mini|Parochialkirche mit Turm, 2017

Die Parochialkirche im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte ist eine Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien im Berliner Ortsteil Mitte. Das ab 1695 erbaute Gebäude ist die älteste Kirche der reformierten Gemeinde Berlins.

Lage Die Kirche samt dem dazugehörigen Kirchhof befindet sich zwischen der Klosterstraße, der Parochialstraße und der Waisenstraße direkt hinter der alten Stadtmauer Berlins, die an dieser Stelle zu Teilen erhalten ist. Auf dem Kirchengelände liegt der historische Kirchhof mit einer Reihe alter Grabkreuze und -tafeln. Dahinter begrenzt das dreigeschossige Gemeindehaus der ehemaligen Evangelischen Georgen-Parochialgemeinde die Fläche. Im Jahr 1968 hatte sich die bis dahin eigenständige Parochial- mit der Georgengemeinde zusammengeschlossen, die schließlich 2003 durch Fusion in der Mariengemeinde aufging. Hinzu kommt ein Barockbau, der bereits 1708 gebaut wurde und als Gemeindehaus und Hospital diente, in den späten 1990er Jahren jedoch einen Teil der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität aufnahm. mini|Klosterstraße mit Parochialkirche, 2020 mini|hochkant=0.8|ohne|Lage der Parochialkirche mini|Gedenktafel für das Hospital am Haus, Waisenstraße 28, in Berlin-Mitte

Vorgeschichte mini|Cölln (gelb gefärbt) und Berlin (rot gefärbt) auf einem Stadtplan von 1688

Die Parochialkirche ist das erste Berliner Gotteshaus, das eigens für die Anhänger der reformierten Kirche gebaut wurde. Die reformierte Gemeinde in Berlin und Kölln war entstanden, nachdem der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund 1613 zum Calvinismus übergetreten war. Sie nutzte seit 1632 die lutherische Domkirche im damaligen Cölln sowie den dazugehörigen Begräbnisplatz und bat 1694 den Kurfürsten Friedrich III., den späteren König Friedrich I. von Preußen, um die Einwilligung in einen eigenen Kirchenbau in Berlin. Zu diesem Zweck erwarben die Geheimen Räte Eberhard von Danckelmann, Georg von Berchem und Joachim Scultetus von Unfried (1638–1705) im Auftrag der Kirchengemeinde das Grundstück zwischen der Klosterstraße und der Waisengasse, auf dem das Anwesen des ehemaligen kurfürstlichen Alchimisten, Chemikers und Glasmachers Johannes Kunckel stand. Der Kurfürst bestätigte den Kauf und genehmigte den Bau der Kirche für die Personalgemeinde ohne zugehörige Parochie, also ohne eigenes Gemeindegebiet, die aus den Anhängern der reformierten Kirche der Domgemeinde hervorging. Zu den Gemeindemitgliedern des ersten Jahrhunderts gehörten von Beginn an wichtige Vertreter der Berliner Politik und Kultur wie die Minister Johann Kasimir Kolbe von Wartenberg und Samuel von Cocceji, der Baumeister Johann Boumann, der Porzellanhersteller Wilhelm Caspar Wegely sowie der Gelehrte Wilhelm von Humboldt. Ihren aktuellen Namen trägt die vormalige Neue Reformierte Stadt- und Pfarrkirche seit der Bildung der Evangelische Kirche der altpreußischen Union 1817.

Planungen von Johann Arnold Nering mini|Entwurf von Johann Arnold Nering

Die Planungen für den ersten Bau der Parochialkirche lieferte im Jahr 1694 der Baumeister Johann Arnold Nering, den Friedrich III. am 18. Juni des Jahres mit dem Bau beauftragt hatte. Ihm unterstand als Kurfürstlich-Brandenburgischem Oberbaumeister das gesamte Bauwesen der Mark Brandenburg. Die Wahl dieses Mannes als Baumeister der Kirche machte die Bedeutung des Bauvorhabens besonders deutlich. Nerings Arbeiten, darunter etwa die Schlosskapelle Köpenick, zeichneten sich stark durch niederländische und italienische Einflüsse aus. Sein Entwurf für die Parochialkirche gilt als eines der reifsten Werke des Architekten, er verband beide Stilrichtungen. Als Hauptinspiration dienten offensichtlich die Nieuwe Kerk in Den Haag von Pieter Noorwits (1649/1656) und die Kirche Santa Maria della Consolazione in Todi (ab 1508). Wie diese Kirchen stellte auch sein Bauvorhaben einen einfach strukturierten Hauptraum mit vier geräumigen Konchen dar, die kreuzartig angeordnet sein sollten. Davor war ein Portikus mit einem von Säulen getragenen Giebel vorgesehen, der eine Eingangshalle enthielt. Als Dachkonstruktion plante Nering kupferbedeckte Kuppeln, die über einer hohen Attika aufsetzen und in deren Zentrum sich der dreietagige und säulenbestückte Turm der Kirche erhebt. Die Außenfassade erhielt durch korinthische Säulen eine schöne Struktur, außerdem waren Gesimse sowie eine vasenbekrönte Attika vorgesehen. Die konkav geschwungenen Wandteile zwischen den Säulen sollten Rundbogenfenster erhalten. Eine Empore im Innenraum war nicht vorgesehen, damit die Predigten im Zentrum des Gebäudes stattfinden konnten.

Am 15. August des Jahres 1695 legte Friedrich III. den Grundstein für das Kirchengebäude, der gemeinsam mit einem Kupferstich des Grundrisses, einer Bibel und einem Katechismus versenkt wurde. Baumeister Nering starb bereits im gleichen Jahr, am 21. Oktober 1695.

Realisierung von Martin Grünberg mini|Entwurf von Martin Grünberg

Die Bauarbeiten an der Parochialkirche wurden an Nerings Nachfolger Martin Grünberg übergeben. Dieser versuchte, den Bau mit einem geringeren Budget durchzuführen, als die Planungen es vorsahen, und entwarf einen neuen Plan, der auf dem bereits vorhandenen Fundament aufbaute und entsprechend den gleichen Grundriss hatte. Grünberg verkleinerte den Gesamtbau, indem er die Fläche reduzierte, aber bei dem Grundaufbau der Vierkonchenhalle blieb, die jedoch deutlich schlichter ausgeführt wurde. Die Kuppelgewölbe wurden abgesenkt und die Kuppeln durch Walmdächer ersetzt, die Wände verloren ihre konkaven Formen und wurden geglättet. Auch die Attika und die Gesimse entfielen, und die korinthischen Säulen wurden durch einfachere Strebepfeiler zur Stabilisierung ersetzt. Der Grundentwurf des Turmes blieb auch bei Grünberg bestehen, er setzte ihn jedoch auf eine Vorhalle, die Nerings Portikus ersetzte, statt ins Zentrum des Gebäudes. Anders als Nering geplant hatte, baute Grünberg eine Empore in den Hauptraum ein. Die erneute Grundsteinlegung, an der auch das Kurfürstenpaar teilnahm, wurde 1695 mit großem zeremoniellen Aufwand begangen.

Am 27. September 1698 stürzte das fast vollendete Dachgewölbe in sich zusammen. Nach einer notwendigen Umplanung, an der auch der Architekt Andreas Schlüter beteiligt war, und dem weiteren Aufbau konnte das Kirchengebäude schließlich am 8. Juli 1703 eingeweiht werden. Auch hieran nahm das preußische Herrscherpaar, inzwischen mit königlichen Würden ausgestattet, teil. 1705 war der Bau mit Ausnahme des Turmes abgeschlossen, der gerade die Höhe des Daches erreichte und nur aus dem ersten Geschoss bestand, eine Turmspitze war nicht vorhanden.

Das von Grünberg fertiggestellte Gebäude ist ein Barockbau mit hellem Putz. Die Fassade wird durch hohe Rundbogenfenster aufgelockert, und ein hohes Portal bildet den Eingang, ebenfalls mit einem Rundbogen als oberem Abschluss, das von zwei mächtigen Pilastern flankiert wird. Weitere Schmuckelemente und Fenster verschiedener Form fanden sich vor allem am Turm der Kirche sowie im Bereich des Daches. 1705 entstand eine Kanzel nach Entwürfen von Georg Gottfried Weyhenmeyer.

Orgeln mini|Stich der Parochialkirche von 1715 Im Jahr 1732 wurde ein Positiv von Joachim Wagner in die Kirche eingebaut, das später für 35 Reichstaler an das Berliner Armen- und Waisenhaus verkauft wurde. Wohl 1733 erfolgte die Einweihung der neuen Orgel, die auch ein Werk Wagners war. Die 34 Register mit 1660 Pfeifen verteilten sich auf zwei Manuale und Pedal.Disposition siehe: Wolf Bergelt: Joachim Wagner (1690–1749) – Orgelmacher. Schnell & Steiner, München 2012, S. 312 Der Preis betrug 3061 Reichstaler. Namhafte Organisten und Komponisten beurteilten den Klang dieser Orgel als ausgezeichnet. In Zeitabständen von etwa 30 Jahren gab es Umbauten mit Anpassungen an den jeweiligen Zeitgeschmack. Im Jahr 1851 disponierte der Berliner Orgelbauer Carl August Buchholz das Instrument im Sinne der romantischen Ästhetik um. Die Orgel hatte nun 41 Register. Im Jahr 1903 nahm Orgelbauer Sauer (Frankfurt (Oder)) einen Neubau vor unter Beibehaltung des Prospekts und einiger Pfeifenreihen. Danach war die Orgel auf 45 Register auf drei Manualen und Pedal angewachsen. Orgelmusik der Hochromantik wie die von Max Reger, Charles-Marie Widor und anderen konnte nun authentisch zu Gehör gebracht werden. Im Jahr 1931 schlug Orgelbauer Walcker aus Ludwigsburg vor, eine Chororgel hinter dem Altar zu installieren. Ihre Verwirklichung und der erneute Umbau der Hauptorgel erfolgten 1935–1937 durch Orgelbau Sauer, deren Inhaber Oscar Walcker war. Die Orgel besaß nun vier Manuale und 60 Register. Über das Klangbild konnte man sich nur schwer einigen, orientierte sich aber schließlich wieder am originalen Konzept Joachim Wagners. Im Kriegsjahr 1944 wurden beide Orgeln zerstört.

Der Turmbau und die „Singuhr“ Im Jahr 1713 schenkte König Friedrich I. der Parochialkirche ein Carillon (Glockenspiel), das zwischen Dezember 1700 und 1704 von Johann Jacobi für den Berliner Münzturm gegossen worden war. Von dessen ursprünglich 37 Glocken, deren Tonfolge vermutlich mit einem Bourdon (tiefen) es0 begann und sich unter der damals üblichen Auslassung der beiden nächsten Halbtöne von fis0 bis f4 fortsetzte, fehlten inzwischen aber zwei. Nach dem Zusammensturz des Münzturms sollte dieses Carillon einen neuen Platz finden. Um es einbauen zu können, erteilte der König Jean de Bodt den Auftrag, den nicht vollendeten Turm von Martin Grünberg zu vollenden und mit einer eigenen Etage für das Glockenspiel zu bestücken. Jean de Bodt nutzte dafür seinen nicht verwirklichten Entwurf für den Neubau der Domkirche aus den Jahren um 1706.Berlin, Dom. Entwurf, Aufriss der rückwärtigen Fassade. Architekturzeichnung in der Deutschen Digitalen Bibliothek.

Den Bau führte allerdings Philipp Gerlach aus, den Friedrich Wilhelm I. beauftragte. Abweichend von dem Entwurf, in dem de Bodt eine Bekrönung des Turmes mit einem Polygon vorgesehen hatte, setzte Gerlach eine schlanke, obeliskartige Turmspitze auf, ansonsten übernahm er die Pläne weitestgehend.

Das Glockengeschoss ist offen und von vier Ecksäulen umstanden, die in der Literatur sowohl mit der römischen Baukunst von Carlo Rainaldi an Sant’Agnese in Agone in Rom als auch mit britischer Baukunst von Christopher Wren am Turm von St. Vedast in London in Verbindung gebracht werden. Geschmückt wurde der Turm mit Steinbildhauerarbeiten von Johann Georg Glume, Johann Gottfried Weyhenmayer und Johann Conrad Koch, unter anderem vier Löwen. Diese befanden sich unter der Turmspitze und schienen sie zu tragen. Am 24. April 1714 war der Bau des Turmes abgeschlossen, danach wurde das Glockenspiel eingebaut, das 1715 erstmals erklang. Die von Philipp Gerlach entworfene Garnisonkirche in Potsdam wurde von 1730 bis 1735 ebenfalls auf Anordnung König Friedrich Wilhelms I. von Preußen errichtet und hat große Ähnlichkeit mit der Berliner Parochialkirche.

Wegen des leicht unsauberen Klanges wurde ein neues Glockenspiel beim Glockengießer Jan Albert de Grave in Auftrag gegeben. Er fertigte es 1714 bis 1717 aus 37 Bronze-Glocken, von denen die größten aus dem Erstguss von Jacobi stammten. Eine komplizierte, von einem im Turm eingebauten Uhrwerk gesteuerte Mechanik trieb das Glockenspiel an. Die Glockenmelodien waren sehr variabelKirchenmusiker im Dritten Reich: Wilhelm Bender (Snippet) auf books.google.de, abgerufen am 12. März 2014. und ertönten stündlich. Das Brüllen der Löwen schloss jedes Spiel ab. Zu den verschiedenen kirchlichen Feiertagen wurden die Melodien 14 bis 15 Mal im Jahr gewechselt. Das Glockenspiel erhielt in der Berliner Bevölkerung die Bezeichnung „Singuhr“ und wurde bald europaweit bekannt. Anfang der 1930er Jahre gab es sogar Rundfunkübertragungen des Glockenspiels,Glockenspiel. In: parochialkirchturm.de, abgerufen am 23. Juli 2019. vor allem mit dem Organisten Wilhelm Bender.