In Bolivien gibt es eine Vielzahl an Volkstänzen. Hier kann zwischen Tänzen der indigenen Bevölkerung, der europäischen Einwanderer (insbesondere Spanier), der afrikanischen Einwanderer und denen der Mestizen unterschieden werden.
Suri Sikuri mini|200px|Suri Sikuri in La Paz, Bolivien mini|200px|indigene Bolivianer beim Spiel der Siku Dieser Tanz entstand in den andinen Gemeinschaften der Aymara. Im Departamento La Paz und im Departamento Oruro wird er in den Provinzen des Altiplano bei Hochzeiten und Feiern zur Dachgleiche getanzt.
Die Wurzeln des Suri Sikuri liegen sehr weit zurück. Klar ist jedenfalls, dass er an die Jagd auf den Suri, in unseren Breiten besser als Nandu oder südamerikanischer Vogel Strauß bekannt, erinnert. Zuerst wurde der Suri mit den Klängen der Siku genannten Panflöten von den Sicuris, den Panflöten-Spielern, eingekreist und dann mit Hilfe der Liwi Liwis, einer Art Schleuder, zu Fall gebracht.
Doch der Suri war und ist nicht nur ein Jagdobjekt, sondern hat bis heute auch eine kultische Bedeutung. Im Tanz werden sowohl die Bewegungen als auch das Aussehen des Vogels nachempfunden: Die Tänzer tragen ein Gestell aus Nandu-Federn, das einen Durchmesser von bis zu 2 m erreicht. Außerdem tragen die Männer oft ein Brustschild, das früher aus Jaguarfell gefertigt wurde, eine schwarze Hose und einen weißen Halbrock.
Die ursprüngliche Form des Suri Sikuri wird auf diatonisch gestimmten Panflöten (Siku) mit 8 bis 16 Rohren gespielt. Dazu schlagen die Musiker große, flache Trommeln (Wanqaras). Im 20. Jahrhundert fand eine Weiterentwicklung des Suri Sikuri statt: einerseits zu den traditionellen Sikureadas de Veinta y Media, andererseits zu den populären, mit Blechblasinstrumenten (Bandas) begleiteten Suri Sicuris der Städte.
Kullawada Die Zünfte der Lama-Treiber (Qarwani) sind seit je ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Vielfalt der Anden. Schon in präkolumbischer Zeit beteiligten sich Männer und Frauen an der andinen Textilproduktion. Dabei war und ist die Textilindustrie nicht nur eine wichtige Einkommensquelle, sondern auch ein wichtiges Ausdrucksmittel der ethno-kulturellen Identität. Natürliche und abstrakte Elemente werden zu einer komplexen Symbolik verarbeitet, die zum Teil eine genaue Zuordnung einzelner Textilien zu bestimmten Regionen und Dörfern erlaubt.
Besonders für die Kollas aus den Anden hatte die Textilherstellung auch eine wichtige Bedeutung im sozialen Miteinander und in den Mythen der prähispanischen Bevölkerung. So wird der Ursprung der Kullawada mit der Sage der Verbannung des Ayllu Kyllawa (Ayllu = Dorfgemeinde) durch den Mallku Inti Willka in Verbindung gebracht.
Die Kullawada drückt diese Verquickung der wirtschaftlichen und sozialen Funktion innerhalb der andinen Textilindustrie aus. Das wichtigste Symbol dieses Tanzes, der vor allem für die Region um La Paz typisch ist, ist die Spindel, in der Indianersprache Aymara auch Kapu genannt, die jeder Tänzer mit der Hand schwingt.
Sowohl Frauen als auch Männer tragen reich bestickte Hüte mit perlenbesetzten Fransen. Die Männer verwenden schwere Münzgürtel und kurze, bestickte Ponchos, die mit runden Elementen verziert sind, die den alten Silberschmuck repräsentieren. Die Tänzerinnen tragen knielange Trachtenröcke, die Polleras, bestickte Bruststücke und spezielle Dreiecktücher, die Llijllas, die von den Schultern bis zur Taille herabreichen sowie einen Gürtel mit Münztaschen.
Carnaval Betanceño und Tinku Der Carnaval Betanceño stammt aus Betanzos, einer Kleinstadt in der Nähe von Potosí, der Hauptstadt des gleichnamigen Departamentos. Potosí liegt auf rund 4.000 m Seehöhe und gelangte vor allem durch den Cerro Rico, den Silberberg, zu großer Bekanntheit. Heute, nachdem das Silber großteils abgebaut ist, gehört die Region zu den ärmsten Gegenden des Landes. Etliche Dörfer sind nur zu Fuß zu erreichen und noch nicht an das Stromnetz angeschlossen. Auf der anderen Seite haben sich gerade durch diese Abgeschiedenheit viele der alten Riten und Bräuche erhalten.
Dazu gehört auch ein archaisches Fest, das „Tinku“ („Begegnung“ auf Quechua) genannt wird. Die Angehörigen der Macha, Pukwata, Chayanta und Sakava versammeln sich in auserwählten Dorfgemeinschaften, den Ayllus, jeweils ein paar Tage im Monat Mai. Es wird getanzt und musiziert, und vom Coca- und Alkoholkonsum zum Kampf stimuliert bewaffnen sich die Kontrahenten mit Lederhelmen, festen Handschuhen und Steinschleudern, um sich im Zweikampf mit Angehörigen der anderen Ayllus zu messen.
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Das Vergießen menschlichen Blutes ist dabei von elementarer symbolischer Bedeutung. Der Schlagabtausch ist jedoch strikten Regeln unterworfen, die streng kontrolliert werden. In dem Augenblick, in dem die Überlegenheit der anderen Seite zu deutlich wird und die andere zu vernichten droht, treten die Frauen des Ayllus gruppenweise vor die Männer und bringen den Kampf zum Erliegen. Trotzdem kommt es durchaus vor, dass Teilnehmer zu Tode kommen, was aber trotz aller Trauer um die Gefallenen als notwendig erachtet wird, gilt das vergossene Blut doch als Opfer für die „Pachamama“, die Mutter Erde. – Kann sie gütig gestimmt werden, dann wird das nächste Jahr ein gutes Erntejahr.
Auf Basis dieses Fests hat sich ein im ganzen Land beliebter und mitreißender Tanz entwickelt, woran Musikgruppen wie Los Kjarkas einen großen Anteil haben, die bei vielen Live-Auftritten Tänzer in entsprechender Tracht dabei haben. In diesen Präsentationen werden der Kampf und der Alkoholeinfluss nur angedeutet und die Freude am sich Austoben überwiegt deutlich. Die Frauen provozieren mit ausgiebigen Hüftschwüngen und schlenkernden Armen, die Männer mit einem Imponiergehabe, bestehend aus breiten tiefen Schritten und wilden Sprüngen. Viele Teilnehmer am Bolivianischen Karneval studieren alljährlich aufwändige Tinku-Choreografien ein.
Wie alle bolivianischen Tänze haben auch diejenigen aus Potosí ihre ganz spezielle, unverwechselbare Tracht: Die Kleidung der Frauen besteht aus der Almilla, einem langen, schwarzen und am Saum reich bestickten Kleid, einem Tragetuch (Aguayo), in dem von Lebensmitteln bis zu Kindern alles transportiert wird, und einem ebenfalls bunt mit floralen Motiven bestickten Schultertuch. Um durch ihre langen Zöpfe nicht beim Arbeiten gestört zu werden, binden sie diese mit den Tullmas, einem Haarschmuck, der regional sehr stark variiert, zusammen. Die noch ledigen Tänzerinnen schmücken ihre weißen Filzhüte aus Lamawolle mit bunten Federn, Schmuckbändern und Spiegeln. Als Chuspitas werden kleine handgewebte Taschen bezeichnet, die zum Aufbewahren von Coca-Blättern, aber auch als Geldbörse dienen. Die Chumpis, bunte Schals, dienen als Gürtel. Chullos, die auch in Deutschland in letzter Zeit sehr beliebt gewordenen „Zipfelmützen“, werden in Bolivien nur von Männern getragen und sind nicht nur Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sondern symbolisieren auch das Ansehen innerhalb der Dorfgemeinde. Anhand des Chullos kann auch die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Volksgruppe bzw. einer Dorfgemeinschaft abgelesen werden. Die Tänzer verwenden schwarze oder weiße Hosen und meist bunte, stark bestickte und verzierte Jacken. Früher waren die Ojotas genannten Sandalen aus gegerbtem Kuhleder, heute werden sie oft auch aus einem alten Autoreifen hergestellt. Für den Tinku verwenden die Männer spezielle Helme, Monteras genannt. Die Form der aus Rindsleder gefertigten und mit Federn geschmückten Monteras erinnert an die Helme der spanischen Eroberer.
Huayño
Der Huayno, auch Huayño oder Wayno genannt, ist weithin als einer der repräsentativsten Tänze der Anden bekannt. Er kombiniert prähispanische Elemente der Quechua und Aymara-Indianer mit den Einflüssen der westlichen Welt. Während die Historiker damit spekulieren, dass es sich ursprünglich um einen Tanz für Trauerfeierlichkeiten der Inkas gehandelt haben könnte, ist der Huayño heute ein absoluter Festtanz.
Huayños werden mit Flöten, Panflöten, Trommeln, Charango und Gitarre gespielt. Es sind jedoch unzählige regionale Varianten entstanden, die auch Trompeten, Saxofon und Akkordeon als Musikinstrumente erlauben. Die musikalische Struktur geht von einer pentatonischen Skala und einem binären 2/4-Rhythmus aus. Auf dieser Basis entstanden von den Huayño-Versionen bis hin zum Rock Andino etliche musikalische Gattungen.
Morenada Die Morenada, einer der populärsten Tänze Boliviens, zeichnet sich nicht nur durch den Reichtum der Kostüme aus. Dieser Tanz entstand während der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit von Spanien (1825). Der Tanz wird angeführt durch den Rey Moreno (schwarzer König).
mini|Morenada-Tänzerin mini|Morenada-Tänzer
In der Kolonialzeit mussten Indianer und Schwarze in den Silberbergwerken von Potosí unter unmenschlichen Bedingungen als Sklaven arbeiten. Man schätzt, dass während der 250-jährigen Zwangsarbeit in den Silberminen mehr als acht Millionen Indios umkamen. Als nicht mehr genügend Indianer aufgetrieben werden konnten, wurden Sklaven aus Angola, Guinea und aus dem Kongogebiet in die spanische Kolonie verschleppt. Dort trieb man sie, aneinandergekettet in Gruppen zu zehn Mann, zu den Silberminen Potosís, wo sie die indianischen Zwangsarbeiter ersetzen sollten. Die Schwarzen konnten sich jedoch nicht an das Klima der Hochebene gewöhnen und endeten schließlich als Plantagenarbeiter in den Tälern der Yungas, wo sie vor allem auf den Coca-Feldern arbeiteten.
Später, als das Schreckensregiment vorbei war, schufen die Indios aus den Überlieferungen ihrer Vorfahren einen Tanz, den sie Morenada nannten. Das reich bestickte Kostüm der Morenos, der Schwarzen, die im Mittelpunkt der Morenada stehen, wird unterschiedlich interpretiert: Es könnte einerseits den Reichtum des Herrn, andererseits aber auch den hohen Preis, den dieser für seinen Sklaven bezahlt hat, symbolisieren.
Das klassische Rasseln der Matracas, einer Art Ratsche, erinnert auch an die langen Märsche, die die Schwarzen begleitet vom Rasseln ihrer Ketten und dem Quietschen der Kutschen bis nach Charcas, Potosí und die Yungas zurücklegen mussten.
Die Morenada wurde von der indianischen Bevölkerung und den Mestizen geschaffen, nicht von den schwarzen Sklaven selbst. Wann und wo das passiert ist, lässt sich aber noch immer nicht mit Bestimmtheit sagen.
Einer Hypothese zufolge geht sie auf einen Aufstand der Weinarbeiter gegen den Caporal, den ebenfalls schwarzen Sklaventreiber, zurück: Eine junge Schwarze lenkte den Caporal durch ihre Schönheit ab und machte ihn betrunken. Dort ließ man ihn dann Trauben stampfen und verwandelte so den Hass in einen fröhlichen Tanz voller Ironie gegen die Machthaber. Allerdings wird in den Yungas kein Wein angebaut.
Carnaval Vallegrandino Das subtropische Klima des Valle Grande (Talregion um die Stadt Cochabamba) spiegelt sich in der fröhlichen Lebensart, in Musik und Tanz der großteils kreolischen Bevölkerung wider. – Die kreolische Folklore Boliviens hat einen stärker von spanischen Einflüssen dominierten Charakter und die ironisch-koketten G’stanzeln, die sich Männer und Frauen beim Karneval zusingen, finden auch im Tanz ihre Entsprechung.
Pujllay: Der Karneval der Yamparas Beim Pujllay handelt es sich um Fest, das jedes Jahr im März in Tarabuco gefeiert wird und zeitlich sowohl mit dem prähispanischen „Jatun Pokoy“-Fest als auch mit „Pauker Waray“ zum Andenken des Sieges der Yamparas über die spanischen Truppen am 12. März 1816 zusammenfällt. Im Tanz zeigen die Männer nicht nur teils martialische Schrittfolgen, sondern – ebenso wie die Frauen – auch sehr außergewöhnliche Trachten.