Als demografischer Wandel in Deutschland werden zusammenfassend verschiedene Veränderungen und Tendenzen der Bevölkerungsentwicklung bezeichnet. Der Begriff wird häufig deckungsgleich mit dem Begriff des demografischen Übergangs verwendet.

Die Veränderungen betreffen die Altersstruktur der Bevölkerung, das quantitative Verhältnis von Männern und Frauen, die Anteile von Menschen mit und ohne Staatsbürgerschaft sowie Eingebürgerten in der Bevölkerung, die Entwicklung der Geburten- und Sterbezahlen, Zuzüge und Fortzüge.

Die Auswirkungen auf die einzelnen Bundesländer und auf die Kommunen sind unterschiedlich.

Faktoren mini|Tabelle Bevölkerungsentwicklung und Wanderungssaldo. Quelle: Eurostat: Online-Datenbank: Demographische Veränderung (04/2020). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/.

In Deutschland ist die Alterungsstruktur dadurch gekennzeichnet, dass seit 1973 die Sterberate (Mortalität) höher ist als die Geburtenrate (siehe auch demografischer Übergang). Durch die höhere Lebenserwartung der Bevölkerung und gleichzeitig rückläufige Geburtenrate steigt der Anteil älterer Menschen gegenüber dem Anteil jüngerer (siehe auch Altersstruktur in Deutschland). Der Anteil von Mehrkindfamilien (drei und mehr Kinder) ist deutlich zurückgegangen. Dies erklärt 68 % des gesamten Geburtenrückgangs. Insgesamt 26 % lassen sich auf die gestiegene Kinderlosigkeit zurückführen. Die Rate von Zuzügen durch Migration ist in den letzten zwei Jahrzehnten zwar ständig gefallen, aber weiterhin positiv. Nach der 2011 eingeführten Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer aus den neu zur Europäischen Union hinzugetretenen Staaten wird ein durchschnittlicher jährlicher Wanderungssaldo zwischen 147.000 und 311.000 Menschen bis 2060 erwartet. Die nach Deutschland zuziehenden ausländischen Personen sind im Durchschnitt jünger als die Fortziehenden. Daraus ergibt sich für die in Deutschland verbleibende Bevölkerung ein „Verjüngungseffekt“, der aber die Alterung der Gesamtbevölkerung insgesamt nicht aufhebt.Statistisches Bundesamt: 14. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Annahmen und Ergebnisse. Wiesbaden 2019, S. 43 destatis.de (PDF). In die 15. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Annahmen und Ergebnisse werden als einschneidende Veränderungen die Covid-19-Pandemie und die russische Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 einbezogen.Statistisches Bundesamt: 15. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Annahmen und Ergebnisse. Wiesbaden 2022, destatis.de (PDF). Auswanderung. Absolut – also losgelöst von der Frage der Staatsbürgerschaft – sind im Jahre 2009 734.000 Menschen aus Deutschland ausgewandert. Im gleichen Zeitraum sind 721.000 nach Deutschland migriert. Davon waren 606.000 nicht deutscher Staatsbürgerschaft.Mehr Auswanderer als Einwanderer. In: Frankfurter Rundschau. 26. Mai 2010.

Auswirkungen mini|Video:Der demografischer Wandel in Deutschland und seine Auswirkungen (1:38 min)

Die Auswirkungen des demografischen Wandels stellen Gesetzgeber, Kommunen, Wohlfahrtseinrichtungen, Wirtschaft und Bürger vor neue Aufgaben. Beispielsweise müssen (Vor-)Schulen, insbesondere Grundschulen, zusammengeschlossen werden, wenn die Bildungsinvestition pro Schüler sich nicht erhöhen soll. Darüber hinaus führt der immer größer werdende Anteil älterer Menschen dazu, dass die Mobilität für diese gewährleistet werden muss. Ebenfalls muss für die Pflege gesorgt werden. Dies kann beispielsweise auch über den Umbau alter Staatseinrichtungen zu Altersheimen und/oder „betreutem Wohnen“ unterstützt werden.

Altersvorsorge Die gesetzliche Rentenversicherung für Arbeiter und Angestellte in Deutschland ist prinzipiell nach dem Umlageverfahren organisiert. Die mit dem Alter verbundenen Kosten werden aber auch durch staatliche Zuschüsse zur Rentenversicherung, durch Betriebsrenten und private Vorsorgemaßnahmen gedeckt. Die demografische Entwicklung mit der sogenannten Überalterung bzw. Unterjüngung führt bei gleichbleibendem Renteneintrittsalter dazu, dass eine wachsende Zahl von Rentenempfängern einer abnehmenden Zahl von Beitragszahlern der gesetzlichen Rentenversicherung gegenübersteht, wenn nicht die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten innerhalb der Grundgesamtheit der erwerbsfähigen Bevölkerung erhöht wird. Auf dieser Grundlage wird von Reformern der Altersvorsorge gefordert, das Renteneintrittsalter anzuheben, Renten zu kürzen und vermehrte private Vorsorge etwa über Privatversicherungen und Aktien zu betreiben, um einer drohenden Rentenlücke vorzubeugen.

Die Zahl der versicherungspflichtig Erwerbstätigen und die Höhe ihrer gesamten Beitragsleistung ist jedoch keine nur allein von der Bevölkerungsentwicklung abhängige Größe. Daher kritisieren besonders die Gewerkschaften,Demografische Entwicklung – nicht dramatisieren! In: Gewerkschaftliche Monatshefte. Februar 2004, S. 98–105, library.fes.de (PDF; 126 kB). aber auch einzelne Wissenschaftler wie Gerd Bosbach oder politische Publizisten wie Albrecht Müller politische Konzepte, die lediglich den Faktor der demografischen Entwicklung in den Vordergrund stellen und alle anderen ausblenden. Diese Konzepte dienten nach Ansicht der Kritiker in erster Linie der Entlastung der Arbeitgeber.

Die Kritiker der „Dramatisierung der demographischen Entwicklung“Albrecht Müller: Die Reformlüge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren. Droemer-Knaur, München 2004, ISBN 3-426-27344-6, S. 103–126. stellen dar, dass die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten bzw. die für die Rentenhöhe entscheidende Beitragsleistung auch durch Anstieg der Vollerwerbstätigen oder der Erwerbstätigen überhaupt erhöht werden kann. Dafür spielen außer einer Anhebung des Rentenalters folgende Faktoren eine Rolle: die verstärkte (Voll-)Erwerbstätigkeit von Frauen und unterbeschäftigten Männern den Abbau von Arbeitslosigkeit, die Mobilisierung der Stillen Reserve den früheren Beginn der Erwerbstätigkeit, den Einschluss von Beamten und Selbständigen in die Gruppe der Beitragszahler die Integration von Einwanderern in den Arbeitsmarkt

Die Erhöhung der Beitragsleistung ist außer durch Erhöhung des Beitragssatzes möglich durch den Ausschluss der Finanzierung nicht beitragsbezogener Fremdleistungen die Erhöhung der anteiligen Versicherungsbeiträge durch Anstieg der Brutto-Einkommen parallel zur Produktivitätsentwicklung und dem Wirtschaftswachstum die Erhöhung der anteiligen Versicherungsbeiträge durch mehr Festanstellungen, Vollzeitverträge, weniger Scheinselbständige, weniger prekäre Beschäftigung und mehr Normalarbeitsverhältnisse.Gerd Bosbach: Bevölkerungsentwicklung. In: Gabriele Gillen, Walter van Rossum (Hrsg.): Schwarzbuch Deutschland. Das Handbuch der vermissten Informationen. Rowohlt, Reinbek 2009, ISBN 978-3-498-02504-5.

Außerdem bewirkt der Rückgang der Zahl von Kindern und Jugendlichen nach Darstellung Gerd Bosbachs auch eine Kosteneinsparung, denn in einer Bevölkerung mit hohem Anteil an Kindern und Jugendlichen müssen auch für diese hohe Aufwendungen getätigt werden, die bei Unterjüngung tendenziell geringer werden. Die Belastung der Erwerbstätigen liegt nicht nur in der Altersversorgung, sondern auch in der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Schule, Ausbildung und Studium. Bei der Betrachtung der Belastung müssen alle Bereiche einbezogen werden, nicht nur die Altersversorgung.

Die Tatsache, dass versicherungspflichtige Erwerbstätige eine steigende Zahl nicht erwerbstätiger Menschen mit Rentenanspruch mitversorgen müssen, ist kein neues Phänomen: Von 1900 bis 1990 verdreifachte sich der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen stetig von 4,9 auf 14,9 %, während sich der Anteil der unter 20-Jährigen halbierte. Die Lebenserwartung stieg dabei von 45 Jahren bei Männern auf 76 im Jahre 2002, das Renteneintrittsalter sank von 70 auf 65 Jahre (ab 1911). Die Zahl der Erwerbstätigen verdoppelte sich zwischen 1955 und 2014 durch erhöhte Erwerbstätigkeit von Frauen und wachsende prekäre Beschäftigung.Gerd Bosbach, Klaus Bingler: Die Demografie als Sündenbock: Wie Rechnungen ohne den Wirt gemacht werden. Website der Bundeszentrale für politische Bildung. 23. März 2011. Das BIP verdreifachte sich real von 1960 bis 2005. Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen stieg nach Angaben des statistischen Bundesamts in Deutschland von 1991 bis 2011 um 22,7 %. Die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde ist um 34,48 % gestiegen. Dies spiegelt die gleichzeitige Verringerung der je Erwerbstätigen durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden um 7,5 % wider., abgerufen am 30. April 2008.

Diese extremen Veränderungen wurden ohne Änderung des Rentenversicherungssystems bewältigt, dabei wurde sogar noch die Rente dynamisch an die Einkommenssteigerung angepasst und die Rentenansprüche aller Beschäftigten der ehemaligen DDR und der zugewanderten Aussiedler und Spätaussiedler übernommen (Fremdrentengesetz).

Außerdem wird von Kritikern darauf hingewiesen, dass über lange Zeiträume niemals Prognosen möglich waren.Gerd Bosbach, Jens Jürgen Korff: Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden. Heyne, München 2011, ISBN 978-3-453-17391-0; ebd. 2012, ISBN 978-3-453-60248-9. (Lügen mit Zahlen, Blog zum Buch; mit Carsten Schmidt, Website des Lexikus Verlags, 8. Mai 2013).

Die negative Prognose impliziere außerdem, dass alle derzeitigen und alle möglichen familienpolitischen Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenzahl oder alle Maßnahmen zur Integration von Immigranten von vornherein zum Scheitern verurteilt seien. Dies wären Voraussetzungen, die jedoch nicht thematisiert, kritisch reflektiert und auch nicht begründet würden.Albrecht Müller: Die Reformlüge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren. Droemer-Knaur, München 2004, ISBN 3-426-27344-6, S. 115ff. Was das generative Verhalten betreffe, zeige das Beispiel Frankreichs mit seinem deutlichen Anstieg der Geburtenquote, dass Begründungen niedriger Geburtenzahlen allein aus der Modernität der Gesellschaft nicht stichhaltig seien. Entscheidend seien unter anderem die Sicherheit des Arbeitsplatzes, ein Normalarbeitsverhältnis und ein kinderfreundliches gesellschaftliches Umfeld, das Familienleben und Kinder hoch bewerte.Thomas Straubhaar: Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels. edition Körber-Stiftung, 2016, ISBN 978-3-89684-174-2. .

2016 wurde die Kritik an den „Demografie-Mythen“ auch von Thomas Straubhaar dargestellt, wobei er besonders die seiner Auffassung nach irrigen Vorstellungen von Facharbeitermangel, Kinderarmut und Immigrationsvorteilen kritisiert.

Gesundheitswesen Wie bei der Rentenversicherung werden sich im jetzigen (Stand 2020) deutschen Gesundheitswesen die demografischen Veränderungen voraussichtlich negativ bemerkbar machen. Dies gilt einerseits für die Pflegeversicherung, die sich auf eine zunehmende Zahl hochbetagter, pflegebedürftiger Menschen einstellen muss bei gleichzeitig sinkender Anzahl von Arbeitnehmern, die in der Pflege tätig sind. Andererseits werden auch die Ausgaben der Krankenversicherung erheblich steigen, denn die Krankheitskosten pro Kopf liegen bei einem Menschen jenseits des erwerbsfähigen Alters um ein Mehrfaches über jenen eines durchschnittlichen Jugendlichen oder Erwerbstätigen.Krankheitsklassen und Alter in Euro je Einwohner der jeweiligen Altersgruppe Statistisches Bundesamt, abgerufen am 22. Mai 2020. Die Problematik der Kranken- und Pflegeversicherung entspricht damit im Grundsatz derjenigen der Rentenversicherung.

Die ärztliche Unterversorgung in ländlichen Gegenden dürfte sich verstärken, da bis 2021 42 % der Hausärzte in den Ruhestand gehen und junge Ärzte eine Praxis in der Stadt bevorzugen.Christopher Piltz: Der Doktor kommt gleich. zeit.de, 2. Juli 2014, abgerufen am 2. Juli 2014.

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