Der Begriff jüdische Philosophie ( (pilosofia ha-jehudit), , ) bezeichnet die Verbindung philosophischer Studien mit Inhalten der jüdisch-religiösen Traditionen. Während das Konzept selbst kontrovers ist,Steven Nadler, T. M. Rudavsky: Introduction. In: Steven Nadler, T. M. Rudavsky: The Cambridge History of Jewish Philosophy. Cambridge University Press, 2008, S. 3. und über die prinzipielle Vereinbarkeit religiöser und philosophischer Inhalte debattiert wird, wird der Beginn jüdischer Philosophie ideengeschichtlich in der Regel mit Philon von Alexandria angesetzt.
Der Begriff der jüdischen Philosophie Der Begriff „jüdische Philosophie“Ausführlich zum Begriff Friedrich Niewöhner: Vorüberlegungen zu einem Stichwort „Philosophie, jüdische“, in: Archiv für Begriffsgeschichte, 24, 2 (1980), S. 195–220 wurde 1818 von Leopold Zunz geprägt.Leopold Zunz: Etwas über die rabbinische Litteratur, Berlin 1818, in: Gesammelte Schriften, Berlin 1875, Nachdruck Hildesheim 1975, S. 28. Für Zunz war die Darstellung der Geschichte der jüdischen Philosophie eine noch zu leistende Aufgabe. Er umfasst zwei Perspektiven. Jüdisch kann einerseits eingegrenzt werden auf Denker, die sich selbst als Juden verstehen und über philosophische Fragen nachdenken. Die Konfession der Philosophen spielt bei Bestimmung des Attributs jüdisch keine Rolle, siehe etwa die Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer oder die Phänomenologie von Edmund Husserl. Zweitens bezieht sich jüdisch auf ein Denken, das dem Bereich der jüdischen Kultur entstammt und in Zusammenhang mit der jüdischen Religion steht. Diese Perspektive wird ausdrücklich im Titel des Spätwerks von Hermann Cohen Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums charakterisiert. Geht man von der zweiten Perspektive aus, stellt sich die Frage, ob Jüdische Philosophie partikulär ist, also nur einen Ausschnitt aus den möglichen sinnvollen philosophischen Antworten erfasst, oder ob ihre Vertreter trotz des Bezugs zum Judentum einen universalen Anspruch erheben (können). Allerdings gibt es philosophische Teilgebiete, in denen Jüdische Philosophen den Anspruch auf Universalität erheben, so etwa Cohen oder Emmanuel Levinas in der Begründung der Moralphilosophie sowie Martin Buber und Franz Rosenzweig mit dem Konzept der Dialogphilosophie. Beide grenzen sich z. B. in dieser Hinsicht deutlich von Immanuel Kant ab.
Historisch betrachtet, gibt es keine eigenständige Jüdische Philosophie. Vielmehr haben jüdische Philosophen ihre je eigene Kultur daraufhin untersucht, inwieweit diese philosophischen Argumenten standhält oder mit diesen in Übereinstimmung zu bringen ist. „Das jüdische Volk ist nicht aus eigener Kraft zu philosophischem Denken gelangt. Es hat die Philosophie von außen her empfangen, und die Geschichte der jüdischen Philosophie ist eine Geschichte von Rezeptionen fremden Gedankenguts, das dann freilich unter eigenen und neuen Gesichtspunkten verarbeitet wird.“, so Julius Guttmann in seinem Standardwerk „Philosophie des Judentums“.Julius Guttmann: „Philosophie des Judentums“ erschienen in der Reihe Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen, Ernst Reinhardt, München 1933, S. 9. Guttmann beginnt in seiner Darstellung mit der Entstehung der Tora und reicht bis zu Hermann Cohen.
Theologische Überlegungen und Dogmen sind nicht Gegenstand der jüdischen Philosophie, wohl aber klassische Fragen nach der Existenz Gottes (Gottesbeweise), nach der Entstehung der Welt, nach der Theodizee, die Frage der Willensfreiheit, ethische Überlegungen wie das Liebesgebot (Goldene Regel) und das Mitleid. Die Frage, ob sich Jerusalem (Religion) und Athen (Vernunft, Ratio) miteinander vereinbaren lassenDas Bild findet sich ursprünglich bei Tertullian (Tertullian, de praescr. haer. 7,16 = Was hat Athen in der Tat mit Jerusalem zu tun?) und wird bei Augustinus (Buch VII der Confessiones) gegen Tertullian fortgeführt., zieht sich von Anfang an durch die jüdische Philosophie. Ist die Religion mit vernünftigen philosophischen Argumenten zu rechtfertigen oder besteht zwischen beiden eine unauflösbare Entgegensetzung?David Hartman in seiner Maimonides-Interpretaton: Thora and the Philosophic Quest, New York 1976, S. 7: „Once the outgrowths of Athens have taken root in the soil of Jerusalen both cities may not need to remain opposing spiritual poles. A new, spiritual synthesis with different categories may emerge. Man may remain fully within the way of Jerusalem and yet deeply appreciate and appropriate the way of Athens.” Das Bild Jerusalem versus Athen, das auch Jürgen Habermas verwendetJürgen Habermas: Israel und Athen oder: Wem gehört die anamnetische Vernunft?, in: Johann Baptist Metz et al., Diagnosen zur Zeit, Patmos, Düsseldorf 1994, S. 51–64 wurde ausdrücklich von Leo StraussLeo Strauss, “Jerusalem and Athens: Some Preliminary Reflections” (1967), in Leo Strauss: Studies in Platonic Political Philosophy, University of Chicago Press, Chicago, London 1983, S. 147–173 und von Leo SchestowLeo Schestow: Athen und Jerusalem - Versuch einer religiösen Philosophie, Schmidt-Dengler 1938, Nachdruck Matthes & Seitz 1994 verwendet.
„Die jüdische Philosophie ist seit der Antike ihrem Wesen nach Philosophie des Judentums, wenn sie auch im Mittelalter, das auf religiöser Grundlage Ansätze zu einer jüdischen Gesamtkultur erzeugt, zeitweise über ihr religiöses Zentrum hinausgreift. Ihre Selbständigkeit und Eigenart liegt ganz in dieser religiösen Richtung, mag sie nun das überkommene Gedankengut zur Begründung des religiösen Ideengehaltes des Judentums verwenden oder die Gegensätze wissenschaftlicher und religiöser Wahrheit auszugleichen suchen.“Guttmann, S. 10
Eindeutig ist die Zurechnung der Dialogphilosophie von Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Martin Buber und Hermann Levin Goldschmidt bis hin zu Emmanuel Levinas zur jüdischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Zu den klassischen Themen der jüdischen Philosophie zählt auch spätestens seit dem 19. Jahrhundert die Auseinandersetzung mit der sog. JudenfrageAufgeworfen hat das Thema der Rechtshegelianer Bruno Bauer: Die Judenfrage, Braunschweig 1843. 1844 antwortete Karl Marx: Zur Judenfrage, Deutsch-Französische Jahrbücher, S. 182–214; siehe auch Paul Tillich: Die Judenfrage, ein christliches und ein deutsches Problem: vier Vorträge, gehalten an der Deutschen Hochschule für Politik, Weiß, Berlin 1953 sowie Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage (1944/1946). in ders.: Überlegungen zur Judenfrage, Reinbek, Hamburg 1994, S. 9–91 und dem Antisemitismus, die nach dem Holocaust besonders virulent geworden ist. Hierhin gehört auch der Berliner Antisemitismusstreit von 1880, an dem sich Hermann Cohen intensiv beteiligte.Matthias Brosch: Rezension zu Krieger, Karsten (Hrsg.): Der „Berliner Antisemitismusstreit“ 1879–1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation. Eine kommentierte Quellenedition im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung. München: K.G. Saur 2003, in: H-Soz-Kult 14.04.2004 Inwieweit auch mystische Strömungen (Kabbala, Chassidismus, Chabad) und andere intellektuelle Positionen (z. B. Karäer) zu berücksichtigen sind, ist ebenso umstritten wie die Stellung anderer jüdischer Denker aus sozialwissenschaftlichen Fächern oder Denkern aus anderen Bereichen der Jüdischen Geisteswelt (Soziologen, Historiker, Philologen, Schriftsteller, Psychologen u. a.) und Vertreter der Wissenschaft des Judentums im Bereich der Philosophie.
Reiner Wimmer etwa bezeichnet die Philosophie von Hannah Arendt, Rosa Luxemburg, Simone Weil und Edith Stein als jüdisch, auch wenn diese ihre Positionen nicht aus der Tora heraus begründetenReiner Wimmer: Vier jüdische Philosophinnen. Rosa Luxemburg, Simone Weil, Edith Stein, Hannah Arendt, Reclam, Leipzig 1990: „Das überaus reiche Leben und Werk einer jeden Philosophin wird dann in jeweils drei Vorlesungen entfaltet. Wenn sich dabei herausstellt, dass der Gehalt ihres Denkens kaum explizite jüdische Quellen hat, so wurzelt die von diesen Frauen gelebte Einheit von Praxis und Reflexion, Intellektualität und Emotionalität, Selbstbewußtsein und Engagement doch wohl in einem Boden, den so nur jüdische Gemeinden und Gemeinschaften darboten, die sich mit geistiger Leidenschaft und leiblicher Solidarität durch die Jahrhunderte hindurch gegenüber einer fast permanent feindlichen Umwelt zu behaupten hatten.“, Vorwort S. 9, und diese Namen in Schriften zur jüdischen Philosophie nur selten genannt werden. Ähnliches gilt für die Autoren der Kritischen Theorie wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse oder Walter Benjamin sowie Seyla Benhabib und inwieweit deren Denken einen spezifisch jüdischen Charakter hat.Joachim Valentin, Saskia Wendel (Hrsg.): Jüdische Traditionen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, Primus in Herder 2000. Nicht genannt werden in diesem Zusammenhang Erich Fromm, Friedrich Pollock und Leo Löwenthal, obwohl auch diese Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung einen jüdischen Hintergrund haben. Bei ihnen bietet sich allerdings eher die Kategorie jüdische Denker an. Gershom Scholem nannte den Kreis um Max Horkheimer eine der „bemerkenswertesten jüdischen Sekten“, in: Von Berlin nach Jerusalem, Frankfurt 1994, S. 162 Am ehesten gilt dies noch für Benjamin, der zeit seines Lebens in enger Verbindung zu Gershom Sholem stand. Eher nicht als Vertreter der jüdischen Philosophie, sondern als eigenständige Philosophen genannt werden Henri Bergson (Lebensphilosophie) Ludwig Wittgenstein, Saul Kripke, Karl Popper, Martha Nussbaum, die zum Judentum konvertiert war und sich zum Reformjudentum bekenntBenjamin Balint: An Interview with Martha C. Nussbaum, in Sources, Spring 2022, sowie Martha Nussbaum: ‘I am a committed Jew whose membership in a Reform Jewish congregation is an important part of my life and my search for meaning.’ in: Liberty of Conscience: In Defence of America’s Tradition of Religious Equality, Basic Books, New York 2008, S. 9, oder Hilary Putnam, obwohl letzterer sich in seinem Spätwerk explizit mit der jüdischen Philosophie auseinandersetzte.Hilary Putnam: Jewish Philosophy as a Guide to Life, Indiana University Press 2008, siehe auch den biographischen Artikel von Alexander Hippmann: Hilary Putnam: Von der „Matrix“-Welt zur Religion auf science.ORF.at sowie Hilary Putnam: Philosophy as Dialogue, hrsg. von Mario De Caro und David Macarthur, Belknap Press 2022 Dies gilt auch für Edmund Husserl (1886 konvertiert zum Protestantismus), obwohl dieser in seiner Phänomenologie mit den Kategorien der Intersubjektivität und der Lebenswelt Aspekte des jüdischen Denkens in die Philosophie einbrachte. Fraglich ist auch, ob etwa Karl Löwith, der christlich getauft war, jedoch in der NS-Zeit als jüdisch verfolgt wurde, der jüdischen Philosophie zuzurechnen ist, auch wenn seine Habilitationsschrift „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ eine deutliche Nähe zu Martin Bubers Dialogphilosophie aufweist. Dagegen werden so unterschiedliche Denker wie Leo Strauß, Hans Jonas und Vilém Flusser in aller Regel als moderne Vertreter der jüdischen Philosophie betrachtet.
Geschichte und bedeutende Strömungen
Philon von Alexandria mini|Philo von Alexandria, künstlerisch dargestellt in einem Stich von André Thevet 1584.
Philon von Alexandria (20 v. Chr. bis 40 n. Chr.) war ein hellenistischer jüdischer Philosoph aus Alexandria, Ägypten. Philon bezog in seine Philosophie sowohl die Weisheit des antiken Griechenland als auch das Judentum mit ein, und er versuchte sie zu verschmelzen und zu harmonisieren durch die Kunst der Allegorie, wobei er bestehende jüdischen Exegese (Schriftauslegung) ebenso weiterentwickelte wie die der Stoiker.