mini|Manuskriptseite von Billy Budd mit Bleistift-Anmerkungen, 1888 Billy Budd ist das letzte Prosawerk des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville (1819–1891). Verfasst zwischen 1886 und 1891, blieb die Seenovelle, die im Hinblick auf das literarische Genre formal zwischen Erzählung und Roman steht, lange Zeit verschollen und wurde erst 1924 wiederentdeckt und veröffentlicht. Das Manuskript konnte von dem Autor vor seinem Tode weitgehend, aber nicht abschließend fertiggestellt werden und wirft eine Reihe von Problemen auf, die das Verständnis und auch die Deutung dieser Prosaform Melvilles erschweren.Vgl. zur Problematik der Gattungszuordnung dieses Prosawerks Melvilles Klaus Ensslen: Benito Cereno. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 103–117, ISBN 3-513-02212-3, S. 103f. Aber ganz ohne Zweifel wollte der Autor, dass man den Titelhelden sympathisch findet und mit ihm mitleiden kann.

Inhalt Die Handlung spielt auf dem englischen Kriegsschiff Bellipotent (in ersten Textentwürfen hieß es Indomitable) 1797, also zu Beginn der Napoleonischen Kriege. Der einundzwanzigjährige Matrose Billy Budd ist von dem Handelsschiff Rights-of-Man (benannt nach Thomas Paines Streitschrift, dt. „Die Rechte des Menschen“), wo er als „schöner Matrose“ von der Besatzung verehrt wurde, in den Dienst auf dem Kriegsschiff Bellipotent zwangsrekrutiert worden und ist dort Vortoppsgast.

Auch hier schlägt ihm sofort Achtung und viel Sympathie entgegen, nicht zuletzt wegen seines athletischen Körperbaus und seiner kindlich anmutenden Schönheit, obwohl er einen Sprachfehler hat- er stottert bei Aufregung- und ein Findling und Analphabet ist. Er erregt vor allem die Aufmerksamkeit des Bootsmanns John Claggart.

Es ist das Jahr der Großen Meuterei auf englischen Kriegsschiffen, deren Mannschaften in den Kriegsdienst gezwungen wurden und sich gegen ihre Kapitäne und Offiziere erhoben. Auch an Bord der Bellipotent, wo Prügelstrafe üblich ist, hält Kapitän Vere es für möglich, dass eine Meuterei vorbereitet werden könnte. Claggart gibt sich Billy Budd gegenüber freundlich und zuvorkommend, versucht aber, ihn in eine Falle zu locken, indem er ihn durch einen Komplizen zur Teilnahme an diesem vermeintlichen Vorhaben anstacheln will. Als Billy nicht darauf eingeht, wendet sich Claggart direkt an den Kapitän und beschuldigt Billy der Anstiftung zur Meuterei. Vere, der von der Unschuld Billys überzeugt ist, ordnet eine Gegenüberstellung der beiden in seiner Kajüte an. Als Billy die Anschuldigung aus dem Munde Claggarts hört, reagiert er völlig verstört; sein Sprachfehler hindert ihn daran zu antworten, stattdessen zuckt seine rechte Faust unwillkürlich krampfartig an die Stirn des dicht vor ihm stehenden Claggart, worauf dieser wie leblos niederstürzt. Der herbeigeholte Schiffsarzt stellt den Tod Claggarts fest und erfährt dann von Vere, was sich ereignet hatte.

Kapitän Vere interpretiert – nach angestrengtem Nachdenken in Anwesenheit des Arztes – den Tod Claggarts als Strafgericht Gottes, und die Tat als Angriff auf einen Vorgesetzten, die mit dem Tod ("muss hängen") zu bestrafen sei. Gemäß Meuterei-Paragraph stellt er Billy vor ein sofort von ihm gebildetes Kriegsgericht aus drei Offizieren, die er zuvor vom Arzt über das Geschehnis und die beabsichtigte Bestrafung hatte informieren lassen. Vere, Vorsitzender des Gerichts, Ankläger und einziger Tatzeuge (außer Billy), nötigt sie zu einem SchuldspruchIm Verlauf seines Schlussplädoyers (Kapitel 21) nennt er sie erst "meine Herren" und dann "meine Freunde", d. h. Komplizen., und so wird Billy, der auf Gnade gehofft hatte,vergl. Kapitel 21: Billy "richtete [...] einen flehenden Blick auf Kapitän Vere, als halte er ihn für seinen besten Freund und Helfer" (Billy Budd, Seemann. Innenansichten einer Geschichte. Billy Budd, Sailor. An Inside Narrative. Deutsch von Hella Leicht. Reihe dtv zweisprachig. Deutscher Taschenbuchverlag München, 1996. ISBN 3-423-09344-7. S.153) zum Tode verurteilt, obwohl er anerkanntermaßen weder Meuterei noch Mord beabsichtigt hatte. Claggart wird mit allen Ehren bestattet. Billy wird im Morgengrauen vor der gesamten Besatzung durch den Strang hingerichtet, als Machtdemonstration des Kapitäns und zur Abschreckung potentieller Verschwörer. Vor seinem Tode ruft er ohne zu stottern: „Gott segne Kapitän Vere“, und die Matrosen stimmen unwillkürlich in den Ruf ein – wie bei einem militärischen Zeremoniell. Doch dann kommt unter ihnen ein Murren auf, das durch bestimmte Kommandos sofort unterdrückt wird.

Kapitän Vere wird kurze Zeit später bei einem Geplänkel mit dem französischen Kriegsschiff Athée (Atheist) tödlich verletzt und an Land gebracht. Im Sterben spricht er die Worte Billy Budd, Billy Budd. Gewissensbisse hat er nicht. Einige Wochen später erscheint in einem Marine-Amtsblatt eine bewusste Falschmeldung über die Angelegenheit. Unter Matrosen hingegen hält die sentimentale Seemannsballade Billy Budd in the Darbies (Billy Budd in Handschellen) die Erinnerung an ihren außergewöhnlichen Kameraden wach. Diese Ballade beschließt den Roman.

Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte mini|Das letzte bekannte Foto von Herman Melville von 1885, an Billy Budd arbeitete er von etwa 1886 bis zu seinem Tod 1891 Nachdem sich Herman Melville Ende 1885 von seinem Beruf als Zollinspektor in den Ruhestand verabschiedet hatte, begann er an seinem letzten wichtigen Werk Billy Budd zu arbeiten. Seit drei Jahrzehnten hatte er keine Prosawerke mehr geschrieben und sein Name war weitgehend in Vergessenheit geraten. Offenbar schuf Melville zunächst ein Gedicht mit dem Titel Billy in the Darbies über einen wegen Meuterei verurteilten, älteren Seemann, aus dem später das Gedicht am Buchende wurde. Ausgehend von Billy in the Darbies entwickelte er die Idee weiter. Der Schreibprozess von Melville war mühsam und langwierig, worauf die lange Arbeitszeit sowie das mit vielen Verbesserungen und Anmerkungen versehene Manuskript hindeuten. Noch kurz vor seinem Tod 1891 war Melville mit Überarbeitungen beschäftigt.

Nach Melvilles Tod versuchte seine Witwe Elizabeth Knapp Shaw (1822–1906) das Manuskript für eine Veröffentlichung vorzubereiten, konnte allerdings die Intentionen ihres Ehemannes an Schlüsselstellen nicht erkennen. Auch die Frage, wie das Buch heißen sollte, war ungeklärt. Das Manuskript geriet in Vergessenheit, bis Melvilles erster Biograf Raymond M. Weaver (1888–1948) es im Jahr 1919 in dessen Hinterlassenschaften fand. Weaver veröffentlichte seine Bearbeitung des Manuskriptes im Jahr 1924, woraufhin das Werk von vielen Kritikern als Meisterwerk aufgenommen wurde. Allerdings schlichen sich in Weavers Bearbeitung nach dem heutigen Forschungsstand durch Fehlinterpretationen und falsche Lesarten der komplizierten Handschrift Melvilles einige Fehler ein. Im Jahr 1962 veröffentlichten die Melville-Forscher Harrison Hayford und Merton Sealts Jr. eine neue Transkription, die im Vergleich zu Weavers Bearbeitung sorgfältiger und korrekter ist. Eine auf Grundlage von Hayford und Sealts nochmals verbesserte Textausgabe wurde 2017 von G. Thomas Tanselle bei der Northwestern University Press veröffentlicht.

Stilistische und strukturelle Besonderheiten des Romans Billy Budd ist – nicht nur für den modernen Leser, dem die Fachsprache der Matrosen auf einem Segelschiff fremd ist – eine eher schwierige Lektüre.

Die etwa hundert Seiten lange Novelle, die zum Roman tendiert, ist in dreißig Kapitel gegliedert, die in den meisten Fällen auch inhaltlich in sich abgeschlossen sind. Einige Kapitel enthalten historische Abschweifungen – vor allem über Horatio Nelson und Meutereien –, andere philosophische, psychologische oder physiologischez. B. zu unwillkürlichen krampfartigen Muskelzuckungen (Kapitel 26), wie sie auch beim tonisch-klonischen Stottern typisch sind (Kapitel 19) Reflexionen oder solche, in denen der Erzähler versucht, die Personen, ihr Aussehen, ihre Lebensgeschichte und ihre Handlungsmotive zu kommentieren. Dadurch wird die Handlung immer wieder unterbrochen, die Darstellungsweise bleibt statisch, und ein kontinuierlicher Erzählfluss wird dem Leser nicht gegönnt, er muss sich in jedes Kapitel neu einarbeiten.

Die Sprache ist gedrungen wie in den späten Gedichten Melvilles und enthält neben grammatischen Besonderheiten eine Vielzahl von Wendungen, die schwer verständlich oder auch mehrdeutig wirken oder schon zur Zeit des Autors archaisch waren. Sie ist außerdem überladen mit zum Teil schwer deutbaren Metaphern und symbolischen Bezügen, Doppeldeutigkeiten, ironischen Anspielungen und Verweisen auf historische Parallelen, vor allem auch auf das Alte Testament, die griechische Mythologie und die englische Literatur des 17. Jahrhunderts.

Stärker als in anderen Werken der Zeit oder auch Melvilles drängt sich der Erzähler zwischen das Dargestellte und den Leser, dem er vorgibt, die Personen und Ereignisse zu deuten, die komplex und oft auf den ersten Blick undurchschaubar sind.

Der Roman steht zwischen auktorialer und personaler Erzählperspektive. Der Erzähler fungiert als ein kommentierender Beobachter, der seine persönlichen Beobachtungen, Kenntnisse, aber auch Vermutungen und Überlegungen berichtet. Manches, was neugierige Leser vielleicht interessieren würde, wird nicht mitgeteilt.Es scheint dem Autor für das Verständnis seines Werkes wichtig, dass dem Leser unbekannt bleibt, wie Vere im Gespräch unter vier Augen dem Verurteilten seine Hinrichtung ankündigte (Kapitel 22) und was er sonst noch sagte, das für Billy heilsam war (vergl. Kapitel 24), was Vere der versammelten Besatzung über Claggarts Verleumdungen und die Umstände seines Versterbens genau gesagt hat (Kapitel 23), und was der Hauptmann der Marineinfanteristen über Billy und über Vere denkt. Im Übrigen behauptet er, diese von Melville (wohl mit Bezug auf die eigene Zeit bei der Kriegsmarine) als Inside Narrative bezeichnete Insider-Geschichte basiere auf Fakten (im Unterschied zu der falschen Darstellung im Marine-Amtsblatt (Kapitel 29)) und sei weder Fabel noch Fiktion. Und nur diese, bis dahin einzige Darstellung überliefere, was Billy beziehungsweise Claggart angeblich für Menschen gewesen seien. Um dagegen die Wahrheit zu offenbaren und für die Nachwelt festzuhalten, werde sie hier kompromisslos und getreulich erzählt (Kapitel 28).

Die Hauptcharaktere mini|Charles Nolte als Billy Budd in der Broadway-Produktion von 1951 Der Roman ist eine Dreiecksgeschichte zwischen drei gegensätzlichen, teils allegorisch gezeichneten Figuren: Billy Budd, Claggart und Kapitän Vere.

Der Findling Billy Budd (bud bedeutet Knospe) mit den himmelblauen Augen (welkin-eyed) heißt bei dem Matrosen auch Baby Budd oder der hübsche Matrose. Der Autor nennt ihn einen Kindmann, vergleicht ihn aber auch mit Apollo und Achilles. Er assoziiert ihn mit Tieren, z. B. einem Singvogel, Pferd und Hund, zugleich ist er ein aufrechter Barbar, also der traditionelle edle Wilde „älter als die Stadt Kains und der verstädterte Mensch.“ Er ist offensichtlich die Verkörperung der natürlichen Schönheit und Unschuld, in seiner Unwissenheit ausgeliefert den Machenschaften einer durch den Sündenfall verdorbenen Welt.

Am Ende des Romans wird er als Christusfigur wie in einer Apotheose verklärt, denn sein am Galgen hochgezogener Körper wird von der aufgehenden Sonne durch Schleierwolken „wie das Lamm Gottes“ beschienen. Für den Arzt ist es wie ein Wunder, dass er ohne den üblichen kurzen Todeskampf stirbt, und die Matrosen nehmen vom Galgen Splitter wie Reliquien vom Kreuz Christi.