mini|Mathias Brodkorb (2017)

Mathias Brodkorb (* 20. März 1977 in Rostock) ist ein deutscher ehemaliger Politiker ( PDS, ab 1997 SPD) und heutiger Publizist. Brodkorb befasste sich als Gründer und Hauptautor des Projekts Endstation Rechts mit der Erforschung rechtsextremistischer Ideologien. Vom 1. November 2016 bis 2019 war er Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, zuvor von Oktober 2011 bis 4. Oktober 2016 Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern und vom 20. September bis 1. November 2016 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, dem er von 2002 bis 2019 angehörte.Verlagstext Mathias Brodkorb.

Im Oktober 2019 legte Brodkorb das Landtagsmandat nieder, um im Bildungsministerium unter Bettina Martin als Sonderbeauftragter den Posten des Aufsichtsratschefs der Universitätsmedizin Rostock und der Universitätsmedizin Greifswald zu übernehmen. Anfang März 2022 wurde der Vertrag vorfristig gegen eine Abfindung im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Land aufgelöst. Seit 2018 ist er Kolumnist des Monats-Magazins Cicero.

Leben Brodkorbs Familie reiste 1987 aus der DDR in die Heimat des Vaters nach Korneuburg/Österreich aus.Martin Otto: Parodie und Expertise: So intelligent kann Antifaschismus sein. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. August 2010. 1992 kehrte er in seine Geburtsstadt Rostock zurück. Dort legte er 1996 das Abitur ab und studierte nach dem Zivildienst ab 1997 an der Universität Rostock Philosophie und Altgriechisch,Ein Mann mit Energie. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. Mai 2016. unter anderem bei Wolfgang Bernard und Markus Schmitz. Brodkorb schloss sein Studium 2005 mit dem Magister der Philosophie ab.

Von 1994 bis 1997 war Brodkorb Mitglied der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) und engagierte sich dort in der Kommunistischen Plattform.Mathias Brodkorb – vom Philosophen zum Finanzminister, von Silke Hasselmann Deutschlandfunk 2. Januar 2017. Die Beschäftigung mit dem Marxismus führte ihn zur Philosophie. Im Laufe des Studiums distanzierte sich Brodkorb zunehmend vom Kommunismus. 1997 wechselte er zur SPD, wurde dort 1998 für zwei Jahre Landesvorsitzender der JusosLandtag Mecklenburg-Vorpommern: Biographie zu Mathias Brodkorb. und gehörte dem SPD-Landesvorstand von 1999 bis 2009 an. Zunehmend bekannt wurde er mit Aktivitäten in der Hochschulpolitik und der Bekämpfung des Rechtsextremismus mit dem von ihm initiierten Projekten Endstation Rechts, Storch Heinar, dem Adebor Verlag und dem Magazin horizonte – Blätter für Politik und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern (2002–2015).

mini|Mathias Brodkorb (rechts) neben Manuela Schwesig (2013)

Bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern 2002 wurde er über die SPD-Landesliste in den Landtag gewählt und gehörte ihm von Oktober 2002 bis Oktober 2019 an, seit 2011 sogar als zweimal direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises 6 Rostock III.Wahl zum Landtag von Mecklenburg-Vorpommern am 4. September 2011. Endgültiges Ergebnis. Gewählte Wahlkreisbewerber (Erststimmen). In: mvnet.de. Von Oktober 2008 bis Oktober 2011 war Brodkorb stellvertretender Vorsitzender der Landtagsfraktion. Im Jahr 2010 referierte er als Extremismusexperte auf Verfassungsschutztagungen, so auf einer des Verfassungsschutzes Niedersachsen am 16. September 2009 sowie am 24. Juni 2010 auf der Tagung Schwarze Blöcke rechts und links – Autonome Extremisten auf Gewaltkurs vom Verfassungsschutz Brandenburg.der Tagungsband Von der Täuschung des Gegners – Autonome Nationalisten als Form politischer Mimikry (I), „Endstation Rechts“ 15. Juli 2010, von Mathias Brodkorb.Kritik der Kritik – Über die missverstandene Extremismustheorie. In: Störungsmelder, 23. Juli 2010.

Am 25. Oktober 2011 ernannte ihn Ministerpräsident Erwin Sellering zum Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, er gehörte damit dem Kabinett Sellering II an.

Brodkorb schied am 4. Oktober 2016 aus seinem Ministeramt aus, als der 7. Landtag sich konstituierte. Er war bereits am 20. September 2016 zum Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion gewählt worden, nachdem sein Vorgänger Norbert Nieszery zur Landtagswahl nicht mehr angetreten war. Brodkorbs Wechsel auf die Position des Fraktionsvorsitzenden entsprach einem Wunsch des Ministerpräsidenten, als dessen Vertrauter er galt.Erstes Interview nach der Wahl: Was nun, Herr Brodkorb? In: Norddeutsche Neueste Nachrichten, 21. September 2016. Zum Ende der Koalitionsverhandlungen Mitte Oktober wurde Brodkorb dann aber überraschend als neuer Finanzminister vorgestellt, er ersetzte die ausscheidende Heike Polzin.Max-Stefan Koslick: Ende der Koalitionsverhandlungen. Der Clou: Brodkorb wird Finanzminister. In: Schweriner Volkszeitung, 18. Oktober 2016. Er wurde mit dem neuen Kabinett Sellering III am 1. November 2016 vereidigt.Gewählt: Erwin Sellering wieder Ministerpräsident. In: Norddeutscher Rundfunk, 1. November 2016. Manuela Schwesig übernahm ihn in ihr Kabinett, als sie im Juli 2017 Ministerpräsidentin wurde. Sein Ministeramt legte Brodkorb jedoch am 29. April 2019 mit sofortiger Wirkung nieder; als Grund gab er persönliche und politische Differenzen mit Schwesig an. Er behielt sein Landtagsmandat und übernahm im Juni 2019 die Rolle des klimapolitischen Sprechers der Fraktion, verbunden mit einem Beitritt zum Rechts- und Agrarausschuss des Landtags. Nach seinem Mandatsverzicht im Oktober 2019 rückte Dagmar Kaselitz nach.

Seinen wissenschaftlichen Schwerpunkt setzt Brodkorb bei der Erforschung rechtsextremistischer Ideologien. Im Jahr 2003 veröffentlichte er in diesem Zusammenhang mit dem Buch Metamorphosen von Rechts eine Einführung in Ideologie und Strategie des modernen Rechtsextremismus der NPD. Im Jahr 2003 zählte ihn die Zeitschrift Neon zu den 100 wichtigsten jungen Deutschen. Begründet wurde dies mit seinem politischen, vor allem aber wissenschaftlichen Engagement gegen Rechtsextremismus.

Politische Positionen Bekannt wurde Brodkorb unter anderem, als er bei einem Jugendfestival im Seebad Prora auf der Insel Rügen im Jahr 2003 in einem Workshop zu aufklärerischen Zwecken aus Hitlers Mein Kampf las und mit Jugendlichen darüber diskutierte. Er wollte mit dieser Aktion auf den historischen Hintergrund des Veranstaltungsortes hinweisen. Prora wurde im Dritten Reich als KdF-Bad geplant und teilweise fertiggestellt. Jugendfestivals fanden in Prora zwischen 2003 und 2010 statt. Brodkorb forderte 2003 bereits die Veröffentlichung einer historisch-kritischen Gesamtausgabe des Hauptwerkes von Adolf Hitler, da nach Ablaufen des Urheberrechtsschutzes wenige Jahre später damit zu rechnen sei, dass rechtsextremistische Verlage mit dem Nachdruck erhebliche Umsätze generieren könnten.Berliner Republik: Hitlers langer Schatten.

Im Jahr 2004 veröffentlichte der Jungpolitiker sein Diskussionspapier Die Zukunft der Hochschullandschaft von Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahre 2020 mit Vorschlägen zu Hochschulveränderungen in Mecklenburg-Vorpommern unter dem Druck des demografischen Wandels in Ostdeutschland.Mathias Brodkorb: Er plädierte unter anderem für die Einführung „nachgelagerter Studiengebühren“ für besserverdienende Hochschulabsolventen und bezifferte den strukturellen Konsolidierungsbedarf auf 48–69 Mio. Euro. Das Papier löste in Mecklenburg-Vorpommern zahlreiche Diskussionen aus. Einige Monate nach Erscheinen des Papiers stellte der damalige Bildungsminister Metelmann auf einer Fachkonferenz den Rückbaubedarf vor, der sich auf etwa 18 % der Gesamtausgaben belaufe.Mathias Brodkorb:

Unter Brodkorbs Amtsführung im Bildungsministerium wurden in Mecklenburg-Vorpommern als einzigem Bundesland seit der Bologna-Reform wieder Diplom-Studiengänge angeboten, die aber schlecht angenommen wurden. In einem Monitor-Interview bezeichnete er die Bologna-Reform als Fehler., Monitor Nr. 633 vom 26. April 2012. Unter den bundesdeutschen Bildungsministern fiel er auf, indem er mit Julian Nida-Rümelin den „Akademisierungswahn“ in der Bildungspolitik rügte und den von der SPD geprägten Schulsystemen in Hamburg und Bremen vorhielt, schulische Abschlüsse gegen zu geringe Leistungen zu vergeben. 2020 forderte er zusammen mit der Rostocker Sonderpädagogin Katja Koch in dem Buch Der Abiturbetrug, die deutsche Abiturientenquote auf 20 % zu halbieren und stellte sich damit gegen die Bildungspolitik seiner Partei seit den 1960er Jahren. Seine Umsetzungsvorstellungen (Plebiszit über den Bildungsföderalismus) erweckten weithin Befremden.

Brodkorb war Initiator, Mitgründer, Redakteur und Mitherausgeber des von 2002 bis 2015 erschienenen politischen Magazins horizonte.horizonte – Ein Gespräch über die Anfänge und was daraus wurde. Er ist Mitbegründer der Internetseite endstation-rechts.de sowie der Initiative storch-heinar.de. Außerdem ist er Mitglied von Greenpeace.

Im März 2009 kritisierte Brodkorb in einem offenen Brief auf dem Portal Endstation Rechts den Umgang der CDU-Politikerin Martina Krogmann mit ihrem Parteikollegen Hinrich Rohbohm, dem eine zeitweilige Autorenschaft für die Wochenzeitung Junge Freiheit vorgeworfen wurde. Brodkorb warf Krogmann vor, Rohbohm aus Karriereinteressen nicht verteidigt zu haben. Er zog Parallelen zur historischen Ausgrenzung von Linken in den 1970er Jahren und warnte vor den unkontrollierbaren Eigendynamiken medialer Stigmatisierung im politischen Raum.

Zur Diskussion um die verschiedenen Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin meinte Brodkorb 2011, die Verfahrenseinstellung lasse nur zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder dulde die SPD nun doch ab sofort Positionen, die aber nach Ansicht ihres Vorsitzenden Sigmar Gabriel eugenisch, sozialdarwinistisch und grundgesetzwidrig seien. Oder die gegen Sarrazin erhobenen Vorwürfe seien ehrverletzend, überzogen und von Anfang an rein taktisch motiviert gewesen. Brodkorb unterstellte ein programmatisches Defizit auf der Linken. Man wisse im Sinne der „political correctness“ zwar, wogegen man sei, habe aber keine eigene Orientierung. Damit laufe man Gefahr, substanzielle Gesellschaftspolitik durch die billige Jagd nach einem „metaphysischen Nazi“ zu ersetzen.

In einem Gastbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung forderte Brodkorb 2019, die ostdeutsche Gesellschaft müsse sich angesichts des Fachkräftemangels in den neuen Bundesländern stärker für Zuwanderung öffnen.

Im Magazin Cicero, für das er regelmäßig Kommentare verfasst,Mathias Brodkorb. In: cicero.de, abgerufen am 14. Juli 2023. forderte er nach dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland.

In dem Buch Gesinnungspolizei im Rechtsstaat? forderte Brodkorb 2024 die Abschaffung des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV).

Brodkorb äußerte Kritik an dem Gutachten, mit dem das BfV die AfD als gesichert rechtsextrem einstufte: Er bemängelt, dass das Niveau der Arbeit der Verfassungsschutzbehörde überwiegend bedenklich sei. BfV-Gutachten, wie die zur AfD, seien in ihrer Beweisführung nur zu etwa „20%“ stichhaltig und der Rest „herbeikonstruiert“ worden. So fehle es im Gutachten zur AfD an einer objektiven bzw. „fairen Betrachtung“. So seien zentrale Texte der Partei, wie das Wahl- und Parteiprogramm, nicht im Gutachten analysiert worden, weil laut Brodkorb dort „nichts drin steht, was verfassungsfeindlich ist“. Das Gutachten wurde von Brodkorb im Cicero vollständig veröffentlicht, wo er als Kolumnist tätig ist.