Kunstradfahren ist eine Hallenradsportart, die auf einem speziell dafür vorgesehenen Hallenrad (selten auch „Saalmaschine“ genannt) ausgeübt wird. mini|hochkant|Kunstradfahrer Richard Steyer aus Berlin mit „Kehrstand auf Vorderradfelge“ (1905)
Events und Altersgruppen mini|hochkant|Einer-Kunstradfahren: Sattelstand mini|hochkant|Corinna Hein bei ihrer Weltmeisterschaftskür am 8. November 2009 in Tavira Die „UCI Cycling Regulations“ definieren folgende Begriffe:
Event: Früher auch „Disziplin“ genannt, differenziert das Event die verschiedenen Arten von Kunstradfahren.
Disziplin: Unterscheidet zwischen Kunstradfahren und Radball.
Wettkampf: Alle Wettkämpfe im Hallenradsport die unter UCI Regeln ausgeführt werden und im UCI Kalender aufgeführt sind.
Laut Reglement gibt es folgende Events beim Kunstradfahren:
Einer-Kunstradfahren: Elite Frauen oder Elite Männer Zweier-Kunstradfahren: Elite Frauen oder Elite Offen Vierer-Kunstradfahren: Elite Offen Dabei darf jede Person nur einmal pro Event an einem Wettkampf teilnehmen.
Die Altersgruppen der Events sind wie folgt definiert:
Elite: Älter als 18 Junioren: Jünger als 19 Jugend U15: Männliche oder Weibliche Sportler jünger als 15 Jugend U13: Männliche oder Weibliche Sportler jünger als 13 Jugend U11: Männliche oder Weibliche Sportler jünger als 11
Die Altersklasse wird definiert, in dem man das aktuelle Jahr nimmt und das Geburtsjahr der Person abzieht. Hier geht es also um das Geburtsjahr, nicht das tatsächliche Alter.
Junioren und Jugend U15 dürfen eine Altersklasse höher starten. Jugend U13 und Jugend U11 auch zwei Altersklassen höher.
Spezialregelung für Vierer-Kunstradfahren: Dort darf eine Person der Altersgruppe Elite, die jünger ist als 23 bei den Junioren starten.
Bei der Jugend U15 darf eine Person der nächsten Altersgruppe starten, wenn diese jünger als 17 Jahre ist.
Die Bewertung Jede der Disziplinen hat eine im Reglement vorgegebenes und beschriebenes Set an Übungen, welche die Sportler frei kombinieren dürfen. Eingeschränkt sind sie dabei von:
Es darf nur eine Übung pro Übungsgruppe gefahren werden (z. B. darf ein und dieselbe Übung nicht zweimal gefahren werden, einmal freihändig und einmal nicht freihändig. Dann muss eine Übung aus dem Programm raus) Die max. Anzahl an Übungen muss eingehalten und darf nicht überschritten werden
Die Sportler dürfen die Übungen frei kombinieren – aber am Wettkampf muss die beim Kampfgericht eingereichte Reihenfolge beachtet werden. Die vorgegebenen Punkte der Übungen werden addiert und bilden die Startpunktzahl.
Die Sportler führen dann dieses vorgegebene Programm vor. Alle Abweichungen von der optimalen Ausführung (also wie im Reglement vorgegeben) werden dann mit einem vorgegebenen Punktabzug von der Startpunktzahl bewertet. Die Person mit dem höchsten Endergebnis hat gewonnen.
Es gibt bei ein paar Übungen die Möglichkeit durch erschwerte Ausführung (z. B. mehr Wiederholungen) die Punktzahl durch taktische Punkte zu erhöhen. Diese werden dann dementsprechend zur bestehenden Punktzahl addiert.
Sollten zwei Personen das gleiche Endergebnis, auch ausgefahrene Punkte, erreichen, gewinnt die Person mit dem wenigsten prozentualen Abzug. Also die Person, die am „saubersten“ gefahren ist und am wenigsten Abzug bekommen hat.
Die Kommissäre Die Kommissäre, früher auch Kampfgericht genannt, bewerten die Sportler bei der Ausführung. Bei internationalen Wettkämpfen werden 3 Kommissäre benötigt, welche die Abzüge aufschreiben und die Übungen ansagen, oft „Schreiber“ genannt. Dazu kommen drei Kommissäre, welche die Übungen betrachten und die Abzüge festlegen, oft „Ansager“ genannt. Diese beiden bilden je ein Team und bewerten ein Wettkampfprogramm, also einen Evaluierungsbogen. Die Gesamtpunktzahl ist dann die Durchschnittspunktzahl der Komissär-Teams gerundet auf zwei Stellen nach dem Komma. Zusätzlich gibt es noch einen Chief Kommissär, früher auch Obmann oder Obfrau genannt. Diese haben u. a. folgende Aufgaben:
Den Kommissärgruppen bei Streitfragen helfen Wenn vergessen wurde „Start“ am Beginn des Programms zu rufen, die Startzeit festlegen Wenn sich eine Person verletzt oder ein Rad einen Fehler aufweist, das Programm zu unterbrechen Die Zeit manuell stoppen, falls das elektronische System fehlerhaft ist
In den Disziplinen Einer- und Zweier-Kunstradsport der Männer bzw. Frauen und im Vierer-Kunstradsport offene Klasse werden Weltmeistertitel und im Juniorenbereich Europameistertitel vergeben. Darüber hinaus werden in Deutschland, der qualitativen und quantitativen Hochburg des Kunstradsports, nationale Meisterschaften im Vierer-Kunstradfahren der Männer, im Sechser-Kunstradfahren und im Vierer und Sechser Einradfahren ausgetragen. Die Meisterschaften werden auf Kreis-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene, in den Kategorien Elite (Männer und Frauen), Junioren/Jugend (männlich/weiblich) sowie Schüler und Schülerinnen ausgetragen.
Beim Einer-Kunstradfahren werden Übungen auf einem Spezialrad gezeigt. Hierbei werden 30 Übungen in fünf Minuten gezeigt. Diese Übungen können einfache Grundelemente (z. B. rückwärts fahren, Stillstand, …), statische Stände (z. B. auf Sattel und Lenker), statisch turnerische Elemente (z. B. Handstände, Stützwaagen, Vorhebehalten oder Stützgrätschen), Steiger (Übungen, bei denen nur auf dem Hinterrad gefahren wird), Drehungen (= Pirouetten) (z. B. in einer Steigerposition auf dem Hinterrad), Übergänge (= translatorische Elemente) (von einer Steigerposition zur anderen), translatorische Rotationen (z. B. Lenkerstanddrehung (über der Achse des Vorderrades), Drehsprung (um das Vorderrad)), Sprünge und Hocken (z. B. Sprung vom Sattelstand zum Lenkerstand) sein.
Im Zweier-Kunstradfahren besteht die Kür aus zwei Teilen. In einem Teil (meist der erste) fahren zwei Sportler auf zwei Rädern, Übungen, die auch aus dem Einer-Kunstradfahren bekannt sind (z. B. Steiger). Die meisten Übungen werden dabei synchron präsentiert. In dem anderen Teil nutzen die Sportler gemeinsam ein Rad; hierbei können ebenfalls gemeinsam Stände (z. B. einer steht auf dem Sattel, der andere auf dem Lenker) gezeigt werden, es kommen außerdem „Trageübungen“ (ein Sportler fährt bestimmte Übungsposition, der andere sitzt oder steht auf den Schultern) hinzu. Seit 2008 wird diese Disziplin bei Meisterschaften auch gemischt (Männlich/Weiblich) gefahren.
Beim Vierer- und Sechser-Kunstradfahren nutzt jeder Sportler sein eigenes Rad. Es werden keine dem Turnen verwandte Übungen gezeigt, sondern verschiedene Figuren möglichst synchron gefahren. Diese können entweder Niederrad (beide Räder haben Kontakt zum Boden) oder im Steiger (Vorderrad hat keinen Kontakt zum Boden) jeweils vorwärts oder rückwärts gefahren werden. Bei Schülern werden hierbei 25 Übungen in fünf Minuten gezeigt, bei Junioren oder Elite 30 Übungen in fünf Minuten.
Das Vierer- und Sechser-Einradfahren, auch Mannschaftseinradfahren oder Reigen genannt, ist ab 2008 keine internationale Disziplin mehr. In Deutschland wird Einradfahren weiterhin wie das Vierer- und Sechser-Kunstradfahren gezeigt.
Deutschland ist mit großem Abstand die erfolgreichste Nation bei den Hallenradsport-Weltmeisterschaften, daneben sind auch Österreich, Tschechien und die Schweiz stets vorne vertreten. Weitere wichtige Nationen sind Frankreich, Belgien, Japan, Hongkong und Macau. Die Hochburgen innerhalb Deutschlands befinden sich in Nordrhein-Westfalen, Württemberg, im Rhein-Main-Gebiet und in Bayern.
Der Weltverband UCI erkennt Weltrekorde für Elite und Junioren im Kunstradfahren an, siehe Liste der Weltrekorde im Kunstradfahren.
Das Kunstrad mini|Kunstrad Das Kunstrad, auch „Kunstfahrmaschine“ oder „Saalmaschine“ genannt, ist ein meist handgefertigtes Spezialrad. Es ist mit Schlauchreifen ausgestattet, was eine sichere Bodenhaftung auf ebener Fläche, z. B. Hallenboden oder Holzparkett, und einen hohen Reifendruck gewährleistet. Eine starre 1:1-Übersetzung ermöglicht schnelles Anfahren und Bremsen, außerdem ist durch den Starrlauf auch Rückwärtsfahren möglich. Lenker und Sattel sind so beschaffen, dass man mit Gymnastikschuhen auf ihnen stehen kann. Die Lenkerholme müssen abgerundet oder durch Griffe geschlossen sein. Der Sattel muss fabrikmäßig hergestellt sein. Er darf eine Länge von maximal 300 mm, eine Breite von maximal 220 mm und eine größte unbelastete Durchbiegung von 60 mm aufweisen. Die Kurbeln müssen von Mitte Tretlager bis Mitte Pedalachse eine Länge von 130–170 mm haben. Des Weiteren gibt es als Auftritte Dorne mit einer Maximallänge von 50 mm, welche beidseitig an den Achsen der Laufräder angebracht sind und mehr Übungen im Einer- und Zweierkunstradfahren ermöglichen. Verkehrssicher im Sinne der Straßenverkehrsordnung ist ein Kunstrad nicht. Üblicher Gebrauch auf Straßen würde das Rad zudem beschädigen, da es für den Betrieb auf ebenen Flächen ausgelegt ist, Bodenunebenheiten können aufgrund des hohen Reifendrucks von 12 bar nicht abgefedert werden.
Die Sportbekleidung besteht neben den rutschfesten Gymnastikschläppchen in der Regel aus einer festen Gymnastikhose (Leggings) und einem Trikot. In allen Disziplinen muss vor Wettkampfbeginn eine sportliche Präsentation erfolgen, eine Kürmusik ist möglich.
Regeln mini|Fahrfläche Die Fahrfläche ist in der Regel ein Hallenboden aus Holz oder Linodur und muss bei internationalen Wettkämpfen 11 m × 14 m groß sein. Sie wird durch Seitenlinien begrenzt, diese dürfen nicht überfahren werden. Um den Mittelpunkt (Kreis mit 0,5 m Durchmesser) sind zwei Kreise mit einem Durchmesser von 4 m und 8 m aufgezeichnet. An beiden Kreisen sind (nach dem aktuellen Reglement) jeweils 4 senkrechte Striche, die im gleichen Abstand sind.
Eine Übung muss normalerweise eine Halbe Runde, eine Runde, ein S oder eine 8 (= Wechselrunde) lang gezeigt werden. Bei der halben Runde bzw. normalen Runde muss man außerhalb des Vier-Meter-Kreises fahren. Bei einer Wechselrunde muss zweimal über den Mittelpunkt gefahren werden, und die beiden Kreise müssen jeweils einen Radius von 2 m aufweisen. Das S ist eine halbe 8, folglich muss der Mittelpunkt nur einmal getroffen werden.
Bei Sprüngen, Übergängen und Hocken ist nicht vorgeschrieben, wo man sie ausführt.
Alle Übungen im Kunstradfahren werden aus einem international geltenden Reglement ausgewählt. Sie müssen für die Kür vorausgewählt und bei der Jury mithilfe der standardisierten Wertungsbögen eingereicht werden. Jede Übung hat einen Punktwert, welcher die Schwierigkeit der Übung berücksichtigt. Die Summe aller Schwierigkeiten bezeichnet die aufgestellte Schwierigkeitspunktzahl im Wertungsbogen.
Dies ist der Ausgangswert für einen Wettkampf. Wird der so vorgegebene Ablauf der Kür nicht eingehalten, gibt es Abzüge. Für die Abzüge ist die Jury verantwortlich. Eine Jury setzt sich zusammen aus zwei bis drei Wertungsrichtern als Ansager (Wertung) und zwei bis drei Wertungsrichtern als Schreiber. Diese bewerten fortlaufend die Kür.
Die Kür selbst läuft nach strengen Vorgaben ab. Betreten der Fahrfläche, Begrüßung der Zuschauer durch Knicks oder Verbeugung, Einnahme der Startposition. Dann signalisiert der Sportler oder der Kommandogeber der Mannschaft durch das Signalwort „Start“ an den Zeitnehmer (ein Mitglied der Jury) den Beginn der Kür. Ab jetzt muss binnen fünf Minuten das Programm absolviert werden. Unterbrechungen der Zeitnahme gibt es nur in absoluten Ausnahmefällen, z. B. bei technischen Problemen mit dem Rad oder bei Verletzungen des Sportlers.
Es gibt Abzüge bei der Schwierigkeit: wenn die Übung nicht die komplette Wegstrecke gezeigt wird bei Nichteinhalten der Reihenfolge wenn die Übung nicht korrekt ausgeführt wird bei Zeitüberschreitung
Weiterhin gibt es Abzüge für die Ausführung: bei sichtbaren Unsicherheiten (Haltung, Fahrstil, unregelmäßiger Tritt, Streckfehler, …) bei unsauberer Ausführung bei Überfahren der Flächenbegrenzung bei unkorrektem Abgang vom Rad (Fallenlassen des Rades am Ende der Kür)