlich seitenverkehrten e. Die Identität des Meisters ist nicht bekannt. Es ist unklar, ob es sich bei der Signatur E. S. um die Initialen seines Namens handelt. In seiner Monographie über den Meister E. S. hat der Kunsthistoriker Janez Höfler ihn unter anderem anhand der Signatur E. S. mit Erwin/Erwein van Stege identifiziert, der zwischen 1456 und 1475 der kaiserliche Münzmeister, Siegelstecher und Goldschmied des römischen Kaisers Friedrich III. war und 1486 starb.Janez Höfler: Der Meister E.S.: Ein Kapitel europäischer Kunst des 15. Jahrhunderts. Textband. Regensburg 2007, S. 15–17.

Einige zuerst unter dem Notnamen Meister der Sibylle geführte Stiche gelten als Frühwerk des Meisters E. S.

Leben Meister E. S. ist nur aus seinem Werk bekannt, da keine Schriftquellen mit biographischen Angaben erhalten sind. Aus dem alemannischen Dialekt seiner Inschriften, den stilistischen und ikonographischen Eigenheiten, den Wappen, seinen Wasserzeichen und seiner stilbildenden Wirkung auf andere Werkstätten und Künstler schließt man, dass er Mitte des 15. Jahrhunderts am Oberrhein tätig war. Sehr wahrscheinlich ist, dass Meister E. S. seit etwa 1440 wohl in Konstanz, Basel, am Bodensee und im Norden der Schweiz sowie später in Straßburg tätig war und seine Arbeiten zwischen 1450 und 1468 entstanden sein müssen. Da die einzigen bekannten Datierungen auf einigen seiner Blätter, die stilistisch zu seinen Spätwerken gezählt werden, die Jahreszahlen 1466 und 1467 sind, wird angenommen, dass er kurze Zeit später starb.

Da sich einige von Meister E. S.’ Blättern in Gesichtszügen, Komposition, und stilistischen Eigenheiten sehr voneinander unterscheiden, liegt auch die Vermutung nahe, dass sich hinter dem Meister E. S. eine Werkstatt mit mehreren Mitarbeitern verbirgt.

Kunsthistorischer Hintergrund: Entwicklung von Holzschnitt und Kupferstich Ab Ende des 14. Jahrhunderts setzte sich in Europa endgültig die Herstellung und Verwendung von Papier durch. Das bis dahin genutzte Pergament war im Gegensatz dazu ein spröderes Material, teurer im Erwerb und saugte die Farbe weniger gut auf. Die Entwicklung der druckgrafischen Techniken des Holzschnitts und des Kupferstichs waren die wichtigsten kunsthistorischen Erfindungen im 15. Jahrhundert.

Die Handwerker des Zeugdruckes, die Kleidung, Decken und Vorhangstoffe bedruckten, führten wahrscheinlich als Erste Holzschnittdrucke auf Papier aus. Der technische Vorgang des Zeugdruckens war dem des Holzschnittes am nächsten. Die Handwerker färbten ihr Formmodel schwarz ein und drückten es statt auf Stoffe auf Papier. Ein so gedrucktes Bild ist ein Holzschnitt im Hochdruckverfahren. Analog dieser Vorgehensweise erfanden Goldschmiede etwa um 1430/1440 den Kupferstich, indem sie gravierte Platten aus Kupfer einschwärzten, blankputzten – die Farbe blieb in den vertieften Linien – und feuchtes Papier darauf pressten (sogenanntes Tiefdruckverfahren). Die ersten Holzschnitte waren gegen Ende des 14. Jahrhunderts meist Einzelblätter mit beliebten religiösen Themen. Kupferstiche galten als vornehmer als Holzschnitte und waren wegen des Herstellungsaufwands (Material, Tiefdruck) teurer und seltener. Holzschnitte wurden zum Massenprodukt und für Heiligenbildchen, Flugblätter und Spielkarten verwendet.

Werk des Meisters E. S. Gesamtwerk Von dem Gesamtwerk des Meisters E. S. sind neben zwei Handzeichnungen, die ihm mit Sicherheit zuzuordnen sind, 318 ihm zugeschriebene Kupferstiche bis heute erhalten geblieben. Meister E. S. hat von diesen Stichen 18 mit seinem Kürzel signiert, 4 mit dem Datum 1466 (nach dieser Jahreszahl wurde er früher „Meister von 1466“ genannt) und 10 mit dem Datum 1467.

95 der Stiche sind nur als Unikate erhalten, von 50 weiteren Stichen existieren zwei Abzüge. Dem Kupferstecher und begabtesten Nachfolger (Werkstattnachlass) seiner Schule Israhel von Meckenem d. J., werden Überarbeitungen und Kopien zugeschrieben, die dieser mit seinem Namen, mit dem Kürzel „I.M.“ oder dem Monogramm von Martin Schongauer (M.S.) signierte. Aus den Kopien und anderen nicht vollständig erhaltenen Serien ergibt sich, dass Meister E. S. noch etwa 200 weitere Stiche schuf und sich die Gesamtzahl seiner Werke auf 500 beziffern lässt.

Max Lehrs und Max Geisberg erforschten Anfang des 20. Jahrhunderts das Werk des Meisters E. S. und schrieben ihm 318 beziehungsweise 320 Stiche zu. Die Darstellung einer Monstranz, bei der drei Platten verwendet wurden, zählten sie als einen Stich. Lehrs nummerierte die Kupferstiche und verfasste 1910 ein Verzeichnis, das mit einer Auflage von 150 Exemplaren veröffentlicht wurde. Geisberg veröffentlichte 1923/1924 ein Tafelwerk mit den Stichen des Meisters mit einer Auflage von 300 Exemplaren.

Größere Sammlungen des Werkes findet man in den folgenden Kupferstichkabinetten: Kupferstichkabinett Dresden, Kupferstichkabinett Berlin, Albertina in Wien, Staatliche Graphische Sammlung München sowie in der Sammlung des Louvre in Paris und dem Kupferstichkabinett in London. In den USA gab es früh ein Interesse für die Werke Meister E. S.’. Dort wurde eine große Anzahl von Stichen von Privatleuten gesammelt. Auch deshalb fand die erste große Ausstellung zum Œuvre des Meisters 1967, dem vermuteten 500. Todesjahr, im Philadelphia Museum of Art statt. Die 84 Ausstellungsstücke kamen zum größten Teil aus Sammlungen innerhalb der USA.

Gestaltung und Technik Werkvergleiche lassen die Annahme zu, dass Meister E. S. sowohl vom sogenannten Meister der Spielkarten als auch von Rogier van der Weyden, Konrad Witz und der niederländischen Malerei beeinflusst worden sein könnte. Im Werk des Meisters der Spielkarten (von 1435 bis 1455 tätig) lässt sich erstmals ein persönlicher Stil eines Kupferstechers erkennen. Der Meister der Spielkarten zählt kunstgeschichtlich zu der ersten Generation von Kupferstechern, Meister E. S. dagegen zählt man zur zweiten Generation.

Die Kompositionen des Meisters E. S. sind meist noch geprägt durch die Vorlage von Buchmalereien. Sein grafisches Mittel der unzähligen kleinsten Strichlagen ist jedoch neu. Durch diese modelliert er Gegenstände, Falten, Schatten und Körperteile und lässt seine Figuren so an Plastizität gewinnen. Durch die erstmalige intensive Verwendung der Kreuzschraffur in dem Stich Segnender Erlöser in Halbfigur (1467, L 56) erreicht Meister E. S. eine neuartige optische Wirkung von Hell und Dunkel. Die Figuren entziehen sich durch diese grafische Differenzierungsmöglichkeit den abstrahierenden Umrisslinien, die erst durch eine Kolorierung an Körperlichkeit gewinnen konnten; sie behaupten sich als eigenständig – nur durch schwarze Strichlagen und weiße Zwischenräume – und erschließen den Raum. Der spätgotische Figurenstil des Meisters E. S. fand in Mitteleuropa rasche Verbreitung. Er hob die Technik und die Ausdrucksmöglichkeit des Kupferstechens auf eine Höhe, auf der etwa Martin Schongauer (1450–1491) ansetzen konnte.

Themen Das Werk des Meisters E. S. enthält Darstellungen zum Alten Testament, zum Marienleben nebst Bildnissen Mariens und Jesu und zur Passionsgeschichte, zu den Aposteln und Evangelisten sowie zu Heiligen und Legenden. Neben Spielkarten und Wappen setzte Meister E. S. auch Liebesgärten, eine Ars moriendi und ein Figurenalphabet ins Bild.

Bedeutende Blätter Folgende Blätter werden kunsthistorisch als die bedeutendsten im Werk des Meisters E. S. eingeordnet: Große Madonna von Einsiedeln (L. 81) Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes (L. 149, Durchmesser 182 mm), Rundbild Vision des Kaisers Augustus und der Sibylle (L. 191, L. 192) Ars moriendi (Andachtsbuch, L. 181 bis L. 191) Kleines Kartenspiel (L. 237 bis L. 255), Großes Kartenspiel (L. 241 bis L. 257) Figurenalphabet (L. 283 bis L. 305) Großer Liebesgarten mit Schachspielern (L 214); Lockere Gesellschaft (L. 215) Geburt Christi (L. 23) Madonna auf dem Thron mit 8 Engeln (L. 76) Vorlagen für Goldschmiede

Bildnisse von Maria und Jesus mini|hochkant|Große Madonna von Einsiedeln, 1466, handkoloriert (L. 81) mini|hochkant|Kleine Madonna von Einsiedeln, handkoloriert (L. 72) mini|hochkant|Kleinste Madonna von Einsiedeln (L. 68)

Andachtsbilder wie Bildnisse, Brustbilder oder Porträts Christi und der Muttergottes stehen für die Heilsgeschichte insgesamt und wurden hauptsächlich für die private Andacht hergestellt. Sie stehen, wenn auch nicht funktionell, so doch inhaltlich den Gnadenbildern nahe, die als Kultbilder Mittelpunkt ritueller Verehrung waren, und denen Wunderkräfte zugeschrieben wurden.

Charakteristisch für solche Andachtsbilder sind die drei Stiche des Gnadenbildes der thronenden Madonna von Einsiedeln aus dem Jahre 1466. Meister E. S. schuf sie zum 500-jährigen Jubiläum der Anerkennung der „Engelweihe“ der Marienkapelle des Klosters Einsiedeln durch Papst Leo VIII. Die Stiche sind allesamt datiert und beziehen sich mit Einsiedeln auf einen bestimmten Ort, was für frühe Kupferstiche ungewöhnlich ist. Einsiedeln war allerdings der wichtigste schweizerische Wallfahrtsort auf der Wallfahrtsroute des Jakobsweges nach Santiago de Compostela. Nach einer gefälschten Papstbulle soll ein Engel die Kapelle als Marienkapelle geweiht haben und sie damit zur Gnadenkapelle erhoben haben. Die Legende behauptet sogar, dass Christus selbst in Anwesenheit von Maria die Kapelle geweiht habe. Die Engelweihe wurde 1464 durch Papst Pius II. bestätigt, und eine päpstliche Urkunde sicherte den Pilgern während des 14-tägigen Engelweihfestes einen vollkommenen Ablass für ewige Zeit zu. Das auf den Kupferstichen dargestellte Gnadenbild der Madonna hat keinen direkten Bezug zur Legende der Engelweihe, sondern kam erst später als weiterer Gegenstand der Verehrung hinzu. Die Chroniken der Stadt Konstanz erwähnen ein Marienbild erstmals Mitte des 14. Jahrhunderts. Die drei Stiche von Meister E. S., die Große Madonna von Einsiedeln (L. 81, 206 × 123 mm), die Kleine Madonna von Einsiedeln (L. 72, 133 × 87 mm), und die Kleinste Madonna von Einsiedeln (L. 68, 97 × 65 mm) hatten unterschiedliche Formate und waren damit auf die unterschiedliche Zahlungsfähigkeit der Pilger ausgerichtet. Die Auflage der Kupferstiche war im Vergleich zu den Pilgerzeichen gering. Nach Hochrechnungen der Kunsthistoriker Landau und Parshall kann man von 50 bis maximal 3000 Abzügen pro Platte ausgehen. Damit hätten maximal 9000 Abzüge verkauft werden können.