mini|hochkant=1.5|Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal an der Schloßfreiheit, um 1900
Das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal an der Berliner Schloßfreiheit erinnerte an den deutschen Kaiser Wilhelm I. Errichtet in den Jahren 1895–1897 von Reinhold Begas und Gustav Halmhuber im Stil des Neobarock, gehörte es zu den Hauptwerken der Berliner Bildhauerschule. Im Jahr 1950 wurde das Denkmal auf Anordnung der SED-Führung abgerissen. Erhalten blieben fünf Figuren, die heute im Tierpark und im Märkischen Museum aufgestellt sind, sowie der Sockel, auf dem das Freiheits- und Einheitsdenkmal entstehen soll.
Geschichte
Entwurf und Aufstellung mini|Entwurfszeichnung, Ansicht von Westen, 1896 mini|Bau des Nationaldenkmals, 1895 mini|Frontansicht des Nationaldenkmals, um 1900 mini|Rückansicht des Nationaldenkmals und das Berliner Schloss, um 1900
Nach dem Tod Wilhelms I. im Dreikaiserjahr 1888 wurde 1889 auf Beschluss des Reichstags ein offener Wettbewerb für die Errichtung eines zentralen Nationaldenkmals zu seinen Ehren auf einem zunächst nicht genauer festgelegten Platz in der Berliner Mitte ausgeschrieben. Als Preisgeld hatten die Reichstagsabgeordneten 100.000 Mark bereitgestellt. Die erste Konkurrenz, in der der Architekt Bruno Schmitz mit dem Entwurf eines Kaiserforums reüssierte, Gesellschaft Berliner Schloss e. V., historisches-stadtschloss.de; abgerufen am 31. Mai 2014. brachte nicht den gewünschten Erfolg. So erfolgte 1891 eine zweite, beschränkte Ausschreibung an acht ausgewählte Künstler. Als Denkmalstandort wurde die Westseite der Schloßfreiheit am Ufer des Spreekanals gegenüber dem Eosanderportal des Berliner Schlosses festgelegt.
Als bekannt wurde, dass – vermutlich aufgrund einer Intervention von Kaiser Wilhelm II. – neben diesen acht Künstlern zusätzlich noch Reinhold Begas und der vor allem in München tätige Wilhelm von Rümann beteiligt werden sollten, zog sich die Hälfte der Künstler vom Wettbewerb zurück. Die so entstandenen Entwürfe, im Maßstab 1:5 als Modelle gefertigt, wurden im Lichthof des Zeughauses öffentlich ausgestellt. Wie zu erwarten, errang der vom Kaiser hochgeschätzte Begas den ersten Preis und führte das Denkmal mit seinen Schülern und von ihm protegierten jungen Bildhauern aus. Den architektonischen Teil der Anlage entwarf der Architekt Gustav Halmhuber, der sich mit seinem in Zusammenarbeit mit Begas entstandenen Konkurrenzentwurf gegen den Hofbaurat Ernst von Ihne durchsetzte. Die Form und Dimension der einrahmenden Kolonnaden am Spreekanal wurden von Halmhuber dem Eosanderportal angepasst. Im Juni 1894 begannen die Bauarbeiten mit dem Abbruch der Häuserzeile der Schloßfreiheit und mit der Überwölbung des Mühlengrabens.
Am 18. August 1895, dem 25. Jahrestag der Schlacht bei Gravelotte, wurde der Grundstein gelegt und im Rahmen der zehntägigen Hundertjahrfeier Kaiser Wilhelms I. (sogenannte Centenarfeier) wurde das Denkmal am 22. März 1897 in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste enthüllt. Die Baukosten von vier Millionen Mark stellten eine erhebliche Summe dar, verglichen etwa mit dem einige Jahre später errichteten Berliner Stadthaus mit Baukosten von sieben Millionen Mark. Zur Zeit der Jahrhundertwende begannen auch andere europäische Monarchien mit dem Bau großer Nationaldenkmäler. Beispiele sind das Maria-Theresia-Denkmal in Wien, das Viktor-Emanuel-Denkmal in Rom oder das Victoria-Denkmal in London.
Abriss und heutiger Zustand mini|Abriss des Nationaldenkmals, 1950 mini|Demontage eines der vier Löwen, 1950
Die Kämpfe der Novemberrevolution 1918 führten zu leichten Beschädigungen am Nationaldenkmal. Bei der anschließenden Debatte entschied man sich mehrheitlich für eine Reparatur. In der Zeit des Nationalsozialismus gab es Pläne, die Denkmalanlage für einen Reichsbankneubau abzureißen.Gerhart Dörge: Ein Vorschlag für den Werderschen Markt. In: Deutsche Bauzeitung, Jahrgang 1935, Heft 42. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Monument weitgehend unversehrt. Im Winter 1949/50 jedoch ließ die SED das Denkmal bis auf den Sockel abtragen und fast alle Figuren einschmelzen. Die Nationalgalerie unter Ludwig Justi hatte sich vergeblich für den Erhalt der Reliefs von Krieg und Frieden ausgesprochen.Nicolai 1993, S. 123. Die Zerstörung war ideologisch motiviert, wie es auch kurze Zeit später beim Berliner Schloss der Fall war.
Vom eigentlichen Denkmal existieren heute noch die vier Löwen des Sockels, die ihrer Trophäen entledigt als Paare vor das Raubtierhaus im Tierpark Berlin versetzt wurden. Außerdem ist einer der Adler von August Gaul erhalten, der im Besitz des Märkischen Museums ist und dort seit 2013 im Innenhof ausgestellt wird. Stiftung Stadtmuseum Berlin; abgerufen am 11. Januar 2013. Zudem sind der untere Teil des rechten Pferdebeines, eine Schnecke sowie Eichenblätter erhalten und im Archäologischen Besucherzentrum PETRI Berlin zu besichtigen. Alle übrigen plastischen und architektonischen Teile wurden vernichtet. Bereits 1897 modellierte der an den Denkmalarbeiten beteiligte Bildhauer Carl Hans Bernewitz eine verkleinerte Replik des Nationaldenkmals. Ein galvanisch in Kupfer hergestelltes Exemplar befindet sich im Inventar der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Bronzegüsse der Kunstgießerei Gladenbeck besitzen die Berlinische Galerie sowie die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.
Der Sockel an der Schloßfreiheit steht heute unter Denkmalschutz. Sein Boden war mit Mosaiken verziert, die unter einer Asphaltschicht vor Witterungseinflüssen geschützt waren. Das Mosaik wurde in den Jahren 2014 bis 2017 freigelegt, abgebaut und eingelagert. Es soll nach einer Entscheidung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung sowie der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nicht auf seinen alten Platz zurückkehren. Nach der Wende stellten Künstler in den unterirdischen Gewölben des Sockels Lichtkunstwerke aus, die in unregelmäßigen Abständen auf eigene Gefahr über die steile Leiter eines Revisionsschachts besichtigt werden konnten.
Auf dem Sockel des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals soll nach Beschlüssen des Bundestags das vom Büro Milla & Partner geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Form einer begehbaren Schale entstehen, was bezüglich des Standorts, Entwurfs, Denkmal- und Naturschutzes umstritten ist. Der Kunsthistoriker Peter Stephan schlug alternativ vor, die ursprünglichen Kolonnaden des Architekten Gustav Halmhuber als bauliches Bindeglied zwischen Schloss und Museumsinsel zu rekonstruieren,Peter Stephan: Virchow-Kolonnaden statt Wilhelm-Denkmal. Eine neue Option für die Berliner Schlossfreiheit. In: Zeitschrift der Baukammer Berlin. Ausgabe 1/2018, S. 17–33; baukammerberlin.de (PDF; 8,6 MB). was laut einer Umfrage von Infratest dimap auch 43 % der Deutschen und 58 % der Berliner befürworten.
Beschreibung mini|Gesamtansicht des Nationaldenkmals, um 1900 mini|Detailansicht des Reiterstandbilds, um 1900 mini|Denkmal (links) und Umgebung auf dem Straubeplan, 1910
Die gesamte Denkmalanlage erhob sich auf einem breiten in die Spree hineinragenden Sockelbau. Dieser war über neun Stufen vom Bürgersteig zu erreichen und war . Unter dem Sockelbau verlief der Mühlengraben, der an der Nordseite in den Spreekanal ausmündete.
Das Zentrum des 21 Meter hohen Monuments bildete das 9 Meter hohe Reiterstandbild des Kaisers, zur Linken begleitet von einer weiblichen Allegorie des Friedens. Die Ausrichtung des Reiterdenkmals in der Achse des Eosanderportals (Portal III), des Hauptportals des Berliner Schlosses, entsprach der Tradition der bisher um das Schloss errichteten Reiterdenkmäler. Das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke war auf das Portal I ausgerichtet, das Reiterstandbild Friedrich Wilhelms III. im Lustgarten auf Portal IV, das Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV. an der Nationalgalerie auf Portal V und das Reiterstandbild Friedrichs des Großen Unter den Linden ebenfalls auf Portal V. An den Ecken des Piedestals der Reiterstatue schwebten vier geflügelte Siegesgöttinnen auf Kugeln. Auf den umlaufenden Sitzstufen befanden sich zur linken und rechten Seite des Reiterstandbildes jeweils eine monumentale sitzende Allegorie. Nördlich saß der sich auf einem Schwert abstützende Kriegsgott Mars, der mit einer prunkvollen römischen Rüstung ausgestattet war. Auf der südlichen Seite saß als programmatische Gegenüberstellung eine Allegorie des Friedens, die sich gelassen nach hinten lehnte. Beide Figuren wurden von Eugen Boermel geschaffen. Auf der vorderen Seite der Sitztreppe lag die Kaiserkrone und rückseitig die Ritterrüstung von Siegfried aus der Nibelungensage, auf dessen Helm ein kleiner Drache thronte.
Auf den vier aus dem Denkmalsockel hervorspringenden Postamenten ruhten vier Löwen, die aus erbeuteten Fahnen und Kanonen bestehende Trophäen bewachten. Die Sitzstufen und Postamente waren aus poliertem rotem Wirbogranit aus Schweden gefertigt. Die Längsseiten des Sockels waren, entsprechend den oben genannten Allegorien, nördlich mit einem Relief des Krieges und südlich mit einem des Friedens verziert. Auf den mit Tafeln versehenen Schmalseiten des Sockels standen vorn bzw. hinten folgende Inschriften:Meyer, S. 105, 117.
WILHELM DER GROSSE, DEUTSCHER KAISER, KOENIG VON PREUSSEN, 1861–1888. IN DANKBARKEIT UND TREUER LIEBE DAS DEUTSCHE VOLK.
Das Reiterstandbild wurde auf den drei dem Schloss abgewandten Seiten von einer durch gekoppelte ionische Säulen gebildeten Sandsteinhalle eingefasst, die an den Enden durch zwei Eckpavillons abgeschlossen wurde. Um hervorzuheben, wurde die Halle nochmals um vier Stufen erhöht. Die offene und leichte Bauweise der Halle, nur die Kopfbauten waren kräftiger ausgebildet, ermöglichte von allen Seiten eine gute Sicht auf das Reiterstandbild und die Schlossfassade. Den Boden der Halle bedeckte ein prächtiger Mosaikfußboden, . In dem Mosaik waren die Namen der Bundesstaaten des Reiches und die Insignien des Kaisers dargestellt. In den Zwickelbereichen des Mosaiks befanden sich bildliche Darstellungen des Heiligen Georgs als Drachentöter und zweier Wasserwesen, welche die Kaiserkrone emporhoben.
Auf dem Gesims der Vorderseite der Halle verkörperten vier Figurengruppen aus Sandstein die Königreiche Preußen (von Peter Christian Breuer), Bayern (von August Gaul), Sachsen (von August Kraus) und Württemberg (von Peter Christian Breuer). Über den Figurengruppen Sachsens und Bayerns erhob sich jeweils ein monumentaler Bronzeadler, von denen einer heute noch erhalten ist. Die vier Gruppen auf der Rückseite gegen die Spree stellten die Allegorien Handel und Schifffahrt (von Ludwig Cauer), Kunst (von Hermann Hidding), Wissenschaft (von Karl Begas) und Landwirtschaft und Gewerbe (von Ludwig Cauer) dar. Die Eckpavillons wurden von jeweils einer bronzenen Quadriga bekrönt. Das südliche Viergespann wurde von der Personifikation der Bavaria (ein Werk von Carl Hans Bernewitz) gelenkt, während das sich auf dem nördlichen Eckpavillon befindliche Pendant von der Borussia (ein Werk von Johannes Götz) gesteuert wurde. Während sie mit der einen Hand die Zügel hielten, streckte der andere Arm eine Aquila empor.
Rezeption Nach der Enthüllung wurde das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal unterschiedlich bewertet. Der Kunsthistoriker Alfred Gotthold Meyer lobte es: