mini|Weltweites Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 1500 bis 2003
Unter Wirtschaftswachstum wird allgemein in der Wirtschaft eine Zunahme der Wirtschaftsleistung (je Staat, Region oder weltweit) im Zeitablauf verstanden. Die gängigste Messgröße ist die prozentuale Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Zeitablauf als monatliche, vierteljährliche oder jährliche Wachstumsrate.Dudenredaktion (Hrsg.): Duden Wirtschaft von A bis Z, Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 5. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2013. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2013. Diese prozentualen Wachstumsraten berechnen sich als Quotient aus der Änderung des Inlandsprodukts und dem Wert der Vorperiode.
Begriffe mini|Reales Wachstum der Welt und der OECD-Staaten nach Weltbank-Daten und OECD-Daten
Wirtschaftswachstum wird oftmals an der intertemporalen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts gemessen. Das Bruttoinlandsprodukt misst den Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft erbracht werden.
Verschiedene Adjektive werden genutzt, um unterschiedliche Ausprägungen des Wirtschaftswachstums zu beschreiben:
nominal vs. real Grundsätzlich wird zwischen nominalem und realem BIP-Wachstum unterschieden. Die beiden Methoden unterscheiden sich in der Bewertung der Wertschöpfung: Beim nominalen Wachstum wird die Wertschöpfung über die Marktpreise bewertet, sodass eventuelle Änderungen der Marktpreise durch Inflation oder Deflation zu einem Anstieg bzw. Rückgang des Wachstums führen. Das reale Wachstum wird hingegen um die Preisveränderungen im Rahmen von Inflation/Deflation bereinigt – gemessen wird nach diesem Konzept also die eigentliche reale Leistungsentwicklung der Gesamtwirtschaft (Preisbereinigung). absolut vs. relativ mini|Vergleich von linearem und exponentiellem Wachstum am Beispiel Deutschland Absolutes Wachstum beschreibt die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr. So betrug beispielsweise in Deutschland Mitte der 1950er Jahre das bereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf umgerechnet ca. 5000 Euro. Es steigerte sich pro Jahr um ca. 500 Euro pro Person. Relatives Wachstum beschreibt nun die Wachstumsrate, also etwa 10 Prozent. Anfang der neunziger Jahre war das BIP pro Kopf auf ca. 25.000 Euro angestiegen, die Wachstumsrate auf 2 % abgesunken. Dies entspricht einem absoluten Wachstum von unverändert 500 Euro pro Kopf. Die Wirtschaftsleistung stieg hier also nicht exponentiell (mit konstanter Wachstumsrate), sondern eher linear, wie auch in anderen industrialisierten Ländern.Sören Wibe, Ola Carlén: Is Post-War Economic Growth Exponential? In: Australian Economic Review. Band 39, Nr. 2, 2006, S. 147–156, doi:10.1111/j.1467-8462.2006.00406.x. extensiv vs. intensiv Extensives Wachstum bezeichnet eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts eines Staates, aber nicht notwendigerweise eine Verbesserung der Güterversorgung pro Kopf der Bevölkerung, wenn das Bevölkerungswachstum größer als das Wirtschaftswachstum ist.Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 24 (englisch) Intensives Wachstum liegt vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt, also die Wachstumsrate des BIP jene der Bevölkerung übersteigt.Michael Frenkel, Hans-Rimbert-Hemmer: Grundlagen der Wachstumstheorie. 1. Auflage. Vahlen-Verlag, München 1993, ISBN 3-8006-2396-X. So kann bei einer schrumpfenden Bevölkerung mit wachsender Arbeitsproduktivität das Bruttoinlandsprodukt abnehmen, das Pro-Kopf-Einkommen (Wohlstand) jedoch zunehmen.Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 24 (englisch) Dies kann durch Steigerung der Arbeitsproduktivität erreicht werden, aber auch durch eine erhöhte Arbeitszeit: So ist das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner der Vereinigten Staaten 26 % höher als in Deutschland, das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde aber nur 6 % (Stand 2008).Rick Szostak: The Causes of Economic Growth: Interdisciplinary Perspectives. Springer Science & Business Media, 2009, ISBN 978-3-540-92282-7, S. 24 (englisch) quantitativ vs. qualitativ Quantitatives Wachstum beschreibt ein rein mengenmäßiges WirtschaftswachstumBundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Lexikon der Wirtschaft,bpb – Wirtschaftswachstum: Wachstum, Quantitatives Wachstum, Qualitatives Wachstum, abgerufen am 14. Januar 2019. bzw. den politischen Versuch, „sämtliche wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme vor allem mit Wirtschaftswachstum“ zu lösen.Reinhard Steurer: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. In: Wirtschaftspolitische Blätter. 4/2010. Schwerpunkt Nachhaltigkeit: Die Wachstumskontroverse, S. 423–435. Qualitatives Wachstum bezeichnet eine Steigerung der Lebensqualität durch verbesserte Produktqualität/Dienstleistungsqualität, Vielfalt und industrieller Strukturwandel, die zur Mehrung des gesamtgesellschaftlichen Wohlstandes beiträgt, ohne die Umwelt übermäßig zu belasten.Horst Seidel, Rudolf Temmen: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. 26. Auflage. Bildungsverlag EINS, 2008, ISBN 978-3-441-00194-2, S. 383.Herwig Büchele, Anton Pelinka (Hrsg.): Qualitatives Wirtschaftswachstum – eine Herausforderung für die Welt. Innsbruck University Press, Innsbruck 2012, ISBN 978-3-902811-65-3.OECD (Hrsg.): Towards Green Growth. OECD Green Growth Studies. Mai 2011, OECD Publishing, doi:10.1787/9789264111318-en (englisch)
Bedeutung von Wirtschaftswachstum Messung der wirtschaftlichen Aktivität
mini|hochkant=1.5|Staaten nach Höhe des BIP pro Kopf (2015), siehe zugehörige Liste mini|hochkant=1.5|Länder nach Rate des Wirtschaftswachstums 2017, siehe zugehörige Liste
Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wurde als ein wichtiger Indikator für die Konjunktur- und Geldpolitik konzipiert. Es misst die wirtschaftliche Leistung und damit die Fähigkeit eines Landes, materiellen Wohlstand zu schaffen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gilt als wichtiger Indikator für den Wohlstand und die Lebensqualität der Bevölkerung eines Landes.Wolfgang Cezanne: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Oldenburg Wissenschaftsverlag, 2005, ISBN 3-486-57770-0, S. 497 f.
Ziel der Wirtschaftspolitik mini|Sustainable Development Goals, Nummer 8: Menschenwürdige Arbeit und nachhaltiges Wirtschaftswachstum.
Wirtschaftswachstum hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Hauptziel staatlicher Wirtschaftspolitik etabliert. Wachstum sorgt für eine größere Verteilungsmasse, so dass soziale Ziele leichter erreichbar sind, weshalb es von manchen Politikern als Allheilmittel propagiert wurde.Matthias Schmelzer: The growth paradigm: History, hegemony, and the contested making of economic growthmanship. In: Ecological Economics. 118, 1110, 2015, S. 262–271, doi:10.1016/j.ecolecon.2015.07.029 (englisch)Matthias Schmelzer: The Hegemony of Growth. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2016, ISBN 978-1-316-45203-5, doi:10.1017/CBO9781316452035 (englisch) In Deutschland ist ein stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum neben einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht, niedriger Arbeitslosigkeit und Stabilität des Preisniveaus als Eckpunkt des „magischen Vierecks“ im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StabG) von 1967 als Staatsziel der Wirtschaftspolitik verankert ( StabG). Damit ist das Wirtschaftswachstum auch ein Rechtsbegriff. Auch der Stabilitäts- und Wachstumspakt der Europäischen Union hat das Ziel, Wirtschaftswachstum explizit zu fördern.Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Jahreswirtschaftsbericht 2017 – Für inklusives Wachstum in Deutschland und Europa, 2017.European Commission: Horizon 2020: Impact Assessment Report – Executive Summary. Commission Staff Working Paper. Brussels 2011 (englisch)Manuel Rivera, Claudia Saalbach, Franziska Zucher, Moritz Mues: Das Wachstumsparadigma im Deutschen Bundestag. IASS-Studie, Oktober 2016, (PDF).
Ökonomen wie Benjamin M. Friedman betonen, dass Wirtschaftswachstum insbesondere in Entwicklungsländern neben der Anhebung des Lebensstandards politische und soziale Reformen fördert, wirtschaftliche Mobilität, Fairness und Toleranz ermöglicht und die Substanz der Demokratie bildet. Beispielsweise seien in den USA in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation oder Schrumpfung (1880er-, 1890er-, 1920er-Jahre und nach der Ölkrise) vermehrt negative Einstellungen bezüglich Immigration sowie verstärkte rassistische und religiöse Vorurteile aufgetreten, während die Großzügigkeit gegenüber den Armen und die Stärke der Demokratie in diesen Zeiten abgenommen hätten. Friedman hält es für unzutreffend, zwischen moralischem und materiellem Fortschritt einen Zielkonflikt zu sehen. (Interview mit Benjamin M. Friedman, 27. Oktober 2005; englisch)
Während über viele Jahrzehnte politisch Wirtschaftswachstum vor allem aus einer quantitativen Perspektive betrachtet wurde, wird inzwischen auch innerhalb der OECD ein stärkerer Fokus auf qualitatives Wachstum gesetzt, das eine Wohlstandsmehrung bei verringerter Belastung der Umwelt und geringerem Verbrauch begrenzter Rohstoffe ermöglichen soll. Laut der UNESCO beziehungsweise der Vereinten Nationen sind für qualitatives Wachstum zusätzlich besonders Kulturgutschutz, hochwertige Bildung, kulturelle Vielfalt und sozialer Zusammenhalt in bewaffneten Konflikten notwendig.Jyot Hosagrahar „Culture: at the heart of SDGs“, UNESCO-Kurier, April-Juni 2017. Wachstum könne vom industriellen Sektor in den Dienstleistungs- und Informationsbereich verlagert werden (immaterielles Wachstum) sowie erschöpfliche Rohstoffe und Energieträger wie Erdöl durch erneuerbare Energien ersetzt werden.Helge Majer: Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung. Oldenbourg, 1998, ISBN 3-486-24557-0. Aber auch durch umweltorientierten technischen Fortschritt, z. B. durch Recycling, Miniaturisierung oder innovative neue Produkte könne es „zu einer Entkopplung von Wachstum und der Nutzung natürlichen Kapitals bzw. der Natur als Senke kommen“.Michael von Hauff: Von der Sozialen zur Nachhaltigen Marktwirtschaft. In: Michael von Hauff (Hrsg.): Die Zukunftsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft. Metropolis-Verlag, 2007, ISBN 978-3-89518-594-6, S. 353. Wachstum müsse nicht zwangsläufig mit steigender Umweltverschmutzung einhergehen, denn das Wirtschaftswachstum in den fortgeschrittenen Industrienationen beruhe heutzutage eher auf einem Zuwachs an Dienstleistungen als einem Zuwachs an Waren und enthalte einen zunehmenden Anteil von Umwelttechnik. Es gäbe für Wirtschaftswachstum immer neue Ideen und Innovationen, die nie an ein Ende kommen würden.Diane Coyle: The Weightless World: Thriving in the Digital Age. 1997. Menschliche Kreativität sei die ultimative Ressource und sorge bei ökologischen Knappheiten für Substitute.
Die Studienlage zu solch einer Umgestaltung der Wirtschaft hin zu grünem Wachstum ist uneindeutig. So kommt etwa eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung zu dem Ergebnis, dass es einen signifikanten Trend zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum, dem Verbrauch fossiler Energien und CO2-Emissionen im Energiesektor gibt. Ausgewertet wurden hierzu Daten von 34 Ländern über ein Vierteljahrhundert.Turning point: Decoupling Greenhouse Gas Emissions from Economic Growth Eine Meta-Studie des European Environmental Bureau kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass es für eine Entkopplung von Umweltbelastung und Wirtschaftswachstum bislang keinen empirischen Beweis gebe. Die wenigen Untersuchungen, die eine Entkopplung zeigten, seien methodisch mangelhaft gewesen und hätten zudem lediglich eine temporär und räumlich begrenzte Entkopplung gezeigt, oder seien auf einige kurzlebige Schadstoffe begrenzt gewesen.
Zusammenhang mit Beschäftigung (Arbeit)