mini|Schah Mohammad Reza Pahlavi, 1963 Die Weiße Revolution (persisch انقلاب سفید, Enghelāb-e Sefid), auch als „Revolution von Schah und Volk“ bezeichnet, war ein umfassendes Reformprogramm im Iran, das 1963 unter Schah Mohammad Reza Pahlavi initiiert wurde. Es umfasste zunächst sechs zentrale Maßnahmen, darunter eine Landreform, die Einführung des Frauenwahlrechts, Bildungsreformen sowie wirtschaftliche und infrastrukturelle Modernisierungsprojekte. Ziel der Reformen war es, die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Iran zu beschleunigen, traditionelle Machtstrukturen aufzubrechen und den Zugang zu Bildung, Gesundheit und wirtschaftlicher Teilhabe auszuweiten. In den folgenden Jahren wurde das Programm erweitert.

Im Bildungsbereich führten landesweite Alphabetisierungskampagnen, insbesondere durch das „Literacy Corps“, zu einem deutlichen Anstieg der Alphabetisierungsrate. Während diese Anfang der 1960er-Jahre bei etwa 20–30 % lag, erreichte sie laut Volkszählung von 1976 rund 47–50 %. Internationale Organisationen wie die UNESCO würdigten die Fortschritte im Bildungswesen, insbesondere den Ausbau von Schulen sowie die stärkere Einbindung ländlicher Regionen.

Ein zentraler Bestandteil der Reformen war die Verbesserung der Stellung der Frauen. Frauen erhielten 1963 das Wahlrecht sowie verbesserten Zugang zu Bildung und Erwerbstätigkeit. Mit dem Familienschutzgesetz (1967, erweitert 1975) wurden ihre Rechte im Familienrecht gestärkt, unter anderem in Fragen von Ehe, Scheidung und Sorgerecht.

Zur Verbesserung der medizinischen Versorgung, insbesondere in ländlichen Gebieten, wurde das „Health Corps“ eingerichtet. Dieses Programm entsandte medizinisch geschultes Personal in unterversorgte Regionen und trug zur Ausweitung der Basisgesundheitsversorgung bei.

Im wirtschaftlichen Bereich wurden Maßnahmen zur stärkeren Beteiligung von Arbeitnehmern am Unternehmenserfolg eingeführt, darunter Gewinnbeteiligungsmodelle und Programme zur breiteren Streuung von Unternehmensanteilen. Parallel dazu verzeichnete der Iran in den 1960er- und 1970er-Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum und eine beschleunigte Industrialisierung.

Die Reformen führten zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere durch die Auflösung traditioneller ? und die stärkere Integration ländlicher Bevölkerungsteile in staatliche Programme.

Vorgeschichte mini|Schah Mohammad Reza Pahlavi, Premierminister Amini und Landwirtschaftsminister Arsanjani bei der Verteilung von Landbesitzurkunden in Kermānschāh, 1961

Bereits 1943 hatte Schah Mohammad Reza Pahlavi fünf grundlegende Sozialrechte für alle Iraner in seiner Neujahrsansprache formuliert: das Recht auf ein angemessenes Minimum an Ernährung, auf Kleidung, auf Wohnung, auf Bildung und auf Gesundheitsversorgung.

1961 arbeiteten 75 % der Bevölkerung Irans in der Landwirtschaft.Mohammed Reza Pahlevi: Im Dienste meines Landes. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, o. J., S. 184. Eine Reform, die die wirtschaftliche Situation der iranischen Bevölkerung verbessern sollte, musste also im Agrarsektor begonnen werden. Als besondere Aufgabe galt eine Landreform, mit der die Eigentumsverhältnisse des agrarischen Grundbesitzes grundlegend verändert werden sollten.

Der erste Schritt der Landreform, eine Umverteilung des Landes von Großgrundbesitzern an kleinere Landarbeiter, wurde schon Ende der 1950er Jahre begonnen. Insbesondere der Schah vergab mehr als 500.000 Hektar Land an etwa 30.000 besitzlose Familien.Gérard de Villiers: Der Schah. Seite 460 Vor der Landreform befanden sich 70 % des anbaufähigen Bodens im Besitz einer kleinen Schicht von Großgrundbesitzern oder religiösen Stiftungen. Es gab noch kein amtliches Grundbuch. Landbesitz war über Besitzurkunden verbrieft, wobei in der Urkunde nicht eine bestimmte, vermessene Landfläche, sondern ein bestimmtes Dorf und das zu dem Dorf gehörende Land verbrieft war.

50 % der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Irans war vor der Bodenreform in der Hand von Großgrundbesitzern, 20 % gehörte karitativen oder religiösen Stiftungen, 10 % waren staatliches Eigentum oder Eigentum der Krone und nur 20 % gehörten freien Bauern. Vor Beginn der Landreform hatte man zudem 18.000 Dörfer erfasst, deren Land unter den in dem Dorf wohnenden Bauern aufgeteilt werden sollte.Farah Diba-Pahlavi: Erinnerungen. Bergisch-Gladbach, 2004, S. 135.

Der Schah hatte schon seit vielen Jahren von der Notwendigkeit einer Landreform gesprochen, aber der Widerstand der Geistlichkeit hatte ihn immer wieder veranlasst, die Reform aufzuschieben. Zum Ende der Regierungszeit von Premierminister Manutschehr Eghbal war vom damaligen Landwirtschaftsminister Dschamschid Amusegar dem Parlament ein Gesetz zur Landreform vorgelegt worden, das aber von den Vertretern der Großgrundbesitzer im Parlament so verwässert worden war, dass es trotz des am 6. Juni 1960 verabschiedeten ersten Gesetzes zur Landreform zu keiner grundlegenden Neuverteilung des Landbesitzes im Iran kam.

Am 11. November 1961 beauftragte der Schah Premierminister Ali Amini, Vorschläge zur Umsetzung des geplanten Reformprogramms auszuarbeiten. Am 14. November 1961 erklärte Amini, dass der Schah ihn mit Sondervollmachten zur Umsetzung des Reformprogramms ausgestattet hätte. Die Abgeordneten der Nationalen Front übten massive Kritik an Amini, so dass Amini am Ende die Anführer der Reformkritiker verhaften ließ.

Im Januar 1962 wies er seinen Landwirtschaftsminister Hassan Arsanjani an, das Gesetz zur Landreform aus dem Jahr 1960 zu überarbeiten. Großgrundbesitzern war von nun an nur noch das Eigentum an einem einzigen Dorf gestattet. Den Rest ihres Landbesitzes mussten sie an den Staat verkaufen, der es wiederum zu einem erheblich niedrigeren Preis an landlose Bauern abgeben sollte. Ferner räumte der Staat Bauern günstige Kredite ein, sofern sie sich zu landwirtschaftlichen Kooperativen zusammenschlossen.Kristen Blake: The U.S.-Soviet confrontation in Iran, 1945–1962. University Press of America, 2009, S. 155. Aufgrund der anhaltenden Protestaktionen gegen das Reformprogramm und wegen eines wachsenden Haushaltsdefizits trat Premierminister Amini am 18. Juli 1962 zurück. Amini wollte das Haushaltsdefizit durch eine Kürzung der Rüstungsausgaben erreichen, was politisch nicht durchzusetzen war.

Mit der Weißen Revolution wollte Mohammad Reza Schah die wirtschaftliche und soziale Reform Irans in einem koordinierten Reformvorhaben vorantreiben. Das Kabinett von Premierminister Asadollah Alam wurde nach dem Rücktritt Aminis beauftragt, die Reformen in entsprechende Gesetze zu fassen.

Im Januar 1963 wurde eine von Landwirtschaftsminister Arsanjani entworfene Ergänzung des Gesetzes zur Landreform verabschiedet. Es wollte dem noch aus der Kadscharenzeit bestehenden Feudalsystem Irans das endgültige Aus bereiten. Die Kritiker der Landreform aus den Reihen der Großgrundbesitzer beschuldigten Arsanjani, dass das Reformgesetz gegen die Verfassung, die Gesetze des Islam und die bestehenden Gesetze des Landes verstoße.Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 88.

mini|Frauen gehen zum ersten Mal zur Wahl, 1963

Es wurde deutlich, dass sich das Programm der Weißen Revolution und vor allem die Landreform gegen den Widerstand der Großgrundbesitzer und der Geistlichkeit nur würde durchsetzen lassen, wenn es von der breiten Mehrheit der Bevölkerung Irans getragen werden würde. Aus diesem Grund plante der Schah ein Referendum, in dem die iranischen Bürger darüber abstimmen sollten, ob sie die Reformvorhaben befürworten oder ablehnen würden.

Ruhollah Chomeini, Geistlicher und vermögender Grundbesitzer, sprach sich gegen das Referendum vom 26. Januar 1963 aus. Er brandmarkte dies als ein gegen Gott gerichtetes Vorhaben und rief alle Gläubigen auf, nicht an der Abstimmung teilzunehmen. Beim Referendum sprachen sich 5.598.711 Iraner dafür und 4.115 dagegen aus. Großajatollah Hossein Borudscherdi hatte sich ebenfalls gegen das Reformprogramm ausgesprochen, doch durch seinen Tod im März 1961 wurde seine gegen die Weiße Revolution gerichtete Fatwa ungültig.

Mohammad Reza Schah hatte vor der Volksabstimmung erklärt:

Ein weiterer wichtiger Punkt der Reformen war die Stärkung der Rechte der Frauen. Im Vorfeld des Referendums gab es Diskussionen, ob Frauen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Wahlrecht hatten, ebenfalls an der Abstimmung teilnehmen sollten. Um die Rechtmäßigkeit des Referendums nicht zu gefährden, einigte man sich darauf, dass Frauen ihre Stimme in von Männerstimmen getrennte Urnen werfen sollten, dass die Stimmen der Frauen getrennt ausgezählt, aber nicht dem rechtlich bindenden Abstimmungsergebnis hinzugerechnet werden sollten.

Am 27. Februar 1963 verabschiedete der Schah ein Dekret, mit dem die iranischen Frauen das allgemeine und freie Wahlrecht erlangten.Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009. S. 233.

Inhaltliche Zielsetzung mini|Schah Mohammad Reza Pahlavi bei der Übergabe von Landbesitzurkunden

Das 6-Punkte-Programm Die ursprünglichen 6 Punkte der Weißen Revolution umfassten:Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009. S. 231. Abschaffung des Feudalsystems und Verteilung des Ackerlandes von Großgrundbesitzern an Bauern Verstaatlichung aller Wälder und Weideflächen Privatisierung staatlicher Industrieunternehmen zur Finanzierung der Entschädigungszahlungen an die Großgrundbesitzer Gewinnbeteiligung für Arbeiter und Angestellte von Unternehmen Allgemeines aktives und passives Frauenwahlrecht Bekämpfung des Analphabetentums durch den Aufbau eines Hilfslehrerkorps (Armee des Wissens)

Die am meisten kontrovers diskutierten Punkte dieses Reformprogramms waren die Landreform und die Stärkung der Rechte der Frauen. In beiden Bereichen standen die Reformvorstellungen von Mohammad Reza Schah im Widerspruch zu den Vorstellungen der Geistlichkeit. In ihrer Gegnerschaft zur Landreform fanden die Geistlichen starke Verbündete bei den Großgrundbesitzern. Die Allianz gegen die Stärkung der Frauenrechte war weniger klar definiert. Dafür fanden sich breite Schichten der Bevölkerung, die ihre konservativen Vorstellungen von der Rolle der Frau in Ehe und Gesellschaft nicht aufgeben wollte. Die Geistlichkeit bildete das Sprachrohr der Konservativen und die Kaufleute des Basars finanzierten den Feldzug der Geistlichkeit gegen jede Veränderung.Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009. S. 237.

Armee des Wissens (Sepah-e Danesch) mini|Die Armee des Wissens bei einer Parade, Teheran, 1965

Im Oktober 1963 wurde vom Parlament ein Gesetz verabschiedet, mit dem das Erziehungsministerium und das Verteidigungsministerium beauftragt wurden, die Wehrpflichtigen, die das Gymnasium mit dem Abitur abgeschlossen hatten, zu Hilfslehrern, der Armee des Wissens (Sepah-e Danesch), auszubilden, um dem akuten Lehrermangel auf den Dörfern abzuhelfen. Junge Wehrpflichtige, sowohl junge Männer wie junge Frauen, konnten sich nach der Grundausbildung zu diesem Ersatzdienst melden und wurden dann nach einer vier Monate dauernden Weiterbildung in die entsprechenden Dorfschulen entsandt.Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009. S. 229. Wer vor der Ableistung seines Wehrdienstes ein Studium begonnen hatte, konnte dies zu Ende führen und war dann verpflichtet, seinen Wehrdienst bei der Armee des Wissens abzuleisten.