mini|Porträt Sun Ces. Illustration aus einer Ausgabe der Geschichte der Drei Reiche, Qing-Dynastie. Sūn Cè (, Großjährigkeitsname Bófú , * 175; † 5. Mai 200) war ein chinesischer General und Warlord gegen Ende der Han-Dynastie am Vorabend der Zeit der Drei Reiche. Sein Vater war der General Sun Jian, der dem Warlord Yuan Shu diente. Drei Jahre nach dem Tod seines Vaters begab sich Sun Ce ebenfalls in Yuan Shus Dienste, übernahm im Alter von 18 Jahren den Befehl über die Truppen seines Vaters und setzte dessen Feldzüge fort. Während sich Yuan Shu unter den chinesischen Warlords immer mehr isolierte, nutzte Sun Ce sein Kommando für seine eigenen Interessen. Er eroberte das Land an der Mündung des Jangtse und legte damit den Grundstein für das Reich Wu, das nach seinem Tod von seinem Bruder Sun Quan begründet wurde.
Leben Kindheit und Jugend mini|Machtblöcke in China im Jahr 194, in der Mitte Yuan Shu (graublau). Sun Ce wurde im Jahr 175 in Yandu (im heutigen Yancheng) als ältester Sohn des Generals Sun Jian und dessen Gemahlin Wu geboren. Während sein Vater im Jahr 184 gegen die Rebellen des Gelben Turbans in seiner Heimat Nanyang kämpfte, blieb seine Familie in Shouchun (heutiger Kreis Shou, Provinz Anhui). Im nächsten Jahr wurde Sun Jian in die Liang-Provinz bestellt, wo er einen Aufstand niederschlug. 187 wurde er Großverwalter von Changsha und schlug dort und in den Nachbarkommandanturen zahlreiche Aufstände nieder. Als in den Unruhen nach dem Tode Kaiser Lings (189) der Warlord Dong Zhuo die Macht am Kaiserhof ergriff, schloss sich Sun Jian unter dem Gouverneur Yuan Shu der Allianz gegen Dong Zhuo an. Er vertrieb den Warlord 191 aus der Hauptstadt Luoyang und griff anschließend den Provinzgouverneur Liu Biao in Xiangyang an, wo er in einen Hinterhalt geriet und getötet wurde.
Sun Ce hielt sich zu dieser Zeit mit seiner Mutter und seinen Brüdern Sun Quan, Sun Yi und Sun Kuang im Bezirk Shu auf, der Hauptstadt der Lujiang-Kommandantur in der Yang-Provinz (westlich vom heutigen Lujiang, Provinz Anhui). Dort lebte auch Sun Ces gleichaltriger Freund Zhou Yu, der einer hochrangigen Adelsfamilie des Reiches angehörte. Die Zhou-Familie begab sich mit Sun Jians Hinterbliebenen in den Bezirk Qu'a (heutiges Danyang, Provinz Jiangsu), wo Sun Jians Leichnam bestattet wurde.
Sun Ce hatte schon seit seiner Jugend in seiner Heimat einige Anhänger: Neben der Zhou-Familie und der Wu-Familie (seine Verwandtschaft mütterlicherseits) schloss sich ihm auch der Flüchtling Lü Fan an. Im Jahr 193 begab sich Sun Ce zu Yuan Shu und bot ihm seine Dienste an. Yuan Shu lehnte wegen seiner Jugend vorläufig ab, und Sun Ce begab sich zu seinem Onkel Wu Jing, dem Großverwalter der Danyang-Kommandantur. Er bat Yuan Shu auch, ihm seines Vaters Offiziere zur Seite zu stellen: Yu He, Cheng Pu, Huang Gai und Han Dang hatten lange Zeit an Sun Jians Seite gekämpft, aber nach seinem Tod hatten sie keine entscheidenden militärischen Posten mehr bekleidet. Darum brachten sie Sun Ce größere Loyalität entgegen als Yuan Shu. Man könnte sich wundern, warum die Offiziere nicht eher Wu Jing als den jungen Sun Ce als Anführer ansahen. Das liegt zum einen an der gleichrangigen sozialen Stellung der Sun- und der Wu-Familie, zum anderen daran, dass Wu Jing nur ein jüngerer Schwager Sun Jians und nicht dessen Sohn und rechtmäßiger Erbe war.
Sun Ces Familie war nach seinem Besuch bei Yuan Shu in eine gefährliche Lage geraten. Sie hielt sich unter der Aufsicht des Beamten Zhang Hong am Rande des Machtbereichs des Gouverneurs Tao Qian auf, der sich durch Yuan Shus Rückzug nach Shouchun bedroht sah und die Anhängerschaft seines Rivalen beseitigen wollte. Darum schickte Sun Ce nach seinem Besuch Lü Fan aus, um die Familie nach Qu'a zu bringen. Lü Fan wurde von Tao Qian als Spion gefangen genommen und gefoltert, aber seine Soldaten konnten ihn befreien und den Auftrag ausführen. So gelangte Sun Ces Familie und Lü Fans Truppe sicher ans südliche Ufer des Jangtse.
Dienst unter Yuan Shu mini|400px|Der untere und mittlere Lauf des Jangtse mit den in diesem Artikel vorkommenden Ortsnamen. Sun Ces erster militärischer Auftrag unter Yuan Shu war die Eroberung der Danyang-Kommandantur im Jahr 193. Gemeinsam mit seinem Vetter Sun Ben und seinem Onkel Wu Jing vertrieb Sun Ce den Verwalter Zhou Xin, der durch Wu Jing ersetzt wurde. In Danyang fand Sun Ce in den folgenden Monaten viele Anhänger und sammelte taktische Erfahrung im Kampf gegen Banditen und barbarische Stämme des Hügellands. Er soll mehrere hundert Mann befehligt haben, wurde dann aber vom Stammeshäuptling Zu Lang besiegt und fast getötet.SGZ 46; Wu li 1, 1103 Anm. 2 unter Berufung auf das Jiangbiao zhuan. Nach diesem Rückschlag begab sich Sun Ce wieder zu seinem Auftraggeber Yuan Shu nach Shouchun im Norden, wo er 194 anlangte. Yuan Shu übertrug Sun Ce den Befehl über die Truppen seines verstorbenen Vaters, ungefähr tausend Mann, unter denen auch verdiente Offiziere waren. Sun Ces Hoffnung auf einen eigenen Herrschaftsbereich wurde jedoch enttäuscht. Yuan Shu stellte ihm den Posten des Großverwalters von Jiujiang in Aussicht, gab ihn dann aber doch an seinen General Chen Ji (). Eine zweite Enttäuschung erlebte Sun Ce, als Lu Kang, der Großverwalter der Lujiang-Kommandantur, sich gegen Yuan Shu erhob. Der Warlord versprach Sun Ce abermals den Posten des Großverwalters, wenn er den Aufrührer Lu Kang besiegt hätte. Nachdem Sun Ce den Aufstand unterdrückt hatte, überging ihn Yuan Shu wieder und ernannte Liu Xun zum Großverwalter von Lujiang.
Um Yuan Shus Machtbereich herum änderten sich zu dieser Zeit die Machtverhältnisse. Der Warlord Cao Cao hatte den alternden Gouverneur Tao Qian 194 besiegt, dessen Provinz Xu übernommen und war dadurch Yuan Shus unmittelbarer Nachbar geworden. Er konnte sich gleichwohl noch nicht gegen ihn wenden, weil ihm einige Konkurrenten zu schaffen machten: Im Südosten Lü Bu, im Südwesten Guo Si und Li Jue, im Norden Gongsun Zan und Yuan Shao. Südlich von Yuan Shu trat ein neuer Konkurrent auf den Schauplatz, Liu Yao. Er stammte aus der niederen Beamtenklasse, war entfernt mit dem Kaiserhaus der Han verwandt und wurde 194 von der Zentralregierung in Chang’an zum Inspektor der Yang-Provinz ernannt. Um nicht in Konflikt mit Yuan Shu zu kommen, begab er sich südlich des Jangtse zum Großverwalter Wu Jing, von dem er in seinem Hauptquartier Qu'a geduldet wurde. Liu Yao sammelte Anhänger in der Umgebung und verriet Wu Jing, den er aus Qu'a verjagte und eroberte von dort aus die gesamte Danyang-Kommandantur. Wu Jing bat Yuan Shu um Hilfe, der Wu Jing eine Armee gab und einen Onkel Zhou Yus, Zhou Shang aus Lujiang, zum Großverwalter von Danyang ernannte. Südlich des Jangtse, in der Umgebung des heutigen Kreises He in Anhui, begegneten sich Wu Jing und Liu Yao, aber in monatelangen Kämpfen konnten sich keiner von ihnen durchsetzen. Yuan Shu hatte die Kontrolle südlich des Jangtse verloren, und Liu Yao hob stetig neue Truppen aus und wurde zu einer ernsten Bedrohung für Yuan Shu. Die Zentralregierung erfuhr von seinen Erfolgen und ernannte ihn per Edikt zum Gouverneur der Yang-Provinz mit Generalsrang.
Im Jahr 195 bat Sun Ce, seinen Onkel Wu Jing und seinen Vetter Sun Ben unterstützen zu dürfen. Yuan Shu, der im Süden nichts mehr zu verlieren hatte, gab ihm ein Kommando und etwa 1000 Soldaten und 30–40 Reiter. Dazu kamen noch Sun Ces persönliche Gefolgschaft und sein Charisma, mit dem er auf seinem Marsch weitere Krieger anheuerte. Aus den 1500 Soldaten, mit denen er seinen Auftraggeber Yuan Shu verlassen hatte, waren auf seinem Marsch nach Shouchun 5000–6000 Mann geworden. In den Kämpfen stand er nicht hinter seinem erfahreneren Onkel Wu Jing zurück, sondern übernahm selbst den Oberbefehl. Dem Sinologen Rafe de Crespigny zufolge lag dies nicht nur an Sun Ces Eigenschaft als Erbe seines berühmten Vaters Sun Jian, sondern vor allem an seinen persönlichen Leistungen und Fähigkeiten.Crespigny: Generals of the South, Kap. 3, S. 12–13
Erste unabhängige Feldzüge Liu Yao, gegen den Wu Jing und Sun Ben zu Felde zogen, hatte in der Zwischenzeit einige lokale Statthalter auf seine Seite gezogen, darunter auch der korrupte Beamte Ze Rong. Gemeinsam bildeten sie eine starke Opposition gegen Yuan Shu und seine Streitkräfte, und Wu Jing war bisher kein Durchbruch gelungen. Die Ankunft Sun Ces brachte eine Wende der Lage: Der junge Offizier setzte mit den verbliebenen Booten über den Fluss und errichtete einen Brückenkopf, der sein Ausgangspunkt für die folgenden Feldzüge wurde. Schon bald drängte er Ze Rong und seinen Verbündeten Xie Li zurück gegen die Stadt Moling. Ze Rong wurde in seinem Hauptlager eingeschlossen, aber ein Angriff seiner Verbündeten Fan Neng und Yu Mi zwang Sun Ce zum Abbruch der Belagerung. Die beiden Generäle griffen Sun Ces Hauptlager an, der sie jedoch besiegte und mehr als 1000 Gefangene machte.Crespigny: Generals of the South, Kap. 3, S. 15
Sofort nach diesem Sieg griff Sun Ce Ze Rong erneut an, wurde jedoch bei der Belagerung durch einen Pfeil verwundet und zog sich kampfunfähig zurück. Ein Überläufer berichtete Ze Rong von Sun Ces Verletzung. Weil Ze Rong seinen Widersacher tot glaubte, machte er sich zur Verfolgung seiner Armee auf. Aber Sun Ce lockte ihn in eine Falle, und Ze Rong verlor mehr als 1000 Mann, bevor er sich zurückzog. Er verstärkte seine Verteidigungsanlagen, und Sun Ce hatte wegen des schwierigen Geländes keine Aussicht, Ze Rongs Lager im Sturm zu nehmen. Darum umging er ihn in östlicher Richtung und bedrängte nicht nur Ze Rong, sondern auch Liu Yao. Die beiden flohen in südwestlicher Richtung flussaufwärts am Jangtse entlang in die Yuzhang-Kommandantur. Sun Ce nahm inzwischen Liu Yaos Hauptquartier Qu'a ein und stellte dort im Februar 196 sein Lager auf. Er hatte auf den Feldzügen seine Truppen stark vergrößert und war in einer machtvollen Position in der Region. Er ließ einen Erlass verkünden, in dem er den Zivilbeamten des Landes Straffreiheit und gerechten Lohn versprach, wenn sie sich ihm anschlössen. Er betonte auch, dass er niemanden zu diesem Seitenwechsel zwingen werde. Dieser Erlass brachte ihm 20.000 Soldaten und mehr als 1000 Reiter ein.SGZ 46; Wu li 1, 1150 PC Anm. 1 Um seine neuen Offiziere beobachten zu können, ernannte Sun Ce seinen Gefolgsmann Lü Fan zum Oberaufseher der Disziplin.SGZ 56 Er holte auch seine Familie zurück nach Qu'a und ernannte seinen jüngeren Bruder Sun Quan zum Verwalter der Region Yangxian.
Die Bedrohung für Sun Ce war aber noch nicht vorbei. Südlich seines Machtbereichs hatten sich lokale Familien unter der Führung eines gewissen Weißen Tigers Yan zu einem losen Bündnis zusammengeschlossen, westlich gründete Liu Yaos Gefolgsmann Taishi Ci eine Allianz gegen den jungen Eroberer. Sun Ce wandte sich zuerst nach Süden und eroberte das Gebiet Xu Gongs, dessen Oberbefehlshaber Zhu Zhi ein alter Freund der Sun-Familie war und sich Sun Ce freudig anschloss. Xu Gong wurde verraten und floh in die Berge zum Weißen Tiger Yan. In seinen Beschwerdebriefen an den Hof nannte er Sun Ce den „kleinen Eroberer“ (). Sun Ce ignorierte diesen Gegner und zog unmittelbar gegen die Kuaiji-Kommandantur. Er schlug ihren Großverwalter Wang Lang und verfolgte ihn 500 Kilometer weit bis zur Stadt Dongye. Nach ihrer Eroberung kapitulierte Wang Lang, aber seine lokalen Verbündeten erhoben sich gegen Sun Ce. Um sie zu befrieden, setzte Sun Ce einen gewissen Han Yang als Statthalter im südlichen Kuaiji ein und zog selbst nach Norden. Han Yan war jedoch erfolglos und wurde durch He Qi ersetzt, der in den folgenden Jahren die örtlichen Machthaber besiegte und die Macht der Sun-Familie vergrößerte. Der ehemalige Großverwalter Wang Lang wurde von Sun Ce in Freiheit gesetzt und begab sich nach Norden unter den Schutz des Kanzlers Cao Cao.