Als Hauptschule wird in Deutschland eine allgemeinbildende Schulform der mittleren Bildung bezeichnet, also auf dem Level 2 nach ISCED-Klassifikation der UNESCO. In Deutschland hat sich die Zahl der Hauptschulen von 2008 bis 2018 auf 2.600 halbiert. In vielen Bundesländern ist die Hauptschule als eigenständige Schulform abgeschafft oder, im Falle der neuen Bundesländer, gar nicht erst errichtet worden. In Österreich gibt es diese Bezeichnung nicht mehr: Dort wurden seit dem Schuljahr 2008 Hauptschulen zunächst schrittweise zu sogenannten Neuen Mittelschulen umgewandelt und zum Schuljahr 2020/21 schließlich in Mittelschulen umbenannt.
Deutschland Die Hauptschule ist eine weiterführende Schule und ein Bildungsgang im gegliederten Schulsystem Deutschlands, der „Schülerinnen und Schülern eine grundlegende allgemeine Bildung“KMK-Vereinbarung über Schularten und Bildungsgänge, 2006 (PDF) vermittelt.
600px|Bildungsgänge im deutschen Bildungssystem
Definition Die Hauptschule ist in der Bundesrepublik Deutschland eine allgemeinbildende weiterführende Schule im Rahmen des gegliederten Schulsystems, die in den 1960er Jahren aus der 8-jährigen Volksschule hervorgegangen ist. Sie umfasst in der Regel die Klassenstufen 5 bis 9 bzw. 10 im Bereich der Sekundarstufe I und wird mit dem Hauptschulabschluss (Berufsschulreife) abgeschlossen. Sie existiert noch in sechs Bundesländern als eigenständige Schulform. In manchen dieser Länder gilt sie als Regelschule, muss somit von den Schulträgern obligatorisch angeboten werden und ist zugleich Pflichtschule, „weil alle schulpflichtigen Schüler, die keine andere […] Vollzeitschule besuchen, zum Besuch der Hauptschule verpflichtet sind“.Handbuch Hauptschulbildungsgang. 1998, ISBN 3-7815-0947-8, S. 9 Laut Statistischem Bundesamt gab es im Schuljahr 2015/16 in Deutschland 3.946 Hauptschulen mit 567.174 Schülern (Schuljahr 2004/2005 in Deutschland 5.195 Hauptschulen mit 1,08 Millionen Schülern). Im Schuljahr 2024/25 gab es 749 Hauptschulen mit einer Schülerzahl von rund 132.000.
Bildungsauftrag und allgemeine Organisation Der Unterricht der Hauptschule zielt auf die Berufsreife der Schüler, er ist sehr stark praxisbezogen, handlungs- und methodenorientiert, ohne aber auf Wissenschaftsorientierung zu verzichten. Der Lehrplan entspricht grundsätzlich dem der anderen Schulformen. Jedoch wird das Fach Arbeitslehre verstärkt unterrichtet und ist in einigen Bundesländern anstelle der ersten Fremdsprache, in der Regel Englisch, Hauptfach.
Neben der Vermittlung von schulfachlichen Inhalten soll den Jugendlichen insbesondere das Problem der Berufsorientierung in ihrer inhaltlichen Spannbreite als lebenslanger Handlungs- und Entscheidungsprozess vermittelt werden. Im Mittelpunkt steht hierbei das Thema „Berufswahlvorbereitung“, das sich aufgrund seiner Komplexität nicht in die Fachstruktur nur eines Unterrichtsfaches einordnen lässt und daher in verschiedenen Fächern bearbeitet wird. Außerschulische berufsbezogene Erfahrungen sammeln die Schüler durch den Besuch regionaler Berufsmessen oder des Berufsinformationszentrums (BIZ) der Bundesagentur für Arbeit sowie durch Betriebserkundungen und mehrwöchige Betriebspraktika.
In der Regel wird nach erfolgreichem Besuch der 9. Klasse der Hauptschulabschluss vergeben. Dieser berechtigt zum Beginn einer beruflichen Ausbildung im Rahmen des dualen Ausbildungssystems.
Um der vielstimmigen Forderung nach der Vergleichbarkeit von Abschlüssen Rechnung zu tragen, verlangen einige Bundesländer (zum Beispiel Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen) mittlerweile verpflichtend eine an den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) orientierte schriftliche Hauptschulabschlussprüfung in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache sowie eine (teils verpflichtende, teils auf Freiwilligkeit basierende) ergänzende Projektprüfung.
Bundesländerspezifische Schwerpunkte Bayern In Bayern gerieten seit der Einführung der sechsstufigen Realschule (sukzessive ab 1999) die Hauptschulen durch Schülermangel zunehmend unter Druck. Besonders in bevölkerungsarmen Regionen mussten zunehmend wohnortnahe Teilhauptschulen geschlossen werden – die Schüler wurden in zentralen Hauptschulen zusammengefasst und dort unterrichtet.
Die Hauptschule bot in Bayern nach der 9. Klasse zwei Schulabschlüsse an: den Hauptschulabschluss und den Qualifizierenden Hauptschulabschluss. Nach Erreichen des Klassenziels in der 9. Klasse der Hauptschule wurde der Hauptschulabschluss vergeben. Nach Bestehen einer Zusatzprüfung, des sogenannten Quali, erhielten die Schüler den Qualifizierenden Hauptschulabschluss.
Um die Chancen für schwächere Schüler auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, wurden spezielle Praxisklassen (sogenannte P-Klassen) für lernschwache Schüler eingerichtet. Für Hauptschüler, die ihrer Begabung zufolge auch eine Realschule besuchen könnten, existieren M-Klassen, in denen das Erreichen des mittleren Bildungsabschlusses (mittlere Reife) nach einem zusätzlichen 10. Schuljahr in der Hauptschule ermöglicht wurde.
Als Weiterentwicklung der Hauptschule wurde zu Beginn des Schuljahres 2010/11 die Mittelschule eingeführt. Die Bezeichnung erhielten Hauptschulen, die allein oder gemeinsam in einem Schulverbund ein Bildungsangebot vermitteln, das regelmäßig die drei Zweige der Berufsorientierung (Technik, Wirtschaft, Soziales) und ein Ganztagsangebot umfasst sowie zum mittleren Schulabschluss führt. Mittelschulen sollen ausgestaltete Kooperationen mit einer beruflichen Schule, der regionalen Wirtschaft und der Arbeitsverwaltung pflegen.Festgelegt in Art. 7 Abs. 9 des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG). Diese Weiterentwicklung ist abgeschlossen: im Schulverzeichnis des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus ist die Hauptschule bereits nicht mehr aufgeführt.Das bayerische Schulsystem, abgerufen am 11. Juli 2013
Berlin Im Land Berlin wurde im Jahr 2010 die Hauptschule zusammen mit der Realschule und der Gesamtschule in der Integrierten Sekundarschule zusammengefasst. Somit gibt es jetzt in Berlin nur noch zwei Schulformen – die Integrierte Sekundarschule und das Gymnasium.
Hessen mini|Hessisches Hauptschulgebäude in Beselich-Obertiefenbach Hauptschulen gibt es in Hessen fast nur noch in den Großstädten. Auf dem Land wurden die Hauptschulen wegen Schülermangels sukzessive abgebaut oder durch Gesamtschulen mit Hauptschulzweig ersetzt.
Den Hauptschulabschluss gibt es in Form des einfachen und des qualifizierenden Hauptschulabschlusses.
Schüler der Hauptschule müssen in der Klasse 9 an Abschlussprüfungen teilnehmen. Das Abschlussverfahren zum Ende der Hauptschulzeit besteht aus einer Projektprüfung und schriftlichen Prüfungen in Deutsch, Mathematik und gegebenenfalls Englisch. Der Hauptschulabschluss wird zuerkannt, wenn die Gesamtleistung 4,4 oder besser ist. Gute Leistungen werden durch die Erteilung eines qualifizierenden Hauptschulabschlusses deutlich gemacht (Gesamtleistung 3,0 und besser).
Die Hauptschule endet nach dem 9. Schuljahr. Einige Hauptschulen bieten optional ein 10. Schuljahr an, mit dessen Besuch die mittlere Reife erworben werden kann.
Niedersachsen An niedersächsischen Hauptschulen werden die Abschlüsse nach den Klassen 9 und 10 nur nach erfolgreicher Teilnahme an einer zentralen (das heißt landesweiten) Abschlussprüfung vergeben. Unter dieser Maßgabe kann am Ende der 9. Klasse der Hauptschulabschluss erworben werden. Hauptschulabsolventen des 9. Jahrgangs können dann freiwillig in die 10. Klasse der Hauptschule wechseln und am Ende des 10. Schuljahrgangs folgende Abschlüsse erwerben: Sekundarabschluss I – Hauptschulabschluss Sekundarabschluss I – Realschulabschluss sowie Erweiterter Sekundarabschluss I, der unter anderem zum Eintritt in die Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe (11. bzw. 10. Schuljahrgang) bzw. zum Besuch eines Fachgymnasiums berechtigt.
Im Jahr 2004 startete an Niedersachsens Hauptschulen in der Mittelstufe ein Modellversuch mit dem Anliegen, Jugendliche über einen schuljahrbegleitenden Praktikumstag mit der Arbeits- und Berufswelt vertraut zu machen. An einem Unterrichtstag pro Woche gibt es für Schüler des 8. Jahrgangs seitdem einen „Praxistag“, an dem sie einen Betrieb in der Umgebung der Schule besuchen und sich so für das Berufsleben qualifizieren können. 2005 wurde dieser Praxistag in „Betriebstag“ umbenannt.
Nordrhein-Westfalen In Nordrhein-Westfalen gibt es eine zehnjährige Vollzeitschulpflicht. Die Hauptschüler besuchen nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses nach der Klasse 9 die 10. Klasse der Hauptschule. Nordrhein-Westfalen vergibt nach der Klasse 10 zwei Abschlüsse: den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 und den mittleren Schulabschluss (Fachoberschulreife). Mit letzterem kann die Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe erlangt werden. Für die Eingruppierung in die Klasse 10 sind die Zeugnisnoten in Klasse 9 entscheidend, gegebenenfalls ist auch ein Wechsel in den berufsbildenden Bereich wie die Vorklasse zum Berufsgrundschuljahr oder Ähnliches möglich.
Rheinland-Pfalz Rheinland-Pfalz hat den berufsqualifizierenden Bereich der Sekundarstufe I seit 1992 schrittweise erweitert. Mit der Regionalen Schule und der Dualen Oberschule wurden neben die Hauptschule zwei Schularten gestellt, die den herkömmlichen Haupt- und Realschulbildungsgang integrieren und Schülern des Hauptschulprofils nach dem Prinzip der internen Durchlässigkeit das Erreichen des mittleren Bildungsabschlusses ermöglichen. Die Hauptschule wurde im Jahr 2014 abgeschafft. Der Hauptschulbildungsgang wurde vollständig in die sogenannte „Realschule plus“ integriert.
Saarland Im Saarland wurden die Hauptschule zunächst Mitte der 1990er mit der Realschule zur Erweiterten Realschulen zusammengeführt. In dieser Schulform wurden die Schüler in den Klassen 5 und 6 gemeinsam unterrichtet und ab der 7. Klasse in verschiedene Zweige aufgeteilt (Haupt- bzw. Realschulzweig). Seit dem Schuljahr 2012/2013 wurden die Erweiterten Realschulen ebenfalls abgeschafft und durch die Gemeinschaftsschule ersetzt, die binnendifferenziert unter anderem auch zum Hauptschulabschluss führt.
Übrige Bundesländer In etlichen Bundesländern ist die Hauptschule als eigenständige Schulform entweder abgeschafft oder, wie im Fall der neuen Bundesländer, gar nicht erst errichtet worden. Sie existiert jedoch weiterhin in Form eines teilintegrierten Bildungsganges, das heißt, dass die Bundesländer durch ihr Schulsystem sicherstellen müssen, dass der Hauptschulabschluss erworben werden kann.
Die Zahl der Hauptschulen hat sich seit 2005 mehr als halbiert. Vier von zehn Hauptschulen wurden in den vergangenen zehn Jahren geschlossen. Sind 1975 2,5 Millionen Kinder auf die Hauptschule gegangen, waren es 2005 noch eine Million. Die Zahl ihrer Schüler ist zum Jahr 2018 auf bundesweit 390.000 weiter gesunken.
Thüringen hat mit der Einführung der Regelschule, Sachsen mit der Errichtung der Mittelschule, Mecklenburg-Vorpommern mit der Einrichtung Regionaler Schulen sowie Sachsen-Anhalt und Bremen mit der Zusammenlegung des Haupt- und Realschulbildungsganges in sogenannten Sekundarschulen jeweils eine eigene Schulform geschaffen.
Hamburg hat zum Jahr 2009 die Haupt- und Realschulen als eigenständige Schulform abgeschafft. In den neu geschaffenen Stadtteilschulen kann der Hauptschulabschluss als integrierter Bildungsgang erworben werden. Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen hatte die Bürgerschaft am 9. Juli 2008 einstimmig beschlossen.Norddeutscher Rundfunk: , 9. Juli 2008
2007 hat auch Schleswig-Holstein beschlossen, die Hauptschule abzuschaffen. In Schleswig-Holstein entstanden bis zum Schuljahr 2010/11 flächendeckend Gemeinschaftsschulen und Regionalschulen. Mittlerweile werden alle Regionalschulen zu Gemeinschaftsschulen. Die Schülerinnen und Schüler werden im Klassenverband binnendifferenziert beschult.Financial Times Deutschland: , 25. Januar 2007