Keuchhusten, auch Pertussis ( für starker Husten), volkstümlich Stickhusten bzw. Steckhusten, früher auch KeichhustenVgl. etwa Georg Fischer: Über den Keichhusten. Medizinische Dissertation Würzburg 1829. (zu mittelhochdeutsch kīcheBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 390 (die kîche: ‚Asthma, Keuchhusten‘; kîchen: ‚schwer atmen, keuchen‘).) und Tussis convulsiva, ist eine durch das Bakterium Bordetella pertussis, seltener durch Bordetella parapertussis ausgelöste hochansteckende, durch typische Hustenanfälle charakterisierte Infektionskrankheit der Atemwege.

Die Infektion erfolgt dabei über Körperflüssigkeiten vor allem der Atemwege (Tröpfcheninfektion). Am häufigsten sind Säuglinge im ersten Lebensjahr betroffen. Auch im Alter von 1 bis 20 Jahren sind Erkrankungen überdurchschnittlich häufig. Zur Prophylaxe wird eine Impfung während der Schwangerschaft bzw. Impfungen im Alter ab zwei Monaten empfohlen.

Nach einem unspezifischen Anfangsstadium verläuft die Krankheit regelhaft über mehrere Wochen. Auf das Anfangsstadium mit erkältungsartigem Husten, das Stadium catarrhale genannt wird, folgen im Stadium convulsivum anfallsartig typische stakkatoartige Hustenattacken. Bei Säuglingen können sich die Hustenanfälle untypisch als Atemstillstände äußern und somit lebensbedrohlich verlaufen.Fehlender Impfschutz Keuchhusten-Welle erfasst Deutschland. Spiegel Online, abgerufen am 28. Mai 2018 Schließlich nehmen die Hustenattacken an Zahl und Schwere im Stadium decrementi allmählich ab. Eine ursächliche Therapie ist nur im Anfangsstadium möglich.

Keuchhusten ist in Deutschland und in Österreich eine meldepflichtige Krankheit.

Erreger mini|Bordetella pertussis im Lichtmikroskop (Gram-Färbung)

Bordetella pertussis, der Erreger des Keuchhustens, ist ein unbewegliches, aerobes, bekapseltes gramnegatives Stäbchenbakterium. Es produziert viele verschiedene Proteine, die teilweise als Toxine die Krankheitssymptome verursachen, teilweise dafür verantwortlich sind, dass die Erreger gut an den Schleimhäuten der Atemwege anhaften und sich dort vermehren können (Virulenzfaktoren). Eine Infektion mit Bordetella parapertussis führt nur in weniger als einem Fünftel der Fälle zum klinischen Bild des Keuchhustens. 40 % der Infektionen verlaufen stumm und weitere 40 % als einfache akute Bronchitis.Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e. V. (DGPI) (Hrsg.): Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. 4. Auflage. Futuramed, München 2003, ISBN 3-923599-90-0 (6. Auflage 2013).

Epidemiologie Das einzige Erregerreservoir für Bordetella pertussis ist der Mensch. Eine Ausrottung des Erregers wird aufgrund der zeitlich begrenzten Immunität durch Impfung oder nach natürlicher Infektion nicht als realistisch angesehen.RKI-Ratgeber Keuchhusten (Pertussis), Stand vom 26. Februar 2024; zuletzt abgerufen am 25. Juni 2024

Für Bordetella parapertussis gibt es auch bei Schafen ein Reservoir. Weltweit erkrankten 2003 etwa 17 Millionen Menschen an Keuchhusten, 90 % davon in Entwicklungsländern. Im selben Jahr waren etwa 280.000 Todesfälle durch Keuchhusten zu verzeichnen. +WeltweitJahrErkrankungenTodesfälle200317.000.000280.000201421.000.000160.700 Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Impfpflicht in der DDR in den neuen Bundesländern zu freiwilligen Gesundheitsschutzmaßnahmen. In der Folge gingen die Impfquoten zurück, die Erkrankungszahlen stiegen an. Seit 2013 besteht in ganz Deutschland eine Meldepflicht. In der Zeit vor der COVID-19-Pandemie von 2015 bis 2019 lag die Inzidenz bei 16 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner im Jahr. Am größten ist die Inzidenz bei Säuglingen bis zum ersten Jahr, weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt auch bei Kindern und Jugendlichen bis zum 20. Lebensjahr. Infolge der Pandemie und der damit einhergehenden Hygienemaßnahmen lag die Zahl der registrierten Fälle ab Frühjahr 2020 deutlich unter den Werten der Vorjahre. Seit Ende 2023 steigen diese wieder an (größtenteils verursacht durch B. pertussis) und übertreffen seit Frühjahr 2024 die präpandemisch registrierten Werte signifikant; hierbei sind Säuglinge im Alter von unter einem Jahr mit 121,7 übermittelten Fällen pro 100.000 Einwohnern in den ersten 45 Wochen im Jahr 2024 am stärksten betroffen.

Die Übertragung der Keuchhustenbakterien erfolgt durch eine Tröpfcheninfektion, wobei große Tröpfchen, die der Erkrankte aushustet, durch die Atemluft in den Körper der Kontaktperson gelangen. Die Bordetellen haben eine außerordentlich hohe Infektiosität. 80 bis 100 % der Personen, welche mit den Erregern in Kontakt kommen, erkranken. Die Inkubationszeit beträgt meist 9–10 Tage (Spanne: 6–20 Tage). Die Ansteckungsfähigkeit beginnt gegen Ende der Inkubationszeit, ist während des Stadium catarrhale am höchsten und klingt im Stadium convulsivum allmählich ab. Weder die Impfung noch die durchgemachte Erkrankung garantieren eine lebenslange Immunität. Es ist daher möglich, mehrmals an Pertussis zu erkranken. In Ländern mit hoher Impfquote erkranken bevorzugt Jugendliche und Erwachsene. Diese spielen als Überträger der Erreger eine wichtige Rolle. +DeutschlandJahrErkrankungen KrankenhäuserFälle gemeldetTodesfälleFallsterblichkeit pro 1000 Fälle2015725907920,2201610691378220,1201712521683010,120189431291510,120197371032020,22020280348910,320219881011,22022117174321,120233183429002024202025281100,42025?7377??

Symptome mini|hochkant|Junge mit typischem Keuchhustenanfall mini|hochkant|Weiblicher Säugling mit typischem Keuchhustenanfall, man beachte die vorgestreckte Zunge

Die Krankheit durchläuft für Ungeimpfte bei der ersten Infektion klassischerweise drei Stadien: Stadium catarrhale, Stadium convulsivum und Stadium decrementi. Im Neugeborenen- und Säuglingsalter kommen jedoch genauso wie bei Jugendlichen und Erwachsenen auch untypische Verläufe vor.

Stadium catarrhale (Prodromalstadium) Nach einer Inkubationszeit kommt es zu erkältungsähnlichen Symptomen mit leichtem Fieber, Schnupfen und trockenem Reizhusten. Diese dauert etwa ein bis zwei Wochen. In diesem Stadium ist die Ansteckungsgefahr am größten.

Stadium convulsivum Erst im zweiten Stadium treten die typischen, plötzlich einsetzenden stakkatoartigen Hustenattacken mit herausgestreckter Zunge auf. Die Anfälle schließen bei der folgenden Einatmung mit einem Juchzen („Reprise“) ab. Während der Attacken wird häufig glasiger Schleim hochgewürgt, auch Erbrechen kommt vor. Die Hustenattacken können sehr zahlreich sein, häufen sich in der Nacht und können durch äußere Einflüsse wie beispielsweise körperliche Anstrengung ausgelöst werden. Das Stadium convulsivum dauert vier bis sechs Wochen.

Stadium decrementi Im letzten Stadium nimmt zunächst die Zahl der Hustenattacken langsam ab, schließlich fallen sie auch weniger schwer aus. Diese Phase dauert noch einmal etwa drei bis sechs Wochen. Ohne antibiotische Therapie können es auch sechs bis zehn Wochen sein. Aufgrund der insgesamt sehr langen Krankheitsdauer wird der Keuchhusten teilweise auch „100-Tage-Husten“ genannt. Bei manchen Kindern hat man beobachtet, dass sie in diesem Stadium auch auf unbedeutende Reize mit Hustenanfällen reagieren („Keuchhusten-Tic“). Vereinzelt liegt die Ursache in einer durch den Keuchhusten aktivierten Tuberkulose.

Atypische Verläufe Bei Säuglingen unter sechs Monaten verläuft das Stadium convulsivum noch nicht mit den typischen Hustenanfällen. Vielmehr können sich die Attacken ausschließlich in Form von Atemstillständen (Apnoen) äußern. Auch bei Jugendlichen und Erwachsenen wird die Erkrankung klinisch oft nicht erkannt, weil sie außer einem trockenen Husten keine Symptome haben.

Komplikationen Die häufigsten Komplikationen sind Lungenentzündungen (15 bis 20 %) sowie Mittelohrentzündungen, die durch eine Sekundärinfektion mit Haemophilus influenzae oder Pneumokokken verursacht werden. Sekundärinfektionen lassen sich an einem Fieberanstieg und Anstieg von Entzündungszeichen im Blut erkennen. Auch Krampfanfälle sind mit etwa zwei bis vier Prozent eine nicht ungewöhnliche Komplikation. Bei immerhin 0,5 % der Erkrankten tritt eine Gehirnerkrankung (Enzephalopathie) ein, die oft dauerhafte Schäden nach sich zieht. Die genaue Ursache hierfür ist noch nicht geklärt. Durch das starke Husten können manchmal Einblutungen in die Bindehäute der Augen und Leisten- oder Nabelbrüche auftreten. In Deutschland verstirbt einer von 1000 Patienten an der Erkrankung, zumeist junge Säuglinge.

Diagnose Typisch ist der unproduktive Husten, der bis zu drei Wochen andauern kann. Ein wichtiger Hinweis für die Diagnose sind ähnlich verlaufende Erkrankungen in der Umgebung des Patienten. Die Diagnose wird aufgrund des klinischen Verdachts oft erst im Stadium convulsivum gestellt.

Um die Diagnose zu bestätigen, können die Erreger aus dem Sekret nachgewiesen werden, das mittels Abstrich aus dem Nasen-Rachenraum gewonnen wird. Allerdings sind die Bordetella-Bakterien sehr empfindlich gegen Austrocknung und Kälte. Das kann die Empfindlichkeit (Sensitivität, Trefferquote) des Nachweises einschränken. Dafür liegt die Spezifität des Tests bei 100 %. Das bedeutet, dass diejenigen, die ein positives Testergebnis erhalten, auch wirklich infiziert sind, während umgekehrt nicht alle Infizierten zwangsläufig ein positives Testergebnis erhalten (Sensitivität). Die Anzüchtung von B. pertussis dauert mindestens drei, die von B. parapertussis zwei Tage. Eine schnellere Diagnose lässt sich durch den Nachweis von erregerspezifischer Erbsubstanz (DNA) mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) erreichen. Die PCR ist eine sehr empfindliche Nachweismethode. Sie kann schon bei sehr wenigen Keimen positiv sein und erfasst auch abgestorbene Bakterien, beispielsweise nach Beginn einer Behandlung mit einem Antibiotikum. Allerdings ist sie aufwändiger und teurer als die Erregeranzucht.

Spezifische Antikörper gegen B. pertussis tauchen frühestens mit Beginn des Stadium convulsivum im Serum auf. Daher ist eine Blutuntersuchung für die Frühdiagnose nicht geeignet. Beim Keuchhusten entstehen außerdem typische Veränderungen im Blutbild. Die Gesamtzahl der weißen Blutkörperchen erhöht sich (Leukozytose); besonders stark steigt der Anteil der Lymphozyten an (relative Lymphozytose). Diese Blutbildveränderungen treten bei etwa 20 bis 80 % der Patienten ebenfalls erst im Stadium convulsivum auf.

Differentialdiagnose Außer Keuchhusten können auch andere Erkrankungen mit langwierigem Husten einhergehen. Symptome wie im Stadium catarrhale können alle Erreger hervorrufen, die die oberen Luftwege infizieren, beispielsweise Rhinoviren und Parainfluenza-Viren. Auch RSV, Adenoviren, Moraxella catarrhalis, Mykoplasma pneumoniae und Chlamydia pneumoniae können ein keuchhustenähnliches Krankheitsbild verursachen. Bei Säuglingen kommt auch Chlamydia trachomatis als möglicher Erreger in Betracht. Bei Jugendlichen und Erwachsenen mit chronischem Husten, der den Verdacht auf Keuchhusten lenken kann, muss immer auch eine Reihe anderer infektiöser und nichtinfektiöser Differentialdiagnosen in Betracht gezogen werden. Dazu gehören unter anderem Tuberkulose, Bronchialasthma, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Fremdkörper in den Atemwegen und Tumore.

Keuchhusten bei Erwachsenen