Die Geschichte Mauretaniens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Islamischen Republik Mauretanien von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die Islamische Republik Mauretanien ist eine ehemalige französische Kolonie in Westafrika, am Atlantik gelegen. Sie grenzt an die Staaten Algerien, Mali und Senegal sowie an das Territorium der Westsahara (Demokratische Arabische Republik Sahara). Mauretanien liegt am Westrand der Sahara und wird von ursprünglich nomadisch lebenden Mauren, einem Mischvolk aus Arabern, Berbern und assimilierten schwarzen Westafrikanern, bewohnt.
Die zeitgenössischen Beobachter Mauretaniens haben das Land oft als Brücke zwischen Nord- und Westafrika beschrieben. In der Tat haben auch verschiedene Gruppen in Mauretanien starke kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen mit ihren Nachbarn in den beiden Regionen (Maghreb und CEDEAO – Communauté Économique des États de l'Afrique de l'Ouest) aufrechterhalten, mit denen sie die meiste Zeit über in direktem Kontakt standen.
Obwohl das Land als geographische Transportbrücke für den Gold-, Salz- und Sklavenhandel zwischen den nördlichen und südlichen Grenzen der Sahara diente, markierte es ebenfalls die kulturelle Grenze zwischen den sesshaften Landwirten des subsaharischen Afrika und den arabisch-berberischen Nomaden des Maghrebs.
Durch die gesamte Geschichte Mauretaniens war die Wechselbeziehung zwischen den beiden Kulturen voller politischer und sozialer Konflikte, was die mauretanische Politik in der Vergangenheit immer wieder beeinträchtigte. Der Islam, zu dem sich die Gesamtheit der Bevölkerung bekennt, stellt eine Verbindung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsteilen dar.
Die Urbevölkerung mini|Altpaläolithische Steinwerkzeuge, die sich heute im Naturgeschichtlichen Museum von Mailand befinden
Die Sahara war nicht immer eine Wüste. Es haben sich im Laufe der Zeit Trockenheits- und Feuchtigkeitsperioden abgewechselt. So wurden im Massif des Richât östlich von Ouadane einige Oldowan-Fundstätten beschrieben.Robert Vernet, Baouba ould Mohamed Naffé: Dictionnaire Archéologique de la Mauritanie. Université de Nouakchott, Nouakchott 2003. Sie lagen am Ufer von Paläoseen, wie El Beyedh oder Guelb Er Richât. Die wichtigsten Fundstätten sind Wadi Akerdeil und Aftassa-Amzeili südöstlich von Zouerate.
mini|Henri Lhote neben mauretanischen Petroglyphen, 1967 mini|John Desmond Clark an derselben Stelle, 1967
Eine Bevölkerung von Fischern, Jägern und Bauern stellten die Bafur dar, deren Nachkommen die Küstenfischer von Imraguen sein könnten. Die Tallandwirte, die die schwarzen Urahnen der Tukulörs und der Wolof sind, haben neben den Bafur gelebt. Klimaänderungen und vielleicht bloßgelegte Weiden trugen zu einem progressiven Trocknen der Sahara und dadurch zur Wanderung Richtung Süden bei. Für die Zeit zwischen 2500 bzw. 2200 und 1500 v. Chr. lässt sich ein zunehmender Sandeintrag nachweisen.Jean-Paul Barusseau, Raphaël Certain, Robert Vernet, Jean-François Saliège: Morphosedimentological record and human settlements as indicators of West-African Late Holocene climate variations in the littoral zone of the Iwik peninsula (Banc d’Arguin – Mauritania), in: Bulletin de la Société Géologique de France 180 (2009) 449–456.
Trotz der ungünstigen Klimaentwicklung müssten die ersten Migrationswellen in die Westsahara aus dem Norden noch im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. stattgefunden haben. Die neuen Migranten waren nomadische Berber. Man weiß noch nicht genau, welche Gründe sie dorthin trieben: vielleicht, um Feinden zu entkommen oder einfach um neue Weiden zu suchen. Gesichert ist, dass sie Pferde zum Reiten nutzten und das Schmieden von Eisen kannten, was ihnen einen deutlichen Vorteil gegenüber den letzten Vertretern der neolithischen Bevölkerung verschaffte.
Allerdings wären sie wahrscheinlich nicht in der Sahara geblieben, die in dieser Zeit allmählich zur Sandwüste wurde, wenn sie nicht das Glück gehabt hätten, das einzige Tier zu finden, das im Stande war, das Überleben des Menschen in dieser Klimazone zu gewährleisten: das Kamel, das aus dem Osten kommend um das 1. Jahrhundert v. Chr. in Mauretanien ankam. Die Einführung des Kamels gab den Berbern die Möglichkeit kriegerischer Aktivitäten und des Handels. Diese erste Welle der Aggressoren hat die Bafour besiegt und diejenigen, die sich nicht nach Süden retten konnten, zu Untertanen erklärt.
Sanhadscha-Bund (3. bis 10. Jahrhundert) miniatur|Karawane
Der Charakter der heutigen Bevölkerung spiegelt die Wellen der Einwanderungen aus dem Norden Richtung Mauretanien wider, die im 3. Jahrhundert n. Chr. begannen, als die ersten Berber einzogen (erste Einwanderungswelle). Die einheimischen Völker wurden nach weiteren berberischen Einwanderungswellen im 7. und 8. Jahrhundert, der Zeit der Ankunft des Islam in Nordafrika, besiegt und wurden entweder unterworfen oder sind in Richtung Süden weiter gezogen oder geflüchtet.
Die Stämme, die zu dieser Zeit am Gurt der Westsahara lebten, stammen von den zwei berberischen Hauptvölkern aus Nordwestafrika ab: Zanata und Sanhadscha. Die Ersteren, ursprünglich Nomaden, hatten sich etwa im 9. Jahrhundert als Herren der Oasen und der Handelszentren der Nordteile der Wüste etabliert. Im Süden mitten in der Wüste waren die nomadischen Hauptstämme angesiedelt, die Kamelzucht trieben, Sanhadscha.
Eine der im 8. Jahrhundert in Mauretanien angekommenen sanhadschischen Gruppen waren die Lamtuna. Im 9. Jahrhundert hatten die Lamtuna die politische Dominanz in den Regionen Adrar und Hodh El Gharbi an sich gerissen. Mit zwei anderen wichtigen sanhadschischen Stämmen, den Masufa und den Dschodala, gründeten sie den Bund von Sanhādscha, um die Kontrolle über die Handelswege der Sahara zu gewinnen. Aus ihrer Hauptstadt Aoudaghoust aus kontrollierten die Lamtuna diesen losen Bund und die westlichen Wüstenrouten des Karawanenhandels, der nach der Einführung des Kamels in diesen Regionen gerade aufzublühen begann. Zu seinem Höhepunkt zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert betrieb der Bund von Sanhadscha eine dezentralisierte Politik, basierend auf zwei verschiedenen Gruppen:
den städtischen muslimischen Händlern, die Karawanenhandel betrieben und den sehr unabhängigen Nomaden, die ihre traditionellen Religionen weiterhin bewahrten.
Der von den Sanhadscha-Händlern betriebene Karawanenhandel verband die Handelsstadt Sidschilmasa im nördlich gelegenen Maghreb und Koumbi Saleh, Hauptstadt des Reichs von Ghana, im Süden. Später endete die Handelsstrecke im Süden bei Timbuktu, der Hauptstadt des Mali-Reiches. Gold, Elfenbein und Sklaven wurden nach Norden transportiert und gegen Salz (die alten Salzminen in der Nähe von Kediet Ijill im Norden Mauretaniens werden heute noch betrieben), Kupfer, Kleiderstoff und andere Luxuswaren ausgetauscht.
Entlang der Handelsstrecken entstanden wichtige Städte. Die einfachste, aber nicht die kürzeste Strecke zwischen Ghana und Sidschilmasa führte von Koumbi Saleh über Aoudaghoust, Oualata, Tichitt und Ouadane. Diese Städte entlang der Strecke wurden zu wichtigen Handels- und Machtzentren. Der arabische Chronist al-Bakri beschrieb Aoudaghoust im 11. Jahrhundert als große Stadt mit einer Bevölkerung von 5000 bis 6000 Menschen, einer großen und vielen kleineren Moscheen sowie großen, künstlich bewässerten Feldern in der Umgebung.
Almoraviden und westafrikanische Reiche (11. bis 14. Jahrhundert) Im 11. Jahrhundert und nach der Auflösung des Sanhadscha-Bundes begann für das Land eine Periode der Unruhe. Verschiedene Berbergruppen des früheren Sanhadscha-Bundes bekriegten sich untereinander. Eine kleine Gruppe von Sanhadscha, die Almoraviden, gründeten ein religiöses Zentrum, von dem aus sie islamische Reformlehren predigten und ein islamisches Reich errichteten. Im Jahre 1090 reichte die Herrschaft der Almoraviden von Spanien bis in den Senegal. Nach weniger als vierzig Jahren kam die Expansion der Almoraviden jedoch zum Stillstand, bedingt durch die Schwierigkeiten, die sich aus der Verwaltung des mittlerweile stark angewachsenen Reiches ergaben. Gleichzeitig hatten sich ihre Feinde im Norden und im Süden weiterentwickelt.
Die westafrikanischen Königreiche Ghana, Mali und Songhai dehnten im Laufe der sechs folgenden Jahrhunderte ihre Territorien aus und übernahmen die berberischen Festungen. Dieser Prozess wird heute als zweite Einwanderungswelle bezeichnet.
Arabische Invasion (14. bis 18. Jahrhundert) Eine dritte Einwanderungswelle, dieses Mal von Norden her, stellte die arabische Immigration verschiedener Gruppen aus dem Jemen dar, die Berber und Afrikaner gleichermaßen Richtung Süden verdrängten. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kontrollierte eine dieser arabischen Gruppen, die Banī Hassān, das gesamte Territorium des heutigen Mauretaniens.
Die heutige Sozialstruktur Mauretaniens ist auf die Situation im ausgehenden 17. Jahrhundert zurückzuführen, als die Banī Hassān die religiösen arabisch-berberischen Gruppen, die Zwāya, besiegten, die die Araber mit militärischen Mitteln vertreiben wollten (Char-Bouba-Krieg). Die kriegerischen arabischen Gruppen behaupteten ihre Herrschaft über die Berber, die sich zum größten Teil der Ulama zuwandten und sich den Arabern unterordneten. Ganz unten in der sozialen Hierarchie standen die schwarzen Sklaven. Alle drei Gruppen sprachen Hassānīja, einen arabischen Dialekt, und bildeten die sogenannten Mauren. In dieser Zeit lebten die meisten Schwarzafrikaner im Becken des Senegalflusses.
Ursachen der Flucht Obwohl die arabischen Invasionen in Nordafrika fast ausschließlich der islamischen Eroberung zugeschrieben wurden, hatte die Verschlechterung der ökologischen Zustände in Arabien entscheidende Auswirkungen auf den Zeitpunkt und der Anzahl der Zuwanderer, die auf der Suche nach Weideland Arabien verließen. Die klimatische Ähnlichkeit Arabiens und Nordafrikas machte Nordafrika zum Idealziel der emigrierenden Völker. So wurden nach dem tragischen Einsturz des Staudammes von Marib nahe Sanaa im Jemen im Jahre 570 einige hundert arabische Stämme gezwungen, ihr Heimatland in Richtung Nord- und Ostafrika zu verlassen. Diese Migrationsbewegung ereignete sich 40 Jahre vor der Entstehung des Islams. Die Bedeutung ökologischer Veränderungen zeigt sich in den Emigrationsprozessen des 11. Jahrhunderts wieder, als eine schwere Dürre viele Araber veranlasste, ihre Heimat zu verlassen. Der bekanntesten der damals emigrierenden Stämme waren die ursprünglich aus dem Hedschas und Nadschd stammenden Banu Hilal, die drei Jahrhunderte zuvor in Nordafrika eingedrungen waren. Von dort erreichten sie im 14. Jahrhundert Nordmauretanien.
Folgen der Einwanderung Ibn Chaldūn berichtete, dass die Banu Hilal während ihres Eindringens in Nordafrika nach Westen gezogen seien und zerstört, gemordet und geraubt hätten.
Seit der arabischen Eroberung des „fernen Maghreb“ (Al-maghrib al-aqsa) im 8. Jahrhundert, erlebte Mauretanien eine langsame, aber kontinuierliche Zuwanderung von Arabern und einen allmählich zunehmenden arabischen Einflusses im Norden. Die wachsende Präsenz der Araber veranlasste die Berber, die es vorzogen, sich nicht mit anderen Gruppen zu vermischen, zum Ausweichen nach Süden, wo sie die einheimische schwarze Bevölkerung unterwarfen. Im 16. Jahrhundert wurde die Mehrzahl der Schwarzen bis zum Senegal-Fluss abgedrängt, eine Minderheit wurde versklavt und gezwungen, die Oasen zu bewirtschaften.
Die Arabisierung Mauretaniens Nach dem Niedergang der Almoraviden begann die allmähliche Arabisierung Mauretaniens, die bis dahin von den Berbern unterbunden worden war.