Sarstedt (lat. ;Sarstedt wird mit diesem Namen in einer lateinischen Quelle aus dem Jahr 1075 bezeichnet, welche die Gründung der Hildesheimer Kirche beschreibt. Der Verfasser war mutmaßlich Bernhard von Konstanz: Fundatio Ecclesie Hildensemensis. Hildesheim 1075. (Vgl. auch die zweisprachige Ausgabe von Adolf Bertram: Hildesheims Domgruft und die Fundatio Ecclesie Hildensemensis. A. Lax (Hrsg.) Hildesheim 1897, S. 7–8 (Lat. und Dt. sowie die digitalisierte lat. Ausgabe in den Monumenta Germaniae Historica: S. 943).) nds. ) ist eine am Fluss Innerste gelegene Kleinstadt im südöstlichen Niedersachsen. Das Mittelzentrum des Landkreises Hildesheim hat knapp 20.000 Einwohner.
Geographie Sarstedt liegt etwa 13 km nordwestlich von Hildesheim und 21 km südöstlich von Hannover. Sarstedt war zwischen 1885 und 1946 die einzige und ist seitdem die nördlichste Stadt im Landkreis Hildesheim. Westlich des Ortes verläuft die Innerste, welche vom Bruchgraben im Süden gespeist wird und 2 km weiter im nördlichen Ortsteil Ruthe in die Leine mündet. Mit dem Sarstedt-Sehnder Höhenzug endet das Leinebergland und geht endgültig in die norddeutsche Tiefebene über. Höchster Punkt der Gemeinde ist der Moorberg mit einer Höhe von . Sarstedt grenzt im Osten an Algermissen, im Südosten an Harsum, im Süden an Giesen und Nordstemmen (alle Landkreis Hildesheim), im Nordwesten an Pattensen und im Norden an Laatzen (beide Region Hannover).
Seit der Gebietsreform von 1974 gehören zu Sarstedt zusätzlich zur Kernstadt sechs Ortschaften mit jeweils eigenen Ortsbürgermeistern:
Giften: 745 Einwohner Gödringen: 583 Einwohner Heisede: 1079 Einwohner Hotteln: 590 Einwohner Ruthe: 324 Einwohner Schliekum: 618 Einwohner
Die Einwohnerzahl beläuft sich in der Kernstadt auf 15.743 und einschließlich der sechs Ortschaften auf 19.682 Einwohner (Stand: 1. November 2021).
Geschichte
Name Sarstedt hat eine wechselvolle Benennung, die bereits Jacob Grimm auffiel. Die Varianten des Sarstedter Ortsnamens lauten „Zerstede (1221), Schirstede (1225–1247), Tzerstede (1302), Cerstede (1367), Tzerstede (1434) und Cerstidde (1474)“.
Urgeschichte und Prähistorie Auf dem Gebiet des heutigen Sarstedt befand sich vor 130–134 Millionen Jahre ein Meer. In der Tongrube Moorberg wurden NanoplanktonAngelika Köthe: Kalkiges Nannoplankton aus dem Unter-Hauterivium bis Unter-Barremium der Tongrube Moorberg/Sarstedt (Unter-Kreide, NW-Deutschland). In: Mitteilungen aus dem Geologischen Institut der Universität Hannover, Heft 21, Hannover 1981. und hummerartige Krustentiere (Hoploparia dentata)Werner Pockrandt: Hoploparia dentata (A. Roemer) aus der Unterkreide (Hautevirium) von Hannover und Umgebung (Dekapoda). Systematik und Fundmaterial (11. Abb.). In: Arbeitskreis Paläontologie Hannover, 10. Jahrgang, 2 (1982), S. 1–12 sowie Seeschwämme (Achilleum morchella) aus dem in Sarstedt zu findenden Plänerkalk,Friedrich Adolph Römer: Die Versteinerungen des norddeutschen Kreidegebirges, Hannover 1841, 2 der aus der Unterkreide stammt, gefunden.
Die Anwesenheit von Neandertalern auf dem Gebiet der heutigen Gemarkung Sarstedt konnte anhand von Knochenfunden nachgewiesen werden, darunter drei Schädel-Fragmente.Alfred Czarnetzki, Sabine Gaudzinski und Carsten M. Pusch: Hominid skull fragments from Late Pleistocene layers in Leine Valley (Sarstedt, District of Hildesheim, Germany). In: Journal of the Human Evolution. Band 41, 2001, S. 133–140, doi:10.1006/jhev.2001.0484, . Der Neandertaler lebte bei Hannover. Drei Knochensplitter aus einer Kiesgrube lieferten Forschern den Beweis. Auf: abendblatt.de vom 14. März 2003. Eine genaue Altersbestimmung dieser Funde ist bislang nicht gelungen. Anhand von anderen Fossilien und von Steinwerkzeugen wurde jedoch geschätzt, dass die Neandertalerfunde nicht wesentlich älter als rund 100.000 Jahre sind.Eintrag Sarstedt in: Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.
Erste dauerhafte Besiedlungen durch den modernen Menschen (Homo sapiens) fanden in der Gegend in und um Sarstedt nachweislich vor etwa 7000 Jahren statt. Für die Jungsteinzeit wurde die bäuerlicher Kultur der Bandkeramik sowohl in Sarstedt als auch in den Nachbargemeinden Barnten, Jeinsen und Algermissen archäologisch nachgewiesen.Hans-Günter Peters: Ur- und Frühgeschichte. In: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 24–34, bes. 27.
Mittelalter mini|Kupferstich von Matthäus Merian von Sarstedt, 1645. Blick auf den Zusammenfluss der Innerste und der Leine bei Ruthe und den Kirchturm von St. Nicolai.
Zwischen 772 und 802 lag das heutige Gebiet Sarstedt im Einzugsbereich der Feldzüge der Franken unter Karl dem Großen gegen die Sachsen. In Heisede wurden Gräber altsächsischer Reiterkrieger mit Pferden aus dem 8. Jahrhundert auf dem Flurstück „Heidenkirchhof“ gefunden.
Sarstedt liegt auf einem alten Handelsweg, dem Hellweg vor dem Santforde, der im Mittelalter die Bistümer Minden und Hildesheim verband. Der Ort besaß wahrscheinlich im 9. und 10. Jahrhundert einen Marktflecken und lag an einer Furt an der Innerste. Der Sarstedter Siedlungskern dürfte sich im Bereich des „Alten Dorfs“ (1279 Altendorp) als Grundbesitz des Hildesheimer Domkapitels entwickelt haben.„Durch die Ausgabe von Lehen für dieses Gebiet war der Hildesheimer Bischof bekannt. 1377 übertrugen die Grafen von Wunstorf 3/4 des Zehnten im Oldendorper veld dem Hildesheimer Moritzstift. Offenbar verließen die Einwohner schon im 14. Jh. – angeblich wegen einer Fehde – den Ort und zogen nach Sarstedt. An der Siedlungsstelle sind ein Reitergrab und Körpergräber aus der Karolingerzeit ergraben worden.“ Uwe Ohainski: Mittelalterliche Wüstungen. In: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 72–89, bes. 77; zum Mitte der 1920er Jahre freigelegten Reitergrab vgl. Hans Gummel: Das Reitergrab in Sarstedt, Kreis Hildesheim, Hildesheim 1926.
Zu den frühesten schriftlichen Quellen, die auf das Gebiet Sarstedt hinweisen, gehört eine Quelle aus dem Jahr 993. Als kirchlicher Siedlungs- und damit auch Missionspunkt wird Sarstedt (Kertzstadensis) zum ersten Mal im Jahr 1075 und im Vergleich mit dem älteren Missionsstützpunkt Elze lobend erwähnt.(Vgl. Fundatio Ecclesie Hildensemensis, Hildesheim 1075. (Abgedruckt in der zweisprachigen Ausgabe von Adolf Bertram, Hildesheims Domgruft und die Fundatio Ecclesie Hildensemensis […], Hildesheim 1897, S. 7 und 8 (lat. und dt.)): „[…] jene hochgeachtete Kirche von Sarstedt“)
Seit 1200 wird sich die Stadt Sarstedt zwischen der vermutlich bei St. Nicolai gelegenen Kirche und der Bischofsburg ausgebreitet haben. Die Bischofs- oder Retburg (später auch Rietburg oder Rittburg im Besitz derer v. Alten) hatte die Aufgabe, das bischöfliche Hildesheimer Land gegen die Welfen im Westen, den Leineübergang bei Ruthe und die Innerstefurt bei Sarstedt zu schützen. Der bischöfliche Hof wird unter dem Hildesheimer Bischof Siegfried I. in dessen letztem Amtsjahr 1221 erstmals urkundlich erwähnt. Herzog Albrecht von Braunschweig eroberte die Burg 1256 und brannte sie während der Regierungszeit Ottos I. um 1279 nieder. In einem Vertrag vom 10. Dezember 1283 konnte deshalb auch von einem „von dem Bischofe zu erbauenden Schloss Sarstedt“ die Rede sein.Margret Zimmermann, Hans Kensche: Burgen und Schlösser im Hildesheimer Land. Herausgegeben von der Hildesheimer Volkshochschule e. V., Verlag Lax, Hildesheim 1998, S. 142Jürgen Rund: Städtische Siedlungen. In: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 96–135, bes. 132. 1485 wurden Burg und Stadt Sarstedt in den Kämpfen des Bischofs gegen die Stadt Hildesheim erneut zerstört.
Sarstedt wurde zur Stadt um das Jahr 1296, als Sarstedt von Bischof Siegfried II. (1279–1310) territorial erweitert wurde; denn nach der Einbeziehung der älteren Dörfer oder Siedlungen „Wennerde und Helperde“ traten die Stadtrechte in Kraft.Werner Vahlbruch: 2001, S. 4 Vermutlich gingen mit der prosperierenden materiellen Bedeutung von Sarstedt seit dem 12./13. Jahrhundert auch die verstärkten baulichen Anstrengungen der Sicherung der Stadt einher, allem voran die Errichtung von Stadtmauer, Wall und Graben sowie der Bau der beiden Stadttore „Ostertor“ (im Osten) und „Holztor“ (im Westen vor der Innerste-Brücke).Werner Vahlbruch: 2001, S. 10.
Als Stadt erstmals erwähnt wird Sarstedt in einer Urkunde in einer Aufzählung mit anderen Ortschaften wie Braunschweig, Goslar oder Hildesheim im Jahr 1339 (31. Januar). Für 1250 ist ein Leutpriester oder Pfarrer (lat. plebanus) belegt, 1258 wird in einer Urkunde ein Sarstedter Bürger benannt. Ab 1319 wird Sarstedt als civitas bezeichnet, 1327 ist der Ort als Archidiakonatssitz verbürgt, und von 1428 stammt das erste Siegel der Stadt. Wiederholt wurde die Stadt zerstört und musste mühsam wieder aufgebaut werden: zuerst 1283, nach der Großen Fehde 1485, der Hildesheimer Stiftsfehde 1521, 1556, 1580, 1716 und 1798.Chronik der Stadt Sarstedt 1854 bis 1949. Sarstedt (um 1950) o. Jg., s. Jahrgang 1887, dritter Eintrag
Frühe Neuzeit und Reformation mini|Auszug aus der Hildesheimer Bischofschronik von 1740 mit der Beschreibung der Zerstörungen Sarstedts durch Brände und Brandschatzungen während dreier Jahrhunderte (1412–1716)
Die Hildesheimer Bischofschronik beziffert für den Zeitraum von 1412 bis 1580 fünf Brandschatzungen oder natürliche Feuersbrünste, die Sarstedt in seiner Entwicklung zurückgeworfen haben (29. Januar 1412: Brand bis auf den Grund mit vielen Todesopfern; 23. September 1485: Große Fehde, bei der Sarstedt mit Feuerkugeln völlig zerstört wurde; 1522: Hildesheimer Fehde, bei der Leute aus Braunschweig und Hannover die Stadt geplündert und zahlreiche Häuser niedergebrannt haben; 1556: Brannte nach Einbringung der Ernte Mittwoch nach Michaelis die ganze Stadt nieder; und vom 8. September 1580 berichtet die Bischofschronik: ist Sarstedt zum fünfftenmahl von Grund aus verbrannt, daß nichts als die Kirche, und der Friesen- und der Barner Höfen stehen geblieben. Des letztern grossen Brandes, welcher anno 1716. fast die gantze Stadt Sarstedt abermals in die Asche gelegt, hier nicht zu gedencken).Joachim Barnard Lauenstein: Historia Diplomatica Episcopatvs Hildesiensis, Das ist Diplomatische Historie des Bißthums Hildesheim: Darinnen Der Civil-, Militair- und Kirchen-Staat sowohl der Niedersächsischen freyen Crayß-Stadt Hildesheim, als auch dieses gantzen Bißthums, umständlich abgehandelt, und bey Beschreibung der Stadt alle derselben hohe Gerechtsame, Befugniße, Freyheiten und Gewohnheiten, Regiments-Form, Schröderische Buchhandlung, Hildesheim 1740, P. II, L II., c.3, seit. 5, § 3, S. 76
In der Mitte des 14. Jahrhunderts sind für Sarstedt erstmals auch Einwohner jüdischen Glaubens belegt.
Bei der Hildesheimer Stiftsfehde ab 1519 ging Sarstedt ging ein weiteres Mal in Flammen auf. Danach wurde Sarstedt welfisch und dem Amt Coldingen unterstellt.
Die Reformation hielt um die Jahreswende 1542/43 in Sarstedt Einzug.
Während des Dreißigjährigen Krieges kam es zu verschiedenen Kriegshandlungen bei Sarstedt. Am 9. Juli 1634 trafen kaiserlich-katholische Truppen zur Verteidigung Hildesheims „am Hülpersberge“ bei Sarstedt (heute „am Kipphut“) mit der Belagerungsarmee zusammen und wurden von dieser vernichtend geschlagen.