mini|Autograph der ersten Seite des Credo

Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, BWV 232, gilt als eine der bedeutendsten geistlichen Kompositionen der Musikgeschichte. Es handelt sich um Bachs letztes großes Vokalwerk und seine einzige Komposition, der das vollständige Ordinarium des lateinischen Messetextes zugrunde liegt. Dem Typus nach handelt es sich um eine Missa solemnis, die aus 18 Chorsätzen und neun Arien besteht. Bach komponierte 1733 zunächst eine Missa aus Kyrie und Gloria. Gegen Ende seines Lebens stellte er die übrigen Sätze aus Bearbeitungen früher komponierter Sätze, überwiegend aus seinen Kantaten (Parodieverfahren), und neuen Kompositionen zusammen. Das Manuskript von 1748/1749 gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Geschichte Anlass mini|hochkant|August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen (1755)

Nach dem Tod des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen am 1. Februar 1733 wurde eine Landestrauer für den Zeitraum vom 15. Februar bis 2. Juli 1733 befohlen, in der keine Musik aufgeführt werden durfte. In dieser Zeit fertigte Bach die Partitur und Stimmen der ersten Fassung an, einer Missa mit den Teilen Kyrie und Gloria. Die Aufführungsstimmen widmete er dem Nachfolger, Kurfürst Friedrich August II., der als König von Polen August III. genannt wurde.

Warum Bach diese Kurzmesse zur vollständigen Missa tota ausbaute, ist nicht bekannt.Joshua Rifkin: Erläuterungen zur Editionsgeschichte der h-moll-Messe. (PDF; 196 kB) S. V; abgerufen am 11. September 2022. Bach selbst hat nichts über seine Motive geschrieben, wie auch sonst persönliche Angaben von ihm selten sind. Da er ab Mitte der 1730er Jahre begann, auch andere zyklische Werke mit Modellcharakter zu schaffen (Goldberg-Variationen, Weihnachtsoratorium, Die Kunst der Fuge), wird vermutet, die Erweiterung könne im Zusammenhang damit stehen, seine bedeutenden Werke zu sichten und zu sammeln und der Nachwelt ein musikalisches Vermächtnis zu hinterlassen.So beispielsweise Kobayashi: Die Universalität in Bachs h-moll-Messe. 1987, S. 9–24.

Obwohl sich bisher kein Stimmenmaterial finden lässt, das auf einen konkreten Anlass hinweist, nehmen verschiedene Bachforscher eine Aufführung der Messe zu Lebzeiten Bachs an.Beispielsweise Hans-Joachim Schulze: J.S. Bach’s Mass in B minor. Observations and Hypotheses with regard to Some Original Sources. In: To Yomita, Elise Crean, Ian Mills (Hrsg.): International Symposium, Understanding Bach’s B-minor Mass. School of Music Camp, Belfast 2007, S. 236: „perhaps in Dresden, Prague, or Vienna, or, indeed, elsewhere“. Nach einer neueren Hypothese von Michael Maul könnte sie 1749 für eine Aufführung im Wiener Stephansdom bestimmt gewesen sein. Der in Wien als Mitglied der sogenannten Musicalischen Congregation tätige Graf Johann Adam von Questenberg (1678–1752) nahm über einen adeligen Studenten aus Mähren Kontakt zu Bach auf. Der Student besuchte Bach im Frühjahr 1749 im Auftrag Questenbergs und könnte um eine Komposition für die Cäcilienfeier der Wiener Bruderschaft am 22. November 1749 gebeten haben.Maul: Die große catholische Messe. 2009, S. 168–173, und Benjamin-Gunnar Cohrs:

Vorbilder Mit der Reformation riss die Tradition der lateinischen Kirchenmusik in den evangelischen Kirchen nicht ab, erfuhr aber eine erhebliche Einschränkung. Aus der Zeit vor Leipzig ist von Bach nur eine einzige lateinische Komposition nachweisbar, der fünfstimmige Chorsatz Kyrie eleison, Christe du Lamm Gottes, BWV 233a. Allerdings gibt es von Bach verschiedene Abschriften lateinischer Messenkompositionen anderer Komponisten, darunter vier- bis sechsstimmige A-cappella-Messen von Palestrina und Francesco Gasparini sowie konzertante Orchestermessen („Missa concertata“) von Marco Giuseppe Peranda und Johann Baal sowie die Missa sapientiae von Antonio Lotti.Wolff: Johann Sebastian Bach. Messe in h-moll. 2009, S. 22, 27. An hohen kirchlichen Feiertagen war in den Leipziger Hauptkirchen die figurale Aufführung des lateinischen Kyrie und Gloria sowie des Sanctus (ohne Osanna und Benedictus) als mehrstimmige Chormusik üblich.Wolff: Johann Sebastian Bach. Messe in h-moll. 2009, S. 23–25, 31. Neben dem Magnificat (BWV 243), das in seiner D-Dur-Fassung von 1733 eine ähnliche Besetzung wie die h-Moll-Messe aufweist, liegen an lateinischer Figuralmusik von Bach noch einige Vertonungen des Sanctus (BWV 237 und 238) und die Lutherischen Messen (BWV 233–236) vor, die kleiner dimensioniert sind und bei denen nur Kyrie und Gloria vertont sind. Für Aufführungen griff Bach auf Werke anderer Komponisten zurück.Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 548 Anm. 64.

mini|hochkant=3|zentriert|Bach und von Wilderer mit rhythmisch demselben Kopfmotiv im Kyrie (Nr. 1), aber einem ganz anderen Verlauf

Christoph Wolff hat vermutet, dass Bach für die äußere Form der Nummern 1, 2 und 3 eine Missa brevis (Kyrie und Gloria in g-Moll) von Johann Hugo von Wilderer als Vorlage diente. Wilderers Messe für vierstimmigen Chor und Streicher hatte Bach vor 1731 wahrscheinlich in Dresden abgeschrieben und in Leipzig aufgeführt.Christoph Wolff: Zur musikalischen Vorgeschichte des Kyrie aus Johann Sebastian Bachs Messe in h-moll. In: Martin Ruhnke (Hrsg.): Festschrift Bruno Stäblein zum 70. Geburtstag. Bärenreiter, Kassel 1967, S. 316. Neben einzelnen motivischen Ähnlichkeiten bestehen im Kyrie Entsprechungen in der formalen Anlage: Auf ein einleitendes Adagio mit einem dreifachen Kyrie-Ruf folgt eine Fuge, deren Kopfmotiv durch Reperkussionen geprägt ist. Das Christe ist jeweils als Solosatz (bei Wilderer ein Terzett mit duettierenden Passagen) in der Dur-Parallele und das abschließende Kyrie motettisch im Stile antico angelegt.Wolff: Johann Sebastian Bach. Messe in h-moll. 2009, S. 55. Einer Abhängigkeit der beiden Werke voneinander hat Konrad Küster aufgrund der großen Unterschiede widersprochen. Die großdimensionierte Anlage bei Bach und die völlig andere Durchführung im Einzelnen sprechen gegen eine direkte Verwandtschaft.Küster: Bach-Handbuch. 1999, S. 503f.

Werkgeschichte mini|Stimmsatz von 1733 zu Bachs Bewerbung in Dresden Die Komposition dieser Messe erstreckte sich über Jahrzehnte: Das Sanctus (BWV3 232.1) wurde bereits 1724 für den ersten Weihnachtstag komponiert. 1733 entstand die Missa brevis aus Kyrie und Gloria (BWV3 232.2) – im Gegensatz zur Missa longa oder Missa tota, der fünfteiligen, vollständigen Messe. Diese erste Fassung war sowohl im lutherischen als auch im katholischen Gottesdienst verwendbar, wich in der Textvorlage aber an zwei Stellen vom vorgeschriebenen katholischen Messtext ab. Die 21 Stimmen dieser Fassung reichte Bach mit dem Widmungsschreiben vom 27. Juli 1733 beim Dresdner Hof ein, verbunden mit der Bitte um Verleihung des Titels eines „Hof-Compositeurs“ („Praedicat von Dero Hoff-Capelle“).Küster: Bach-Handbuch. 1999, S. 498. Erst nach vielmaligen Erinnerungen, weiteren Widmungen und zahlreichen Konzerten wurde ihm im November 1736 der Titel eines „Kurfürstlich-sächsischen und königlich-polnischen Hof-Compositeurs“ verliehen.jsbach Biografie online (jsbach.de), abgerufen am 11. September 2022. Der sächsische Königshof war seit der Personalunion mit dem Königreich Polen katholisch. Ob der Stimmensatz jemals aufgeführt wurde, ist nicht bekannt. Weder in Dresden noch in Leipzig ist Aufführungsmaterial vorhanden.Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 397.

Nach Christoph Wolff weist bereits die fünfstimmige, reich instrumentierte Anlage von Kyrie und Gloria mit ihren sorgfältig ausgearbeiteten Einzelsätzen darauf hin, dass Bach eine vollständige Messe plante. Verschiedene Hinweise belegen Bachs Hinwendung zu Messenkompositionen in den 1730er und 1740er Jahren und erhellen die Vorgeschichte der h-Moll-Messe. So schuf Bach in den 1730er Jahren die Lutherischen Messen und die Clavierübung III (die sogenannte Orgelmesse, 1739). Einzelne Sätze aus dem Gloria stellte er 1742 zur Universitätsmusik Gloria in excelsis Deo, BWV 191 zusammen und führte zwischen 1743 und 1748 das Sanctus von 1724 neu auf.Wolff: Johann Sebastian Bach. Messe in h-moll. 2009, S. 17f. Zudem bearbeitete Bach in den späten 1730er und frühen 1740er Jahren Messen anderer Komponisten und verwendete sie für die Leipziger Gottesdienste. Eine Frühfassung des Credo in unum Deum in G-Mixolydisch ist um 1740 anzusetzen (BWV3 232.3). Eine Chor-Intonation eines Credo in unum Deum zu einer Missa brevis von Giovanni Battista Bassani (BWV 1081), eine Kompositionsstudie, führt zum Credo der h-Moll-Messe.Wolff: Johann Sebastian Bach. 2000, S. 479.

1748/49 erweiterte Bach die Messe um Credo, Sanctus und Agnus Dei durch vereinzelte Neukompositionen, größtenteils aber durch parodierende Umarbeitungen vorhandener Sätze aus seinen Kantaten. Das Credo war zunächst in acht Sätzen angelegt, erhielt aber durch die Neukomposition des Et incarnatus est Nr. 16 seinen neunsätzigen, streng symmetrischen Aufbau mit dem Leben Jesu im Zentrum (Nr. 16 Menschwerdung, Nr. 17 Kreuzigung, Nr. 18 Auferstehung).Wolff: Johann Sebastian Bach. Messe in h-moll. 2009, S. 77f, 126. Dies ist die heute aufgeführte Fassung der Komposition (BWV3 232.4).

Autograph mini|Autograph des Credo mit Revisionen von C. Ph. E. Bach im „Et resurrexit“, Takt 96ff.

Bach schickte die beiden Teile der Missa von 1733 nur als Einzelstimmen an August III. und behielt die Partitur, die er in seinen letzten Lebensjahren vollendete. Er paginierte die 95 Manuskriptseiten von Kyrie und Gloria und versah sie mit einem Umschlag, auf den er als Titel „No. 1 Missa“, die Besetzungsangaben und seinen Namen schrieb. Ein zweiter Halbband, der mit dem ersten zusammengebunden ist, enthält auf 92 Seiten die restlichen Teile in drei Faszikeln. Das Credo (S. 96 bis 152) überschrieb Bach mit „No. 2 Symbolum Nicaenum“. Nach No. 3 Sanctus bildeten die übrigen Sätze unter der Überschrift „No. 4 Osanna, Benedictus, Agnus Dei et Dona nobis pacem“ den Abschluss.Blankenburg: Einführung in Bachs h-moll-Messe. 1996, S. 12f. Bachs Aufteilung von Sanctus und Osanna wird praktische Gründe gehabt haben, da das Sanctus direkt aus der Vorlage abgeschrieben werden konnte, allerdings mit erweiterter Instrumentalbegleitung, während die restlichen Sätze neu komponiert wurden oder umgearbeitet werden mussten.Blankenburg: Einführung in Bachs h-moll-Messe. 1996, S. 22f. Zu Beginn des ersten, zweiten und vierten Faszikels schrieb Bach „J. J.“ (Jesu Juva, Jesus, hilf!), am Ende des Gloria „Fine DGl“ (Ende, Gott die Ehre) und ganz am Schluss hervorgehoben „DSGl“ (Deo soli Gloria, Gott allein die Ehre).