mini|August Graf von Platen mini|Heinrich Heine Die Platen-Affäre war eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen den Dichtern Karl Immermann, August Graf von Platen und Heinrich Heine und war eine der heftigsten Kontroversen der deutschen Literaturgeschichte. Platen griff Heine wegen dessen Judentums und Heine wiederum Platen wegen dessen Homosexualität an. Der Streit war einer der Gründe, dass beide Kontrahenten Deutschland auf Dauer verließen.
Auslöser Auslöser der Affäre waren Xenien des Dichters Karl Immermann, in denen er die Orientmode in der Poesie verspottete, die in seinen Augen aus untauglichen Versuchen bestand, Goethes Lyrik aus dem West-östlichen Diwan nachzuahmen: Oestliche Poeten.
Groß’ mérite ist es jetzo, nach Saadi’s Art zu girren, Doch mir scheint's égal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren.
Sonsten sang, bei’m Mondenscheine, Nachtigall seu Philomele; Wenn jetzt Bülbül flötet, scheint es mir denn doch dieselbe Kehle.
Alter DichterGemeint ist Goethe., Du gemahnst mich, als wie Hameln’s Rattenfänger; Pfeifst nach Morgen, und es folgen all’ die lieben, kleinen Sänger.
Aus Bequemlichkeit verehren sie die Kühe frommer Inden, Daß sie den Olympus mögen nächst in jedem Kuhstall finden.
Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen, Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Ghaselen.
Immermanns Freund Heinrich Heine veröffentlichte diese Verse 1827 zustimmend in seinen ReisebildernHSA Bd. 5: Reisebilder I 1824-1828. 1970, S. 83f., wobei die Spitze gegen die Ghaselen-Dichter sich gar nicht spezifisch gegen Platen richtete. Immermann wird später von „einige[n] unbedeutende[n] Verse[n], die ihn [Platen] nicht einmal besonders signalisirten“ sprechen.
Angriff Platens auf Heine Platen, der sich bereits in seinen Frühwerken jener orientalischen Gedichtform zugewandt und 1821 einen Band Ghaselen sowie 1823 Neue Ghaselen veröffentlicht hatte, bezog die Kritik auf sich und verübelte Heine die Veröffentlichung der Epigramme. In seinem Lustspiel Der romantische Ödipus (1828) ließ er, als Anspielung auf Immermann, eine Figur namens Nimmermann auftreten. Heine, der von seinem Freund mit Petrarca verglichen worden war, griff er unter Bezug auf dessen jüdische Herkunft an und brachte obendrein selbst das Thema der Homosexualität ins Spiel: NIMMERMANN. Dieß sing’ ich dir, mein Heine, Samen Abrahams! CHOR. Er stirbt, und wimmernd fleht er schon Freund Hein herbei! PUBLICUM. Du irrst, er ruft Freund Hein ja nicht, den herrlichen Petrark des Lauberhüttenfests beschwört er blos. NIMMERMANN. Du bist der ersten Dichter einer, sagst du selbst! PUBLICUM. Wahr ist’s, in einem Liedelein behauptet er’s; Doch keiner glaubt’s, wie’s immer bei Propheten geht. NIMMERMANN. Welch einen Anlauf nimmst du, Synagogenstolz! PUBLICUM. Gewiß, es ist dein Busenfreund des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester. NIMMERMANN. Sein Freund, ich bin’s; doch möcht’ ich nicht sein Liebchen seyn; Denn seine Küsse sondern ab Knoblauchsgeruch. PUBLICUM. Drum führt er sein Riechfläschchen auch beständig mit. NIMMERMANN. Mein Heine! Sind wir beide nicht ein Paar Genie’s? Wer wagt zu stören, Süßer, uns den süßen Traum?August von Platen: Der romantische Ödipus. In: (ders.): Die verhängnissvolle Gabel / Der romantische Oedipus. Reclam, Stuttgart 1979, ISBN 3-15-000118-8,
Noch etwas tiefer unter der Gürtellinie legt Platen dann 1829 noch in dem Epigramm An den Dichterling HeineAugust von Platen: Sämtliche Werke. Bd. 4. Hrsg. von Max Koch und Erich Petzet. Max Hesse, Leipzig 1920, . nach: Täglich bedanke Dich im Gebet, o hebräischer Witzling Daß bei Deutschen und nicht unter Griechen Du lebst: Solltest Du nackt Dich zeigen im männlichen Spiel der Palästra, Sprich, wie verstecktest Du dann jenen verstümmelten Teil?
Reaktion Immermanns Noch bevor Heine 1830 in den Bädern von Lucca zum Schlag ausholte, veröffentlichte Immermann 1829 bei Hoffmann und Campe unter dem Titel Der im Irrgarten der Metrik herumtaumelnde Cavalier eine poetische Erwiderung auf den Angriff in Form von 20 Sonetten mit Einleitung und einer Parabase, in der er Platen zwar scharf angriff, jedoch auf der literarischen Ebene und nicht ins persönliche abglitt wie nach ihm Heine. Als Beispiel das Sonett XVI Wahrheit und DichtungKarl Immermann: Der im Irrgarten der Metrik herumtaumelnde Cavalier. Eine literarische Tragödie. Hoffmann & Campe, Hamburg 1829.: Ich glaub' Dir nicht, wenn Du von Schirasweine Dich trunken stellst, wenn Du nach schönen Knaben Verlangst, und Aphroditens goldnen Gaben, Und thust!, als wärst Du warm im Sonnenscheine.
Ich glaub' Dir nicht, wenn Du durch das Gemeine Voll Lust zu wählen scheinst; ein Mahl der Waben Dem Volke giebst in dicken derben Waben, Mit der Begeisterung, so scheint’s, der * * *
Koth, Wein, Schimpf, Liebe, brauchst Du nur als Sauce, Die Prosodie zu feuchten. Lügenzunge, Du bist ein nüchterner, modester Junge!
Doch wenn Du singst: Ich bin der große Große, Der sein Jahrhundert noch nicht hat gefunden, Dann glaub' ich Dir! Du sangst, was Du empfunden!
Immermann wirft Platen vor allem mangelnde Originalität, Formspielerei ohne eigentlichen poetischen Inhalt und Einbildung vor. In der Einleitung schreibt er: „Man kann ihn ohne Ironie den Dichter des Hochmuths nennen, wie wir von Dichtern der Liebe, des Weins und des Heldenthums sagen. Er hat sich vorgenommen, etwas ganz Außerordentliches zu seyn, dieses Thema, das Grund-Thema seines Geistes und Herzens, behandelt er, wo er nicht drollig wird, oft mit einer gewissen Erhabenheit.“ Was das rein Literarische betrifft, so hätte diese Erwiderung Immermanns eigentlich genügt. Unerledigt war die antisemitische Komponente von Platens Angriff, die Heine nicht unerwidert lassen wollte.
Reaktion Heines Heine hatte sich 1825 protestantisch taufen lassen, um in den Staatsdienst treten zu können. Er bemühte sich gerade um eine Professur an der Münchner Universität, als Platens Lustspiel erschien. So sah er in den Angriffen eine Intrige gegen seine Pläne. An seinen Freund Varnhagen von Ense schrieb er später: „Als mich die Pfaffen in München zuerst angriffen, und mir den Juden aufs Tapet brachten, lachte ich – ich hielts für bloße Dummheit. Als ich aber System roch, als ich sah wie das lächerliche Spukbild almählig ein bedrohliches Vampier wurde, als ich die Absicht der Platenschen Satyre durchschaute, […] da gürtete ich meine Lende, und schlug so scharf als möglich, so schnell als möglich.“HSA Bd. 20: Briefe 1815-1831. 1970, S. 385.
Der Schlag erfolgte im 1830 erschienenen dritten Band der Reisebilder. Im letzten Kapitel der Bäder von Lukka nannte Heine den Grafen, dessen Homosexualität ihm bekannt war, einen „Dichter und warmen Freund“ und sparte nicht mit abfälligen Bemerkungen: Platen, den „nie ein Weib berührt“ habe, sei „mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf“, eine „männliche Tribade“. Heine unterstellt Platen einen Mangel an echten Gefühlen und lebendigen Figuren in seinen Werken. Dies sei eine Folge seiner eigenen unterdrückten Gefühle und seiner Natur als „unfruchtbares Geschöpf, [das] sich gaselig hingiebt in windiger Weichheit“. Gelobt werde am Grafen seine „Zuvorkommenheit gegen Jüngere, bey denen er die Bescheidenheit selbst gewesen sey, indem er mit der liebreichsten Demuth ihre Erlaubniß erbeten, dann und wann zu ihnen aufs Zimmer kommen zu dürfen, und sogar die Gutmüthigkeit so weit getrieben habe, immer wieder zu kommen, selbst wenn man ihn die Lästigkeit seiner Visiten aufs deutlichste merken lassen.“ In Les bains de Lucques, der französischen Übersetzung der Bäder von Lucca, hat Heine das letzte Kapitel nicht aufgenommen.Vgl. HSA Bd. 15: Tableaux de voyage II. Italie. 1979, S. 107.
Ein Nachklang der Fehde findet sich dann noch, Jahre nach Platens Tod 1835, im 1851 erschienenen Romanzero unter dem Titel PlatenidenPlateniden in: Heinrich Heine: Romanzero. Zweites Buch. Lamentationen. Hoffmann und Campe, Hamburg 1851, S. 151f., wo er nebenbei den in die deutsche Sprache eingegangenen Begriff der „Vorschusslorbeeren“ prägte. In wem er hier konkret die Plateniden im Sinn der Nachfolger Platens sah, bleibt allerdings unklar. Vermutet wurden wie Oskar von Redwitz oder Emanuel Geibel als Adressaten.Vgl. HSA Bd. 3 K: Gedichte 1845-1856. Kommentar. 2008, S. 270.
Folgen und Rezeption des Konflikts Heines Bewerbung um die Professur scheiterte wegen dieser persönlichen Angriffe auf Platen endgültig. Der „Vernichtungskrieg“„Es galt kein scherzendes Tournier, sondern Vernichtungskrieg.“ Brief an Karl Immermann vom 26. Dezember 1829. Zitiert nach: HSA Bd. 20: Briefe 1815-1831. 1970. S. 374., wie er die Kontroverse einmal bezeichnete, beeinflusste auch seinen Entschluss, 1831 nach Paris überzusiedeln. Die Auseinandersetzung zeigte, dass die Taufe auch zu dieser Zeit noch nicht den erhofften Schutz vor Anfeindungen und Diskriminierung bot und kein „Entre Billet zur Europäischen Kultur“ war, als die Heine sie einmal bezeichnet hatte.
Infolge der Affäre wählte auch Graf Platen das freiwillige Exil. Aus Italien, wo er sich seit 1826 aufhielt, kehrte er nicht mehr dauerhaft nach Deutschland zurück, wo er sich durch Heine unmöglich gemacht sah.
Die literarische Öffentlichkeit stand zunächst auf der Seite Heines. Insbesondere für den antisemitischen Angriff zeigte man kein Verständnis, da solche rassistischen Äußerungen – bei den Nationalsozialisten und ihren völkischen Vorläufern völlig üblich – zu jener Zeit im literarischen Diskurs noch ganz unerhört waren. So schrieb die Stuttgarter Damen-Zeitung in einer Rezension zu Platens Ödipus im Mai 1829:
Und in einer anderen Rezension aus dem August des gleichen Jahres:
All das ändert sich mit der Publikation der Bäder von Lucca. „Keiner fühlt es tiefer als ich selbst, daß ich mir durch das Platensche Kapitel unsäglich geschadet, daß ich die Sache anders angreifen sollte, daß ich das Publikum und zwar das bessere verletzt“, schreibt Heine schon am 4. Februar, wenige Wochen nach Erscheinen der Bäder, an seinen Freund Varnhagen.HSA Bd. 20: Briefe 1815-1831. 1970, S. 384f. Zwar billigten viele Heine das Recht zu, sich zu verteidigen und auch das Recht zum Gegenangriff, die Form wurde aber entschieden missbilligt. In einer vermutlich von Heinrich Brockhaus verfassten Rezension in den Blättern für literarische Unterhaltung heißt es:
Und in den Literarischen Miscellen:
Dagegen verteidigte der Literaturkritiker Carl Herloßsohn Heine:
Zeitgenossen verübelten Heine die abfälligen Bemerkungen über Platens Homosexualität. Konflikte von Literaten gab es zwar reichlich, aber ebenso wie Angriffe auf das Judentum eines Autors war auch das Thematisieren einer (abweichenden) sexuellen Orientierung völlig unüblich. Jost Hermand schreibt in seinem Aufsatz über die Platen-Affäre:
Auch Heines Bemühungen, seine Freunde als Beistände in der Auseinandersetzung zu gewinnen, waren nur wenig erfolgreich. Eduard Gans, Joseph Lehmann, Ludwig Robert, Michael Beer und Johann Hermann Detmold reagierten nicht, Moritz Veit, Varnhagen und Johann Peter Lyser nur verhalten und mit vorsichtig formuliertem Unbehagen.Gerhard Höhn: Heine-Handbuch – Zeit, Person, Werk. 3. Auflage. 2004, S. 247.
Laut Goethes Sekretär und Vertrautem Johann Peter Eckermann, äußerte sich auch der in Immermanns Xenien angesprochene „alte Dichter“ über die Affäre:
Verlegenheit, Ratlosigkeit und Bedauern prägten auch weiterhin die literarische und wissenschaftliche Rezeption. In seiner psychologisch arbeitenden Untersuchung der Affäre kam Hans Mayer 1975 zu dem Schluss, dass „hier ein Literat einen anderen Literaten entkleidete: ein Outsider der Abkunft einen Outsider der Geschlechtlichkeit.“Hans Mayer: Der Streit zwischen Heine und Platen. In: (ders.): Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1975, S. 218.
Literatur