mini|Porträt Marie Antoinettes, von Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty, um 1775 (Musée Antoine-Lécuyer, Saint-Quentin) rahmenlos|250px|rechts|klasse=skin-invert-image|Unterschrift
Marie-Antoinette, geboren als Maria Antonia von Österreich-Lothringen (* 2. November 1755 in Wien; † 16. Oktober 1793 in Paris), war als Ehefrau Ludwigs XVI. vom 10. Mai 1774 bis zum 10. August 1792 Königin von Frankreich und Navarra, seit dem 4. September 1791 unter dem Titel Königin der Franzosen.
Die als Erzherzogin Maria Antonia von Österreich geborene Tochter von Kaiserin Maria Theresia heiratete am 16. Mai 1770 den Dauphin Louis August, der vier Jahre später den französischen Thron bestieg. Anfänglich beliebt, wurde sie im Ancien Régime zum Ziel massiver, teils polemischer und misogyner Kritik und Verleumdungen. Im Verlauf der Französischen Revolution wurde sie entmachtet und neun Monate nach ihrem Ehemann auf der Guillotine hingerichtet.
Leben mini|hochkant=1.2|Stammbaum Marie-Antoinettes
Maria Antonia Josepha Johanna, wie ihr voller Taufname lautete, war das fünfzehnte und zweitjüngste Kind (die jüngste Tochter) von Kaiser Franz I. von Lothringen (1708–1765) und Maria Theresia von Österreich (1717–1780). Damit zählte sie zur Familie der Habsburger. Die schwere Geburt und das Erdbeben von Lissabon, welches am Tag zuvor stattgefunden hatte, wurden als schlechte Vorzeichen für den weiteren Lebensweg der Erzherzogin gedeutet, zumal deren Taufpaten der König und die Königin von Portugal waren, vertreten durch Maria Antonias Geschwister Joseph (II.) und Maria Anna.
Wie die anderen weiblichen Familienmitglieder musste die Erzherzogin schon mit drei Jahren Korsetts tragen, die ihr Atemprobleme bereiteten. Bereits früh zeigte sie einen Hang zur Unruhe. Sie mied oft die Unterrichtsstunden, um sich zu zerstreuen, und zeigte keinerlei Neigung, sich zu konzentrieren oder Aufgaben zu machen. Sie lernte aber Cembalo und Harfe spielen; ihr Gesangslehrer war Christoph Willibald Gluck.
Heirat mit dem Dauphin mini|hochkant|Jean-Étienne Liotard: Erzherzogin Maria Antonia von Österreich im Alter von sieben Jahren, 1762 (Musée d’art et d’histoire, Genf)
Um die habsburgischen Besitzungen gegen die aggressive Politik Friedrichs II. von Preußen zu sichern, veranlasste Staatskanzler Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg Mitte der 1750er Jahre das Renversement des alliances. In einer „diplomatischen Revolution“ wurde der jahrhundertealte habsburgisch-französische Gegensatz beendet und ein Defensivbündnis mit Frankreich geschlossen. Um es zu festigen, verband sich das Haus Österreich-Lothringen durch mehrere Heiraten mit den Bourbonen. Von den Kindern des Kaiserpaars wurde 1760 Joseph (II.) mit Isabella von Parma verheiratet, 1765 Leopold (II.) mit Maria Luisa von Spanien, 1768 Maria Carolina mit König Ferdinand IV./III. von Neapel-Sizilien und 1769 Maria Amalia mit Herzog Ferdinand I. von Parma. Im Zuge dieser Heiratspolitik wurde frühzeitig auch eine Vermählung Maria Antonias mit dem Dauphin Louis August ins Auge gefasst, die das 1756 geschlossene, aber nach dem verlorenen Siebenjährigen Krieg unbeliebt gewordene Bündnis zwischen Österreich und Frankreich sichern sollte.
mini|links|hochkant|Joseph Ducreux: Erzherzogin Maria Antonia, 1769 (Schloss Versailles)
1769 ersuchte König Ludwig XV. für seinen Enkel und Erben um die Hand der Erzherzogin. Nachdem der Heiratsvertrag abgeschlossen war, analysierte Maria Theresia die Ausbildung ihrer Tochter und bemerkte gravierende Mängel. Daraufhin wurde das Mädchen einem erzieherischen Intensivunterricht unterzogen. Auch bestand die sittenstrenge Kaiserinwitwe darauf, dass es bis zur Abreise nach Paris das Schlafgemach mit ihr teilte. Maria Antonias Französischlehrer lobte ihre Freundlichkeit, ihre Intelligenz und ihre Musikalität, jedoch sei sie weitgehend ungebildet. Die Faulheit und insbesondere die Leichtfertigkeit der Prinzessin machten es ihm schwer, sie zu unterrichten.Nancy Plain: Louis XVI, Marie Antoinette, and the French Revolution. Marshall Cavendish, Singapur 2002, S. 11.
Am 19. April 1770 fand in der Wiener Augustinerkirche die Trauung per procurationem statt. Zwei Tage später verabschiedete sich die Vierzehnjährige von Mutter und Geschwistern und trat mit großem Gefolge die Reise nach Frankreich an. Am 7. Mai erfolgte auf neutralem Gebiet, der Rheininsel Île aux Épis vor Straßburg, die „Übergabe“. Dort wurde das Mädchen von seiner Begleitung getrennt und neu eingekleidet. Aus Maria Antonia wurde Marie-Antoinette. In Straßburg und Zabern war sie Gast von Kardinal Rohan, der sie später in die Halsbandaffäre verwickeln sollte.
Am 16. Mai fand in Versailles die eigentliche Trauung statt. Als Abschluss der Hochzeitsfeierlichkeiten wurde am 30. Mai auf der Place Louis XV (heute Place de la Concorde) in Paris ein Fest für die Bevölkerung veranstaltet. Dabei lösten Feuerwerkskörper eine Panik aus, die zum Tod von 139 Menschen führte.Friedrich Weissensteiner: Die Töchter Maria Theresias. Kremayr & Scheriau, Wien 1994.
Am französischen Hof mini|hochkant|Joseph Kranzinger: Marie Antoinette im roten Jagdkostüm, um 1772 (Schloss Schönbrunn) Am französischen Hof fiel die junge und unerfahrene Marie-Antoinette meist negativ auf. Als erste Hofdame wurde ihr die sittenstrenge Madame Noailles zugewiesen, doch Marie-Antoinette fühlte sich von der älteren Dame bevormundet und bezeichnete sie zumeist als Madame l’Étiquette. Der Prinzessin waren die französischen Sitten fremd, und sie stützte sich fast ausschließlich auf den österreichischen Botschafter, den Grafen von Mercy-Argenteau. Dieser war ihr von Maria Theresia als Mentor beigegeben und sollte zugleich Maria Theresia auf dem Laufenden halten. So entstand die berühmte Korrespondenz Mercy-Argenteaus, eine wertvolle Chronik des Lebens Marie-Antoinettes von ihrer Heirat 1770 bis zum Tode Maria Theresias im Jahr 1780.
In ihren ersten drei Ehejahren stand sie nicht nur unter dem Einfluss von Mercy, sondern auch unter dem von drei unverheirateten Töchtern des Königs – Adélaïde, Madame Victoire und Madame Sophie. Diese benutzten die naive und gutmütige Dauphine für ihre diversen Ränkespiele, die vornehmlich gegen die Mätresse des Königs gerichtet waren, die für die drei Damen eine Persona non grata war. Beeinflusst durch die sogenannten Tanten hegte Marie-Antoinette eine große Abneigung gegen die Mätresse Ludwigs XV., Madame Dubarry. Obwohl diese viele Verbindungen am Hofe hatte, weigerte sich die Dauphine, mit ihr zu sprechen, und der Dubarry war es nicht gestattet, das Wort an die künftige Königin zu richten. Erst nachdem die Kronprinzessin dem schriftlichen Rat ihrer Mutter folgte, sich bei Hofe anzupassen (den Wunsch des Königs ignorierte sie, was der Hof als Skandal empfand), sprach sie nach zwei Jahren der Dubarry gegenüber die berühmten Worte „Il y a bien du monde aujourd’hui à Versailles“ (Es sind heute viele Leute in Versailles). Das waren die ersten und die letzten Worte, die die Dauphine an Gräfin Dubarry richtete.
Nachdem Marie-Antoinette die Prinzessin Lamballe kennengelernt und einen Zirkel eigener Freunde um sich geschart hatte, wandte sie sich langsam vom Einfluss der „Tanten“ ab, was diese ihr mit zunehmender Missgunst dankten. Die Dauphine begann die Möglichkeiten ihrer Stellung auszunutzen und besuchte Bälle oder die Pariser Oper, auch protegierte sie den Komponisten Christoph Willibald Gluck, ihren ehemaligen Gesangslehrer. Eine ihrer Leidenschaften war das Pharo-Spiel, bei dem sie immer wieder große Summen verspielte. Sie gab monatlich etwa 15.000 Livres aus. Diese Verschwendung, während ein Großteil der Franzosen hungerte, trug nicht zur Beliebtheit Marie-Antoinettes bei.
Königin von Frankreich mini|hochkant=1.1|Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty: Marie-Antoinette spielt die Harfe in ihrem Salon, 1777 (Schloss Versailles)
Die Thronbesteigung des jungen Königspaars nach dem Tod Ludwigs XV. im Mai 1774 wurde enthusiastisch begrüßt. Ihre ersten Schritte brachten Marie-Antoinette aber bereits in offene Konflikte mit der anti-österreichischen Partei. So drängte sie hartnäckig auf die Entlassung des Herzogs von Aiguillon und tat alles, was in ihrer Macht stand, um den früheren Außenminister Choiseul zu berufen, der aufgrund einer Intrige der Madame Dubarry sein Amt hatte aufgeben müssen. Daher hatte sie alle Feinde Choiseuls und der österreichischen Allianz gegen sich. Die Tanten Ludwigs XVI. nannten Marie-Antoinette verächtlich l’Autrichienne, „die Österreicherin“. Dabei handelte es sich um ein Wortspiel, da es im Französischen beinahe wie l’autre chienne („die andere Hündin“) ausgesprochen wird. Ihr legerer Umgang mit der ihr verhassten Hofetikette schockierte viele Höflinge, und ihr Hang zu Vergnügungen ließ sie die Gesellschaft des Bruders des Königs, des späteren Königs Karl X. (1757–1836), und seines jungen und ausschweifenden Zirkels suchen.
Marie-Antoinette gehörte schon in Wien zu den Schülerinnen des von ihr an der Pariser Oper protégierten Christoph Willibald Gluck.Michael Stegemann: Komponist. Reformator der alten Oper. Vor 300 Jahren wurde Christoph Willibald Gluck geboren. In: Deutschlandradio Kultur. 2. Juli 2014 (deutschlandradiokultur.de). In Versailles nahm sie weiter Harfenunterricht bei Philipp Joseph Hinner, ihrem ursprünglich aus Wetzlar stammenden Harfenlehrer („maître de harpe de la reine“).Youri Carbonnier: Philippe Joseph Hinner, maître de harpe de Marie-Antoinette, 1755–1784. In: Recherches sur la musique française classique. XXIX (1996–1998), S. 223–237.
Nach 1760 nahm die Harfenliteratur in Paris deutlich zu.Riemann Musiklexikon. 2012, Band 2, S. 329. Dies könnte speziell durch ihr Beispiel, unter anderem durch ihre Harfenkonzerte in ihrem Salon, begünstigt worden sein (siehe Bild).S. Adolphe Jullien: La cour et l’opéra sous Louis XVI. Marie-Antoinette et Sacchini, Salieri, Favart et Gluck. Librairie académique Didier et Cie, Paris 1878, Nachdruck durch Minkoff Reprint, Genf 1976, ISBN 2-8266-0614-X, S. 325 ff.
Ihre dynastische Hauptaufgabe – Mutter eines Thronfolgers zu werden – erfüllte Marie-Antoinette dagegen lange nicht. Für das jahrelange Ausbleiben eines männlichen Erben machten die Öffentlichkeit und der Hof die Königin selbst verantwortlich, der in teils pornographischen Pamphleten statt Interesse an ihrem Mann eine immer größere Anzahl an Affären nachgesagt wurde. Ab dem Herbst 1774 wurden ihr in weiteren Pamphleten auch lesbische Neigungen vorgeworfen. So soll sie ein Verhältnis mit ihrer Hofdame Marie-Louise von Savoyen-Carignan gehabt haben, die diese Position genutzt haben soll, 1776 den Reformminister Anne Robert Jacques Turgot zu stürzen. Skandalisiert wurde nicht nur ihre angebliche Homosexualität, sondern das wahllos lüsterne und korrupte Verhalten und die Verschwendung des Reichtums des Landes, die man ihr nachsagte.Anna Clark: Homosexuality and Political Scandal Until 1919. In: William R. Thompson (Hrsg.): Oxford Research Encyclopedias: Politics. Oxford University Press, Oxford 2020, S. 6 f Dergleichen Schmähungen waren zuvor gegen die Mätresse des Vaters des Königs gerichtet worden, um diesen nicht direkt zu kritisieren. Da Ludwig XVI. aber als erster französischer König seit langem keine Mätresse hatte, richtete sich alle Häme auf Marie-Antoinette.Leonhard Horowski: Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017, S. 883–887. Ob die Königin tatsächlich jemals außereheliche Beziehungen pflegte, ist ungewiss. In verschiedenen Biographien wird der schwedische Graf Hans Axel von Fersen zu ihrem Liebhaber stilisiert; doch es ist unbekannt, wie tief das Verhältnis wirklich ging.