Ambivalenz ( „beide“ und „gelten“) bezeichnet einen inneren Zustand, der wesentlich geprägt ist von einem inneren Konflikt. Dabei bestehen in einer Person sich widersprechende Wünsche, Gefühle und Gedanken gleichzeitig nebeneinander und führen zu inneren Spannungen.Ambivalenz. In: Duden, abgerufen 2017.

In der Allgemeinsprache gebräuchlicher ist das Adjektiv ambivalent (zwiespältig, doppelwertig, mehrdeutig, vielfältig, zweideutig). Eugen Bleuler verwendete den Begriff erstmals 1910 während eines Vortrags. Für ihn war Ambivalenz ein Hauptmerkmal der Schizophrenie. Im heutigen Sprachgebrauch, auch im klinischen Bereich, versteht man unter „Ambivalenz“ aber kein Symptom einer Krankheit, sondern das Erleben einer konflikthaften, von gegensätzlichen Aspekten geprägten Bewertung der Situation oder eines Objekts. Dieses Erleben basiert auf der erworbenen Fähigkeit, auf Abwehr durch Spaltung zu verzichten und gegensätzliche Erlebniszustände zu ertragen. Die Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten, spricht für eine gesteigerte emotionale Reife.

Bedeutung Bei der Ambivalenz handelt es sich um das simultane Bestehen sich eigentlich ausschließender Einstellungen und Handlungstendenzen. Der Begriff „Hassliebe“ ist ein Beispiel für eine solche Verknüpfung gegensätzlicher Wertungen (in der Rhetorik Oxymoron genannt).

Dass jedes Ding zwei Seiten haben kann, ist keine Ambivalenz, solange dadurch kein innerer Konflikt hervorgerufen wird. Ambivalenz ist eine Dichotomie von Sichtweisen, die gegensätzliche Reaktionen bedingen und letztlich die Fähigkeit zu einer Entscheidung hemmen können. So sieht Karl Abraham im Gegensatz zum Kind, das durch Triebschwankungen charakterisiert ist, den reifen Menschen als ambivalenzfrei. Verschiedene Psychoanalytiker sehen in den menschlichen Regungen durchgehend eine Ambivalenz von Libido und Thanatos (Liebe und Destruktionstrieb) und ordnen sie den Ich-Funktionen zu.

Relevanz der Ambivalenz Die Relevanz des Begriffs zeigt sich in verschiedenen Diskursen, in denen individuelle Erfahrungen als das „Denken in Optionen“ (G. L. Schiewer, 2014, S. 2) umschrieben wird. Nach Kurt Lüscher (2011, S. 326) sind Prozesse „des gedanklichen und emotionalen Oszillierens zwischen Alternativen“ besonders „nützlich“, denn daraus entstehen neue Handlungsmöglichkeiten, der Problemlösung und der Gestaltung von Beziehungen. Doch nach Lüscher wird dieses Potenzial im alltäglichen Leben nicht optimal genutzt, auch wenn der Mensch täglich mit Ambivalenzen konfrontiert wird. Der Mensch ist oft nicht in der Lage, darüber zu reflektieren oder Ambivalenzen zu erkennen. Dazu meint Lüscher (2013, S. 36), dass Ambivalenz z. B. gerade in Hinblick auf das Improvisieren, auf das Entwickeln von schnellen Lösungen und Agilität von Belang ist:

Einteilung und Messung Ambivalenz kann laut Bleuler eingeteilt werden in ein Nebeneinander von widersprüchlichen Gefühlen – „affektive Ambivalenz“ Wünschen – „voluntäre Ambivalenz“ oder Ambitendenz Beurteilungen – „intellektuelle Ambivalenz“ Die Begriffe „Ambitendenz“ und „Ambiguität“ werden manchmal gleichbedeutend mit Ambivalenz verwendet.E. Jaeggi: Ambivalenz. In A. Schorr (Hrsg.): Handwörterbuch der Angewandten Psychologie. Deutscher Psychologen Verlag, Bonn 1993, S. 12–14.

In der Folge wurde der Begriff durch Freud in die Psychoanalyse übernommen und dort auf mannigfache Weise weiter entwickelt und in der Folge in die Psychologie und die Sozialpsychologie übernommen sowie in der Psychotherapie genutzt.

In der Motivationspsychologie verwendet ThomaeH. Thomae: Der Mensch in der Entscheidung. Huber, Bern 1960. den Begriff der Ambivalenz, um auf Aversions-Appetenzkonflikte hinzuweisen.

In der Sozialpsychologie lässt sich die Ambivalenz einer Einstellung auf der Grundlage des semantischen Differentials messen.H. W. Bierhoff: Neuere Erhebungsmethoden. In: E. Erdfelder, R. Mausfeld, T. Meiser, G. Rudinger (Hrsg.): Handbuch quantitative Methoden. Psychologie Verlags Union, Weinheim 1996, S. 59–70. doi:10.25521/HQM05K. Jonas, P. Broemer, M. Diehl: Attitudinal ambivalence. In: W. Stroebe, M. Hewstone (Hrsg.): European review of social psychology. Band 11. Wiley, Chichester 2000, S. 35–74. Zu diesem Zweck werden der negative Pol (beispielsweise „dumm“) und der positive Pol („intelligent“) getrennt eingeschätzt. Ambivalenz wird dann erschlossen, wenn ein Einstellungsobjekt gleichzeitig in Richtung auf den negativen und den positiven Pol beurteilt wird. Eine andere Möglichkeit der Messung der Ambivalenz besteht darin, sie direkt über einen Fragebogen einzuschätzen.

Erläuterung: Der Fragebogen zur Erfassung von ambivalentem Sexismus gegenüber Frauen (ASI;P. Glick, S. T. Fiske: The ambivalent sexism inventory. Differentiating hostile and benevolent sexism. In: Journal of Personality and Social Psychology, 70, 1996, S. 491–512.P. Glick, S. T. Fiske: An ambivalent alliance. Hostile and benevolent sexism as complementary justifications for gender inequality. In: American Psychologist, 56, 2001, S. 109–118. Theorie der ambivalenten Stereotype) enthält Feststellungen, die feindselige („Die meisten Frauen bewerten harmlose Anmerkungen gleich als sexistisch“) und wohlwollende („In einem Katastrophenfall müssen Frauen zuerst gerettet werden“) Einstellungen ansprechen.

In den 1960er Jahren fand der Begriff der Ambivalenz Eingang in die Soziologie, zunächst im Kontext der Analyse von (Berufs-)Rollen, später in jener der Generationenbeziehungen und der Zeitdiagnose. Ungefähr zur gleichen Zeit setzte die Rezeption in den Literaturwissenschaften ein, ebenso in den Kunst- und Musikwissenschaften. Parallel mit der Rezeption in den Wissenschaften fand der Begriff auch Eingang in die Umgangssprache.K. Lüscher: Ambivalenz: Eine soziologische Annäherung. In: W. Dietrich, K. Lüscher, C. Müller (Hrsg.): Ambivalenzen erkennen, aushalten und gestalten. Eine neue interdisziplinäre Perspektive für theologisches und kirchliches Arbeiten. Theologischer Verlag Zürich (TVZ), Zürich, 2009, S. 17–67.

Verschiedene Diskussionsforen in wissenschaftlichen Zeitschriften dokumentieren die Weiterentwicklung des Begriffes.K. Lüscher: Intergenerational ambivalence. Further steps in theory and research. In: Journal of Marriage and Family (JMF), 64, 2002, S. 585–593.K. Lüscher: Ambivalenz weiterschreiben. In: Forum der Psychoanalyse. Zeitschrift für klinische Theorie und Praxis, 27(4), 2011, S. 373–393.Ambivalenz weiterdenken. In: Familiendynamik, 39(2), 2014.

Die Begriffsgeschichte und die Diskursanalysen des Konzepts der Ambivalenz in unterschiedlichen human-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Diskursen und Disziplinen legen den Schluss nahe, dass damit anthropologisch bedeutsame Sachverhalte angesprochen werden. Sie können sich in übergreifenden Vorstellungen wie Menschen- und Gesellschaftsbildern und in der konkreten Gestaltung menschlichen Handelns finden.K. Lüscher: Menschen als „homines ambivalentes“. In: D. Korczak (Hrsg.): Ambivalenzerfahrungen. Asanger, Kröning, 2012, S. 11–32.

Ambivalenz in der Kunsttheorie In der Kunsttheorie Harry Lehmanns ist Ambivalenz einer von vier ästhetischen Eigenwerten neben Schönheit, Erhabenheit und Ereignis. Während Schönheit und Erhabenheit Eigenwerte der Gestaltbildung sind, handelt es sich bei Ambivalenz und Ereignis um solche der Aufmerksamkeitsbindung. Neben der Fähigkeit zur Gestaltbildung ist es für Tiere (und damit auch Menschen) evolutionär von Vorteil, ihre Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Gegenstände richten zu können.

Während ein intensives Ereignis (beispielsweise durch einen Blitz- oder Donnerschlag) die Aufmerksamkeit unmittelbar durch Plötzlichkeit und Intensität bindet und damit eine Hyperfunktion der Aufmerksamkeit darstellt, besteht bei der Ambivalenz der entgegengesetzte Fall: Sie unterbindet das Eintreten von Langeweile, die als natürlicher Prozess die Aufmerksamkeit von einem erkannten Objekt normalerweise nach einer gewissen Zeit wieder abzieht.

Damit ein Ambivalenzeffekt eintreten kann, müssen zwei Bedingungen gewährleistet sein, die Lehmann Unschärfe und Verfremdung nennt. Ein lediglich unscharfes Bild (beispielsweise wenn bei einem Insekt in Warntracht Vorder- und Hintergrund verschwimmen) oder ein verfremdetes Objekt (beispielsweise eine Karikatur) sind noch nicht ambivalent. Erst wenn beide Effekte zusammenkommen, entsteht die Ambivalenz. Im steinzeitlichen Szenario schlägt Lehmann hierfür die Wahrnehmung eines entfernten Umrisses eines Tieres bei Dämmerung vor. Als Beispiel aus der frühen Kunst nennt er den Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel im Lonetal, wo steinzeitliche Bildhauer Mensch und Tier miteinander verbunden haben.

Zusätzlich hat der Ambivalenzeffekt eine historistische Dimension: Er kann sich abnutzen, wenn derartige Figurinen, wie in unserer Gesellschaft, ins kulturelle Gedächtnis übergegangen sind. Beispiele für den Grundmechanismus sind Vexierbilder oder Neckerwürfel. In Lehmanns Geschichtsmodell der modernen Künste hat die Ambivalenz vor allem im analytischen Kubismus (Picasso, Braque) ihren Platz, weil hier Gegenstände aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig dargestellt werden, während die graubraune Farbgebung den Fokus von Farbe und Form ablenkt.

Ambivalenz und Ambiguität Der italienische Semiotiker Umberto Eco (Eco, 1977, S. 90) meint, dass man in den westlichen Gesellschaften seit dem 20. Jahrhundert eine kulturelle Tendenz zur Produktion von „Ambiguität der Situation“ beobachten kann. Für ihn ist der Begriff der Ambiguität ein ästhetisches Kriterium für literarische und künstlerische Qualität, die ihren Höhepunkt in der Kunst der Moderne, d. h. im „offenen Kunstwerk“ hat. Für Eco hat die Kunst seit der Moderne im Zeichen der Ambivalenz sogar emanzipatorische und politische Auswirkungen, denn ihre „Protagonisten drücken die positiven Möglichkeiten eines Menschentyps“ aus, „der offen ist für eine ständige Erneuerung seiner Lebens- und Erkenntnisschemata, der produktiv an der Entwicklung seiner Fähigkeiten und der Erweiterung seiner Horizonte arbeitet“ (Eco, 1977, S. 52). Gemeint ist Kunst als Mittel zur Veränderung des Bewusstseins und der Erfahrungsformen.

Der deutsche Philosoph Bernhard Waldenfels (Waldenfels, 1987, S. 10) fasst Ambiguität auf als Indiz eines postmodernen „Umdenkens, das aus dem Hin und Her von Antithesen wie Einheit und Vielheit, Kontinuität und Diskontinuität, Subjekt und Strukturen, Lebenswelt und System“ herausfindet und das Bewusstsein für das Fremde, für das Fremderfahren ohne den Anspruch auf seine Aneignung schließlich schärft. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht Ambivalenz im Prozess des Verstehens (des Anderen) und im Zusammenhang zwischen Mikroerfahrungen des Subjekts und Makrostrukturen einer Ordnung (Waldenfels, 1997, S. 13). Für Waldenfels ist der Mensch ständig konfrontiert mit dem Fremden, z. B. bei Begegnungen mit fremden Passanten, beim Erlernen einer Fremdsprache, beim Betrachten eines Gemäldes, beim Lesen eines literarischen Textes. Trotzdem leben wir nach Waldenfels in begrenzten Ordnungen mit „Normalisierungsmaschinerien“ (ebenda, S. 14), die ständig versuchen, die Fremdheit und als Konsequenz das Neue zu vermeiden. Dadurch wird das „Denken in Optionen“ nicht konsequent reflektiert und auch gar nicht in die Ordnungen umgesetzt.