mini|Georges Adéagbo, fotografiert im MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien, 2009. Foto: MAK Pressefotograf. Georges Adéagbo (* 1942 in Cotonou, Benin – damals Dahomey) ist ein international anerkannter Konzeptkünstler. Seit den frühen 1970er Jahren hat er eine eigenständige Praxis der Assemblage entwickelt, in der er gefundene Objekte, handgeschriebene Texte und von beninischen Handwerkern angefertigte Werke kombiniert. Seine Installationen, die er als ein „Tribunal der Dinge“ bezeichnet, hinterfragen kanonisierte Narrative aus westlicher Perspektive und dekonstruieren Vorstellungen von Zentrum und Peripherie. Sie stellen konsequent einfache Unterscheidungen zwischen populärer und elitärer Kultur, dem Banalen und dem Tiefgründigen sowie dem Sakralen und dem Profanen infrage.Bhabha, Homi 2004: La Question Adéagbo. In: Friedrich, Julia; König, Kasper (Hg.): DC: Georges Adéagbo. L'explorateur et les explorateurs devant L'histoire de l'exploration...! Le théâtre du monde. Museum Ludwig, Köln, S. 25–29, hier S. 30.Dagen, Philippe 2025: Georges Adéagbo ou l’art politique du bric-à-brac. Le Monde, 16. Februar 2025. Adéagbos Arbeiten wurden bei großen internationalen Ausstellungen präsentiert, darunter Documenta 11 in Kassel, die Biennale von Venedig, die Biennale von Johannesburg und die Biennale von São Paulo, sowie in führenden Museen in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten. Kuratoren und Kritiker wie Harald Szeemann, Okwui Enwezor, Carolyn Christov-Bakargiev, Hans Ulrich Obrist, Kasper König, Emma Lavigne und Homi K. Bhabha haben seine Praxis als einzigartigen Beitrag zur postkolonialen und dekolonialen Kunst hervorgehoben,Kravagna, Christian 2001: Georges Adéagbo: Das Pythagoreische Zeitalter. Galerie im Taxispalais. In: Springerin. Hefte zur Gegenwartskunst. Okt.–Dez. 2001, S. 65–66. wodurch jüngere Generationen geprägt wurden und sie dazu angehalten sind, stereotype Vorstellungen von „afrikanischer Gegenwartskunst“ zu vermeiden. Seine Werke befinden sich in bedeutenden Sammlungen, darunter das Centre Pompidou, die Pinault Collection, das Museum Ludwig, die Hamburger Kunsthalle, das Moderna Museet in Stockholm, das Toyota Municipal Museum of Art sowie das Smithsonian National Museum of African Art. 1999 erhielt Adéagbo eine lobende Erwähnung der Jury der 48. Biennale von Venedig.48th Venice Biennale, Wikipedia entry Obwohl Adéagbos internationale Anerkennung an seines Teilnahme an großen Biennalen und seiner Präsenz in Museumssammlungen abzulesen ist, liegt das Momentum seiner Arbeit in einer autonomen künstlerischen Praxis, die er über zwanzig Jahre hinweg unbeachtet in Cotonou entwickelte – ohne jemals für sich zu beanspruchen, ein Künstler zu sein.

Künstlerische Praxis mini|alt=Große Installation mit Textilien, Plakaten, Schallplatten, geschnitzten Figuren und Dokumenten, arrangiert über drei Wände und den Boden.|La révolution et les révolutions (2016), Detail einer Installation auf der 11. Biennale von Shanghai. Foto: Alessandro Wang.

Adéagbos Installationen entfalten ihre Wirkung durch die wohlüberlegte Assemblage von gefundenen Objekten, handgeschriebenen Texten und von beninischen Handwerkern angefertigten Arbeiten. Auf seinen täglichen Spaziergängen sammelt er „detritus gathered from urban environments“ (Abfall aus urbanen Umgebungen)Enwezor, Okwui 1996: The Ruined City: Desolation, Rapture and Georges Adeagbo. In: NKA, Journal of Contemporary African Art, Nr. 41, Spring 1996, S. 14–18, hier S. 14. https://read.dukeupress.edu/nka/article-abstract/1996/4/14/48420/THE-RUINED-CITY-DESOLATION-RAPTURE-AND-GEORGES?redirectedFrom=fulltext – Dinge, die ihn „rufen“Rush, Dana 2013: Vodun in Coastal Benin. Unfinished, Open-Ended, Global. Nashville: Vanderbilt University Press, S. 25. – und arrangiert sie später in komplexen Konstellationen, die persönliches mit kollektivem Gedächtnis verbinden. In seinen Texten diskutiert er, wie die Beobachtung der Konsequenzen menschlichen Handelns helfen kann, weise Entscheidungen zu treffenBhabha, Homi 2004: La Question Adéagbo. In: Friedrich, Julia; König, Kasper (Hg.): DC: Georges Adéagbo. L'explorateur et les explorateurs devant L'histoire de l'exploration...! Le théâtre du monde. Ausstellungskatalog, Museum Ludwig, Köln, S. 25–29, hier S. 31.. Er gibt dem Französischen, der Sprache des ehemaligen Kolonisators, einen eigenen Rhythmus, indem er ihre Syntax verändert.Köhler, Stephan 2012: A dimension to explore. Georges Adéagbo as a writer and Historian. In: Okwui Enwezor (Hg.): Le Journal de La Triennale de Paris #5, Forest of Signs. Paris, S. 28–39.Fillitz, Thomas 2002: Georges Adéagbo. In: Contemporary Art from Africa. 14 Contemporary Artists from Côte d’Ivoire and Bénin. Wien/Köln/Weimar, S. 158–170, hier S. 162. Daher kann er neben seiner Tätigkeit als bildender Künstler auch als Dichter betrachtet werden. Über mehr als zwei Jahrzehnte lebte Adéagbo unbeachtet in Cotonou und entwickelte seine Assemblagen unabhängig von europäischen Avantgarden.Köhler, Stephan 2024: Das Tribunal der Dinge. S. 4.

Adéagbo erinnert sich an eine seiner ersten installationen: „Eine der ersten Kombinationen, die ich im Hof unserer Familie platzierte, war ein Päckchen Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer daneben. Warum? Die Zigaretten gelten als kostbarer als die Streichhölzer, teurer und wichtiger, aber wie könnte man eine Zigarette anzünden ohne ein Streichholz? Oft ist das, was billig erscheint, unwichtig, im Schatten lebt, wesentlich, um etwas Wertvolles überhaupt funktionsfähig zu machen. - “Fillitz, Thomas 2002: Georges Adéagbo. In: Contemporary Art from Africa. 14 Contemporary Artists from Côte d’Ivoire and Bénin. Wien/Köln/Weimar, S. 158–170, hier S. 161 und 165.

Masken, Skulpturen und Gemälde, die von lokalen Handwerkern in Benin produziert wurden, ebenso wie auf der Straße gefundene Objekte, Bücher, Schallplatten und Familienfotos von Flohmärkten, verweisen sowohl auf Adéagbos Herkunft als auch auf die Mentalität der Gesellschaft, in der er ausstelltSchmidt-Linsenhoff, Viktoria 2004: Produktionsästhetik von A–Z. In: Friedrich, Julia; König, Kasper (Hg.): DC: Georges Adéagbo. L’explorateur et les explorateurs devant L’histoire de l’exploration..! Le théâtre du monde. Ausstellungskatalog, Museum Ludwig, Köln, S. 17–24.. Er beschreibt seine Praxis als ein „Tribunal der Dinge“Köhler, Stephan 2024: Das Tribunal der Dinge. Schauplatz Assemblage im Werk von Georges Adéagbo. Dissertation, Universität Hamburg, S. 1. https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/10658?mode=full – ein Gerichtssaal, in dem Objekte und Texte unterschiedliche Perspektiven präsentieren. Episoden aus seiner eigenen Biographie, darunter seine Kindheit im kolonialen Dahomey und seine unterbrochenen Studien in Frankreich, überschneiden sich mit breiteren historischen Narrativen. Populärkultur wird kanonisierter Hochkultur gegenübergestellt, das Banale dem Tiefgründigen. Die Betrachter sind eingeladen, aktiv teilzunehmen, die von Objekten und Worten präsentierten „Beweise“ abzuwägen und eigene Schlüsse zu ziehen.

Adéagbo hat seine künstlerische Haltung mehrfach in prägnanten Aussagen zusammengefasst:

„Ich glaube, ein Kunstwerk muss nicht schön sein, aber es muss dich aufrütteln, dich zum Nachdenken bringen.“ (« Je crois qu’une œuvre d’art n’a pas besoin d’être belle, mais elle doit te bouleverser, te faire réfléchir. ») „Kunst ist in der Natur, es ist nicht der Künstler, der Kunst macht…“ (« L’art est dans la nature, ce n’est pas l’artiste qui fait l’art.. ») „Kunst ist eine Art, mit seinem Nächsten zu sprechen, ohne sein Feind zu werden.“ (« L’art est une manière qu’on prenne pour parler avec son prochain sans devenir son ennemi. »)Köhler, Stephan 2024: Das Tribunal der Dinge. Schauplatz Assemblage im Werk von Georges Adéagbo. Dissertation, Universität Hamburg, S. 283. Adéagbo widersteht bewusst den stereotypen Motiven, die oft von „afrikanischen“ Künstlern erwartet werdenSchankweiler, Kerstin 2012: Die Mobilisierung der Dinge. Ortsspezifik und Kulturtransfer in den Installationen von Georges Adéagbo. Bielefeld, S. 52.. Mitunter inszeniert er diese Erwartungen satirisch und legt die Klischees offen, die auf nicht‑westliche Kunst projiziert werden. Aus der Perspektive eines nicht‑europäischen Ethnologen untersucht er die Bräuche jedes Ausstellungsortes und spiegelt sie wider – manchmal in übersteigerter Form, parallel zu der Art und Weise, wie seine eigene Kultur häufig missverstanden und falsch dargestellt wurdeKravagna, Christian 2001: Georges Adéagbo: Das Pythagoreische Zeitalter. Galerie im Taxispalais. In: Springerin. Hefte zur Gegenwartskunst. Okt.–Dez. 2001, S. 66.. Humor und Kritik spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. In mehreren Installationen hat er gezeigt, wie europäische Künstler, die als Genies gefeiert werden, afrikanische Formen übernommen haben, ohne deren Quellen anzuerkennen. In seiner Ausstellung in der Galerie MennourDagen, Philippe 2025: Georges Adéagbo ou l’art politique du bric-à-brac. Le Monde, 16. Februar 2025. etwa verfolgte er, wie Pablo Picasso, Alberto Giacometti und Constantin Brâncuși das, was sie von afrikanischen Künstlern gelernt hatten, als eigene Innovationen präsentierten.Quelle für diese Analyse ergänzen Gemeinsam mit seinem Team von Handwerkern in Benin schuf Adéagbo ein Arsenal von Bumerangs, um das Ungleichgewicht kultureller Aneignung zu verdeutlichenhttps://mennour.com/exhibition/ma-personne-de-georges-ad%C3%A9agbo. Er versteht sich als Archäologe, der vielfältige Proben sammelt und bewertet, die von der Mentalität einer Gesellschaft erzählen. In vielen seiner Installationen schreibt er: „Die Archäologie ist die Wissenschaft, die von der Forschung und Entdeckung der Geheimnisse spricht, die ein Land, eine Stadt oder eine Person regieren.“Köhler, Stephan 2024: Das Tribunal der Dinge. Schauplatz Assemblage im Werk von Georges Adéagbo. Dissertation, Universität Hamburg, S. 78. https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/10658?mode=full

Rezeption durch Kuratoren, Kritiker und Galerien Adéagbos zunächst unbeachtete Praxis erlangte erst Anfang der 1990er Jahre internationale Aufmerksamkeit. 1993 dokumentierte Jean‑Michel Rousset, Mitarbeiter von André Magnin, eine seiner Hof‑Installationen in Cotonou.https://www.revuenoire.com/edition/revue-noire-18/ Während die Fotografien ihren ursprünglichen Auftraggeber zunächst nicht überzeugten, erkannte die Pariser Kuratorin Régine Cuzin die Originalität der Arbeitsweise und lud Adéagbo 1994 zur Teilnahme an La route de l’art sur la route de l’esclave in der Saline Royale d'Arc-et-Senans ein.https://africultures.com/expo-la-route-de-lart-sur-la-route-de-lesclave-498/ Diese erste Ausstellung öffnete ihm die Türen zur weltweiten Anerkennung.

Weitere Einladungen folgten rasch. 1995 nahm Adelina von Fürstenberg seine Arbeiten in Dialogues of Peace am Hauptsitz der Vereinten Nationen in Genf auf.https://www.artfortheworld.net/dialogues-of-peace 1996 veröffentlichte Okwui Enwezor, der Adéagbos Debüt gesehen hatte, den grundlegenden Essay „The Ruined City, Desolation, Rapture and Georges Adéagbo“ in NKA: Journal of Contemporary African Art.Enwezor, Okwui 1996: The Ruined City: Desolation, Rapture and Georges Adeagbo. NKA Journal of Contemporary African Art, Nr. 41, Spring 1996, S. 14–18.