Der Aufrechte Ziest (Stachys recta), auch Aufrecht-Ziest, Heide-Ziest oder Berg-Ziest genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Zieste (Stachys) innerhalb der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae).
Trivialnamen Andere Trivialnamen im deutschsprachigen Raum neben Aufrechter Ziest, Heide-Ziest oder Berg-Ziest sind oder waren Abnehmkraut (Berner Oberland), Badekraut (Schlesien), Berufkraut (Elsass), Beschreikraut (Henneberg, Schmalkalden), Flussgesparkraut (Salzburg), Fuhrkraut (Linz), Gliedkraut, Rossnessel, Großes Vusperkraut, Zeisskraut, Zeisgenkraut (Harz, Thüringen, Schlesien), Ziess.
Beschreibung mini|links|Illustration mini|Behaarter, kantiger Stängel und Scheinquirl mini|Zygomorphe Blüte im Detail mini|Habitus, Laubblätter und Blütenstand mini|Zygomorphe Blüte im Detail aus verschiedenen Blickrichtungen von Stachys recta subsp. recta mini|Klausen
Vegetative Merkmale Der Aufrechte Ziest wächst als sommergrüne, ausdauernde, krautige Pflanze, oder selten auch als Zwergstrauch und erreicht Wuchshöhen von meist 25 bis 40, selten bis zu 70 Zentimetern. Der kräftige, kantige Stängel ist einfach oder vom Grunde an ästig verzweigt. Die grünen Pflanzenteile sind dicht anliegend rau oder etwas drüsig behaart.
Von den gegenständig am Stängel angeordneten Laubblättern sind die unteren kurz gestielt und die oberen sitzend. Die an ihrer Basis gerundete Blattspreite ist mit einer Länge von 2 bis 5 Zentimetern und einer Breite von 0,5 bis 2 Zentimetern eiförmig-spatelig bis länglich-lanzettlich. Der Blattrand der unteren Laubblätter ist gesägt bis entfernt gekerbt und der der oberen mehr oder weniger glatt.
Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Juni bis Oktober. Zwei bis fünf, bis selten acht Scheinquirle befinden sich in einem unterbrochenen, verlängerten, 1 bis 2 Zentimeter langen scheinährigen Blütenstand. Die Blüten sitzen zu sechst bis zehnt in den Scheinquirlen zusammen. Es können sehr kleine, borstenartige Vorblätter vorhanden sein.
Die zwittrige Blüte ist zygomorph und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Der 5 bis 10 Millimeter lange röhrig-glockige Kelch ist rauhaarig mit kahl-stachelspitzigen, vorgestreckten Zähnen und mit kahlen, stechenden Grannenspitzen. Die Krone ist blass-gelb bis gelblich-weiß. Die Kronröhre besitzt innen einen Haarring. Die ganzrandige Oberlippe ist aufgerichtet und hat zurückgeschlagene Ränder. Die dreilappige Unterlippe ist herabgeschlagen, mehr oder weniger braun gezeichnet und rückwärts gefaltet. Die vier Staubblätter krümmen sich stark auswärts mit spreizenden Pollensäcken.
Die Teilfrüchte (Klausen) der Klausenfrucht sind etwa 2 Millimeter lang, rundlich, kastanien-braun und glatt oder sehr fein punktiert.
Chromosomensatz Die Chromosomengrundzahl beträgt x = 16 oder 17; es liegt Diploidie mit einer Chromosomenzahl von 2n = 32 oder 34 vor.
Ökologie Beim Aufrechten Ziest handelt es sich um einen mesomorphen, skleromorphen plurienn-pollakanthen Hemikryptophyten (= Schaftpflanze). Der Aufrechte Ziest überwintert durch Sprosse, die sich an dem verzweigten Rhizom bilden und dann zu mehreren nebeneinander zu Luftsprossen auswachsen. Er wurzelt bis 2 Meter tief. Die schmalen Runzelblätter und diese tief reichenden Wurzeln sind eine Anpassung an trockene Standorte.
Blütenökologisch handelt es sich um Eigentliche Lippenblumen. Die gelblich-weißen Blütenkrone besitzt ein purpurfarbenes Saftmal. Die Blüten sind ausgeprägt protandrisch = streng vormännlich. Die Blüten sind zuerst männlich, später weiblich, ohne Überlappung der Geschlechter. Als Belohnung für Bestäuber ist reichlich Nektar vorhanden. Doch auch der Pollen lockt Insekten an. Besucher sind Bienenverwandte. So kann man z. B. braunschwarz gefärbte, knapp 1 Zentimeter große Wildbienen aus der Gattung der Schlürfbienen (Rophites) auf den Blüten beobachten, die mit ihrem Kopf den Pollen unter vibrierenden Bewegungen heraus reiben. Der Aufrechte Ziest ist fakultativ xenogam, also erfolgt meist Fremdbefruchtung und Selbstbestäubung ist die Ausnahme. Es liegt Selbstkompatibilität vor, also führt Selbstbefruchtung erfolgreich zum Samenansatz.
Die Bruchfrucht zerfällt in vier einsamige, geschlossen bleibende Teilfrüchte, hier Klausen genannt. Die Ausbreitung der Diasporen, es sind die Klausen, erfolgt über den Mechanismus als Tierstreuer über Klett- und Klebausbreitung auf der Oberfläche von Tieren (Epichorie); auch Bearbeitungsausbreitung durch Vögel ist möglich; es erfolgt auch Ausbreitung durch den Wind (Anemochorie).
Vorkommen Der Aufrechte Ziest ist ein submediterranes Florenelement. Er kommt von Spanien bis Kleinasien und zum Kaukasusraum vor; in nördlicher Richtung reichen die Vorkommen bis Belgien. In Europa kommt er in Spanien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Schweiz, Italien, Österreich, Polen, in der früheren Tschechoslowakei, im früheren Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Türkei, Belarus, Russland und Ukraine vor. In Österreich ist er im pannonischen Gebiet und im Süden häufig, sonst zerstreut zu finden. In der Schweiz ist er in den wärmeren Gebieten verbreitet und häufig anzutreffen. Stachys recta ist im südlichen Muschelkalk und Juragebirge verbreitet bis häufig anzutreffen; darüber hinaus meist nur selten und verschleppt. Die Unterart Stachys recta subsp. recta steigt in Graubünden bis in eine Höhenlage von 1820 Meter, im Tessin (Sottoceneri) bis in eine Höhenlage von 2100 Meter und im Kanton Wallis am Portail de Fully bis in eine Höhenlage von 2150 Meter auf. Die Unterart Stachys recta subsp. labiosa steigt in Südtirol bis in eine Höhenlage von 2100 Meter auf.
Der Aufrechte Ziest wächst in Mitteleuropa an Weg- und Ackerrändern, auf Halbtrocken- und Trockenrasen und an Felshängen. Nördlich der Alpen gedeiht er am besten auf kalkhaltigen und mäßig trockenen Böden. Er ist in Mitteleuropa eine Charakterart der Festuco-Brometea-Klasse, kommt aber auch in Pflanzengesellschaften der Verbände Geranion sanguinei, Erico-Pinion oder Berberidion vor oder der Ordnung Quercetalia pubescentis.
Taxonomie und Systematik Die Erstveröffentlichung von Stachys recta erfolgte 1767 durch Carl von Linné in Mantissa Plantarum, Seite 82. Synonyme für Stachys recta sind: Betonica recta , Ortostachys recta , Prasium stachys nom. illeg. Das Artepitheton "recta" bedeutet "aufrecht". Linné hat es von Caspar Bauhins Pinax (1623) übernommen und aus "erecta" in "recta" umgewandelt.
Je nach Autor gibt es von Stachys recta einige Unterarten: Stachys recta subsp. baldaccii : Sie kommt nur auf der westlichen Balkanhalbinsel vor. Die Unterart wurde von Antonio Baldacci auf seiner Albanien-Reise 1898 gesammelt. Stachys recta subsp. doerfleri : Dieser Endemit kommt nur in Albanien vor. Diese Unterart wurde zuerst von Ignaz Dörfler gesammelt und von August von Hayek 1921 als Art neu beschrieben. Stachys recta subsp. labiosa (Syn.: Stachys labiosa , Stachys recta subsp. grandiflora , Stachys subcrenata var. labiosa , Stachys subcrenata subsp. labiosa , Stachys recta var. grandiflora ): Diese Unterart kommt in den Alpen, den Apenninen und auf der Balkanhalbinsel vor. Die oberen Laubblätter sind 7 bis 10 Millimeter breit und gekerbt, der Kelch ist 7 bis 11 Millimeter lang und die Kronunterlippe ist 7 bis 12 Millimeter lang. Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 34. Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind für diese Unterart in der Schweiz: Feuchtezahl F = 1+ (trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 5 (basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental). Stachys recta subsp. olympica : Sie kommt nur in Griechenland vor. Stachys recta subsp. psammophila : Den Rang einer Unterart hat sie 2020 erhalten. Sie kommt nur in Italien vor. Stachys recta subsp. recta (Syn.: Betonica hirta , Betonica decumbens , Stachys betonica , Stachys bufonia , Stachys czernjaevii , Stachys decumbens nom. illeg., Stachys delphinensis , Stachys erecta , Stachys glabrata , Stachys hirta nom. illeg., Stachys krynkensis , Stachys linearifolia , Stachys nitens , Stachys patula , Stachys procumbens , Stachys sarajevensis , Stachys sideritis , Stachys spinulosa var. glabrata , Stachys stenophylla , Stachys sylvestris , Stachys transsilvanica , Stachys recta var. angusta , Stachys recta var. angustifolia , Stachys recta var. hirta , Stachys recta var. lisae , Stachys recta var. luxemburgensis , Stachys recta var. major , Stachys recta var. nitens , Stachys recta var. midzorica , Stachys recta var. stenophylla , Stachys recta subsp. delphinensis , Stachys recta subsp. hirta ): Diese Unterart kommt im gesamten Verbreitungsgebiet der Art vor, von Europa bis zum Kaukasusraum. Mit 5 bis 7 Millimeter langem Kelch, einer 5 bis 7 Millimeter langen Blüten-Unterlippe und oberen Laubblättern, die 5 bis 20 Millimeter breit und gekerbt oder gekerbt-gesägt sind. Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 34. Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind für diese Unterart in der Schweiz: Feuchtezahl F = 1+ (trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental). Stachys recta subsp. rhodopaea : Sie kommt nur in Bulgarien vor. Stachys recta subsp. subcrenata (Syn.: Stachys glandulifera nom. illeg., Stachys fragilis , Stachys karstiana , Stachys montenegrina , Stachys omblae , Stachys petrogena , Stachys ramosissima nom. illeg., Stachys subcrenata , Stachys subcrenata var. angustifolia , Stachys subcrenata var. fragilis , Stachys subcrenata var. karstiana , Stachys subcrenata subsp. fragilis , Stachys recta var. fragilis , Stachys recta var. hyssopifolia , Stachys recta var. karstiana , Stachys recta subsp. ramosissima , Stachys recta subsp. serpentini , Stachys recta var. subcrenata , Stachys recta var. visianii ): Diese Unterart kommt von Südost-Europa bis zur westlichen Türkei und von Transkaukasien bis zum nordwestlichen Iran vor. Mit 7 bis 11 Millimeter langem Kelch, einer 7 bis 12 Millimeter langen Blüten-Unterlippe und oberen Laubblättern, die nur 1 bis 6 Millimeter breit und ganzrandig oder nur schwach gekerbt sind. Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 34. Stachys recta subsp. tenoreana : Sie kommt nur in Italien vor.
mini|Illustration in Album de la flora médico-farmacéutica é industrial, indígena y exótica, Tafel 37
Nutzung als Heilpflanze Im Altertum soll dieses Lippenblütengewächs als „Sideritis“ zu verschiedenen Heil- und magischen Zwecken verwendet worden sein. Besonders soll sie auch der Heilung von Hieb- und Stichwunden gedient haben. Gladiatoren im Römischen Reich sollen Pflanzenteile als Amulett gegen Hieb- und Stichverletzungen bei ihren Kämpfen getragen haben. In Osteuropa wird Stachys recta nach Abkochen zum Baden der Kinder gebraucht, um sie gegen verschiedene Krankheiten, aber auch gegen „magische Einflüsse“ zu schützen.
Quellen Literatur
Margot Spohn, Marianne Golte-Bechtle: Was blüht denn da? Die Enzyklopädie: über 1000 Blütenpflanzen Mitteleuropas. Kosmos, Stuttgart 2005, ISBN 3-440-10326-9. Andreas Lenherr: Biosystematische und chemotaxonomische Untersuchungen in der Artengruppe Stachys recta L. Doctoral Thesis - Diss. Naturwiss. ETH Zürich, 1983. PDF.
Einzelnachweise Peter William Ball: Stachys L. In:
World Checklist of Selected Plant Families (2010), The Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew. In: Datenblatt Stachys recta - Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity.
Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 1. Auflage, unveränderter Textnachdruck Band V, Teil 4. Verlag Carl Hanser, München 1964. S. 2410–2413. Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen, Verlag von Philipp Cohen, Hannover 1882, S. 388.
Weblinks
H. Halbritter, W. Auer, 2020: Datenblatt Stachys recta bei PalDat - A palynological database.